Pressekonferenz mit schwedischem Schweineexperten – und trotzdem „militant“

Heute habe ich mit einem der führenden Schweineexperten Europas, Univ.-Prof. Bo Algers aus Schweden, zusammen eine Pressekonferenz abgehalten. Er ist nicht nur Chairman der working group für Schweinehaltung des wissenschaftlichen Beirats der EU-Kommission, sondern hat auch 1989 bereits seine Dissertation zum Verhalten von Ferkeln geschrieben und seitdem über 400 Fachartikel in Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht. Bei unserer Pressekonferenz ging es um das Verbot von Kastenständen für Mutterschweine, diese körpergroßen Gitterkäfige. Näheres zu den Inhalten der Präsentation findet sich hier:

https://vgt.at/presse/news/2011/news20110615m.php

Seit März 2011 liegt ja ein Entwurf für eine Änderung der Schweinehaltungsverordnung aus Sicht des Gesundheitsministeriums, das für Tierschutz verantwortlich ist, vor, in dem die Kastenstandhaltung stark eingeschränkt wird. Die Schweineindustrie hat diesen Entwurf bisher nur massiv bekämpft. Dazu wurde auch der propagandistische Euphemismus „Ferkelschutzkorb“ für diese körpergroßen Gitterkäfige erfunden. In Aussendungen wurde behauptet, die Schweineindustrie stelle die einzigen echten TierschützerInnen Österreichs, weil die Kastenstände 500.000 – später wurden es sogar 650.000 – Ferkel pro Jahr das Leben retten.

Falsch, sagt dazu heute Schweineexperte Algers. Die Kastenstände verringern nicht die Todesrate der Ferkel. Alle großangelegten wissenschaftlichen Studien dazu, die Kastenstände mit freier Buchtenhaltung vergleichen, widerlegen das. Es handle sich um einen „Mythos“.

In der Schweiz gibt es ja auch ein Kastenstandverbot und alle finden das gut, auch die Schweinebetriebe. Nur deswegen, behauptet die österreichische Schweineindustrie, weil die Schweiz nicht in der EU ist. Da kann man sich das leisten. Deswegen luden wir Algers nach Wien, um aus Schweden zu erzählen. Schweden hat ein Kastenstandverbot und ist in der EU.

In Schweden wäre aber alles ganz anders, schrie ein Sprecher der Landwirtschaftskammer im Parlament, nachdem ich Kastenstände kritisiert hatte. Dort würde die Schweineindustrie jetzt zugrunde gehen. Wieder falsch, sagt Algers. Wie in Österreich gibt es zwar einen Rückgang der Anzahl der Schweinebetriebe, aber das ist kein Einbruch im Produktionsvolumen. Die kleinen HalterInnen einzelner Schweine für den Eigenbedarf würden aufhören und die Schweinebetriebe selbst immer größer werden. Das Kastenstandverbot hat zu keinem Rückgang in der Schweinebranche in Schweden geführt, die KonsumentInnen sind bereit, für schwedisches Schweinefleisch mehr Geld zu bezahlen. Insgesamt, so Algers, bedeute das Kastenstandverbot Mehrkosten von 10-15%. Heute will niemand in Schweden das Verbot wieder abschaffen, alle sind zufrieden damit.

Als Antwort auf unsere Pressekonferenz heute hat der Verband österreichischer Schweinebauern eine Presseaussendung verschickt, die mit den Worten beginnt: „Militante Tierschützer haben Schweden als angebliches Musterland der Schweinehaltung entdeckt.“ Der Rest der Aussendung widerspricht völlig dem, was Algers aus erster Hand mit Statistiken belegt von Schweden erzählt hat. Sie findet sich hier:
http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20110615_OTS0190/kastenstandverbot-in-schweden-seit-1995-mussten-90-prozent-der-betriebe-zusperren

Jetzt wissen wir endlich, was militant ist: mit einem schwedischen Universitätsprofessor zusammen eine Pressekonferenz abzuhalten. Echt erstaunlich. Militant, wir erinnern uns, war ja das zentrale Wort der SOKO gegen den Tierschutz, um die kriminellen von den anständigen TierschützerInnen zu unterscheiden. Die – wie wir jetzt gerichtlich bestätigt bekamen – inexistente kriminelle Organisation wurde ja von der SOKO als MTG (steht für „militante Tierschutzgruppen“) bezeichnet. Militant ist einfach ein propagandistischer Kampfbegriff gegen zivilgesellschaftliches Engagement, wenn dem herrschenden Establishment die Argumente ausgehen!

One thought on “Pressekonferenz mit schwedischem Schweineexperten – und trotzdem „militant“

  1. Lisa says:

    „Militante Sekte“
    Das hab ich jetzt schon öfter gehört.
    Meistens geht es um den Vorwurf, dass ihr euren Lebensstil allen anderen aufdrängen wollt.
    Auf die Frage: „Wie kann das sein? Sie wollen ihren veganen Lebensstil allen anderen aufdrängen und setzen sich für Verbesserungen in der Fleischproduktion ein?“ kommt meistens nur ein Schulterzucken und ein: „Es ist aber trotzdem so.“ (von wegen: es gehen die Argumente aus….)
    Ausserdem bedeutet „militant“ ja eigentlich, dass man trotz Regen raus geht; wenn ich mich richtig erinnere.

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