Familie

Zur Tauve meiner lieben Tochter

(Tauve mit „v“ bezeichnet die vegan-säkulare Version einer Taufe im Sinne einer Aufnahme oder Initiation in die Gemeinschaft der Familie)

Meine liebe Tochter,

ich halte Dich hier in Händen und kann kaum glauben, dass Du höchstwahrscheinlich – und auch hoffentlich – im Jahr 2100 leben wirst, jenem Jahr, von dem uns die Klimaforscher:innen die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels vorhersagen, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Wir, die Generationen vor Dir, haben Dir Deine Erde zugrunde gerichtet. Wir haben sie an den Rand des Zusammenbruchs getrieben, das größte Artensterben der Erdgeschichte ausgelöst und die Ressourcen unseres Planeten weit über jede Nachhaltigkeit brutal ausgebeutet. In die Zeit Deiner Geburt fällt mit einem ungeheuerlichen Netzwerk von Tierfabriken, Tiertransporten und Massenschlachthöfen weltweit auch das größte Leid, das es jemals gegeben hat. Von uns verschuldet.

Dein Uropa war ein Tiroler Bergbauernsohn aus Ranggen, der sich beim Bau der Glocknerstraße verdingt hat und letztlich sogar führend an verschiedenen Bauprojekten in Österreich, unter anderem dem Wasserkraftwerk Kaprun, beteiligt war. Als wir zu seinem Lebensende seine ehemaligen Baustellen besucht haben, sah er bei Kaprun einen Bach eine Steilflanke hinunter stürzen. Den haben wir vergessen in das Kraftwerk einzuspeisen, meinte er. Wie sinnlos, wenn das Wasser hinab fällt, ohne dass es für den Menschen Energie liefert. Die Schönheit unberührter Natur unabhängig vom Menschen, schien ihm keinen Wert zu haben.

Seine Enkel zwei Generationen später halfen mit, die Hainburger Donauau zu besetzen, um erfolgreich ein Wasserkraftwerk zu verhindern. Eine Gesellschaft im Umbruch. Vielleicht auch der evolutionäre Grund, warum wir Menschen mit 70 oder 80 Jahren altern und sterben, was physikalisch ja gar nicht notwendig wäre. Aber so sterben die fixen Ideologien mit, die sich im Laufe eines langen Lebens ins Gehirn eingemeißelt haben, und schaffen Platz für neue Ideen der neuen Generationen. Auch für Deine Ideen.

Ich hoffe sehr für Dich, liebe XXX, dass es der Menschheit noch gelingt, die Kurve zu kratzen. Es wäre so ungerecht, wenn Du keinen lebensfähigen Planeten mehr zur Verfügung hast und der Meeresspiegel bis 2100 um über 1 m angestiegen ist. Die Migrationsströme unter solchen Bedingungen möchte ich mir gar nicht ausmalen.

Liebe XXX, mit Deiner Tauve wirst Du in unsere Gemeinschaft initiiert und aufgenommen. In unserer Gesellschaft besteht die Gemeinschaft leider hauptsächlich aus der Kleinfamilie, was ich für problematisch halte. Ich habe nicht das Gefühl, dass diese soziale Lebensform der menschlichen Natur entgegen kommt. Vielmehr bräuchte es eine Integration in größere Zusammenhänge, wie die Großfamilie und den erweiterten Bekanntenkreis. Ein Kind, so heißt es, braucht ein Dorf, um glücklich aufzuwachsen. Wir werden unser Bestes geben, Dir diese Integration zu bieten. Ein Schritt in diese Richtung ist der Umstand, dass Du zwei Patentanten hast, die sich dankenswerter Weise bereit erklärt haben, Dich in besonderem Maße zu unterstützen. Du bist auch Teil einer großen sozialen Bewegung für Tiere, die oft wie eine Großfamilie zusammensteht, sogar international.

Meine liebe Tochter, Du lebst vegan. Ich weiß, das konntest Du nicht mitentscheiden, aber in Deinem Alter bleibt es uns Eltern nicht erspart, diese Entscheidungen für Dich zu treffen. Doch ich bin zuversichtlich, dass sie auch in Deinem Sinn ist. Vegan bedeutet zunächst, nichts vom Tier zu essen, weder Fleisch noch Milch oder Eier. Die Herstellung tierlicher Nahrung ist in der Regel mit großem Tierleid verbunden. Wenn Du alt genug bist, werde ich Dir erklären, was das bedeutet. Für einen mitfühlenden Menschen ist es unausweichlich, aus diesem Faktum die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Und in unserer Familie ist es ein Hauptanliegen, Dir zu helfen, Deine Sensibilität für alles Lebendige und Dein Mitgefühl zu stärken und sich entwickeln zu lassen. Wenn Du nie tierliche Produkte zu Dir genommen hast, werden sie Dir auch nicht abgehen.

Mit Deinem Veganismus, liebe XXX, wirst Du auch dazu beitragen, den Klimawandel zu bremsen und die Belastung der Erde durch uns Menschen zu reduzieren. Angesichts der weltweiten Krise ist das ein Gebot der Stunde. Du wirst dabei auch mithelfen, diese Lebensform als normal zu etablieren. Ich vermute, dass Du später stolz darauf sein wirst, immer schon vegan gewesen zu sein, wenn Du alt genug bist, die Umstände zu begreifen. Es mag sein, dass Dir durch unsere Entscheidung Dich vegan zu ernähren eine gewisse Last aufgebürdet wird, weil die Mehrheitsgesellschaft „anders“ ist und oft einen großen Druck auf uns ausübt, sich ihr anzupassen. Doch wir werden Dich nach Möglichkeit vor diesem Druck abschirmen, Dich schützen und Dir einen sicheren Hafen in unserer Familie bieten. Ein Platz in einem veganen Kindergarten ist bereits für Dich reserviert.

Dein Uropa aus Tirol, den ich vorher erwähnt habe, hat als junger Mann jeder Kreuzotter, die er fand, den Kopf abgeschlagen und dafür von der Behörde in Innsbruck ein Kopfgeld kassiert. Man wollte Giftschlangen ausrotten, weil die nützen ja keinem Menschen. Deine Familie heute sieht das anders. Kürzlich habe ich nur 70 m von unserem Haus in der Obersteiermark entfernt eine Kreuzotter gesehen. Deine Schwester ist barfuß herum gelaufen und ein Biss dieser Schlange wäre für sie tödlich. Ich habe die Kreuzotter dennoch nicht getötet, sondern lieber Deine Schwester eindringlich gewarnt, aufzupassen, und werde, so lange sie noch jung ist, immer in ihrer Nähe sein. Meine Einstellung ist, dass die Natur nicht uns gehört, dass nicht wir sie nach unseren Bedürfnissen formen. Nein, die Natur war zuerst da. Wir sollten uns ihr anpassen, und sie mit einer gewissen Demut respektieren. Ich vermute, dass Du durch Dein Leben bei uns für diese Gefühle später auch ein Verständnis entwickeln wirst.

Liebe XXX, Du wirst mit mir viele Tage und Nächte in unberührter Natur, in den hohen Bergen, den letzten Resten unserer Urwälder, den hintersten Winkeln abseits von Wanderwegen und Straßen, und auch unter Wölfen, Bären, Luchsen und Bisons verbringen. Für mich hat die vom Menschen unbeeinflusste Natur den höchsten Wert. Es ist unfassbar, wie tief beeindruckend die Atmosphäre in solchen Primärwäldern statt den schrecklichen Fichten-Monokulturen ist. Es ist unserer Familie ein großes Anliegen, Dir auch diesen Wert zu vermitteln. Staunen statt zerstören. Die Natur auf Dich wirken lassen, statt sie zu benutzen. Die Geräusche, die Gerüche, durch Berührung die Konsistenz des Natürlichen mit allen Sinnen wahrnehmen! In unserer Gemeinschaft wird der Wald für Dich zu Deinem Zuhause werden. Ein Ort, an dem Du Dich viel sicherer als unter Menschen fühlst. Mir geht es so.

Deine Tauve ist kein religiöser Akt, kein allmächtiger Gott wird angebetet, Du bist für keine Erbsünde verantwortlich. Deine Familie ist säkular und den Prinzipien der Naturwissenschaft und der Vernunft verschrieben. Du sollst keine Angst vor einer überirdischen Allmacht haben müssen und keine Schuldgefühle, weil Du an einen Geist glauben und ihn lieben sollst, ohne es zu können. Die Naturwissenschaft, z.B. der Biologie, kann Dir Unglaubliches über den Wald und seine Tiere und Pflanzen lehren. Wenn man das verinnerlicht, sieht man alles um sich mit anderen Augen.

Aber auch die Mathematik wartet mit ungeheuerlicher Schönheit und Harmonie auf, wenn man sich auf sie einlässt. Ich durfte 12 Jahre lang auf universitärer Ebene in der Mathematik forschen und hätte Dir viel darüber zu erzählen, wenn Du das eines Tages von mir erfahren willst. Die Grundprinzipien der Physik, die Astronomie, die Welt der Quanten, all das sind wahre Wunder, die zu ergründen sehr erfüllend sein kann. Ich werde Dir diese Möglichkeit bieten.

Unser Anspruch in unserer Gemeinschaft, meine liebe Tochter, ist, nur nach Regeln zu leben, die auch vernünftig begründet sind. Deine Uroma wollte mich immer zwingen, beim Essen nicht mit den Ellenbogen den Tisch zu berühren. Warum das vernünftig sein soll, hat sie mir nie erklären können. Einmal hat sich ein Mann beim Essen darüber sehr erregt, dass ich den letzten Rest einer Suppe aus dem Teller geschlürft habe, statt ihn mühsam auszulöffeln. Derselbe Mann biss dabei herzhaft in den toten Körper eines Huhns aus Qualzucht und Massentierhaltung. Kein Problem für ihn, Hauptsache sein Verständnis von anständigen Tischsitten wird eingehalten. Da haben die Benimm-Regeln jede Basis in der Vernunft verloren. Bei uns in der Familie bedeutet Anstand, ein Leben mit Mitgefühl, Toleranz, Rücksicht auf die Natur und zivilgesellschaftlichem Rückgrat zu führen.

Meine liebe XXX, ich muss Dir aber auch etwas gestehen: Deine Eltern werden gerade jetzt wieder einmal von der Staatsanwaltschaft verfolgt, weil sie sich für Tiere eingesetzt haben. Vielleicht ist es eine Bürde für Dich, vielleicht bis Du aber auch eines Tages stolz darauf. Die spannendsten mathematischen Erkenntnisse und das Wissen von der wunderschönsten Ecke eines Urwaldes entbinden uns nämlich nicht der Verantwortung, die wir als Mitglieder der Gesellschaft haben. In unserem Namen können Tiere gequält, unberührte Natur zerstört und das Klima gekippt werden, oder eben auch Tiere gerettet, unberührte Natur bewahrt und der Klimawandel rückgängig gemacht. Wir haben uns deshalb für den gesellschaftspolitischen Tierschutz- und Umweltaktivismus entschieden. Das ist kein leichtes Leben, das kann ich Dir sagen, aber es ist leider notwendig. Zu viele egoistische Interessen großer Konzerne gieren nach den Schätzen der Erde ohne Rücksicht auf Verluste und auf die nächsten Generationen. Nur, wenn ich mich ihnen entgegen stelle, kann ich mich in den Spiegel schauen. Das wirst Du eines Tages verstehen.

Als Dein Vater, meine liebe Tochter, tröpfle ich das Wasser dieses Natursees hier im obersteirischen Gebirge auf Dein kleines Köpfchen, als Symbol für Deine Aufnahme bei uns. Gemeinschaft, Veganismus, Naturwissenschaft, Vernunft, Tierrechte, Natur und politischer Widerstand sind die Eckpfeiler unseres Lebens, in das Du nun eintrittst. Das sind die Potentiale zur Entfaltung Deines Lebens, die wir Dir bieten. Aber über allem steht die unbändige Liebe, die wir Dir gegenüber empfinden. Auf sie wirst Du Dich immer verlassen können, egal wie sich Dein Leben entwickelt. Ich heiße Dich herzlich und voll uneingeschränkter Zuneigung bei uns willkommen,

Dein Papa