Buchrezension

Buchrezension „Alpengletscher“

Kürzlich erst fiel mir auf, dass ich schon eine ewige Zeit nicht mehr noch im Dunkeln aufgestanden bin, um im Hochgebirge einen Berg weit über 3000 m zu besteigen, vielleicht auf einer schwierigen Route, wie ich das früher so oft getan habe. Die Nervosität beim Losgehen im Dunkeln, das erste Sonnenlicht, das die Stimmung hebt. Und dann die unendliche Schönheit dieser Bergregionen, die ihre Ästhetik daraus beziehen, dass sie vom Menschen weitgehend unberührt sind. Schade, dass ich aufgrund meiner Vaterschaft momentan nicht mehr zum Hochgebirgsbergsteigen komme.

Da fiel mir das Buch „Alpengletscher“ vom Tyrolia-Verlag in die Hände. Es ist in erster Linie ein Buch mit unfassbar großartigen Fotos aus der vergletscherten Bergwelt der Alpen. Wunderschön aufbereitet, die Bilder einfühlsam ausgewählt, lässt einen das Buch in diese wilde Welt eintauchen. Und mich hat es in die Zeit meiner vielen Touren zurück versetzt.

Bernd Ritschel kann das, Berge zu fotografieren. Er hat bereits einige Bildbände zu den Bergen herausgebracht und hält Vorträge und Fotoworkshops. Seine Bilder zeigen nicht nur das Können eines Profis, sondern auch die Liebe eines naturaffinen Menschen zu dieser Landschaft.

Die Gletscher verschwinden. Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Ich selbst habe noch Eiswände in den Hohen Tauern erklettert, die heute nicht mehr existieren. Und auf der Übergossenen Alm am Hochkönig oder auf den Gletschern des Dachsteins, beides Berge unter 3000 m, verschwindet die Eiswelt so rasch, dass man allen nur empfehlen kann, noch einen letzten Blick darauf zu werfen, bevor sie endgültig weg sind.

Die Hintergründe zu dieser Entwicklung, vom Klimawandel bis zur Gletscherforschung, werden auch in diesem Buch beleuchtet. Andrea Fischer ist als Wissenschafterin die für diese Einsichten verantwortliche Autorin. Zwar stehen die Fotos in diesem Buch bei weitem im Vordergrund, doch hat man, nachdem man die Texte gelesen hat, ein bisschen mehr Verständnis für das, was man auf den Fotos sieht.

Mich hat dieses Buch jedenfalls davon überzeugt, dass ich mir wieder die Zeit nehmen will, ins Hochgebirge zu gehen. Wenigstens einige wenige Tage im Jahr.

Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas

Das Buch heißt „Verlorene Welten“, ist 2019 in zweiter Auflage im Klett-Cotta Verlag erschienen und vom Schweizer Aram Mattioli, Universitäts-Professor für Neueste Geschichte an der Uni Luzern, geschrieben. Der Spoiler gleich zu Beginn: ein großartiges Buch, das bei weitem Beste über die Geschichte der Indianer_innen Nordamerikas, das ich bisher gelesen habe. Ich kann es nur wärmstens empfehlen. Und zwar nicht, weil es so spannende Wild-West Geschichten erzählt, sondern weil es in deutlichen Worten klar macht, dass die Unterdrückung und weitgehende Vernichtung der Ureinwohner_innen Nordamerikas ein ungeheuerliches Verbrechen war und ist.

Zu Anfang reflektiert der Autor über 3 Seiten hinweg, welche Bezeichnungen er verwenden wird und welche nicht. So empfindet er das Wort „Stamm“ als abwertend und ersetzt es durch Nation. Auch das Amerikanische Wort „Indian“ oder „American Indian“ ist für ihn abwertend, deswegen verwendet er First Peoples, Native Americans oder das deutsche Wort „Indianer“. Letzteres wurde in seinen Augen nie abwertend verwendet. Deshalb bleibe auch ich bei „Indianer_innen“.

Das Buch rekonstruiert sehr schön den Werdegang der Westexpansion durch die USA. Unter dem englischen König wurden die Appalachen 1763 als westliche Siedlungsgrenze festgelegt. Nach der Revolution und der Unabhängigkeitserklärung der USA, legte die neue Regierung den Mississippi als neue Grenze fest. Bis 1824 wird ein Indianerbüro im Kriegsministerium gegründet. Zum dem Zeitpunkt sah man die Indianer_innen also als feindliche Macht außerhalb des eigenen Staates an. Mit dem „Indian Removal Act“ legte man sich auf die Linie fest, die Indianernationen auf amerikanischem Staatsgebiet über den Mississippi nach Westen zu deportieren.

Diese Deportationen waren richtige Todesmärsche über tausende Kilometer. Wer nicht mithalten konnte, wurde erschossen. Die Cherokee z.B. verloren auf diesem Marsch 1838 ein Viertel ihrer Nation. Auf diese Weise gründete man das „Indian Territory“ im heutigen Bundesstaat Oklahoma, das schließlich am 22. April 1889 durch den ersten „Oklahoma Land Run“ erst wieder unter weißen Siedler_innen aufgeteilt wurde. Das ist ein Vorgang, der ständig wiederholt wird: man gibt einer Indianernation per Vertrag eine Region, die zwar deutlich kleiner als ihr eigentliches Gebiet war, aber wo sie immerfort würden leben können. Und dann verkleinert man diese Region zu Reservaten, die später weiter verkleinert werden, bis die Indianer_innen völlig verelenden.

Im Goldrausch von Kalifornien, der 1849 beginnt, kommen die Indianer_innen der Pazifikküste unter die Räder. Ein Mob von Neusiedler_innen massakriert sie ohne jede staatliche Kontrolle. Mehrere Bundesstaaten erlassen sogar Gesetze, dass Weiße Indianer_innen jederzeit ungestraft töten dürfen, ja es wird sogar Kopfgeld auf Indianer_innen ausgesetzt. Wer den Beweis der Ermordung eines Indianers oder einer Indianerin erbringt, bekommt das Geld. Und Soldaten der US-Armee werden mit Preisgeldern belohnt, wenn sie an Massakern teilgenommen haben.

1853 schließlich entsteht die Idee, alle Indianernationen in Reservate zu zwängen. Das Indianerbüro wird vom Kriegs- ins Innenministerium verlegt. Die Indianer_innen werden also von jetzt ab als innerstaatliches Problem gesehen. Mit dem Homestead Act 1862 von Präsident Lincoln beginnt die radikale Unterwerfung der Prärie-Indianer_innen, die 1886 endet. Die US-Armee verübt dennoch am 29. Dezember 1890 ein letztes Massaker an einer Indianernation, den Lakota am Wounded Knee.

Gab es um 1500 in Nordamerika noch etwa 10 Millionen Indianer_innen und keine Weiße, so waren es 1750 nach zahlreichen großen Pandemien nur noch 1,5 Millionen Indianer_innen und bereits 1,25 Millionen weiße Siedler_innen. Im Jahr 1900 schließlich lebten nur mehr 237.000 Indianer_innen auf 2,3 % der Fläche der USA, während 76 Millionen Weiße den Rest beanspruchten. 1907 beantragten tausende Indianer_innen beim Kongress die Gründung eines eigenen indianischen Bundesstaates mit dem Namen „Sequoyah“. Doch Präsident Theodore Roosevelt, der Cowboy als Präsident und große Indianerhasser, lehnte ab. Er hatte 1886 in einer öffentlichen Rede gemeint: „Ich gehe nicht so weit zu sagen, nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer, aber das trifft auf 9 von 10 von ihnen zu, wobei ich mir den 10. lieber nicht zu genau anschaue.“

Wildes versus zivilisiertes Leben

Die Verfassung der USA von 1776 gilt als weltweit erste Menschenrechtsdeklaration. Und dennoch waren eigentlich und unausgesprochen nur Weiße gemeint. Es gab weiterhin Sklaverei von Schwarzen und es gab Massaker an Indianer_innen, die nicht als Personen gesehen wurden. Indianer_innen galten vor Gericht z.B. nicht als Zeug_innen. Die Begründung dafür war ein tief sitzender Rassismus, der in Essenz Indianer_innen (und Schwarze) mehr mit Tieren als mit Menschen gleich setzte. Der „primitive“ Mensch im wilden Naturzustand versus der „höherentwickelte“ Mensch in der Zivilisation.

Gutmeinende, aufgeklärte Bürger_innen der USA sahen die Lösung des „Indianerproblems“ in der Umerziehung zum zivilisierten Menschen. Tausende Indianerkinder wurden mit Gewalt ihren Eltern entrissen und in verschiedenen Internaten quer durch die USA zwangserzogen. Man schnitt ihnen die Haare – weil anständige Männer kurze Haare haben -, man steckte sie in Anzüge, man zwang sie nur noch englisch zu sprechen, man drillte sie militärisch, man bestrafte sie mit Gewalt und man versuchte ihnen elementare Bildung einzutrichtern. Allerdings ging man davon aus, dass sie eh nichts verstehen würden und in der Gesellschaft nicht aufsteigen könnten, und so beließ man es bei einem Minimum.

Dieser Ethnozid (O-Ton Autor Mattioli), dieser Versuch, das Indianische in den Indianer_innen zu töten und sie zu zwangsassimilieren, führte zu furchtbaren Tragödien, Selbstmorden und vielen missbrauchten Kinderseelen. Auf jeder dieser Schulen mussten große Friedhöfe für die gestorbenen Schüler_innen errichtet werden.

In der Tierrechtsbewegung gibt es das Ansinnen, alle Wildtiere zu zivilisieren, um die Gewalt unter den Tieren zu reduzieren. Diese Einstellung dürfte jener gegenüber den Indianer_innen damals ähnlich sein. Zweifelsohne wollten die Indianer_innen diesen „Segen“ der Zivilisation nicht. Ich gehe davon aus, dass es bei Wildtieren nicht anders ist.

Die Wildnis zivilisieren

In den publizierten Meinungsäußerungen damals schwingt ständig die Ansicht mit, die Wildnis sei lebens- und menschenfeindlich, sie müsse daher zivilisiert werden. Die große Prärie z.B. wurde gezielt in Acker- und Weideland umgewandelt, worauf man total stolz war. Endlich war das Land produktiv und nutzbar. Dafür mussten neben den Indianer_innen auch z.B. die Bisons und die Wölfe sterben. Die Bisons schoss man systematisch zusammen. Von zig Millionen noch vor 200 Jahren blieben lediglich 800 übrig, die man in einem rasch eingerichteten Reservat zu schützen begann. Aber nicht, um Wildtiere oder gar eine Wildnis zu erhalten. Sondern mit dem klaren Kalkül, sie als jagdbares Großwild für die Jägerschaft zu verfügbar zu halten. Präsident Theodore Roosevelt war stolzer Großwildjäger und auf ihn ging diese Idee zurück.

Dasselbe hat man in Österreich gemacht, ein paar 100 Jahre davor. D.h. man hat die Wildnis zivilisiert, indem man den Wald in den Bergen gerodet, Bison, Auerochse, Elch und Wisent, und später auch Luchs, Wolf und Bär ausgerottet und Almen errichtet hat. Und heute ist man darauf immer noch stolz.

Geschichte der Kampagne gegen die Jagd in Österreich 1980-1999

Leider ist es immer noch ziemlich selten, dass jemand eine akademische Arbeit über Tierrechte oder die Tierrechtsbewegung schreibt. Mit meiner Dissertation über Tierrechte im Jahr 2004 wollte ich für dieses Thema das Tor in die akademische Welt aufstoßen, obwohl es natürlich Vorgänger gab, wie Helmut Kaplan sogar bereits 1988. Doch nicht viele sind gefolgt. Deshalb freut mich die Masterarbeit von Stella Kubek in Geschichte mit dem etwas sperrigen Titel „Die Praxis der österreichischen Tierbewegung als neue soziale Bewegung in den 1980er und 90er Jahren am Beispiel des Kampfes gegen die Jagd“ umso mehr. Für einiges davon bin ich ja Zeitzeuge und wurde für die Arbeit auch interviewt.

In den 1980er Jahren war die Jagd noch felsenfest im Sattel. Der Jäger als Held in den Bergsagas stand außerhalb jeder Kritikmöglichkeit und hatte aufgrund des ausnahmslos positiven Images auch ein unendlich großes Selbstbewusstsein, das rasch in Gewalt umschlug. Ich erinnere mich noch an viele Vorfälle, bei denen ich am hellichten Tag mitten auf markierten Wanderwegen von Jäger_innen massiv angepöbelt und mit dem Erschießen bedroht worden bin, weil sie sich bei der Jagd gestört fühlten. Heute ist das ganz anders.

Spannend also, dass der Tieraktivismus (um Tierschutz und Tierrechte zu einem Begriff zusammen zu fassen, wie das die Autorin vorschlägt) in dieser Masterarbeit genau in den Jahrzehnten des Umbruchs im Jagdimage analysiert wird. Quellen für die Arbeit waren neben Interviews mit Zeitzeug_innen, 14 Zeitschriften von Tierschutzorganisationen, dem Archiv des Wiener Tierschutzvereins, dem TATblatt, dem Archiv der Sozialen Bewegungen Wien, dem Lauffeuer und der Zeitschrift HOWL insbesondere die mediale Berichterstattung. Letztere konnte auf der Basis von 4 Archiven einbezogen werden. Dort fanden sich 261 einschlägige Zeitungsartikel im fraglichen Zeitraum zum Thema.

Die Jagd war anfangs kein zentrales Thema der Tierbewegung in Österreich. 1981 unterschrieben 163.000 Personen eine Petition mit dem Titel „Auch Nutztiere sind Schutztiere“. 1982 entstand in Österreich die Initiative gegen Tierversuche und 1983 das Österreichische Komitee zum Schutz der Pelz- und Wildtiere. 1985 sind die ersten Tierbefreiungen aus Tierversuchslabors in Österreich verbürgt, nämlich Hunde aus den Instituten für Pharmakologie und Medizinische Physiologie der Uni Wien.

Und dennoch musste sich bereits 1983 „die Jägerschaft […] mit einzeln oder in Gruppen auftretenden Tierfreunden herumschlagen“, berichtete Rudolph Wojta am 29. 11. in der Wochenpresse. 1987 war der Umgang mit der Jagd eines der Themen am Österreichischen Tierschutzkongress. 1988 wurden der steirischen Landesregierung 10.000 Unterschriften gegen den Fallenfang übergeben. Neben 19 in den Quellen genannten Demos gegen die Jagd fand im November 1990 erstmals eine Jagdstörung statt. 15 Personen der Gruppe „Free Them – Recht für Tiere“ schritten in Vitis im Waldviertel gegen die Jagd auf ausgesetzte Zuchtfasane aktiv ein und stellten sich vor die Opfer. Die Jäger_innen attackierten die Tieraktivist_innen daraufhin und eine Frau wurde von einer Schrotkugel im Bauch getroffen. Der Schütze gab später an, er habe sie mit einem Fasan verwechselt. Wie üblich bei solchen Vorfällen, leider bis heute, gab es für den Gewalttäter kein gerichtliches Nachspiel.

Insgesamt sind in den Quellen 11 Berichte von Jagdstörungen im Zeitraum 1980-1999 zu finden. Darunter eine durch die Vier Pfoten im November 1995, bei der sich die Aktivist_innen mit Handschellen an Bäume ketteten, um der Festnahme durch die Polizei zu entgehen. 40 (!) Personen hatten an der Aktion teilgenommen. Im Herbst 1996 brachte wiederum der VGT eine Fasanjagd zum Abbruch. Weiters fanden sich in den Quellen 2 Blockadeaktionen gegen die Jagd, u.a. Anfang 1996 durch die Vier Pfoten im Eingang der Jagdmesse „Die Hohe Jagd“ in Salzburg.

Interessant ist, dass es in den 1990er Jahren, vermutlich aus schierer Verzweiflung gegen die scheinbare Unantastbarkeit der Jägerschaft, zu sehr vielen Straftaten gegen die Jagd kam. Zweimal wurden die Scheiben von Restaurants mit Wildwochen im Angebot, einmal die eines Jagdwaffengeschäfts und einmal die eines Jagdgeschäfts zerschlagen. Einmal wurde „Jagd ist Mord“ auf ein Jagdgeschäft gesprayt. 14 Mal kam es im Untersuchungszeitraum zur Zerstörung von Jagdständen, wobei bei jeder dieser Aktionen gleich mehrere Jagdstände unbrauchbar gemacht wurden, einmal sogar 40 in einer Nacht. Zusätzlich wurden Schlösser von 3 Jagdfahrzeugen verklebt und 4 Mal Stinkbomben in jagdaffine Räumlichkeiten geworfen.

Laut dieser Arbeit waren im Zeitraum 1980-1999 insgesamt 71 % der Aktionen gegen die Jagd Demos, 9 % Ziviler Ungehorsam alias Jagdstörung und 20 % Straftaten. 32 % der Aktivitäten gegen die Jagd hatten eine Gesetzesänderung zum Ziel, 18 % die Durchsetzung bestehender Schutzbestimmungen, 9 % die direkte Rettung von Tieren, 20 % Bewusstseinsbildung und 20 % einen finanziellen Schaden für die Jägerschaft.

Wenn ich mir diese Statistiken von heute aus, dem Jahr 2020, ansehe, dann wird mir klar, dass das damals eine ganz andere Zeit war. Die Organisationen waren viel kleiner, aber dafür wilder, lauter und radikaler. Der Tierschutz wurde bei weitem nicht so ernst genommen und politisch bekämpft, wie heute. Dafür gab es kaum messbare Erfolge, wie gesetzliche Verbesserungen. Die Straftaten von damals sind heute völlig verschwunden, stattdessen beschädigt die Jägerschaft Tierschutzfahrzeuge. Auch Jagdstörungen gibt es nur mehr sehr selten. Der Schwerpunkt heute liegt an der Dokumentation der Tierquälereien bei der Jagd und dem öffentlichen Druck auf die Landesregierungen, dagegen etwas zu unternehmen. Und das oft mit durchschlagendem Erfolg! Statt Herrn Mensdorff-Pouilly bei seinen infantilen Entenabschießbelustigungen zu behindern, und dabei von der Jägerschaft attackiert und der Polizei verfolgt zu werden, haben wir heuer ein Verbot erreicht. Jetzt schicken wir ihm die Polizei.

Die Tierbewegung hat sich über die Jahrzehnte entwickelt. Vom Sturm und Drang zur Professionalität. Mit den entsprechenden Vor- und Nachteilen.

„Unter wilden Bären“ – ein Buch über die Bären Sloweniens

Ich bin seit jeher total begeistert davon, in Wäldern zu wandern und mit dem Zelt zu übernachten, in denen es auch Bären gibt. 15 Jahre lang bin ich dafür extra in die rumänischen und polnischen Karpaten gereist. Noch heuer will ich es in Slowenien probieren. Dieses Buch hat mich überzeugt.

950 Bären soll es in Slowenien geben, steht in diesem Werk aus dem Frederking & Thaler Verlag, erschienen 2019, von 3 österreichischen Autor_innen, von denen zwei bei mir um die Ecke in der Obersteiermark wohnen. Wenn das stimmt, ist das eine ungeheuerliche Populationsdichte. Slowenien ist gerade einmal so groß wie Niederösterreich, mit ähnlich vielen Einwohner_innen. Eine ähnliche Kultur, ähnliche Bevölkerungsdichte – warum ist das dann bei uns nicht möglich? Die Antwort lautet leider, dass sich die Jägerschaft in Österreich nicht an Gesetze hält und dabei so gut politisch vernetzt ist, dass sie nicht von der Polizei verfolgt wird. Im Jahr 2009 trieb sich der Bär Roẑnik im Stadtpark von Lubljana herum, wurde von den slowenischen Behörden ohne Verletzung vertrieben und wanderte nach Österreich. Innerhalb von 2 Tagen war er tot. Erschossen mutmaßlich von einem Jäger und Fleischhauer, in dessen Auto man seine Haare gefunden hat. Im Jahr 2017 erlitt der Bär Rudolf ein ähnliches Schicksal.

Dabei war um 2000 herum im niederösterreichisch-steirischen Grenzgebiet eine veritable Bärenpopulation vorhanden. 2 Mal ging ein Bär zu Mittag durch das Dorf in meiner Nähe, 1 Mal sah ich einen Bären auf 1200 m bei mir am Hochschwab in einem See schwimmen. 31 Jungtiere sollen bis 2007 hier geboren worden sein, doch alle verschwanden nacheinander – und endeten ausgestopft in den Kellern der Jägerschaft. Eine sehr tragische Geschichte, die der zweiten Ausrottung der Bären in Österreich.

Doch zurück zur Erfolgsgeschichte der Bären in Slowenien. Für Menschen, die sich für unsere mitteleuropäische Bärenpopulation interessieren, ist dieses Buch ein Muss. Ich habe ehrlich noch nie so viele so gute Fotos von wild lebenden Bären gesehen! Großartig, amüsant, imposant – in jedem Fall beeindruckend. Auch die Informationen zu den Bären in diesem Buch sind sehr wertvoll. So lernen wir, dass seit 1966 kein Mensch mehr von einem Bären in Slowenien getötet worden ist. Und wer meint, auch einer sei bereits zu viel, sollte das Interview mit dem Sohn des Opfers lesen, der überhaupt keinen Groll gegen die Bären hegt. Sein Vater ist damals im Winter versehentlich durch die Schneedecke in die Winterhöhle einer Bärin eingebrochen. Unfälle passieren, meint der Sohn, der zu dieser Zeit 9 Jahre alt war.

Interessant ist auch das Faktum, dass diese 950 Bären erstaunlich wenig Schaden anrichten, jedenfalls deutlich weniger, als in Regionen mit viel weniger Bären. Die Begründung: Eine etablierte Bärenpopulation hat sich an ihre Naturregion angepasst und kann sich leicht selbst versorgen. Gleichzeitig sind die Menschen dort auf die Präsenz von Bären eingestellt und schützen ihre Nutztiere und Bienenstöcke. Es ist also möglich, mit so vielen Bären im dicht besiedelten Mitteleuropa zusammen zu leben. Keine Ausrede mehr!

Oja, eine gibt es, und die wird auch im Buch erwähnt. Die Almen! Natürlich gibt es auch in Slowenien welche, allerdings nur im alpinen Teil, wo deutlich weniger Bären leben. Im Süden gibt es nur Waldberge, wie in Österreich im Wienerwald oder zwischen Hochschwab und Ötscher. Und hier werden die Autor_innen verhalten kritisch. Deutliche, klare Worte finden sie dazu nicht, nennen aber die biologische Vielfalt auf Almen eine „gebetsmühlenartig wiederholte“ Rechtfertigung. Dann zitieren sie den Biologen Erich Weigand vom Nationalpark Kalkalpen: „Der Ursprung der Artenvielfalt liegt eben nicht in der Kulturlandschaft, sondern rührt vom möglichst wilden, naturbelassenen Umland“ her. Und dann sagen sie: „Mit den großen Raubtieren lässt sich vielleicht nicht mehr jede Alm bewirtschaften, aber führt das automatisch in den touristischen Ruin? Oder fürchten wir uns einfach vor so viel wiedererstarkter Wildnis?“

In Slowenien boomt der Bärentourismus. Man kann Fotohütten mieten und auf Fotosafari gehen, oder auch an einer der vielen Futterstellen Bären beobachten. Insgesamt überwiegen die Einnahmen durch Bärentourismus bereits bei weitem die Schäden, die sie anrichten. Aber auch die Jagd ist leider wieder erlaubt. Jährlich werden Quoten von 10-20 % festgelegt. Die Abschüsse verkauft man für gut € 3000 pro Bär an Trophäenjäger_innen aus Deutschland und Österreich. Sofort wird klar, warum bei uns die Bären sterben müssen: die Jägerschaft will sich die € 3000 ersparen!

„Seit vielen Jahren habe ich das große Privileg, in unberührter Natur mit wilden Bären zusammenleben zu dürfen“, so Reno Sommerhalder im Nachwort. „Es gibt keine Worte, die angemessen beschreiben könnten, wie sich das anfühlt. Man muss den regelmäßigen Aufenthalt in der Wildnis selbst erleben“. Genau so ist es.

„Europa“: ein Plädoyer für Wildnis und gegen die invasive Nutzung der Natur

Tim Flannery ist Biologe und Paläobiologe aus Australien mit europhiler Neigung. Insider_innen ist er für seine spannenden, informativen und sehr bereichernden Bücher bekannt, wie zuletzt „Die Klimawende“ von 2015 oder eben jetzt „Europa. Die Ersten 100 Millionen Jahre“, erschienen im Insel Verlag.

Dieses Buch ist ein Höllenritt durch die 100 Millionen Jahre, seitdem man von dem Kontinent Europa sprechen kann. Anfänglich ein Archipel im Tethysmeer, mit Inseln wie Hateg, auf denen giraffengroße Vögel mit 3 m langem Schnabel die Gegend unsicher gemacht haben, entwickelt sich eine Landmasse, auf der vor 30 Millionen Jahren Tiere wie das „Höllenschwein“ gelebt haben, oder der Hoplitomeryx auf der mittlerweile versunkenen Mittelmeerinsel Gargano, ein Hirsch mit 5 Hörnern, eines davon zwischen den Augen.

Ja, und dann kamen die Menschenaffen. Der erste vor etwa 25 Millionen Jahren entwickelte sich noch in Afrika, doch schon Griphopithecus (Urahn der heutigen Großen Menschenaffen) entsteht vor 17 Millionen Jahren in Europa, Nacholapithecus (der letzte gemeinsame Vorfahre von den Großen Menschenaffen) vor 13 Millionen Jahren ebenfalls in Europa, Hispanopithecus (Vorfahre von Gorilla, Schimpanse und Mensch) vor 11 Millionen Jahren ebenfalls in Europa und Graecopithecius, der früheste Vorfahre der menschlichen Abstammungslinie, vor 7 Millionen Jahren ebenfalls in Europa.

Dann verschwinden die Menschenaffen wieder und es kommen die Eiszeiten. Bis Homo erectus aus Afrika vor 1,8 Millionen Jahren in Europa einwandert. Vor 800.000 Jahren etwa beginnen die Neandertaler in Europa als einzige Menschenaffen zu leben. Sie dürften sich hauptsächlich als Jäger_innen von der eiszeitlichen Megafauna ernährt haben. Deshalb war ihre Populationsdichte sehr gering. Und dann kam vor 38.000 Jahren der heutige Mensch nach Europa, Homo Sapiens, und ab da ging es nur noch bergab.

Lustig: Homo Sapiens hatte eine deutlich höhere Populationsdichte als der Neandertaler, weil er eine wesentlich mehr pflanzenbasierte Ernährung hatte. Wie wir wissen sinkt die Populationsdichte einer Tierart, je mehr sie nur von Fleisch lebt. Wölfe sind viel seltener als Braunbären, z.B., die ja mehrheitlich vegetarisch leben. Laut Flannery war es die höhere Populationsdichte, die es dem Homo Sapiens ermöglichte, in kürzester Zeit den Neandertaler auszurotten: nicht aber ohne sich vorher mit ihm zu paaren und einen Gutteil seiner Gene zu übernehmen. Bis heute sind 40 % der Gene der Neandertaler in den jetzt lebenden Menschen vorhanden.

Dennoch, und weniger lustig: mit Hilfe seiner Feuerstein-Pfeil- und -Speerspitzen rottete der Mensch systematisch alle Tierarten aus, von den größten zu immer kleineren. Zuerst starb der Waldelefant in Europa aus, dann das Waldnashorn, dann das Steppennashorn, das Wollnashorn, der Höhlenbär, die Höhlenhyäne, das Wollmammut, der Riesenhirsch, der Moschusochse (in Europa), die Saiga-Antilope (in Europa), Leopard, Löwe, Steinbock (fast), Auerochse, Wisent, Bison, Elch, Rentier usw. Das lässt sich, laut Flannery, gut beweisen, weil Klimaänderungen dafür nicht verantwortlich sein können, und weil überall dort Restpopulationen existierten, wo es noch keine Menschen gab, die dann sofort mit Erscheinen des Menschen erloschen. Hirsch, Reh, Wolf und Bär überlebten nur in marginaler Zahl in isolierten Orten. Lediglich die kleineren Tiere ab Fuchsgröße konnte der Mensch nicht ausrotten, obwohl er sich redlich bemühte, weil er ihrer nicht in ausreichender Zahl habhaft werden konnte.

Jetzt versteht man, warum der Wald heute, was größere Säugetierarten betrifft, so leer wirkt. In Nordamerika, mit einer viel geringeren Populationsdichte, gibt es immerhin noch den Schwarzbär und den Puma. Und in Afrika kann sieht man auf einer Safari mit Leichtigkeit jeden Tag zahllose große Tiere, vom Elefanten über die Giraffen bis zu den Löwen. Ich brauche es nicht dazu erwähnen: Hirsch und Reh hat der Mensch sich extra für die Jagd gezüchtet, weshalb sie überleben durften. Aber alles andere musste gehen. Und nun sterben die Vogelarten und die Insekten rasant aus.

Doch es gibt Licht am Horizont. Zuletzt entwirft Flannery eine Utopie, die mich sehr beeindruckt. Er lädt uns zu einer Zeitreise 280 Jahre in die Zukunft ein. Die Menschen in Europa sind vernünftig geworden. Sie haben sich nicht weiter vermehrt und sind auf eine pflanzenbasierte Ernährung umgeschwenkt. Die meisten Menschen leben in Megastädten, umgeben von groß angelegten Treibhäusern, in denen sie ihre Nahrung ganzjährig anbauen. Doch zwischen diesen Megastädten herrscht die Wildnis und der Urwald. Keine Nutzung, weder forstlich noch landwirtschaftlich. Anfänglich, so entwirft Flannery die zukünftige Entwicklung, habe man noch große Nationalparks angelegt, in denen wieder eine Megafauna mit Waldelefant und Waldnashorn, Löwe, Leopard, Hyäne, Auerochse, Bison, Riesenhirsch usw. leben konnte. Dann, schließlich, wurden diese Nationalparks zusammengeschlossen und nahmen letztlich praktisch die gesamte Fläche ein. Menschen, die sich dieser Naturwelt ohne Waffen und invasiver Nutzung aussetzen wollen, leben im Urwald und den von der Steppenfauna geöffneten Wiesen. Der Rest der Menschheit in den Metropolen, die unterirdisch miteinander verbunden sind.

Europa hätte damit, so Flannery, die Zukunftsvision für die Menschheit entwickelt und die Verantwortung für die Erhaltung der Tierarten und der wilden Natur übernommen, um Afrika und Asien zu entlasten.

Wow, kann ich nur sagen. Wenn sich die Menschheit in diese Richtung entwickeln würde, dann könnte ich sie wieder lieb gewinnen. Ich wäre der erste, der sich um einen Platz im Urwald anstellen würde!

Flannery endet mit den Worten: „Hoffen wir, dass die heutige Generation eine Geburtshelferin mit Weitblick ist!“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Buchrezension: „Wildkräuter Outdoor Küche für Kinder“, Freya Verlag

In der Natur mit Kindern und vegan – eine Kombination so ganz nach meinem Geschmack. Unsere Kinder bestimmen die Zukunft unserer Gesellschaft, und da insbesondere, wie mit der Natur und den Tieren umgegangen wird. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, mit den eigenen Kindern sehr häufig draußen in möglichst unberührter Natur zu sein. Damit meine ich nicht, in den Bergen von einem Gipfel zum nächsten zu rasen, sondern einfach draußen sein, der Natur zuhören, sie ansehen und alles auf sich wirken lassen. Am besten geht das natürlich, wenn man gleich über Nacht draußen bleibt.

Nur leider wird immer noch ein naturnahes Leben mit dem Jagen und Töten von Tieren verbunden. Die Natur sei nun einmal hart, dort gelte das Recht des Stärkeren. Der Abenteurer Nicolas Vanier berichtet stolz, dass er seine 1 ½ jährige Tochter dazu gebracht hat, bis zum Knöchel im Blut eines Elchs zu stehen, den er selbst geschossen hat, ohne sich unwohl zu fühlen. Und Gatterjägermeister Mayr-Melnhof freut sich darüber, dass sich seine Tochter zum 10. Geburtstag den Abschuss eines Hasen wünscht. Wie schön wäre aber die Gesellschaft, wenn unsere Kinder stattdessen die rückhaltlose Liebe zu den Tieren lernen würden. Wenn sie sie zu achten und zu respektieren lernen, und sie zu schützen, nicht zu töten! Könnten wir so nicht eine ganz andere Welt schaffen?

Dieses Buch zweier Schwestern, Jennifer Frank-Schagerl und Corinna Frank, Erlebnis- und Kräuterpädagoginnen, ist ein Schritt in diese Richtung. Es verbindet das Outdoorabenteuer zwanglos mit einem veganen Grillessen am Lagerfeuer, noch dazu mit von den Kindern selbst gesammelten Pflanzen. 15 Kräuter werden vorgeschlagen, die sich dadurch auszeichnen, dass es sie fast überall gibt und dass man sie kaum mit Giftpflanzen verwechseln kann. Tatsächlich wachsen alle diese Pflanzen bei mir in der Obersteiermark ums Haus. Und sie schmecken!

Dazu gibt es in diesem Buch 36 Rezepte, wie diese Pflanzen leicht und rasch am Lagerfeuer zu einem leckeren Essen zubereitet werden können. Diese reichen von einem mit Kräutern garnierten Steckerlbrot, über Haferflocken-Brennessel-Suppe oder Hirtentäschel-Bohnen-Nuggets, bis zu Süßigkeiten wie heiße Gundelreben-Schokolade. Die Ideen sind dabei so simpel, dass sie leicht umsetzbar sind. Gleichzeitig wirken sie geschmacklich so interessant, dass ich einige mit meiner Tochter ausprobieren werde. Abgesehen davon hat das Buch ein kinderverträgliches, lustiges Layout.

Die Natur kann Kindern sehr viel geben, fürs ganze Leben. Doch wir wollen keine Blutspur hinterlassen, nicht Angst und Schrecken unter den Tieren verbreiten, sondern bescheiden und respektvoll staunen. Dieses Buch kann dabei helfen, das Naturerlebnis mit unseren Kindern in diese Richtung zu lenken.

„Der Wolf“ – ein neues Buch seitens der österreichischen Jägerschaft

Oh, dachte ich, als ich hörte, dass ein neues Buch zur Situation der Wölfe in Österreich erscheinen wird, das könnte spannend sein. Dann las ich, dass der jagdaffine Klaus Hackländer Herausgeber ist und strich es wieder aus meiner „to read“-Liste. Schließlich warf ich doch einen Blick hinein und, siehe da, es enthält tatsächlich einige spannende Fakten.

Zwar muss man Vor- und Schlusswort von Hackländer überstehen, in denen er z.B. „alle“ zur Diskussion einlädt, nur den Tierschutz nicht. Dass Tierschutz für Hackländer ein Fremdwort ist, wissen wir spätestens seit seinem Expertengutachten für die Anklage im Tierschutzprozess, siehe den Bericht zum 41. Prozesstag, an dem er sein Gutachten vorgestellt hat: http://tierschutzprozess.at/tierschutzprozess-41-tag/. Da gab er klar zu verstehen, dass Tierleid für ihn nur eine menschliche Wertvorstellung sei, die man nicht naturwissenschaftlich objektivieren könne. Demnach könne man nicht objektiv sagen, dass es Nerze in einem winzigen Pelzfarmkäfig schlechter hätten, als Nerze in freier Wildbahn. Wäre das so, würde das eine Bankrotterklärung für die Naturwissenschaft sein. Ich glaube zu so einer Meinung bedarf es keines weiteren Kommentars. Klar ist, wer so denkt, hält Tierschutz im gesellschaftlichen Diskurs für völlig obsolet und sieht keinen Bedarf, Tierschutz in irgendeine Diskussion, geschweige denn eine über die Jagd oder den Wolf, mit einzubeziehen.

Dennoch ist meine Schlussfolgerung, gleich vorweg, dieses Buch trotz Hackländer sehr zu empfehlen. Zwar gibt es einige Artikel, die man besser überblättert, wie z.B. einen undifferenzierten und unwissenschaftlich gehaltenen Aufruf zur sofortigen Ausrottung der Wölfe vom NÖ Bauernbund und ein ähnlich niveauloses Plädoyer für den Abschuss der Wölfe vom Generalsekretariat Jagd Österreich, in dem sogar mit der Verminderung des Pachtwertes und der Beeinträchtigung der Jagd durch die Präsenz des Wolfes argumentiert wird. Dabei hat sich die Jagd Tierschutz und Ökologie unterzuordnen. Doch gerade in einem jagdaffinen Buch wirken die tatsächlich vorhandenen Fakten pro Wolf besonders schwer und werden kaum angreifbar sein.

In einem Artikel über die Biologie des Wolfes ist davon die Rede, dass in Österreich die europaweit größten Schalenwilddichten herrschen und unser Land mit über 50 % Waldanteil grundsätzlich sehr gut für den Wolf geeignet ist. Ökologisch betrachtet könnten sich also in Österreich einige hundert Wölfe ansiedeln.

Der Wolfsbeauftragte Georg Rauer liefert sämtliche Daten zur Wolfspräsenz in den letzten 15 Jahren. Im Jahr 2018 gab es demnach 35 Wölfe in Österreich mit 3 Rudeln im Waldviertel, deren Territorien mit Ausnahme jenes des Truppenübungsplatzes allerdings nach Böhmen überlappen. Weibliche Tiere sind sonst nur noch in Kärnten nachgewiesen. Männliche Tiere allerdings quer durch Österreich vor allem in den Bergen, 10 davon bei mir in der Obersteiermark. Allerdings konnten nur 2 dieser Wölfe über 3 Jahre verfolgt werden, der Rest ist wieder verschwunden.

Eine Wildbiologin, die Gutachten für die Jagd verfasst, muss in ihrem Artikel zugeben, dass Reh, Hirsch und Wildschwein durch die menschliche Jagd deutlich mehr gestresst werden, als durch die Präsenz des Wolfes. Klaren Aussagen über die Auswirkung des Wolfes auf die Wilddichten und auf den Verbiss am Wald, oder auch über die trophischen Kaskaden, die in verschiedenen Studien eine sehr positive Wirkung des Wolfs auf die Ökologie belegt haben, weicht sie aber aus, indem sie meint, alles sei irgendwie noch offen. Dass allerdings die von ihr so befürworteten Fütterungen von Hirschen und Rehen bei der Präsenz von Wölfen in Frage gestellt werden müssen, klingt doch in ihrem Text durch.

Sehr positiv sind mir neben dem Artikel von Rauer noch 3 weitere aufgefallen. Da wird die Auswirkung der Wolfspräsenz auf die Almen analysiert und befunden, dass sich beides nicht ausschließt. Dann aber brechen die Autor_innen endlich mit dem Tabu, dass jede Alm um jeden Preis erhalten werden muss. Viele Almen seien übernutzt und überdüngt, sodass eine Wiederbewaldung die deutlich bessere Option wäre. Nicht zuletzt, füge ich hinzu, weil der Wald der Atmosphäre CO2 entzieht und damit die Klimakrise entschärft.

In dieselbe Kerbe schlägt eine in einem weiteren Artikel präsentierte Studie über die touristische Nutzung von Almen. Lediglich 10,6 % der Befragten bevorzugen menschlich geprägte Natur und lehnen den Wolf rigoros ab. Dem Rest wäre eine Wiederbewaldung von Almen sogar lieber. Die Menschen mögen mehrheitlich Landschaften mit 60-80 % Waldbedeckung und sehen die Präsenz von Wölfen nicht negativ.

Interessant ist auch ein Artikel über Herdenschutz, der bei weitem nicht schlussfolgert, dass Schutzzäune oder Herdenschutzhunde keine Wirkung hätten, obwohl der Autor selbst Obmann des Österreichischen Bundesverbandes für Schafe und Ziegen ist. Ein wirksamer Schutz ist möglich, so der Autor, nur kostet er viel und das sollte der Staat den Nutztierhalter_innen ersetzen. Aber wie kommen die Veganer_innen unter den Steuerzahler_innen dazu, frage ich mich an dieser Stelle, Nutztierhaltung zu unterstützen? In einem weiteren Artikel werden konkret die Zusatzkosten für Herdenschutz für verschiedene Almen vorgerechnet. Die Summen sind jedenfalls nicht vernachlässigbar.

Alles in allem bin ich sehr positiv von diesem Buch überrascht. Es räumt mit vielen der hetzerisch verbreiteten Unwahrheiten über den Wolf auf, so auch mit dem Märchen, er würde den Menschen gefährden. Und das aus der jagdaffinen Ecke! Da würde ich doch gerne hören, wie die Radikalen und Unbelehrbaren aus Jagd und Nutztierhaltung da dagegen halten.

Die bewegte Geschichte des größten Jagdgatters Österreichs: Der Lainzer Tiergarten

100 Jahre ist er 2019 alt, der Lainzer Tiergarten, dieses einerseits beliebte Ausfliegsziel der Wiener_innen, dessen liebliche Landschaft aber andererseits die düstere Geschichte von Massenabschüssen eines Jagdgatters überdeckt. Aus Anlass des Jubiläums hat die Stadt Wien nun ein Buch mit dem Titel „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“ herausgegeben. Eigentlich ist es eine Neuauflage, weil ein Buch mit demselben Titel bereits 1923 erstmals erschienen ist. Und eigentlich ist es kein Jubiläum, weil der Lainzer Tiergarten unter dem Namen „kaiserlicher Tiergarten“ eine viel längere Geschichte hat. Das Buch ist aber äußerst spannend und allen zu empfehlen, die sich auch ein bisschen für die Grätzelgeschichten der Friedensstadt und der Gegend um die Kirche St. Hubertus interessieren. Ein bisschen ist es auch eine Geschichte der Jagd in Österreich und eine Geschichte des Verhältnisses der Menschen zur Natur. Auch der VGT wird im Buch als Teil der Geschichte des Lainzer Tiergartens erwähnt.

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3rd Battle of Newbury: ein neuer Film bestätigt ein Kapitel in meinem Buch

Als ich davon gelesen habe, war ich begeistert! Der so breite Widerstand gegen die megagroßen Straßenbauprojekte der Thatcher Ära, die die letzten Reste von ursprünglicherer Natur auf den Britischen Inseln zerstören sollten, wird in einer Dokumentation filmisch thematisiert. Und ich war dabei! Tatsächlich habe ich an mehreren Protestcamps gegen solche Projekte teilgenommen, darunter Twyford Down und eben beim Newbury Bypass. Letzteres wurde durch zahlreiche Baumdörfer so lange behindert, dass schließlich die Baukosten astronomische Höhen erreichten und die allermeisten späteren Bauprojekte gestoppt wurden.

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„Tierschützer. Staatsfeind“ – ein Buch über U-Haft und Gerichtsverhandlung im Tierschutzprozess

Normalerweise rezensiert man nicht seine eigenen Bücher. Die Beurteilung über deren Qualität und den persönlichen Eindruck, den sie einem vermitteln, muss man anderen überlassen. Außer man hat das jeweilige Buch vor 10 Jahren geschrieben. Dann hat man nämlich vieles darin schon vergessen und liest alles tatsächlich ein bisschen wie ein Außenstehender.

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