Feminismus

Vaterkarenz Teil 1: Behördenschikanen

Mit meinem ersten Kind war ich 13 Monate in Vaterkarenz. Ich bin das ganz naiv angegangen. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich ganz blauäugig erwartet, dass man als Vater der Mutter im Wesentlichen gleichgestellt ist, und dass daher die Vaterkarenz ganz ähnlich wie die Mutterkarenz abläuft. Selten habe ich mich im Leben so getäuscht.

Als Mutter und Kind nach der Geburt aus dem Spital entlassen wurden, war einer unserer ersten Wege zum Standesamt. Wir wollten unserem Kind offiziell einen Namen geben und eine Geburtsurkunde erhalten. Am Standesamt wurde ich zunächst gefragt, ob ich die Vaterschaft des Kindes anerkenne. Dazu unterschrieb ich ein Formular, in dem das Kind den Nachnamen der Mutter trug, obwohl wir entschieden hatten, ihm meinen Nachnamen zu geben. Auf meine Rückfrage wurde uns mitgeteilt, dass das Kind zunächst automatisch den Nachnamen der Mutter erhält, egal was die Eltern sagen.

Dann wurde die Mutter gefragt, ob sie zustimmt, dass ich als Vater auch die Obsorge für das Kind bekomme. Die Mutter hätte einfach sagen können „nein“, und das wäre es für mich gewesen. Ich hätte keinerlei Recht mehr auf mein Kind gehabt. Zum Glück gab sie mir die Co-Obsorge. Ohne Goodwill der Mutter, scheitert der Vater schon sehr früh.

Dann wurde unser Kind umbenannt. Damit es meinen Nachnamen bekommt, mussten wir beide ein weiteres Formular unterschreiben. Nach Erledigung dieses Rechtsaktes, nahm die Beamtin die Mutter zur Seite. Ob sie eh wisse, dass sie diese Umbenennung noch 2 Jahre lang jederzeit rückgängig machen kann, ohne Zustimmung des Vaters. Sie brauche sich nur vertrauensvoll an das Standesamt zu wenden. Unglaublich!

Die Mutter konnte anstandslos von der ersten Minute an Wochengeld und dann Kinderbetreuungsgeld beziehen, und war als Mutter krankenversichert. Als Vater wurde ich dafür niemals um meine Zustimmung gefragt. Das konnte die Mutter ganz alleine aushandeln. Aber nach 12 Monaten sollte meine Vaterkarenz beginnen. Ich hatte meinen Arbeitgeber und das Kinderbetreuungscenter frühzeitig informiert, in der Hoffnung, dass meine Karenz genauso unmittelbar beginnen könne, wie bei der Mutter. Es sollte ganz anders kommen.

Die Mutter und ich wohnen räumlich getrennt, auch wenn wir eine aufrechte Partnerschaft haben. Um in Vaterkarenz zu gehen, muss mein Kind natürlich bei mir polizeilich gemeldet sein. Was wie ein Formalakt klingt, stellte sich als äußerst kompliziert heraus. Die Beamtin wollte eine Zustimmungserklärung der Mutter sehen. Ich zeigte meine Obsorgebestätigung, aber das interessierte sie wenig. Es könne sein, dass ich hinter dem Rücken der Mutter das Kind zu mir nehmen wolle. Als die Mutter nach der Geburt umgezogen war, hatte sie anstandslos unser Kind polizeilichen ummelden können, ohne dass ich meine Zustimmung hätte geben müssen. Umgekehrt aber war das nicht möglich. Also musste ich eine Zustimmungserklärung der Mutter nachreichen.

Für den Antrag auf Kinderbetreuungsgeld braucht es noch einen vollständig ausgefüllten Mutter-Kind Pass. Dieser heißt Mutter-Kind und nicht Eltern-Kind Pass, obwohl auch ich mit meinem Kind zum Kinderarzt gegangen bin, um die entsprechenden Untersuchungen durchführen und eintragen zu lassen. Allein schon durch diese Bezeichnung dieses Büchleins fühlt man sich als Vater ausgegrenzt und nicht ernst genommen. Gut, ich reichte also diesen Mutter-Kind Pass für meine Vaterkarenz ebenfalls ein.

Als nächstes war der Bezug der Familienbeihilfe für das Kind Voraussetzung für die Anerkennung meiner Vaterkarenz. Ich wandte mich an das zuständige Finanzamt. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die Mutter automatisch Bezieherin der Familienbeihilfe ist, weil der Staat davon ausgeht, dass die Mutter das Kind betreut und den Haushalt führt. Will der Vater die Familienbeihilfe beziehen, ist eine Verzichtserklärung der Mutter notwendig, aber nicht umgekehrt. Auch das konnte rasch erledigt werden. Doch das Finanzamt ließ sich mit der Anerkennung viel Zeit. Schließlich, nach mehrmaligen Telefonaten, wurde mir erklärt, dass die Mutter noch einmal unterschreiben müsse, dass sie zustimmt, dass das Kind bei mir wohnt. Schlussendlich wurde ich als Bezieher der Familienbeihilfe anerkannt.

Jetzt sollte der Weg eigentlich für mich frei sein, Kinderbetreuungsgeld zu beziehen und krankenversichert zu werden. Doch weit gefehlt. Das Kinderbetreuungscenter behauptete nun, ich müsse einen Gerichtsbeschluss vorlegen, dass ich das Kind betreuen darf. Dass ich obsorgeberechtigt war, beeindruckte wenig. Da ich nicht mit der Mutter zusammenlebe, müsse ich gerichtlich das Recht zugesprochen bekommen, mein eigenes Kind, für das ich obsorgeberechtigt bin, betreuen zu dürfen. Selbst eine schriftliche Erklärung der Mutter, dass sie zustimmt, dass ich unser Kind betreuen darf, reichte dem Amt nicht.

Also wandte ich mich an das Bezirksgericht am Wohnort der Mutter. Dieses erklärte sich für unzuständig. Auch das Bezirksgericht an meinem Wohnort wollte den Fall nicht übernehmen. Und schließlich erhielt ich ebenso vom Bezirksgericht jenes Ortes, an dem unser Kind erstmals polizeilich gemeldet worden war, eine Absage. Als ich mich mit dieser Information wieder an das Kinderbetreuungscenter wandte, wurde mir klar gesagt, dass ohne Gerichtsbeschluss meine Vaterkarenz nicht anerkannt werden könne. Mittlerweile waren schon Monate vergangen, ich musste von meinem Ersparten leben und sogar einen Zahnarzttermin absagen, weil ich nicht krankenversichert war.

Ich schrieb nun einen formalen Antrag an das Bezirksgericht am Wohnort der Mutter, dass es mir die Zustimmung erteilen solle, dass ich mein Kind betreuen darf. Dieses fasste den Beschluss nicht zuständig zu sein, und gab den Akt an das Bezirksgericht an meinem Wohnort weiter. Der dort zuständige Richter schrieb mir einen Brief und fragte mich, ob es eine Zustimmungserklärung der Mutter gebe, dass ich mein Kind betreuen darf. Ich schickte dem Richter diese Erklärung und dann lehnte er in einem Urteil meinen Antrag ab, schrieb aber in der Begründung, dass es keinen Gerichtsbeschluss brauche, weil die Eltern ja einig seien.

Mit diesem Urteil ging ich wieder zum Kinderbetreuungscenter. Nach langem Hin und Her, mittlerweile waren 6 (!) Monate vergangen, in denen ich kein Geld bezogen aber mein Kind und mich erhalten hatte und alle laufende Kosten wie Miete begleichen hatte müssen, wurde meine Karenz anerkannt. Allerdings strich man mir die ersten 3 Monate mit der Begründung, dass ich bis dahin noch keinen Formalantrag an ein Gericht gestellt hätte und daher durch meine Schuld nicht karenzberechtigt gewesen sei. Ich konnte das nicht glauben, zumal das Gericht ja festgestellt hatte, dass kein Gerichtsurteil notwendig war. Also ging ich mit meinem Fall zur Volksanwaltschaft. Dort wurde mir mitgeteilt, dass es diese Fälle öfter gebe. Immer wieder würden Väter auf diese Weise um ihr Karenzgeld gebracht. Aber die Volksanwaltschaft schrieb einen geharnischten Brief an das Kinderbetreuungscenter und drohte mit Klage. Schließlich gab das Amt nach und mir wurden die ersten 3 Monate nachgezahlt.

Doch damit war die Geschichte noch nicht zuende. Wenn Vater und Mutter etwa gleich lang in Karenz waren (meine 13 Monate erklären sich aus einer Sonderfreistellung für 1 Monate aufgrund der Coronaepidemie), steht ihnen die Einmalzahlung von je 500 Euro Partnerschaftsbonus zu. Die Mutter und ich reichten den Antrag dafür ein. Dazu mussten wir gemeinsam ein Formular ausfüllen und unterschreiben. Die Mutter erhielt ihre 500 Euro innerhalb von 2 Wochen. Bei mir trudelte kein Geld ein, obwohl dieser Bonus entweder beiden oder niemandem zusteht. Ich begann das Amt anzurufen, und mir wurde jedes Mal mitgeteilt, dass sich der Computer weigere, mir den Partnerschaftsbonus zu überweisen, weil es für die ersten 3 Monate meiner Karenz keinen Gerichtsbeschluss gebe, dass ich mein Kind betreuen durfte. Und dieses Computerproblem konnte das Kinderbetreuungscenter bis zuletzt nicht lösen. Nach etwa 20 Anrufen gab ich auf. Bis heute hat nur die Mutter den Partnerschaftsbonus erhalten.

Momentan bin ich im dritten Monat der Vaterkarenz meines zweiten Kindes. Und, wie leicht zu erraten, ist meine Karenz noch immer nicht anerkannt. Die polizeiliche Ummeldung ist mit den gängigen Schikanen gelungen, aber das Finanzamt hat noch nicht akzeptiert, dass ich die Familienbeihilfe beziehen darf. Auch da musste ich zweimal Bestätigungen der Mutter nachreichen. Ich bin also wieder monatelang ohne Einkommen und ohne Krankenversicherung. Ich musste wieder Vorsorgeuntersuchungen verschieben, darum zittern, dass ich durch eine Erkrankung ärztliche Hilfe benötige, und einen Zahnarzttermin absagen. Ich bin ja nur gespannt, was sich das Kinderbetreuungscenter als nächstes einfallen lässt, um meine Vaterkarenz zu behindern.

Was also die Vater- und die Mutterschaft betrifft, gibt es überhaupt keine rechtliche Gleichstellung, keinerlei Gleichberechtigung. Von Amts wegen geht man davon aus, dass die Mutter ein natürliches Vorrecht auf ihre Kinder hat. Und das ist eigentlich total unglaublich, zumal überall behauptet wird, man wolle die Vaterkarenz fördern. Faktum ist, dass man sich nicht leicht verantwortlich fühlt, wenn das Übernehmen von Verantwortung rechtlich ausgeschlossen oder stark eingeschränkt wird, bzw. vom Goodwill anderer Personen abhängt. Das Gesetz gibt der Mutter alle Macht über die Kinder. Das schafft auch ein großes Ungleichgewicht in der Beziehung der Eltern. Wenn immer klar ist, dass die Mutter dem Vater das Allerwichtigste in seinem Leben, seine Kinder, jederzeit entziehen kann, bringt das natürlich Spannungen. Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut. Will man konstruktive Elternbeziehungen sicherstellen, und bei Vätern ein starkes Gefühl der Verantwortung für ihre Kinder wecken, dann muss man die Eltern rechtlich gleichstellen. Mit der Annahme von einem natürlichen Vorrecht der Mutter, kippt man jeden Gedanken an Gleichberechtigung. Mit natürlichen Rechten könnte man jeden Unsinn argumentieren, so z.B. auch das Bestimmungsrecht des Mannes über seine Ehefrau. Wenn die Mutter ein natürliches Vorrecht auf die Kinder hat, könnte dann der Vater ein natürliches Vorrecht auf politische Mitbestimmung haben? Ich sehe eine Parallel zwischen einem Wahlrecht nur für Männer und einem Recht auf die Kinder nur für Frauen. Ersteres wurde abgeschafft, zweiteres ist noch immer vorhanden. Dabei hätte ich lieber kein Wahlrecht, als kein Recht auf meine Kinder.

Manche Menschen fragen mich, worüber ich mich aufrege, durch den Goodwill meiner Partnerin, der Mutter meiner Kinder, wäre doch eh alles in Ordnung. Das klingt für mich so, als würde man die Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen damit abtun, dass bei einem Goodwill des Mannes er eh ihre Wahlentscheidung in seine mit einbeziehen würde. Nein, es geht um Grundrechte. Es geht darum, dass ich als Vater dasselbe Recht auf meine Kinder haben will, wie die Mutter. So, wie mich das Gesetz momentan an den Rand drängt und völlig rechtlos macht, fühle ich mich wie Dreck behandelt. Ich fühle mich ausgegrenzt und entwertet. Als wäre meine Vaterkarenz und meine Kinderbetreuung vergleichsweise wertlos. Als könne ich qua Mannsein nicht dasselbe leisten wie die Mutter. Als würde mir staatlich erklärt, dass ich meine Kinder nie so lieben und versorgen könne, wie das die Mutter tut. Und das schmerzt sehr.

Es gibt Licht am Horizont. Justizminsterin Zadic will die Gesetze ändern, sodass Väter automatisch und auch ohne Zustimmung der Mutter Co-Obsorge für ihre Kinder erhalten. Sie will weiters, dass jeder Elternteil ab dem vierten Lebensjahr zu mindestens einem Drittel der Betreuungszeit für seine/ihre Kinder verpflichtet ist. Und dass der Mutter-Kind Pass zu Eltern-Kind Pass umbenannt wird. Ich halte das für längst überfällige, wesentliche Schritte Richtung Gleichberechtigung. Doch zu meinem Entsetzen sehen das feministische Frauengruppen nicht so. In einer Pressekonferenz am 25. November 2021 in Wien erklärten diese, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau eingeschränkt würde, wenn es nicht mehr ihre Zustimmung braucht, bevor der Vater die Co-Obsorge erhält. Und zu dem Drittel verpflichtender Kinderbetreuung auch für Väter sagen sie, das würde die Alimente verringern, die der Vater zahlen muss, und daher solle es ausschließlich der Mutter überlassen bleiben, ob sie mehr Geld oder mehr Hilfe bei der Kinderbetreuung will. Und selbst dass der Mutter-Kind Pass zu Eltern-Kind Pass umbenannt wird, wurde kritisiert. Für mich ist klar: diese feministischen Gruppen wollen möglichst viel Macht für Frauen, und von den vorhandenen Privilegien nichts abgeben, aber keinesfalls Gleichberechtigung. Um die Rollenbilder von Männern und Frauen bzgl. Kinderbetreuung aufzuweichen, braucht es zunächst einmal eine rechtliche Gleichstellung. Man kann kein gleiches Engagement erwarten, wenn es keine gleichen Rechte gibt. Damit zu argumentieren, dass es erst dann gleiche Rechte geben könne, wenn es bereits ein gleiches Engagement in der Kinderbetreuung gibt, ist daher falsch. Der Weg dorthin ist umgekehrt.

Hier ein ORF-Bericht über die Pressekonferenz der Feministinnen: https://orf.at/stories/3237834/

Das Problem mit den Geschlechterrollen

Ich habe eine Tochter, für die ich gerade in Betreuungskarenz bin. Zwar ist sie erst ein bisschen über 1 Jahr alt, aber schon spüre ich einen gesellschaftlichen Druck, ihr eine Geschlechterrolle zuzuweisen. Das will ich aber nicht. Ich würde ihr gerne alle Optionen offen halten und sie nicht bereits in eine Rolle drängen, bevor sie selbst darüber entscheiden kann. Aber das ist gar nicht so einfach.

Ich möchte mich nicht mit der Frage aufhalten, ob sich die Geschlechter im Verhalten biologisch unterscheiden. Ob sie das tun oder nicht – Faktum ist, dass es dem Individuum überlassen bleiben sollte, wie es sein Leben gestaltet, ohne Druck von außen. Ich selbst habe mit der mir zugewiesenen Rolle bereits als Jugendlicher unglaubliche Schwierigkeiten gehabt. Z.B. gab es einen immensen Druck damals, dass ich keine langen Haare haben und insbesondere keine Röcke tragen sollte. Dabei ist das doch komplett absurd: warum, bitte schön, sollen Männer keine Röcke tragen? Im Sommer ist das wunderbar luftig und angenehm. Niemand wird bestreiten können, dass das eine total unnötige Einschränkung ist. Wer darüber als bloße Modefrage lächelt – dabei wurde ich als Röcke und lange Haare tragender junger Mann mehrmals auf der Straße physisch attackiert! – dem bzw. der kann ich versichern, dass der Nachteil der Rollenzuschreibung im praktischen Leben weit darüber hinaus geht. Heute z.B. zischen mir schnell einmal Passant_innen gehässig „Kinder brauchen die Mutter!“ zu, wenn meine Tochter in meinen Armen aus irgendeinem Grund weint.

Ich möchte meiner Tochter Derartiges möglichst ersparen. Ich möchte, dass sie ihren Lebensweg, ihr Aussehen, ihre sexuelle Orientierung, ihre Interessen und einfach alles ihr Leben Betreffende frei wählen kann. Dank der Frauenrechtsbewegung ist diesbezüglich zwar für Mädchen schon sehr viel geschehen, aber wie die Beispiele aus meinem Leben zeigen, sind wir noch lange nicht frei von derartigen Rollenzwängen. Manchmal kommt mir vor, dass sich die Gesellschaft in dieser Frage seit einiger Zeit sogar eher rückwärts bewegt.

Das beginnt mit rosa statt blauer Kleidung, die kleine Mädchen tragen sollen, über Kleidchen statt festen Hosen, die aber im Wald viel praktischer sind, und lange Haare, bis zu weiblichem Spielzeug. Momentan kann ich das ja steuern, wobei es gar nicht so leicht ist, dabei eine Balance zu finden. Ich will ihr ja alle Optionen bieten, und nicht in den Fehler verfallen, sie in der Geschlechterrolle eines Buben aufwachsen zu lassen. Schwierig wird es dann, wenn sie in Kindergruppen oder dem Kindergarten mit den „Erziehungsansichten“ der Außenwelt in Berührung kommt.

Leider sind die Geschlechterrollen unter Jugendlichen besonders stark ausgeprägt. Da wird man schnell zur Außenseiterin, wenn man nicht hinein passt. Darf ich ihr also wirklich zumuten, ohne Geschlechterrolle aufzuwachsen, wenn dann in der Schule knallhart eine Geschlechterrolle von ihr erwartet wird? Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Natürlich braucht es Pionier_innen, um Geschlechterrollen aufzuweichen. Aber auch das darf ich nicht, sie ohne Rücksicht in eine Pionierrolle drängen, die sie nicht für sich selbst gewählt hat.

Ein Minenfeld, die Kindererziehung. Wobei mir auch dieses Wort nicht gefällt. Ich würde lieber von sanfter, nicht-direktiver Begleitung ins Leben sprechen. Aber ein Abenteuer ist es, jeden Tag aufs Neue.

Feminismus und Geschlechtergleichberechtigung sind zwei verschiedene Paar Schuhe

Ich interessiere mich gerade für die Frage, ob man einem Kind die normale Schule zumuten kann oder nicht. Wäre nicht eine frei Schule besser, oder gar das Home Schooling, also der Unterricht zu Hause? Ich bin noch dabei, die Fakten zusammen zu tragen. Als Teil davon habe ich mit einer 56 jährigen Lehrerin gesprochen. Neben vielen anderen interessanten Dingen, sagte sie, dass sie zum Glück in 4 Jahren in Pension gehen kann. Sie hatte schon große Reisepläne für die Zeit danach. Und dann sagte sie, dass ein männlicher Kollege, der gleich alt sei, wie sie, und der mit ihr in derselben Schule begonnen hatte, noch 5 Jahre länger arbeiten muss, bevor er in Pension gehen darf. Nicht, dass er dafür mehr Pension bekäme. Sie fand das total ungerecht. Und der Mann auch. Hat er sich beschwert, frage ich sie, hat er z.B. eine Gleichbehandlungsbeauftragte kontaktiert oder irgendwo protestiert? Nein. Hat er nicht. Man nimmt das eben einfach so hin. Männer protestieren im Allgemeinen nicht gegen Ungleichbehandlung aufgrund ihres Geschlechtes. Warum auch immer.

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Feminismuskritik in der Veganen Gesellschaft UK anno 1993

Ein weiterer historischer Brief, der mir in meiner Buchrecherche untergekommen ist. Diesmal geht es darum, dass ich 1993 gerade Mitglied in der Veganen Gesellschaft in England werden wollte, aber im neuen „The Vegan“ ein Artikel von der neuen Obfrau der Veganen Gesellschaft erschien, der Männer total runtermacht. Der Brief wendet sich an die Chefredaktion der Zeitschrift. Man sieht, auch diese Problematik ist bereits sehr alt. Jedenfalls unterstreicht das für mich deutlich, dass es einen Unterschied zwischen Feminismus und Gendergleichberechtigung gibt. Es erstaunt mich schon, dass man derart offensichtlich sexistisch sein kann, aber es total sozialadäquat ist, solange es sich gegen Männer richtet.

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Toxic feminism: Q & A

Fragen und Antworten:

Der Begriff „toxic masculinity“ stammt doch aus der Männerbewegung selbst und meint nicht, dass Mannsein an sich giftig wäre!

Zunächst: Begriffe werden usurpiert und verändern ihre Bedeutung. Menschenrechtsaktivist Martin Luther King nannte sich in den 1960er Jahren selbst „Neger“ (negro). Heute hat dieses Wort zweifellos einen rassistischen Unterton.

Ich selbst habe bereits in meinen Teenagerjahren verzweifelt nach Männerliteratur gesucht, die mir helfen hätte sollen, meine Geschlechtsidentität zu bewahren. Dabei las ich auch Robert Bly. Er sprach von toxic masculinity als einem gesellschaftlichen Anspruch an Männer, der sie selbst schädigt. Für Bly war toxic masculinity z.B., dass Männer von der Gesellschaft und auch von Frauen die Erwartung spüren, dass sie viel riskieren müssen, um männlich zu sein. Die Folge ist bis heute, dass über 90 % der Toten in Österreichs Bergen jedes Jahr männlich sind. Männer riskieren offenbar mehr – und sterben deshalb viel häufiger an Unfällen – um dem gesellschaftlichen Anspruch an Männlichkeit zu genügen. Dem stellt Bly selbst als Gegensatz die „deep masculinity“ gegenüber, das Besinnen auf die Innere Männlichkeit, die er ausschließlich positiv bewertet. Von der toxic zur deep masculinity zu kommen, entgegen der gesellschaftlichen Ansprüche – und ich füge hinzu: entgegen der toxic feministischen Verachtung alles Männlichen – ist der Weg, den Bly und seine Mitstreiter den Männern nahegelegt haben. Leider hat mich das auch nicht gerettet.

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Intersektionalität: oft zu Lasten der Tiere

Es gibt viele Diskriminierungsformen in der Gesellschaft, manche sprechen von 15 und mehr. Da geht es um Diskriminierung nach der Hautfarbe, der ethnischen Herkunft oder des Geschlechts, aber auch nach der gesellschaftlichen Klasse, der sexuellen Orientierung oder des Alters. Für uns ist natürlich die Diskriminierung nach der biologischen Art zentral, der Speziesismus, auch wenn er von der Diskriminierungsforschung oft vergessen wird. Tatsächlich ist die Diskriminierung nach der Art mit Sicherheit die größte und brutalste.
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Kommentar zu Kim Socha „Animal Liberation and Atheism“

Kim Socha ist Universitätsprofessorin für Englisch an der Indiana University of Pennsylvania in den USA und Tierbefreiungsaktivistin. Sie hat mir netter Weise ihr neues Buch zu Tierbefreiung und Atheismus geschickt, um es zu kommentieren. Laut einer Studie von 2010, die im Buch zitiert wird, sind weltweit 32% aller Menschen ChristInnen, 23% Moslems, 15% HinduistInnen, 7% BuddhistInnen, 6% AnhängerInnen von Naturreligionen, 0,2% JüdInnen und 1% zugehörig zu anderen Religionsgemeinschaften. D.h. immerhin, dass 16% der Menschen agnostisch oder atheistisch eingestellt wären. Doch Socha geht es darum, zu zeigen, dass ausnahmslos alle Religionen anthropozentrisch und speziesistisch sind, es lasse sich ganz grundsätzlich nicht religiös für Tierbefreiung argumentieren. Die Autorin benutzt dafür als Metapher die Sage von Prokrustes. Dieser Riese der griechischen Mythologie ließ Wanderer zwar bei sich übernachten, passte sie aber in der Größe seinem Bett an, indem er ihnen die Beine abhackte oder sie streckte, anstatt für sie eine passende Schlafstätte zu finden. Das, so Socha, zeichne auch alle religiösen Argumente für Tiere aus: die Bibel z.B. würde gestreckt oder beschnitten, um tierfreundlich interpretierbar zu werden, man deute das Neue Testament so um, dass Jesus vegan wird, usw. Wer gegen alle Formen der Unterdrückung von Tieren ist, müsse jede Religion fallen lassen, aber auch umgekehrt, wer AtheistIn ist, müsse für Tierbefreiung sein. Letzteres folge aus der evolutionären Verwandtschaft von Tier und Mensch.
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Beim VGT gibt’s einen sehr großen Gender Pay Gap!

Zum Weltfrauentag wurde überall vom Gender Pay Gap gesprochen, das ist die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Stundenlohn für Männer und dem für Frauen. Diese Zahl wird als sehr signifikant angesehen, als der Beweis, dass Frauen in unserer Gesellschaft unterdrückt werden. Die Medien waren voll davon. Zum Beispiel schrieb Doris Knecht in ihrer Kolumne im Kurier vom 8. März 2015 vom Gender Pay Gap: „Solange das so ist, soll keiner behaupten, die Frauen seien doch eh längst gleichberechtigt. Solange das so ist, soll keiner sagen, eine Quote brauche es nicht.“
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Zu Sexismus bei Nacktaktionen – ein Workshop am Tierrechtskongress

Nach einer Human-Animal-Studies Konferenz habe ich die Frage auf meinem Blog angerissen: sind politische Nacktaktionen auf der Straße sexistisch, https://martinballuch.com/sind-nackt-aktionen-sexistisch/? Zugegeben, in der österreichischen Tierrechtsbewegung zumindest scheint das kaum ein Thema zu sein, jedenfalls gab es dazu meines Wissens intern kaum Diskussionen. Ich möchte nicht anregen, dass sich das ändern sollte, fast im Gegenteil, ich möchte Verständnis dafür wecken, dass man auch in so heiklen Fragen mit guten Gründen sehr verschiedener Ansicht sein kann, was zu mehr Toleranz anderer Meinungen führen könnte.
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