Verschwörungstheorie, Esoterik und AIDS

In manchen Kreisen der Bevölkerung gibt es eine explizite Aversion gegen die Naturwissenschaft. Das kann verschiedene Gründe haben, zum Beispiel marxistische, oder auch verschwörungstheoretische, oder esoterische. Die letzteren beiden sind mir bei meinen Bemerkungen zu diesen sogenannten „Chemtrails“ entgegen geschwappt. Seltsam, allerdings, dass man die Argumente gegen den naturwissenschaftlichen Stand der Dinge selbst in naturwissenschaftlichen Jargon zu kleiden versucht. Offenbar wirkt das dann doch überzeugender.

Vor einigen Jahren traf ich eine Frau, die sich gar nicht erst mit Wissenschaftsjargon aufhielt. Ihr war von vornherein klar, dass die Wissenschaft nur ein Trick der Mächtigen sei, die Menschen herein zu legen. Eine Verschwörung eben. Und überhaupt zu kalt und lebensfeindlich, um der offenbar sehr spirituell-esoterischen Qualität der Welt entsprechen zu können. Die Frau war HIV positiv und AIDS war bereits ausgebrochen. Doch das wollte sie nicht wahr haben. Sie behauptete, dass es überhaupt keine Viren und schon gar keine HI-Viren gebe. Da war sie sich ganz sicher. Deshalb wollte sie auch nicht bzgl. AIDS behandelt werden.

So weit so gut, man könnte das als ihre Privatsache abtun. Doch sie hatte Kinder. Eines davon war bereits mit HIV infiziert. Durch ihre penetrante Weigerung, die Realität von AIDS anzuerkennen, geriet sie in Konflikt mit der Jugendfürsorge. Und die nahm ihr alle 5 Kinder ab. Nur wenig später starb sie. An AIDS.

Darüber hinaus aber traf sie keinerlei Vorsorge, außenstehende Menschen nicht mit HIV zu infizieren. Ich lernte sie kennen, weil sie ein ehemaliger Schulkollege zu einem Klassentreffen vor einigen Jahren mitgenommen hatte. Den hatte sie überzeugt, dass es HIV gar nicht gibt. Sie gab auch mir eine DVD, die sie produziert hatte, und die die Inexistenz von HIV beweisen solle. Ich habe diesen Film nie angesehen. Für so etwas habe ich keine Zeit. Mein Schulkollege allerdings schon. Zu später Stunde sprachen wir noch über Sexualität und dabei bemerkte er beiläufig, dass er mit der AIDS-kranken Frau regelmäßig ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte. Ich traute meinen Ohren nicht. Aber HIV gibts doch gar nicht, sagte er auf meine Frage, ob er verrückt sei. Das wäre nur Schulmedizin und hätte mit der Realität nichts zu tun.

Ich habe vor wenigen Tagen gehört, dass nun auch er an AIDS gestorben ist. Unbehandelt. AIDS gibts ja nicht.

Zu meinem Beitrag über die sogenannten Chemtrails hat jemand behauptet, dass es einem selbst überlassen bleibe, was man glaube und was nicht, nicht nur in der Religion, sondern auch in der Naturwissenschaft. Ja, seiner Ansicht nach war die gesamte Realität eine subjektive Sache, die mit objektiver Existenz gar nichts zu tun habe. Tja, man kann die Existenz einer roten Ampel leugnen und sie ignorieren. Spätestens, wenn man dabei überfahren wird, holt einen die objektive Realität doch wieder ein. Oder wenn man AIDS leugnet und dann daran stirbt. Naturwissenschaftliche Fakten sind keine Glaubensfrage. Das haben diese beiden Menschen auf die harte Weise lernen müssen. Ich wünschte, diese Einsicht würde sich herumsprechen.

4 thoughts on “Verschwörungstheorie, Esoterik und AIDS

  1. Bernhard McCall says:

    Gerade dir lieber Martin müsste die Parallelen zwischen veganem Lebensstil und Verschwörungstheorien / Wissenschaftsfeindlichkeit besonders auffallen.
    Ich war jahrelang Vegetarier und bin dann (mit und für Freunde) ins vegane Lager übergelaufen.
    Der prozentuale Anteil an Realitätsverweigerern in meinem neuen Freundeskreis hat mich persönlich zutiefst erschüttert. Gebildete und ansonsten wiffe Menschen mischten Facebook Memes und Pseudowissenschaft zu einem Mix zusammen in dem sich dann Dinge wie Chemtrails, Impf-autisten, Alien- und 9/11 Verschwörungstheorien zu einem Morast an Dummheit und gefährlicher Ideologie zusammen mischten; die anti-Autoritätshaltung eines überzeugten links außen Veganers kann meiner Erfahrung nach im jetzigen Spektrum der Bevölkerung nur mehr von einem bekennenden Neo-Nazi überboten werden, wobei sich ja beide Randgruppen auf den Niedergang der Elite und herrschenden Gesellschaftsform freuen UND vorbereiten.
    Das aktive Mitarbeiten und argumentative Überzeugen der anderen wird durch dogmatische Denkweise, zitieren von längst überholten Wissenschaftsberichten und Satzanfängen wie – ja aber ICH glaub ja eigentlich … ersetzt.
    Das sich-im-Recht sehen und alle anderen als grundsätzlich ignorant und dumm wahrzunehmen führt zu einer Isolierung der sonst von differenzierten Meinungen gezeichneten sozialen Umgebung. Das gegenseitige Indoktrinieren (siehe AIDS)mit Schwachsinnigkeiten innerhalb dieser Gruppen setzt sich dann bis zur kompletten Verdummung fort.
    Ich habe mich angewidert von meinen Erlebnissen von der gesamten Gruppierung abgewandt und lebe nun gesünder, aufgeklärter und eigentlich auch glücklicher weit weg von meinen ehemaligen Freunden.
    schönen Gruss aus England
    Bernhard

  2. Maria Sand says:

    Mein erster Post war eigentlich als Antwort an Angela Klecker gedacht.
    Jetzt zur Ignoranz. Ich glaube, manche Menschen können die Realität nicht sehen, weil sie dumm sind. Manche Menschen wollen die Realität nicht sehen, weil sie Angst haben, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Bevor sie sich eingestehen, dass sie die Kontrolle nicht haben. Es gibt Menschen die sich in einer lebensgefährlichen und scheinbar aussichtslosen Situation lieber selbst umbringen, als sich umbringen zu lassen. So behalten sie die Kontrolle über ihr Leben. Viele Menschen haben in unserer technisierten und unübersichtlichen Welt das Gefühl, sie würden die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Mit diesem Gefühl können sie nicht leben. Sie versuchen die Kontrolle zu behalten. Das klingt verrückt, ist aber eigentlich normal menschlich.

  3. Maria Sand says:

    Wie Menschen zu Tieren stehen, hat eine Geschichte. Das wichtigste Element ist die Religion. heutige Christen, Juden und Moslems wurde eingetrichtert, Tiere seien etwas ganz anderes als Menschen. Deshalb ist die Ablehnung von Tieren ein religiöses Gebot. Manche unterscheiden auch noch zwischen Tier und Tier. Im Altertum hat man den Tieren die Rolle des Opfers zugesprochen. In „primitiven“ Gesellschaften glauben die Menschen oft, sie würden von einem bestimmten Tier abstammen. Menschen erleben sich noch als Teil des Tierreichs. In Gesellschaften die an Wiedergeburt glauben, werden Tiere meistens als beseelt erlebt. Menschen können als Tier wiedergeboren werden, oder Tiere als Menschen. Ein noch natürlich lebendes Volk glaubt, der Hund sei die Vorstufe zum Menschen. Im Internet gab es eine kleine Geschichte, die von einer Familie erzählt wurde. Sie hatten einen kleinen, weißen Hund, der an einer Stelle einen schwarzen Fleck hatte. Der Hund starb, danach bekamen sie eine Tochter. Sie hatte auch einen schwarzen Fleck an dieser Stelle. Deshalb glaubten sie, das Kind sei der wiedergeborene Hund.
    Es kommt darauf an, welchen kulturellen Hintergrund jemand hat. Unsere Gesellschaft hat begonnen, die kulturellen Zwänge zu hinterfragen. Deshalb können wir Gefühle für Tiere entwickeln, ohne vor Strafe Angst haben zu müssen. Vor wenigen Jahren wurde beispielsweise ein Priester versetzt, weil er Streunerhunde geschützt hat. Das ist unchristlich. Wir dürfen also Mitleid mit Tieren haben, sie gleichberechtigt mit Menschen behandeln. Wir dürfen erkennen, dass Tiere ein Bewusstsein haben. Sie haben auch ein Unterbewusstsein. Sie könne träumen, man kann sie traumatisieren. Sie verstehen teilweise unsere Sprache, haben einen eigenen Willen. Das wusste man früher alles nicht. Wer das heute noch nicht weiß, ist ungebildet.

  4. Angela Klecker says:

    Ich weiß nicht, ob mein Kommentar an dieser Stelle passend ist. Vielleicht insofern, dass es um „Glaubensfragen“ geht vielleicht schon. Ich diskutiere in einem Forum (oder in mehreren), wo sich scheinbar hauptsächlich gebildete, wahrscheinlich junge Leute tummeln. Und ich würde einfach gerne wissen, was von ein paar Aussagen zu halten ist … ich hab auch schon andere Menschen darauf angesprochen, aber irgendwie interessiert es niemand.

    X aus dem Forum sagt:
    „Ehrlich gesagt: Ich glaube auch, dass Rinder oder Schweine irgendeine Form von Selbsterlebnis machen. Da ihre Körper denen von Menschen eher ähnlich sind, würde ich vermuten, dass ihr Erleben dem von Menschen stärker ähnelt als es bei den meisten anderen Tieren der Fall ist.
    Mein Punkt war eigentlich: Es ist Spekulation, Tiere können über ihr Erleben nicht ausreichend Auskunft geben. Deshalb lehne ich Tierrechte analog zu Menschenrechten ab und gehe lieber von Menschenpflichten mit Bezug auf Tiere aus: Was finden wir sittlich und unsittlich? Welche Gewalt gegen Tiere halten wir für gerechtfertigt, welche halten wir für unanständig?
    Das stimmt übrigens auch viel besser mit der tatsächlichen historischen Entwicklung überein: Wir diskutieren heute über Tierrechte, weil wir uns mittlerweile problemlos leisten könnten, auf die Verdinglichung bestimmter Tiere zu verzichten. Die Begründungen sind immer nachträglich*. Das wird noch klarer, wenn man berücksichtigt, dass sehr viel über Säugetiere gesprochen wird und fast nie über z.B. Insekten, obwohl wir mit denen noch viel rücksichtsloser umgehen. Auf den rücksichtslosen Umgang mit Insekten können wir aber auf absehbare Zeit nicht verzichten.
    Ich behaupte daher: Es kann immer nur um uns und unser Verhältnis zu anderen Spezies gehen. Wir entscheiden alleine, anhand unserem Erlebens, auf welche Freiheiten wir zugunsten anderer Spezies verzichten, oder eben auch nicht.
    Was die sozialen und ökologischen Probleme angeht musst Du mich nicht bekehren. Deswegen esse ich zum Beispiel kein Fleisch. Ich konsumiere noch Milchprodukte, weil (im Prinzip) die deutlich weniger problematisch sind. Grünlandwirtschaft ist ökologisch zum Beispiel immer vor Ackerbau zu bevorzugen, sie setzt aber natürlich Viehhaltung vorraus.
    *soll nicht heißen, dass sie deswegen unbedingt falsch seien.“

    Ich habe dann eine Argumentation versucht, die offensichtlich schief ging, ich trau mich die auch ehrlich gesagt, keinem Naturwissenschaftler vorzulegen … aber so in etwa, dass man aufgrund der (auch neurologischen) Fähigkeit zur Empathie sich ja in Menschen hineinversetzen kann und dass das in einer engen Beziehung mit einem Tier auch dann möglich ist, da ja auch Tiere kommunizieren, nur nicht mit dem menschlichen Mittel der Sprache.
    Schreibt X: Grünlandwirtschaft geht immer mit geringeren ökologischen Beeinträchtigungen einher als Ackerbau. Die Ziele „Gerechtigkeit für Tiere“ und „nachhaltige Lebensmittelproduktion“ widersprechen sich hier u.U..
    Es gibt kein Tier von dem man weiß ob es über „Bewusstsein“ verfügt, inklusive dem Menschen.
    Es ist bekannt, dass Menschen die kognitiven Fähigkeiten ihrer Schoßtiere bzw. eigentlich eher ihre eigenen Fähigkeiten die Tiere zu „verstehen“ in der Regel überschätzen.
    Und nein, ich widerspreche Dir: Kein Mensch kann sich in ein Tier hineinversetzen. Darum darf es eben gerade nicht gehen, denn dann wird es zur Glaubensfrage.
    Es muss darum gehen, wie wir unseren Umgang mit Tieren empfinden.
    Und den Punkt mit den Insekten: Ich bin mir nicht sicher ob ich mich deutlich genug ausgedrückt habe: Ich halte eine Diskussion um „Insektenrechte“ gerade nicht für sinnvoll.

    Ja was ist denn das, frage ich mich da. Da spricht man lieber den Menschen ein Bewusstsein ab, als Tieren eines zuzusprechen? Da verstehe ich überhaupt gar nichts mehr. Worauf soll sich eine Ethik gründen, die ausschließlich von einem selber ausgeht? Oder versteh ich das nicht richtig.

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