VGT-Kampagnen

Zu Besuch bei einem etwas anderen Schweinebetrieb

Mehrmals wurde ich angerufen, ich solle mich doch für einen gewissen Schweinebetrieb interessieren, das sei eine echte Alternative. Zunächst wollte ich meine Zeit dafür nicht investieren. Jetzt sind wir gerade in der Zielgeraden bei unserer Kampagne gegen den Vollspaltenboden in der Schweinehaltung, und eingestreute Mehrflächenbuchten als Alternative hatte ich schon oft gesehen. Doch schließlich ließ ich mich breitschlagen und mir den Betrieb zeigen. Und ich habe es nicht bereut.

Ein 2 ha großes Kukuruzfeld ist dort eingezäunt, in Loipersdorf bei St. Pölten, im Betrieb der Brüder Hubmann. Und in diesem Feld befinden sich 6 Schweinegehege mit zusammen 350 Tieren auf 2.000 m². Gehege beschreibt irgendwie nicht, um was es geht. Für die etwa 60 Schweine pro Einheit gibt es jedenfalls ein großes, wetterdichtes Zelt und ein mit Platten, die einfach auf dem Boden stehen, eingezäuntes Areal mit Naturboden. In 6 Minuten würde sich dieser Plattenzaun mit den Händen aufstellen lassen, wurde mir gesagt. Und es muss auch recht leicht gehen, das System ist nämlich eine Wechselweide. Damit der Boden nicht zu sehr durch Nitrateinträge belastet wird, wird das Gehege einfach alle 4 Monate verschoben.

Durch den leicht verstellbaren Zaun kann man den Tieren im Handumdrehen eine größere Fläche bieten. Ab 2 m² pro Tier, so die Betreiber, fühlen sich die Schweine merkbar wohler. Hier haben sie bis 5 m² pro Tier, und zwar von Mastbeginn an. Der gesamte Boden ist tief mit Stroh eingestreut. Das ist ein ganz schön großer Strohbedarf, aber der Betrieb hat 100 ha Ackerfläche und da kommt einiges zusammen, wenn man Weizen anbaut. Unter dem Zelt bleibt das Stroh trocken, außerhalb wird es natürlich feucht. Die Schweine koten an den Rändern des Geheges. Das Stroh wird nicht ausgetauscht, sondern nachgestreut. Dafür hievt man einfach die Strohballen mit dem Traktor über den Zaun, den Rest besorgen die Schweine selbst.

Der Strohstaub wird durch den Wind fortgeblasen. Tatsächlich habe ich die Schweine bei meinem fast 3 stündigen Besuch nie husten gehört. In der Vollspalten-Schweinefabrik haben 50 % der Tiere eine Lungenentzündung. Ein weiterer Vorteil ist die Nahrung. In der Tierfabrik wird das Futter durch Rohre in Tröge gepumpt, es muss also flüssig sein. Das ist nicht artgerecht, die Tiere bekommen alle Durchfall. Hier steht eine Futterstelle mit 16 Plätzen für Trockenfutter im Gehege und Grünfutter, wie Gras, Klee und der allgegenwärtige Kukuruz, oder Weizenkleie werden hinein geworfen.

Es gibt auch ständig fließendes Wasser, das sich die Schweine durch Tränken selbst besorgen können, und eine Suhle. Dort wälzen sie sich, wenn die Sonne heiß herunter brennt. Im Winter wird nur der hintere Teil des Zeltes verschlossen. Laut Betreibern können sich die Schweine wunderbar selbst warm halten, ja würden sogar bei -10°C im Freien liegen. Vielleicht hilft da auch die Kompostierungswärme, die vom Stroh ausgeht. Das ist nämlich mit Pilzen versetzt, sodass aus Kacke und Urin, die separat gebunden und nicht gemischt werden, letztlich wohlriechender Humus entsteht. Nach Mastende wird dafür das akkumulierte Stroh für 6 Wochen in eine Kompostieranlage gegeben. Das war auch bemerkenswert an diesem Projekt: es war kaum zu riechen. Zwar regnete es am Tag meines Besuchs, was erfahrungsgemäß die Gerüche reduziert, aber Schweinefabriken stinken auf 1 km Entfernung. Hier war das ganz anders.

Die Tiere wirkten auf mich gesund und kräftig. Ich habe keine geschwollenen Gelenke gesehen, keine Kratzer, keine Bissverletzungen. Die Schwänze der Tiere waren kupiert, aber in so kleinen Mengen würden keine nichtkupierten Ferkel geliefert, erklärte man mir. Laut Betreiber hätten sie bisher in den 2 Jahren des Bestehens dieses Projekts einmal nichtkupierte Schweine gehabt und es habe auch da kein Schwanzbeißen gegeben. Alte nekrotische Ohrstellen habe ich gesehen, aber die stammen aus der Zuchtanlage, wo die Schweine ihre Vormast auf Vollspaltenboden verbringen müssen. Der Zuchtbetrieb, der an dieses Projekt liefert, ist eben eine übliche Tierfabrik. Die Betreiber planen in Zukunft selbst auch eine Zucht zu beginnen, ebenfalls mit Zelt und freier Abferkelung. Wir dürfen gespannt sein.

Der Betrieb ist keine Bio-Freilandhaltung. Da hätten die Schweine noch viel mehr Platz. Diese Haltungsform wäre also eine echte, machbare Alternative zu den Schweinefabriken mit Vollspaltenboden. Eine Massenproduktion, die für unmittelbare Verbesserungen notwendig ist, solange die Menschen so viel Schweinefleisch essen, aber die Tiere deutlich besser gehalten werden sollen. Und das leistet dieses Projekt ohne jeden Zweifel: eine unvergleichlich viel bessere Schweinehaltung als die Norm.

Doch die wahre Zukunft des Betriebs steht in den Sternen. Die BH hat bisher keine Genehmigung erteilt, offenbar fürchtet man um die Nitratbelastung des Grundwassers. Oder man möchte so innovative Projekte überhaupt verhindern, weil sie die üblichen Schweinefabriken infrage stellen. Mit High Tech ist man in der Tierhaltung in eine Sackgasse geraten. Aber wenn man vor dem Abgrund steht, sollte man einen Schritt zurück und nicht nach vorne gehen. Zurück zur simplen Haltung im Freien. Das braucht keinen versiegelten Boden, keine riesigen Fabrikshallen und Güllebecken, keine automatische Belüftung und Klimaanlage, keinen Feuermelder, kein Güllesystem und keine Futtermaschinen. Nur ein Zelt, einen per Hand aufgestellten, mobilen Zaun und ein bisschen Stroh. So einfach ist das. Bemerkenswert.

Der Skandal: Es gibt keine Subventionen für dieses Projekt, weder für die Investition am Anfang, noch für den Dauerbetrieb. Die Brüder Hubmann müssen gänzlich ohne finanzielle Hilfe auskommen. Sie meinen aber, dass der Preis pro kg Schweinefleisch lediglich um 10-20 % höher sein müsste, damit sich ihr Haltungssystem auszahlt.

In der Nachbarschaft ist heuer wieder eine neue Vollspaltenboden-Schweinefabrik gebaut worden. € 800.000 Baukosten, davon € 100.000 aus Steuergeldern. Im Jahr 2021, wenige Monate vor deren Verbot! Vielen Dank, Frau Landwirtschaftsministerin, dass Sie wieder einmal diametral gegen die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung handeln, um Ihrem Klientel, der Tierfabriksindustrie, die Profite zuzuschieben.

Die wundersame Geschichte der Schweine-Geschwister Mickey und Jackie

5 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Österreichs Tierfabriken geboren. Ungesehen und ungeliebt fristen sie ihr Dasein auf Vollspaltenboden im eigenen Kot, von Parasiten befallen, im ständigen Konflikt mit Artgenossen, die sich aus Platzmangel um sie drängen müssen, in Ohren und Schwänze gebissen. Unweigerlich entzünden sich die Gelenke, sodass die Schweine nur mehr unter Schmerzen aufstehen und den einen Schritt gehen können, den ihnen die Enge erlaubt. Bis sie dann eines verhängnisvollen Tages aus der Schweinefabrik auf die Rampe eines Tiertransporters getrieben werden. Ein kurzer Blick in die Sonne, ein Blinzeln, ein Einsaugen der ungewohnten Gerüche und schon zwingen Schläge zum Weitergehen. Einmal noch, einen kurzen Moment, kann das anonyme Schwein nach der Ankunft die Sonne sehen, ehe es im Bauch der Schlachtfabrik verschwindet, in der Gaskammer betäubt, an den Beinen aufgehängt, mit einem Kehlstich zum Ausbluten gebracht. 15.000 Mal jeden Tag!

Das hatte das Schicksal auch für Mickey und Jackie vorgesehen, ehe beherzte Menschen sie aus der Anonymität rissen. Als sie im Mutterleib durch künstliche Befruchtung entstanden, war von ihrer Zukunft noch nichts zu merken. Alles ging seinen üblichen Gang. Das arme Muttertier musste in der Pöttelsdorfer Schweinezucht von der Befruchtung bis zur Geburt ununterbrochen in einem körpergroßen Käfig, dem sogenannten Kastenstand, verbringen. Eigentlich ist das seit 2012 verboten, weil ab da die Schweinemütter wenigstens das Recht darauf hätten, die Hälfte der Zeit außerhalb des Käfigs auf einem Gang mit Vollspaltenboden zu verbringen. Doch darum kümmerte man sich in dieser Schweinezucht nicht. Alle 50 Jahre im Mittel eine Kontrolle! Wem sollte das schon auffallen? Ein denkbar schlechter Lebensbeginn für unser Geschwisterpaar.

Geboren wurden sie schließlich nach 3 Monaten, 3 Wochen und 3 Tagen in einer sogenannten Abferkelbucht. Die Mutter wieder in einem Kastenstand, vor, während und nach der Geburt, die gesamte Zeit hindurch. Kein Stroh weit und breit. Nur Metallstangen, Betonboden, strukturlose Buchtenwände und ein höllischer Gestank. Um die Zitzen der Mutter mussten sie sich raufen, weil oft genug mehr Kinder geboren werden, als die Mutter überhaupt Zitzen hat. So fallen die Schwächsten von vornherein aus und man muss gar kein Geld in sie investieren. Hätten eh nur wenig Profit gebracht. Das ist die Logik der industriellen Schweineproduktion.

Mickey erwartet nun eine schreckliche Prozedur. Brutale Hände greifen ihn, heben ihn auf und schneiden ihm ohne jede Betäubung einfach so die Hoden heraus. Dann werden diese achtlos weggeworfen. Zurück bleibt das verzweifelt schreiende Schweinekind, das unfassbare Schmerzen leidet. Die Mutter kann nicht helfen, ist selbst durch die jahrelange Haltung in einem körpergroßen Käfig geistig weggetreten. Keine Schweineseele kann so etwas aushalten!

4 Wochen nach der Geburt die Trennung der Kinder von der Mutter. Sie werden sie nie wieder sehen. Das arme Mutterschwein wird ohne viel Aufsehen wieder in den sogenannten „Deckstall“ gebracht, um künstlich befruchtet zu werden, und der Zyklus beginnt von vorne. Es gibt kein Entrinnen. Mickey und Jackie landen mit vielen anderen Ferkeln in der Vormast. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht. Wie jedes verlassene Säugetierkind, weinen sie nach der Mutter. Aber umsonst. Niemand hört sie, der mit ihnen mitfühlen und ihnen helfen würde.

Einige Wochen später werden sie ein weiteres – und dem üblichen Prozedere nach letztes – Mal übersiedelt: in die große Schweinemastfabrik, die ebenfalls in Pöttelsdorf steht, in Sichtweite der Schweinezuchtfabrik. Die Besitzer:innen der beiden Fabriken sind Geschwister. Es bleibt also alles in der Familie, sozusagen. Mickey und Jackie sind jetzt dem Vollspaltenboden ausgesetzt. Ein harter Betonboden mit scharfkantigen Spalten. Überall klebt Kot, weil niemand diesen Boden reinigt. Mickey und Jackie entwickeln zunächst Schwielen an den Beinen und dann entzünden sich die Gelenke. Es dauert nur wenige Wochen, bis sich golfballgroße Geschwülste bilden. Und dazu beißende Luft, die im Hals kratzt. Die feine Schweinenase ist bald überlastet. Mickey und Jackie beginnen ständig zu husten. Auch die Lunge entzündet sich.

Platz ist keiner, in diesen Buchten. Nur 0,55 m² Vollspaltenboden ohne jede Einstreu stehen bis zu 85 kg schweren Schweinen in Österreichs Schweinefabriken zur Verfügung. So auch hier. Ansonsten nur monotone Wände, Kot, Kakerlaken, Güllemaden, Spulwürmer. Und Schweinekörper, wohin man sich auch wendet. Natürliches Licht kommt kaum durch die milchglasigen Fenster. Wie die Welt draußen aussieht, entzieht sich der Erkenntnis unseres Geschwisterpaars. Vermutlich kommen sie auch gar nicht dazu, darüber nachzudenken. Jeden Tag, ja jede Minute gilts nur zu überleben, unter diesen grausigen Verhältnissen. Mit € 8.000 Steuergeld jährlich wird diese Schweinefabrik von uns allen subventioniert.

Und dann, eines Nachts, ein Lichtschein. Ungewöhnlich. Die Schweine schrecken auf. Menschen betreten die Schweinebucht von Mickey und Jackie. Es ist Donnerstag der 5. August 2021, etwa 5 Uhr früh. Die Aufregung unter den Schweinen ist groß, auch wenn die Menschen sanft sprechen und ihre Hände zärtlich streicheln. Unerwartet, weil sonst bedeuten Menschenhände ja nichts Gutes. Mickey und Jackie schlüpfen durch das offene Buchtentor auf den Gang. Hier sind sie ihrer Erinnerung nach noch nie gewesen.

Da öffnet sich eine Tür ins Freie. Frische Luft strömt herein. Mickey und Jackie heben ihre Rüssel in den Wind. Begeistert analysieren sie, was es da für Düfte gibt. So interessant und angenehm hat es in ihrem Leben noch nie gerochen. Beide zögern jetzt, die ungewohnte Umgebung da draußen in der Dunkelheit verunsichert sie. Zärtlich schieben Menschenhände von hinten an. Dann gewinnt der Drang zur Freiheit die Oberhand. Zuerst hüpft Mickey und dann Jackie hinaus in die Nacht.

Während die Retter:innen im dunklen Wald verschwinden, werden die beiden Schweine von einer großen Gruppe von Tierschützer:innen in Empfang genommen, die gerade erst angekommen ist. Es ist nun 6 Uhr früh und das erste Sonnenlicht berührt die Schweinehaut. Ein Lastwagenfahrer hatte auf dem Parkplatz der gegenüber liegenden Kläranlage in seinem LKW übernachtet und damit den Zeitplan der Tierschützer:innen gehörig durcheinander gewirbelt. Noch steht nirgends ein Zaun, wo die beiden Schweine untergebracht werden könnten. Die machen sich daher auf die Wanderschaft, dicht begleitet von einer zunehmend verzweifelten Gruppe von Tierschützer:innen, während fieberhaft ein Freigehege errichtet wird.

Für Mickey und Jackie ist das der bisher schönste Moment ihres Lebens. Was es da nicht alles zu erkunden gibt! Das Gras hier kann man sogar essen. Erstaunlich, wie wenig sie sich gestresst fühlen. Die Neugier überwiegt jedenfalls. Endlich steht ein erstes, provisorisches Gehege und die Schweine werden hinein dirigiert. Dort finden sie frisches Obst und Gemüse – und Strohballen! Hey ist das eine Freude! Mickey und Jackie zupfen sich Halme heraus, die sie begeistert kauen. Schließlich brechen die Ballen auseinander und die Schweine wühlen mit ihren Schnauzen tief ins Stroh hinein. Für die anwesenden Menschen ist es eine wahre Freude, ihnen zuzusehen. Dann galoppieren die beiden durch ihr Gehege, sind in ihrem Bewegungsdrang kaum zu bremsen, graben ihre Rüssel auch ins Erdreich.

Nun beginnt es in Strömen zu regnen. Die Schweine freuts. Wer noch nie Regen gespürt hat, den begeistert offenbar dieses Gefühl. Alles ist so neu und so wunderbar, im Vergleich zum bisherigen Leben. Rasch haben die Menschen mit Hilfe einer großen Plane einen Regenschutz errichtet und das Gehege auf 50 m² erweitert. Die Schweine sind nun offensichtlich müde geworden, durch die vielen Eindrücke, und kuscheln sich aneinander ins tiefe Stroh und schlafen ein, vom Regen durch die Plane geschützt.

Doch unterdessen braut sich erneut Unheil über dem Geschwisterpaar zusammen. Der Besitzer der Schweinefabrik ist angekommen und ruft die Polizei. Ob des Regens verschwinden die Beamt:innen ohne ein Wort im Büro der riesigen Schweinefabrik, in der etwa 3.000 Schweine ihr kümmerliches Dasein fristen. Außen ist nichts von ihnen zu hören. Diese riesige Halle wirkt wie ein Industriegelände. Niemand würde hier so viele Tiere vermuten, wie Menschen in einer Kleinstadt leben.

Dann öffnet sich die Tür. Ein Polizist geht zu den Tierschützer:innen hin und sagt, sie hätten einen Einbruchsdiebstahl begangen. Eine Überwachungskamera zeige 4 Personen bei der Tat, man werde diese jetzt ausforschen. Doch in Wahrheit waren diese unbekannten Personen zu diesem Zeitpunkt längst über alle Berge. Auch den wenig später herbeigerufenen zwei Spürhunden der Polizei gelang es nicht, irgendjemanden zu identifizieren.

Da trat ein sehr freundlicher Polizist an die Tierschützer:innen heran. Es war mittlerweile 9 Uhr geworden. Der ältere Geschäftsführer der Schweinefabrik, so erklärte der Beamte, überlasse dem VGT die beiden Schweine umsonst. Die Tierschützer:innen riefen daraufhin sofort die Tierrettung des Tierparadieses Schabenreith zu Hilfe, die auch prompt ihre Ankunft mit einem Transportwagen für 12:30 Uhr ankündigte.

So weit so gut, die Freude unter den Tierschützer:innen war groß. Doch dann erneut eine Wende. Der jüngere der beiden Geschäftsführer widerrief plötzlich die Schenkung. Zwar ist das rechtlich gar nicht möglich, doch die Polizei sah das anders. Als diese Entwicklung publik wurde, meldeten sich zahlreiche Personen beim Landwirt, um ihm die Schweine abzukaufen. Darunter auch ein Biobauer. Sogar das Tierparadies Schabenreith, nach seiner Ankunft in die Verhandlungen einbezogen, bot Geld. Schließlich war ein Tierschützer bereit, volle € 3.000 zu bezahlen, um die Tiere zu retten. Etwa € 300 wäre der handelsübliche Preis gewesen.

Der jüngere der beiden Geschäftsführer war durch einen Funktionär der Burgenländischen Landwirtschaftskammer beeinflusst worden. Wolfgang Pleier von der Abteilung Tierschutz plädierte offenbar dafür, die Tiere um keinen Preis herzugeben. Wollte man die Schweine dafür büßen lassen, dass man sich über die Tierschützer:innen ärgerte?

Da trudelten plötzlich Landwirt:innen ein, bis sie schließlich eine sehr aggressive Gruppe von etwa 10 Personen bildeten. Die Tierschützer:innen wurden beschimpft und bedroht. Schließlich griff die Polizei ein. Zusätzliche Beamt:innen wurden zu Hilfe gerufen und eine Reihe Polizei drängte die Landwirt:innen ab, bis sie schließlich wieder davon fuhren.

Wenig später kam eine Amtstierärztin der Bezirkshauptmannschaft vorbei. Sie inspizierte Mickey und Jackie und meinte, sie wären in recht gutem Gesundheitszustand. Allerdings würde es ihnen in der Schweinefabrik besser gehen. Hier heraußen drohe ihnen eine Lungenentzündung. Seltsam nur, dass eine Schlachtkörperuntersuchung von 170 Schweinen dieser Tierfabrik vom 11. Juni 2021 vorliegt, laut der 36 % der Schweine Lungenentzündung hatten, 7 % einen Fremdinhalt in der Lunge, 17 % Leberwürmer und 2 % eine Leberentzündung. Insgesamt waren 70 % der Schweine krank, obwohl abgebissene Ohren und Schwänze oder entzündete Gelenke und Schwielen bei der Untersuchung gar nicht beachtet wurden.

Dann aber informierte der Einsatzleiter der Polizei die Tierschützer:innen, dass man nun gedenke die Schweine in einen Tiertransportanhänger zu verladen. Die beiden sollten am nächsten Tag in der Früh getötet werden. Ein Behördenvertreter verkündete die Auflösung der Tierschutz-Versammlung zum Schutz der Schweine, und etwa 40 Beamt:innen begannen schließlich die Tierschützer:innen mit Gewalt zu räumen. Sie rissen sie auseinander und schleiften sie davon, wobei der eine und die andere der Polizist:innen auch nicht mit Tritten sparte. 12 Stunden nach ihrer Befreiung wurden Mickey und Jackie, selbst völlig ahnungslos und vertrauensvoll – immerhin waren Menschen zuletzt sehr gut zu ihnen gewesen –, in einen Anhänger verladen und von einem Traktor weggebracht. Zurück blieben in Tränen aufgelöste Tierschützer:innen, die sich so eng mit dem Geschwisterpaar befreundet hatten.

Doch noch war nicht aller Tage Abend. Eine Gruppe von unbekannten Personen muss sich auf der Karte genau angesehen haben, wohin der Traktor gefahren sein könnte. In den frühen Morgenstunden am nächsten Tag, nur kurz bevor Mickey und Jackie hätten getötet werden sollen, betraten sie eine Halle in der Nähe, in der tatsächlich der Traktor mit dem Anhänger stand, in dem sich noch immer die beiden Schweine befanden. Die Situation wurde dokumentiert. Dann holte man die Schweine heraus und lud sie in ein großes, mit Stroh eingestreutes Fahrzeug, von dessen Inneren ebenfalls bei der Fahrt Fotos gemacht wurden. Was für eine wundersame Wendung in der von Wendungen reichen Geschichte ihrer Rettung! Schließlich landeten Mickey und Jackie, ein zweites Mal befreit, statt auf der Schlachtbank in einem weiteren, mit tiefem Stroh eingestreuten Gehege. An einem unbekannten Ort. In Sicherheit.

Oder doch nicht? Tierfabriken werden in Österreich im Mittel alle 50 Jahre kontrolliert. Also im Wesentlichen nie. Für die 2.998 Schweine, die in der Tierfabrik auf Vollspaltenboden mit Lungenentzündung, abgebissenen Ohren und Schwänzen sowie geschwollenen Gelenken zurück geblieben sind, interessiert man sich nicht. Zwei entlaufene Schweine dagegen sucht die Behörde mit großem Aufwand, obwohl oder vielleicht gerade weil es ihnen nun unvergleichlich viel besser geht. Und so traf am Samstag um 8 Uhr früh die Polizei im Tierparadies Schabenreith in Oberösterreich zur Hausdurchsuchung ein. Die zehn Schweine, die momentan dort leben, wurden genau inspiziert. Mickey und Jackie waren nicht darunter. Die tollten unterdessen in ihrem Stroh herum, kauten an Wassermelonen und Maiskolben, und freuten sich ihres Lebens. Die Erinnerung an die schreckliche Zeit in der Schweinefabrik wird hoffentlich zunehmend verblassen.

Lieber Mickey, liebe Jackie, wo auch immer Ihr seid, ich wünsche Euch von hier aus ein gutes und langes Leben.

Was bleibt ist die Freude, nicht nur über die Wendung des Schicksals für die beiden Tiere, sondern auch darüber, wieviele Menschen aus ganz Österreich plötzlich bereit waren zu helfen, wenn es eng wird. Es gibt wesentlich mehr mitfühlende und tierfreundliche Personen hierzulande, als es so den Anschein hat. Vermutlich sind diese Menschen aber nicht so laut, wie die Gegenseite, stellen sich nicht in den Mittelpunkt und lassen die bösartige Aggression der Tierindustrie und ihrer Handlanger an sich abprallen, ohne zu reagieren. Deshalb merkt man von ihnen weniger. Aber gut, dass man sich auf Euch verlassen kann!

Für mehr Fotos siehe auch https://vgt.at/mickeyundjackie

Aus Sicht der Tiere

Beim VEREIN GEGEN TIERFABRIKEN (VGT) begegnete Stefan S. der Fleischproduktion in Österreich aus völlig anderer Perspektive:

Ich esse gerne Fleisch. In unserer Familie kam es mehrmals täglich auf den Tisch, ohne, dass über die moralischen Implikationen gesprochen worden wäre. Meine Eltern waren sehr tierlieb und dennoch sah mein Vater auch darin keinen Widerspruch, mich schon früh zum Angeln mitzunehmen. Als junger Erwachsener machte ich schließlich die 3 jährige Ausbildung zum Fischwirt und wurde Fischereiaufsichtsorgan in Salzburg. Der Umgang mit den Fischen, vor allem beim Catch and Release Angeln, brachte mich zunehmend in Rechtfertigungsnotstand. Doch mit der konventionellen Fleischproduktion schien das wenig zu tun zu haben. Und so sah ich mich nie veranlasst, weiter nachzufragen.

Dann traf ich auf einen Informationstisch des VGT in Salzburg. Nette Menschen reichten mir ein Flugblatt über die Haltung von Schweinen in Österreich. Als ich mein Fleischessen rechtfertigen wollte, wurde mir gesagt, ich sollte diese Frage einmal aus den Augen der Tiere betrachten.

Tiere sind Sachen nach der österreichischen Rechtslage. Zwar hat man mit § 285a im Jahr 1989 den Satz, dass Tiere keine Sachen sind, ins österreichische Zivilrecht geschrieben, doch der zweite Satz dieses Paragraphen stellt fest, dass bis auf weiteres das Sachenrecht auf Tiere anzuwenden ist. Sachen haben keine eigene Sicht der Dinge, keine Interessen. Tierschutz gilt daher offiziell nicht als Interessensvertretung der Tiere, ähnlich einer Gewerkschaft, sondern als öffentliches Interesse. Tierschutzombudspersonen vertreten laut Tierschutzgesetz die Interessen „des Tierschutzes“, nicht der Tiere. Der Blickwinkel der Schweine wird also in der Diskussion über die gesetzlichen Mindestbedingungen bei ihrer Haltung völlig ausgeklammert.

Die für mich neue Herangehensweise, die Fleischproduktion mit den Augen der betroffenen Tiere zu sehen, machte mich nachdenklich und letztlich beschloss ich, die Herausforderung anzunehmen. Zuerst, so sagten mir die Leute vom VGT, sollte ich Schweine persönlich kennenlernen.

Bei meiner Ankunft im Tierparadies Schabenreith werde ich von einer Meute bellender Hunde empfangen. Nachdem ich an den lauten Gesellen vorbei manövriert worden bin, stehe ich in einem Stallgebäude. Es duftet nach frischem Stroh. Doch die tief eingestreuten Buchten sind alle leer. Draußen blendet die Sonne. Bis da hinunter auf die Wiesen können die Schweine gehen, deutet mir Harald vom Tierparadies, wenn ich sie sehen will, muss ich sie suchen.

Meine Aufgabe ist, den Tag mit den Schweinen zu verbringen, also gehe ich hinunter ins hohe Gras. Dort treffe ich ein großes Tier, das gerade zu grasen scheint und dabei heftig schmatzt. Vor der schieren Kraft dieses Wesens habe ich Respekt und lasse mich in einigen Meter Entfernung zu Boden fallen. Das Schwein toleriert mich und durchwühlt weiter den Boden. Über den Tag hinweg sehe ich, wie sich die Tiere begegnen, wie sie gemeinsam in der Sonne baden, wie sie den Großteil der Zeit im Boden graben, sich aber auch genüsslich im feuchten Erdreich wälzen oder über die Wiese galoppieren. Am Ende des Schweinetages wandern sie hinauf in ihre Buchten und kuscheln sich zusammen in die tiefe Stroheinstreu. Sie haben sich jetzt schon so an mich gewöhnt, dass ich mich ganz dicht zu ihnen setzen kann. Erst jetzt, wenn ich sie berühre, fällt mir auf, wie borstig ihre Haare sind, wie sehr ihre Haut der von uns Menschen ähnelt, und wie weich ihre Schnauze ist. Wie seltsam, dass ich so viele Schweine gegessen, nie aber eines gestreichelt habe.

Szenenwechsel. Ich bin von einer kleinen Gruppe von Tierschützer:innen in einen Schweinebetrieb mitgenommen worden. Ich betrete einen Raum mit einigen Schweinebuchten. Ein überwältigender Gestank nach Exkrementen umfängt mich. Bucht bedeutet hier ein Vollspaltenboden aus Beton, Wände aus Metall, ein Trog mit undefinierbarer, kotähnlicher Substanz und – kein Platz. Zwischen den vielen Schweinen ist der Boden kaum auszumachen, so dicht stehen sie. Ich steige über die Buchtenwand. Sofort werde ich neugierig von Schweinen umkreist, die Forschesten unter ihnen beginnen an meinem Hosenbein zu zupfen.

Ich setze mich auf den Boden, mitten unter die Tiere. Er ist steinhart, keine Einstreu, kein Geruch von Stroh. Da erst, im Halbdunkel, sehe ich, dass überall kleine Käfer und Kakerlaken herum krabbeln und alles mit Fliegen übersät ist. Zwischen den Spalten kann ich mit dem Finger einen flüssigen Kotsee berühren. Wie ich den Finger heraus ziehe, erschrecke ich. Fünf weiße Güllewürmer hängen daran, die, als ich sie abschüttle, über den Boden auf den nächsten Schweinekörper kriechen.

Der Gestank ist kaum zu ertragen, das Atmen kratzt im Rachen. Neben mir husten die Schweine und ich huste mit. In der großen Enge stößt ständig ein Körper an mir an. Nach kürzester Zeit bin ich voller Kot. Da beißt mich ein Schwein in den Fuß. Ich springe auf, rücke weg, versuche das Tier mit dem Fuß auf Distanz zu halten. Da erst sehe ich, dass jedes Tier neben mir Biss- und Kratzwunden hat. Ich bin also nicht der einzige, der hier gebissen wird.

Warum ist hier die Luft so schlecht, frage ich mich. Zwar dröhnt an der Decke ein Ventilationssystem, dessen Rohre, wie ich gerade merke, völlig mit Staub und Spinnweben überzogen sind, doch mit den Ausscheidungen der vielen Tiere hier kann das nicht mithalten. Und Fenster? Fehlanzeige. Es gibt zwar zwei, doch die sind ebenfalls mit einer dicken Staubschicht bedeckt und durch Karton abgedunkelt. Keine frische Luft, kein Blick auf eine Welt außerhalb dieser Spaltenböden und Metallwände.

Wie fühlt sich ein Schwein hier, tagaus tagein? Was macht es den ganzen Tag? In der Bucht gegenüber liegt ein aufgedunsener, unbeweglicher Körper. Ein Schwein, das es schon hinter sich hat. Nach nur einer Stunde in dieser Bucht schmerzen meine Gelenke. Ich weiß nicht mehr, wie ich sitzen soll, ohne dass meine Beine taub werden. An Schlaf ist sowieso nicht zu denken, allein schon, weil mich ständig Schweine zu beißen versuchen.

Doch im Gegensatz zu den Schweinen darf ich wieder in die Außenwelt zurück. Die Eindrücke sind für mich Grund genug, mit dem Fleischessen aufzuhören. Aus Sicht der Tiere ist das eine klare Entscheidung. Und diese Sicht der Betroffenen scheint mir in diesem Zusammenhang die relevanteste zu sein.

Anna, Botschafterin für die Schweine auf Vollspaltenboden

Der Unterschied ist wie Tag und Nacht: Schweine in der Tierfabrik und Schweine in Freiheit. In der Schweinefabrik der depressive Blick, bewegungslos, ein Schatten ihrer selbst. In Freiheit voller Tatendrang und Energie, eigene Persönlichkeiten. In der Diskussion über die Haltung von Schweinen fehlt die Sicht der einzig wirklich Betroffenen, nämlich der Schweine selbst. Sie muss man fragen, was sie wollen. Doch die Judikatur sieht Schweine als Sachen. Trotz aller positiven Entwicklungen zu Tierschutz in den letzten Jahren bleiben Tiere gesetzlich wie leblose Gegenstände, ihre Gefühle, ihre Interessen, ihre Wünsche sind inexistent.

Hier kommt Annas Rolle zum Tragen. Sie hat die ersten Monate ihres Lebens in einer grauenhaften Schweinefabrik verbracht. Mit allen schrecklichen Konsequenzen. Sie hatte fürchterliche Wunden an den Beinen, hatte riesige Eiterbeulen, und wurde von den anderen Schweinen gemobbt, zu sehen an den Kratzern und Bissspuren überall an ihrem Körper.

So wurde sie von Tierschützer:innen entdeckt. Es war klar, Anna wird die nächsten Tage oder Wochen in der Schweinefabrik nicht überleben. Sie war in einem erbärmlichen Zustand. Besonders schlimm stand es um ihre Hinterbeine. Da befanden sich mehr als 5 cm große, offene Wunden darauf. Die Gelenke furchtbar angeschwollen, war der Vollspaltenboden zu viel für ihren geschundenen Körper.

Die Tierschützer:innen nahmen sie also einfach mit. Das Gesetz, das Tieren jedes Gefühl abspricht, nennt das eine „Dauernde Sachentziehung“. Die Sache, die da entzogen wird, ist Anna. Und sie wird jenem Menschen entzogen, der dafür verantwortlich ist, dass sie in diesem schlimmen Zustand war. § 135 (1) des Strafgesetzbuches. Darauf stehen 6 Monate Haft. Wir nennen das eine Befreiung. Die Rettung eines Tieres aus größter Not. Welcher Mensch mit Herz und Hirn könnte das anders sehen? Das Gesetz hinkt dieser Wahrheit weit hinterher.

Anna landete noch in derselben Nacht in einer veterinärmedizinischen Notaufnahme. Das musste alles heimlich geschehen, die Tierärztin war eingeweiht. Sie riskierte ihre Zulassung. Die Behandlung war nicht einfach. Würde Anna überleben? Ein anderes Schwein namens Paul war nur kurze Zeit davor, ebenfalls aus einer Schweinefabrik gerettet, trotz aufopfernder Pflege verstorben. Das sollte bei Anna nicht passieren. Wochenlang wurden ihre Eiterbeulen regelmäßig aufgeschnitten, ausgequetscht und eingeschmiert, sowie ihre Wunden an den Beinen versorgt.

Bis sie schließlich endlich nach draußen durfte und zu leben beginnen. Wer sie in der Tierfabrik gesehen hat, und dann später im Stroh, auf der Wiese und im Wald, wird zustimmen, dass das ein ganz anderes Wesen ist. Erst in Freiheit kann sie ihre volle Persönlichkeit entfalten, kann sie überhaupt irgendetwas über ihr Leben selbst entscheiden. Und dass sie ein Lebewesen mit einem reichen emotionalen Spektrum und einem sehr starken eigenen Willen ist, merkt man sofort.

Heute hat sie Zugang zu einem großen Stall mit zahlreichen, tief mit Stroh eingestreuten Buchten, die alle für sie offen stehen. Sie kann sich aussuchen, wo sie schlafen will. Mit ihr leben dort 3 andere Schweine. Aber die Stalltüre steht immer sperrangelweit offen. Sie kann jederzeit hinaus, egal welches Wetter, um sich im Gatsch zu suhlen, über die Wiese zu laufen oder sich an einem Baum zu reiben. Sie kann mit anderen Schweinen kommunizieren oder sich alleine zurück ziehen. Ich durfte sie dabei schon viele Stunden beobachten.

Manche Schweine sind Frühaufsteher. Anna nicht. Sie schlaft immer bis mindestens 8:30 Uhr. Dann frühstückt sie ausgiebig im Stall. Sie genießt Obst und Gemüse und isst am allerliebsten Erdbeeren. Dann läuft sie hinaus ins Freie. Dort hat sie viel zu tun, bis sie zu Mittag wieder für eine Siesta in den Stall zurück kommt. Nach dem Schläfchen gehts wieder hinaus. Dort isst sie dann ihr Mittagsmahl: Obst. Manchmal gibt es noch ein Nachmittagsnickerchen. Den Abend bis in die Dunkelheit verbringt sie wieder irgendwo im Freien. Sie geht erst sehr spät zu Bett, nie vor 22 Uhr.

Die Betreiber:innen von Schweinefabriken glauben, sie würden Schweine kennen. Sie werfen uns Tierschützer:innen vor, ahnungslos zu sein. Gegenfrage: wissen diese Leute, welche ihrer Schweine Frühaufsteher und welche Langschläfer sind? Wissen sie, welches Obst welches Schwein lieber isst als anderes? Wissen sie, welches ihrer Schweine wann gerne schlafen gehen würde? Und ob sie lieber allein oder in Gemeinschaft sind? Und welche der Schweine sich mögen und welche sich gegenseitig nicht ausstehen können?

Sind wir uns ehrlich: wer Schweine nur als Fleischlieferanten sieht, weiß nur, wieviele Prozent von ihnen welche Haltungsform wie lange überleben und welches Futter am schnellsten zu Fleischansatz führt. Fertig, aus. Die wahren Persönlichkeiten der Schweine sind diesen Menschen vollkommen unbekannt. Sie dürften eigentlich gar nicht mitreden, wenn es darum geht, welche Mindestanforderung die Haltung von Schweinen gesetzlich erfüllen sollte.

Wer zuhören kann, dem wird Anna erzählen, was der Vollspaltenboden für eine Katastrophe ist. Und was Schweine wirklich brauchen, um wenigstens ein Minimum an Lebensqualität zu bekommen. Anna sollte eigentlich beim Hearing im Parlament für das Tierschutzvolksbegehren sprechen. Ihre Sicht ist die einzige, die wirklich zählt. Und niemand von uns hat ihren Erfahrungsschatz, um das Leben auf einem Vollspaltenboden mit dem in einer tief eingestreuten Bucht zu vergleichen.

Ende der Trophäenjagd auf Grundbesitz der Stadt Wien innerhalb der Stadtgrenzen!

In den Jahren bis 2015 habe ich noch die großen Jagdgesellschaften im Lainzer Tiergarten in Wien gesehen. Zig Autos am Parkplatz irgendwo innerhalb, jedes mit Fahrer:in. Ich frage einen davon, auf was er da wartet. Er sagt, er sei der Chauffeur von Manager XY und der sitze da drin im Lainzer Tiergarten auf einem Jagdstand und ballert auf Tiere. Das waren riesige Events damals, es wurden 1500 Wildschweine, Rothirsche, Mufflons und Damhirsche abgeknallt. Die Schädeldecken bzw. Zähne wurden abgesägt, ausgekocht und als Trophäen überreicht. Bis 2015 ganz normal.

Doch dann, im März 2015, begann unsere Kampagne gegen die Gatterjagd. Beim Personal der Stadt Wien hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits einiges geändert, die Forstdirektion wollte die Jagdstrategien überdenken. Man ging nicht gegen unsere Demos vor dem Lainzer Tiergarten vor, sondern lud uns zum Gespräch unter professioneller Moderation. Die „Arbeitsgruppe Lainzer Tiergarten“ war geboren, die bis heute weiter existiert.

Das Ergebnis wurde am 16. Dezember 2015 in einer gemeinsamen Pressekonferenz präsentiert. Mit einem Wermutstropfen: knapp vor Beginn teilte man mir mit, dass die Stadt Wien in einem Punkt einen Rückzieher mache. Man wolle am Verkauf von Trophäenabschüssen bis auf weiteres festhalten. Also, ja, man werde die Fütterungen im Lainzer Tiergarten einstellen und die Populationsdichte der Wildschweine innen den Verhältnissen außen anpassen, und, ja, man wolle nur noch nach ökologischen Kriterien den Bestand von Wildschweinen und Rehen und sonst keiner anderen Tierart mehr reduzieren, und, ja, es werde zuletzt Grünbrücken über die Tiergartenmauer geben, sodass die Tiere ein und aus gehen können, aber, nein, der Verkauf von Trophäenabschüssen solle bestehen bleiben. Ein Rückschlag.

Doch das Projekt entwickelte sich. Am 4. April 2017 trat das Wiener Gatterjagdverbot in Kraft. Weiterhin wurden aber Trophäenabschüsse verkauft. Ja, die Stadt Wien war nach den Bundesforsten der zweitgrößte Jagdanbieter Österreichs. Der Großteil davon bezog sich allerdings auf Abschüsse von kapitalen Trophäenträgern auf Grundbesitz der Stadt Wien am Hochschwab, der Rax und im Wienerwald, insgesamt über 50.000 ha.

Doch dann, am 1. Februar 2021 war es soweit. Die Forstdirektion von Wien verkündete das Ende der Trophäenjagd im Lainzer Tiergarten und auf dem gesamten Grundbesitz der Stadt innerhalb der Stadtgrenzen. Abschüsse werden nur mehr, wenn ökologisch notwendig weil der Wald Schaden nimmt, von Berufsjäger:innen erledigt, die keine Trophäen erhalten. Und das bezieht sich, wie gesagt, nicht nur auf den Lainzer Tiergarten, sondern auch auf den Maurer Wald und weitere Flächen, die der Stadt gehören.

Zunächst hat man also auf diesen Flächen aufgehört, sie als Reviere zu verpachten, sondern man hat nur mehr Einzelabschüsse verkauft. Dann wurde die Jagd auf alle anderen Tiere als auf Paarhufer beendet, d.h. z.B. keine Bejagung von Vögeln oder von Beutegreifern wie dem Fuchs. Diese beiden Aspekte gelten bereits für den gesamten Grundbesitz der Stadt Wien, also auch in der Steiermark und in Niederösterreich. Und jetzt legt man das Wildtiermanagement zumindest einmal innerhalb des Wiener Stadtgebietes in die Hände von bezahlten Berufsjäger:innen. Keine Hobby- und Sonntagsjäger:innen mehr, keine Trophäenabschüsse. Ein sehr großer Fortschritt!

Wie man am Abschuss des Bären Arthur in den rumänischen Karpaten sehen kann, ist das Erbeuten von Trophäen das Herzstück der Jagdleidenschaft. Die konventionelle Jägerschaft füttert Paarhufer, um möglichst viel Nachwuchs zu haben, weil im Mittel alle 70 Tiere eines ein besonders großes Geweih (Rothirsch und Rehbock) oder Gebiss (Wildschweineber) entwickelt. Die Behörden machen aber Auflagen, eine Mindestabschussquote einzuhalten, weil sonst der Wald verbissen wird. Doch die Jägerschaft will das nicht. Sie will zwar viele große männliche Tiere schießen, aber möglichst keine weiblichen, damit es viel Nachwuchs gibt. Und so wird getan, als ob man sich um die Tiere sorge, und man sucht die Unterstützung der Tierschützer:innen. Doch Achtung, die Jägerschaft ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz. Das Füttern und die Kritik am Abschuss weiblicher Tiere entspringt keinem Mitgefühl oder Tierschutzgedanken, sondern der Lust auf kapitale Trophäen. Nur darum geht es.

Und deshalb ist dieser Schritt der Stadt Wien nicht zu unterschätzen. Wieviele Millionen Euro die Stadt dafür an Abschusstaxen verliert, kann ich nicht sagen, aber wenig ist es sicher nicht, wenn man bedenkt, dass z.B. im Jagdgatter Esterhazy im Burgendland der Abschuss eines kapitalen Rothirschs 22.000 Euro kostet. Eines einzigen Hirschs, wohlgemerkt. Wie fanatisch muss man sein, um so viel Geld für eine abgesägte und ausgekochte Schädeldecke zu bezahlen. Das ist für normale Menschen überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.

Die Stadt Wien hat also zumindest auf eigenem Grund und innerhalb der Stadtgrenzen die Trophäenjagd beendet. Dieser Gedanke lässt sich in Zukunft auf den gesamten Grundbesitz der Stadt Wien, auch in der Steiermark und in Niederösterreich, ausdehnen. Vielleicht können wir sogar die Bundesforste dazu bringen, ebenfalls nachzuziehen. Die Jagd sollte einem vernünftigen Wildtiermanagement weichen. Es darf nicht um Jagdherrlichkeit und Trophäen gehen, sondern darum, nach Kriterien des Tierschutzes und der Ökologie ein Gleichgewicht zu schaffen, das sich möglichst ohne Eingriffe durch den Menschen selbst erhält. Große Beutegreifer, wie Wolf, Luchs und Bär, würden da wesentlich dazu beitragen. Erst ein derartiges Ökosystem garantiert den Erhalt einer Vielfalt von Arten und ist auch ausreichend stabil, um den Klimawandel zu überstehen.

Schweine, vom Vollspaltenboden gerettet

Letztes Wochenende habe ich wieder einmal das Tierparadies Schabenreith am Ziehberg bei Kremsmünster besucht. Eigentlich war ich in professioneller Mission, bin aber im Tierparadies über Nacht geblieben. Ich kenne die Betreiber:innen schon viele Jahrzehnte. Und da ich mich ja gerade gegen die Haltung von Schweinen auf Vollspaltenboden engagiere, habe ich viel Zeit auf der Wiese bei den geretteten Tieren verbracht. Man kann dabei immer etwas lernen.

Immer wieder kommen gerettete Schweine ins Tierparadies, zeitweise waren 26 Schweine dort. Nach dem Tod eines 14 jährigen Tieres sind es aber jetzt nur mehr vier. Die Schweine leben in einem geräumigen Stall mit einigen Buchten mit tiefer Stroheinstreu. Sie können sich aussuchen, in welche Bucht sie sich legen. Alle sind permanent offen. Ebenso offen ist die Stalltüre. Die Schweine können also jederzeit hinaus. Und dort erwarten sie 4 ha Wiese. Das ist so groß, dass man die Tiere suchen muss, wenn sie dort herum streunen. Da gibt es auch Büsche und Bäume, später im Jahr wird das Gras so hoch, dass die Schweine darin verschwinden.

Ich habe mich einfach zu ihnen gesetzt und sie still beobachtet. Zwei sind gute Freunde, die sich absondern. Die anderen beiden sind eher Einzelgänger, sie treten aber mit Menschen sehr gerne in Kontakt. Sie mögen es, gestreichelt zu werden, und sie kuscheln auch gerne.

Hier heraußen in der frischen Bergluft, abseits von Straßen und Menschen, atmen wir alle freier. Es ist eine Welt für sich. Ein Paradies eben. Schon zeitig in der Früh kommen die Schweine heraus und streunen durch die Wiese. Sie wühlen im Boden, schmatzen und grunzen, und scheinen auch Gras zu essen. Über Stunden hinweg untersuchen sie hochkonzentriert und dabei sichtlich vergnügt ihre Umgebung. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, dann kommen alle vier Schweine zur Siesta in den Stall. Sie vergraben sich im tiefen Stroh und schlafen. Am Nachmittag dann, nach einem ausgiebigen Mal mit frischem Obst und Gemüse, gehts wieder hinaus in die Wiese. Dabei kann man die Schweine auch fröhlich galoppieren sehen, und springen, wie Ziegenböcke.

Alles, wirklich alles, was Schweine ausmacht, können sie in der Tierfabrik auf Vollspaltenboden nicht ausleben. Es beginnt schon damit, was sie dort zu essen bekommen. Ein undefinierbarer Fraß, in völlig verdreckten Trögen, meistens mit Kot vermischt, der darin schwimmt. Da die Schweine dort so eng stehen, können sie nur kacken, wo sie gerade sind, und das ist manchmal über dem Futtertrog. Bei den Schweinen im Tierparadies habe ich keinen Kot gesehen. Das Stroh war sauber und roch angenehm. In der Schweinefabrik ist alles mit Kot verklebt und es stinkt so unerträglich nach Ammoniak, dass einem die Atemwege brennen. Im Tierparadies schlafen die Schweine im weichen, tiefen Stroh, oder liegen draußen auf dem Gras in der Wiese. In der Schweinefabrik gibt es nur den Betonboden mit scharfkantigen Spalten. Im Tierparadies sind die Tiere, bis auf die Siesta, ständig unterwegs und untersuchen mit großem Interesse ihre vielgestaltige Umgebung. In der Schweinefabrik gibt es nur einen kahlen Boden und kahle Wände, sonst gar nichts. Auf der 4 ha großen Wiese kommen sich nur Freunde unter den Schweinen nahe. In der Tierfabrik kleben sie gezwungenermaßen aufeinander, mit 0,55 m² Bodenfläche pro 85 kg schwerem Schwein. Da muss man ja aggressiv werden, und kann den Wutausbrüchen der anderen Tiere – bei Menschen würden wir Hüttenkoller dazu sagen – nicht entkommen. Im Tierparadies können die Schweine in der Sonne baden, ins Abendrot blinzeln oder den Morgentau von den Blättern lecken. In der Tierfabrik gibt es keine Sonne, keine frische Luft, keine grünen Pflanzen und keinen Morgentau. Das ganze Leben nicht. Die Schweine im Tierparadies sind nicht verletzt. Manche laborieren noch von ihren Wunden aus der Zeit auf dem Vollspaltenboden. Aber die typischen Kratz- und Bisswunden, die in der Schweinefabrik allgegenwärtig sind, sowie die geschwollenen Gelenke und das ständige Husten, bleiben im Tierparadies aus. Hier werden die Tiere gut 15 Jahre alt.

Die Schweineindustrie und ihre Lobby in der ÖVP sagen gerne, wir Tierschützer:innen wüssten nichts von Schweinen. Dabei bin ich mir sicher, dass weder die Landwirtschaftsministerin Köstinger noch der Sprecher der Schweinebörse Schlederer je, so wie ich gerade eben, 2 Tage mit Schweinen auf der Wiese verbracht haben. Ich bin mir sicher, niemand aus der Schweineindustrie kennt die Interessen und den Tagesablauf von freien Schweinen. Stattdessen wissen sie, wieviel Antibiotika notwendig sind, um die Todesrate in der Tierfabrik unter 15 % zu drücken. Und sie wissen, wieviel von welchem Fraß man verfüttern muss, um maximale Zuwachsraten an Körpermasse zu erreichen. Nur, das hat in Wahrheit mit Schweinen nicht viel zu tun.

Ich komme von diesen zwei Tagen nachdenklich und aufgebracht zurück. Nachdenklich stimmt mich das ungeheuerliche Ausmaß an Leiden, das wir mit dem Vollspaltenboden diesen Tieren antun. Versetzt man sich nur ein bisschen in die Schweine hinein, mit dem Wissen über sie von den Artgenossen im Freien, dann kann man eigentlich nur weinen. Wütend macht mich deswegen diese totale Ignoranz seitens der ÖVP und der Schweinelobby. Woche für Woche deckt der VGT neue Fakten aus Schweinefabriken auf, und wo man hinsieht herrscht brutale Kälte. Weniger Sadismus – obwohl das auch – sondern mehr die komplette Unfähigkeit, mit diesen Wesen mitzufühlen, sich in sie hinein zu versetzen. Man bietet den Tieren nur das absolute Minimum, sodass nicht mehr als 15 % an der Haltung sterben, und der Rest gerade noch bis zum Schlachthof überlebt. Alles orientiert sich an der Profitmaximierung. Ein System ohne Herz und Hirn.

Wir müssen das ändern.

Unfassbar: 24/7 ununterbrochen im körpergroßen Käfig

Ich war gerade draußen im Wald in den Bergen. Frische Luft, die Weite der Landschaft, Bewegung, Körpergefühl. Und dann schaue ich auf das Bild oben, ein Mutterschwein während der Schwangerschaft im sogenannten Kastenstand. Die Größe dieser Kastenstände lässt sich im Gesetz ablesen: 65 cm breit und 190 cm lang. Für ein Muttertier von deutlich über 100 kg! Wie im Bild ersichtlich, ist dieser Käfig gerade einmal körpergroß. Das Schwein kann sich nicht einmal umdrehen und keinen einzigen Schritt gehen. Und wenn es sich niederlegen will, dann ist es zwischen den Gitterstäben eingequetscht.

Das alles lässt sich so leicht sagen. Aber was es in Wirklichkeit für das gefangene Tier bedeutet, ist kaum zu fassen. Ich schließe meine Augen. Ein körpergroßer Käfig, die Gitterstäbe sind auf allen Seiten gleichzeitig zu spüren. Keinen einzigen Schritt gehen! Und zwar tagaus tagein, jeden Tag, jede Woche, jedes Monat, das ganze Leben.

Wenn ich das auf mich einwirken lasse, frage ich mich, was es eigentlich Schlimmeres gibt. Was kann einem im Leben widerfahren, das es an Furchtbarkeit mit dieser völlig hoffnungslosen Situation aufnimmt? Nichts, glaube ich. Gar nichts. Dazu kommt, dass uns die Evolution nicht auf so eine Gefangenschaft vorbereitet hat. Wir können mit einem Gewaltakt umgehen, mit dem Verlust ganz enger Partner:innen oder Freund:innen. Aber nie in unserer evolutionären Geschichte waren wir Tiere so eingesperrt. Nie war es von Vorteil, wenn ein Tier mit einer derartigen Situation leichter fertig wird, sodass es diese Voraussetzung an seine Kinder weitergegeben hätte.

Nein, die Ausrede, das seien ja nur Tiere, höre ich mir gar nicht an. Warum sollte ein Schwein weniger leiden, wenn es derart eingesperrt ist? Ein Schwein hat genau dasselbe Bedürfnis nach Bewegung wie ein Mensch, nicht mehr und nicht weniger.

Bis 2012 war das lebenslange Einsperren der Mutterschweine in solchen Käfigen die Norm, also nicht nur erlaubt, sondern ganz normal und überall verbreitet. Dann trat eine EU-Richtlinie in Kraft, die die Zeit im Kastenstand auf die Hälfte des Lebens reduzierte. Noch immer unendlich grauenvoll: die Hälfte des Lebens, und zwar jeweils Wochen hintereinander, im körpergroßen Käfig eingesperrt! Wir vom VGT wollten das nicht hinnehmen und haben deshalb schon 2011 eine Kampagne für ein Verbot dieser Kastenstände in Österreich durchgeführt. Wir waren bedingt erfolgreich. Einerseits dürfen die Mutterschweine pro Geburtszyklus (etwa 140 Tage) jetzt „nur mehr“ 10 Tage um die Befruchtung und „die kritischen Tage“ (also etwa 6) um die Geburt im Kastenstand gehalten werden. Andererseits gilt das für jene Betriebe, die dafür umbauen müssen, erst ab 2033! Das sind jedenfalls nur mehr 16 von 140 Tagen im Kastenstand, also 11,4 % des Lebens. Ein gewisser Lichtblick, keine Frage, aber eine zivilisierte Gesellschaft sperrt niemanden in körpergroße Käfige ein, auch nicht für 1 Sekunde.

Erschreckend war, mit was für einer Vehemenz unser Kampagnenziel, den Kastenstand abzuschaffen, bekämpft worden ist. Die findige Tierindustrie erfand für den Kastenstand den Euphemismus „Ferkelschutzkorb“. Also einen körpergroßen Käfig, in dem Muttertiere auf lange Zeit eingesperrt sind, einen Schutzkorb zu nennen, ist schon einmal eine bodenlose Frechheit. Das „Ferkelschutz“ kommt daher, dass die Schweineindustrie behauptet hat, nicht eingesperrte Mütter würden ihre Ferkel erdrücken. Selbst der damalige SPÖ-Clubchef Josef Cap hat mir gegenüber diese grauenhaften Kastenstände als „Ferkelschutzkörbe“ verteidigt und war strikt gegen jedes Verbot. Und die ÖVP hat natürlich, in guter tierfeindlicher Tradition, blockiert, wo sie nur konnte. Und als sie nicht mehr konnte, weil die Bevölkerung ungeduldig wurde, hat sie sich eine Übergangsfrist von 21 (!) Jahren, also bis 2033, für Neubauten ausbedungen.

Einer der vehementen Gegner unserer Forderung, einer also, der keinerlei Einschränkung dieser Kastenstandhaltung wollte, war ein gewisser ÖVP-Funktionär. Er demonstrierte sogar dagegen, dass die Mutterschweine vor diesen Kastenständen geschützt werden. Und er kam selbst aus einem solchen Betrieb, einer Schweinefabrik, in der die Schweine in Kastenständen gehalten werden.

Wir konnten seine Schweinefabrik vor Kurzem aufdecken. Versteckte Kameras haben über Monate hinweg gefilmt, was in diesem Betrieb vor sich gegangen ist. Die Aufnahmen – mehrere Terabyte von Daten – zeigen u.a. diesen Mann, wie er seine Schweine tritt. Das muss man sich vorstellen! Nicht nur, dass die Tiere im körpergroßen Käfig eingesperrt sind, der Mensch geht an den gefangenen Tieren vorbei, und statt dass ihm das Herz schwer wird, tritt er die Tiere! Tritt er die gefangenen Mütter! Hier ein Bild davon:

Ist diese Brutalität schon erschütternd genug, so übersteigt die folgende Aufdeckung meine Vorstellungskraft. Die monatelangen Aufnahmen zeigen, dass der Betreiber dieser Schweinefabrik die Mutterschweine lebenslang ununterbrochen 24/7 in den Kastenständen hält. Wie zur Steinzeit im Tierschutz, wie vor 2012! Entgegen aller – eh schon so schlechten – Tierschutzbestimmungen!

Mir stockt der Atem, wenn ich mir das Leid dieser Tiere vorstelle. Es sträubt sich alles in mir, diese Vorstellung zuzulassen. Was für ein absolut furchtbares Los! Der Vollspaltenboden ist schon schlimm genug, aber lebenslang im körpergroßen Kastenstand, dieser Gedanke ist wirklich nicht mehr zu ertragen.

Dazu kommt, dass dieser Mann, der also die Mutterschweine 24/7 im Kastenstand hält und sie auch noch einfach so tritt, sich sehr engagiert hat, um das Kastenstandverbot zu verhindern. Er hat den scheußlichen Euphemismus „Ferkelschutzkorb“ mitgetragen, um die Öffentlichkeit zu verwirren und das Leid der Muttertiere zu verschleiern. Und was schließlich dem Fass den Boden ausschlägt: „trotzdem“ er die Mutterschweine 24/7 in Kastenstände (aka Ferkelschutzkörbe) einsperrt, sterben bei ihm die Ferkel wie am Fließband. Die Mistkübel vor der Tür quellen über mit toten Ferkeln! Er gibt zu, dass 500 (!) Ferkel bei ihm pro Jahr sterben, aber die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein.

Heute versuchen wir ein Verbot des Vollspaltenbodens zu erreichen. Auch heute blockiert die ÖVP, blockieren ihre Funktionär:innen, pöbeln uns Betreiber:innen von Schweinefabriken an. Wir wüssten nicht, wie toll der Vollspaltenboden für die Schweine sei. Und man könne ihn nicht abschaffen, sonst wäre die Welt im Zusammenbruch. Jetzt wissen wir, was wir von solchen Typen zu halten haben. Für die sind Schweine einfach Biomaschinen ohne jedes Gefühl.

Die Staatsanwaltschaft hat jedenfalls Ermittlungen gegen den Besitzer der Schweinefabrik eingeleitet. Sie hat auch alle Filmaufnahmen von uns bekommen. Aber wie immer, wenn es um Tiere geht, wird denjenigen, die sie misshandeln, nicht viel passieren, fürchte ich. Ob ich noch erleben darf, dass das einmal anders wird?

Gatterjagd Burgenland: Sollen wir eine Volksabstimmung machen?

Das Amt der Burgenländischen Landesregierung hat uns offiziell mitgeteilt, dass wir 14.178 gültige Stimmen für eine Abstimmung über das Gatterjagdverbot im Burgenland abgegeben haben. Und das innerhalb von 6 Wochen. 12.000 Stimmen wären nötig gewesen, und das innerhalb von 8 Wochen. Zuletzt sind bei uns über 26.000 Unterschriften aufgelegen. Wir haben es also trotz hartem Lockdown, trotz Weihnachtsfeiertage und trotz der größten Kälte im Jahr geschafft.

Die Landesregierung hat das erkannt und sofort reagiert. Sofort wurde ein Initiativantrag eingebracht. Eine neue Jagdgesetznovelle, die den § 170 (3) aus dem Jahr 2017 wieder enthält. Wir erinnern uns: Am 9. März 2017 war mit § 170 (3) im Jagdgesetz das Gatterjagdverbot erlassen werden. Dieser Paragraph spezifiziert, dass alle Jagdgatter im Burgenland bis zum 1. Februar 2023 aufgelöst werden müssen. Mit einer überraschenden Jagdgesetznovelle am 10. Dezember 2020 hat die Landesregierung diesen Paragraphen wieder ersatzlos aus dem Jagdgesetz gestrichen. Dagegen hat sich unsere Initiative für eine Volksabstimmung gerichtet. Erfolgreich.

Die Sachlage ist nun die. Bis die Volksabstimmung stattfinden – und das wäre etwa Anfang Juni – würde das Jagdgesetz vom 10. 12. 2020 nicht in Kraft treten. Wird die Volksabstimmung gewonnen, d.h. wählen mehr Menschen mit „NEIN“ als mit „JA“ zu diesem Gesetz bzw. zur Gatterjagd, dann würde das Gesetz komplett gekippt und das Gatterjagdverbot von 2017 bleibt aufrecht. Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, sagt uns jedenfalls das Amt der Burgenländischen Landesregierung und der Burgenländische Verfassungsdienst, die Volksabstimmung wieder zurück zu ziehen. Das könnten wir tun, so lange die Landesregierung noch nicht beschlossen hat, dass die Volksabstimmung stattfindet. Das hat sie noch nicht, und sie hat bis zum 4. März (also 4 Wochen nach Ende der Abgabefrist der Unterschriften für eine Volksabstimmung) dafür Zeit.

Wenn wir die Volksabstimmung zurück ziehen, dann tritt die Jagdgesetznovelle vom 10. 12. 2020 sofort in Kraft und damit ist § 170 (3) wieder aufgehoben und die Gatterjagd ist wieder erlaubt. Also warum sollten wir das tun? Naja, die Landesregierung hat bereits eine Jagdgesetznovelle in den zuständigen Ausschuss geschickt, der nächste Woche tagt. Und, wie gesagt, in dieser Novelle steht § 170 (3) wieder drin. Am 4. März, also genau am Tag des Ablaufs der Frist für den Beschluss für eine Volksabstimmung, gibt es eine Landtagssitzung, an dem dieses Gesetz beschlossen werden könnte. Wenn wir die Volksabstimmung zurück ziehen und dieses Gesetz beschlossen wird, dann wird das Gatterjagdverbot kurz wieder aufgehoben und gleich wieder eingeführt. Die Übergangsfrist von 6 Jahren (ab 2017) ist dann zwar kurzzeitig unterbrochen, aber man versichert mit seitens des Verfassungsdienstes, dass das nichts zur Sache tun würde. Trotzdem müssten die Jagdgatter mit dem 1. Febraur 2023 schließen.

Gibt es keine Volksabstimmung, ersparen wir uns die Arbeit, die Zeit, den Aufwand und das Geld, die gesamte Bevölkerung des Burgenlandes darüber zu informieren und zum Hingehen zu bewegen. Sicher, gäbe es die Volksabstimmung zum Nulltarif und würden dort satte 80 % gegen die Gatterjagd stimmen und gäbe es eine Wahlbeteiligung von 60 % oder mehr, dann wäre das ein unüberhörbares Signal für den Tierschutz in ganz Österreich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Landesregierung mit ihrem Schritt, ein neues Jagdgesetz zu erlassen, die Luft aus der Initiative rausgenommen hat. Es würde sehr schwer werden, die Menschen zu mobilisieren, dorthin zu gehen, wenn es in ihren Augen ja um gar nichts mehr ginge. Dabei ginge es um was: wenn fast niemand hingeht außer ein paar Gatterjagdbefürworter:innen, die dann bei der Volksabstimmung die Mehrheit bilden, dann würde das Gatterjagdverbot aufgehoben werden müssen, egal was die Landesregierung jetzt tut. Die Volksabstimmung wäre also nicht nur mühsam, sie wäre auch ein Risiko, bei dem es fast nichts zu gewinnen gibt, weil die Wahlbeteiligung vermutlich sehr gering wäre.

Vertrauen wir der Landesregierung, und sie beschließt tatsächlich sofort das Gatterjagdverbot erneut, dann haben wir, was wir wollen, ohne Aufwand. Aber kann man der Landesregierung vertrauen? Sie hat schon einmal einfach so das Gatterjagdverbot aufgehoben. Was, wenn sie die Jagdgesetznovelle mit dem Gatterjagdverbot, die jetzt beim Ausschuss liegt, einfach auf die lange Bank schiebt und nicht beschließt? Wären wir in der Lage, genügend öffentlichen Druck zu erzeugen, sie quasi dazu zu zwingen? Oder würden die Medien im vorauseilenden Gehorsam – es geht vermutlich um Werbeeinschaltungen durch die Landesregierung in Millionenhöhe – jede schärfere Kritik zurück halten?

Wir haben nur noch weniger als 3 Wochen, um zu entscheiden. Noch nie war ich bei einer politischen Richtungsentscheidung so hin und her gerissen. Wie würden wir uns ärgern, wenn wir die Volksabstimmung zurück ziehen, und hinein gelegt werden. Und wie würden wir uns ärgern, wenn wir die Volksabstimmung durchziehen und fast niemand geht hin.

Ich bin für gut gemeinte Ratschläge dankbar.

5 Jahre Mayr-Melnhof Facebook Prozess

Anfang 2015 begann der VGT seine Kampagne gegen die Gatterjagd in Österreich. Niemand wusste damals von Jagdgattern. 3 Jahre später war der Begriff „Gatterjagd“ allgemein bekannt und es waren in jedem Bundesland Verbote dieser Praxis erlassen worden, wenn auch hier und dort ein bisschen aufgeweicht. Neben Wien mit dem Lainzer Tiergarten, dem Burgenland und Niederösterreich, mussten wir uns natürlich auch den Jagdgattern in Salzburg widmen. Dort ist Mayr-Melnhof der Gatterjägermeister und betreibt ein Jagdgatter in der Antheringer Au nördlich von Salzburg, mitten in einem Vogelschutz- und Natura 2000 Gebiet.

Mayr-Melnhof ist und war nicht gewohnt, kritisiert zu werden. Viele erzählen mir, dass sie Angst vor seinen Klagen haben. Als Sonnyboy der Salzburger Schickeria kannte er nur positive mediale Berichterstattung. Kritiker:innen von ihm und seinen Machenschaften zogen es vor, lieber zu schweigen.

Ja, und dann kam der VGT und dokumentierte seine Gatterjagd. Zunächst filmte ich den Abschuss ausgesetzter Zuchtenten im Gatter – einem Vogelschutzgebiet! Diese Praxis ist mittlerweile verboten und beendet. Als nächstes standen wir außerhalb des Gatterzauns, als Mayr-Melnhof eines seiner brutalen Wildschweinmassaker durchführte, siehe Foto oben. Seine Reaktion: Besitzstörungsklage.

Mit mir diskutieren werde er nicht, ließ er verlauten, immerhin sei ich doppelter Doktor und er nur ein bescheidener Bauer. Seinem Verhalten nach sah er es in Wahrheit aber unter seiner Würde an, mit Tierschützer:innen überhaupt zu sprechen. Stattdessen schickte er seinen Anwalt und zitierte mich vor Gericht. Auch das eine Taktik. Statt den Verein, klagte er hauptsächlich mich persönlich. Das Ziel ist offensichtlich, so könnte er mich einschüchtern und vor allen anderen an mir ein Exempel statuieren. Einen Mayr-Melnhof kritisiert man eben nicht öffentlich.

Doch die Besitzstörungsklage am Bezirksgericht Oberndorf wurde abgewiesen. Die erste von vielen verlorenen Klagen gegen mich. Das hielt Mayr-Melnhof aber nicht davon ab, gleich nachzusetzen. Am Stephansplatz in Wien hatten wir in einer satirischen Zeremonie die Gatterjagd Awards an bekannte Gatterjäger verliehen. Mayr-Melnhof erhielt dort das „Herz aus Stein“. Grund genug, mich wegen Beleidigung auf einige 1000 Euro Schmerzensgeld zu klagen. Aber auch diese Klage verlor er am Handelsgericht in Wien. Es folgte eine Reihe von Klagserweiterungen, wegen einem Faschingsumzug mit einer Mayr-Melnhof Puppe und wegen einer Klo-Aktion in Salzburg nach dem Motto „Die Gatterjagd stinkt zum Himmel“. Bis in die höchste Instanz wurden aber alle seine Klagsbegehren abgewiesen. An Gerichtskosten musste er uns rund € 18.000 überweisen.

Und schon kam die nächste Klage. Medienrechtlich diesmal, eine Privatanklage. Eine junge Frau hatte in Salzburg ein Pickerl auf einen Poller geklebt, auf dem Mayr-Melnhof als Tierquäler zu sehen war. Er klagte mich – wen sonst. Den beiden jungen Frauen, die damals erwischt worden waren, schrieb er zweimal Briefe, um sie in sein Schloss einzuladen. Warum wohl? Er hatte sie auch geklagt, dann aber gemeint, sie seien ja nur von mir verführt worden. Wollte er ihnen anbieten, von der Privatanklage gegen sie Abstand zu nehmen, wenn sie dafür zu Kronzeuginnen gegen mich würden? Naheliegend, eine typische Taktik in solchen Situationen. Doch die Frauen blieben standhaft – und wurden prompt freigesprochen. Das Pickerl sei nicht beleidigend gewesen, meinte der Richter.

Gegen den VGT und mich erweiterte Mayr-Melnhof die Anklage dennoch ein halbes Dutzend weitere Male. Letztlich wollte er über € 100.000 Kränkungsgeld dafür, dass unbekannte Personen auf Facebookseiten, auf die ich keinen Zugriff habe, ihn beleidigt hätten. Ich sei dafür verantwortlich.

Das war vor 5 (!) Jahren. Der Prozess läuft heute noch. Am 15. Jänner 2021 begann das Verfahren nun bereits zum 3. Mal in der ersten Instanz am Landesgericht Salzburg. In der ersten Runde vor 4 Jahren hatte mich der Richter zu € 40.000 Kränkungsgeld verurteilt. In der Berufung war das auf € 34.000 reduziert worden. Der Oberste Gerichtshof schließlich hob das Urteil aber letztlich völlig auf.

Der Prozesstag am 15. Jänner 2021 ist rasch erzählt. Harter Lockdown, das Gerichtsgebäude darf erst 15 Minuten vor Prozessbeginn betreten werden. Das gilt jedenfalls für das niedrige Volk. Mayr-Melnhof ging lächelnd an uns vorbei und wurde durchgewunken, ohne jede Kontrolle. Auf unsere insistierende Beschwerde hin – das sei versehentlich passiert – wurde er wieder heraus geholt. Beim Betreten etwas später aber dasselbe noch einmal: während meine Begleiter:innen und ich gescannt und abgetastet werden, und meine Tasche durchsucht wird, könnte Mayr-Melnhof eine Maschinenpistole ins Gerichtsgebäude mitnehmen, es fiele nicht auf, weil für ihn alle Tore geöffnet werden, ohne jede Kontrolle.

Das ist genau das Problem. Mayr-Melnhof erlebt so die Gesellschaft. Er wird bevorzugt behandelt, er darf, was andere nicht dürfen. Am Landesverwaltungsgericht vor Jahren wollte ich eine Kamera mitnehmen, um einen Vorfall nachzustellen. Es wurde mir beim Eingang verboten. Mayr-Melnhof kam mit der gleichen Kamera aus demselben Grund und wurde durchgewunken. Klar, dass jemand mit so einer Realitätserfahrung die Welt nicht mehr versteht, wenn jemand wie ich ihn öffentlich kritisiert, und als Reaktion klagt – Geld hat er ja genug – oder sogar Gewalt ausübt. Aber davon in einem anderen Blogeintrag.

Im Prozess werde ich von Mayr-Melnhofs Anwalt als „Tierrechts-Trump“ bezeichnet, mit Bezug zum Sturm aufs Kapitol. So wie Trump seine Fans aufgewiegelt habe, so würde ich – als „Alleinherrscher“ im Tierschutz – die Menschen aufwiegeln, Mayr-Melnhof zu beleidigen. Mit dem feinen Unterschied, der unerwähnt blieb, dass ich niemanden direkt dazu aufgefordert habe, sondern lediglich faktisch wahre Kritik geübt habe, immer in Bezug auf Tierquälerei und Tierschutz.

Als Zeugin tritt Alexandra Benedik für Mayr-Melnhof auf. Er hat sie als Spitzel im VGT benutzt, siehe https://martinballuch.com/alexandra-benedik-tierschutzsprecherin-der-kpoe-als-spitzel-fuer-die-jaegerschaft-im-vgt/. Sie ließ sich in interne VGT-Emaillisten von Aktivist:innen eintragen und dürfte Mayr-Melnhof alles brühwarm weitergeleitet haben, weil er Emails dieser Listen vor Gericht vorgelegt hat. Jeden einzelnen der Tierschützer:innen beim VGT muss sie ebenfalls für Mayr-Melnhof mit Namen und Foto identifiziert haben, weil er mit diesem Wissen hausieren ging und sogar Listen erstellte, die in Jagdkreisen kursierten. Und sie gab ihm persönliche Emailkorrespondenz zwischen mir und ihr weiter, in der sie versucht hatte, ganz im Stil eines Agent Provocateur, mich zu radikalen Aussagen zu bewegen.

Ein deja-vu aus Zeiten des Tierschutzprozesses, inklusive Spitzel. „Radikale“ Emails von mir sollen meine Schuld beweisen, weil ich selbst keine Straftat begangen habe. Doch im Gegensatz zum Tierschutzprozess zieht in Salzburg offenbar so eine Argumentation, zumindest wenn Mayr-Melnhof sich als armes Opfer darstellen kann. Der Richter sprach mich schuldig. Er verpflichtete mich zur Zahlung von € 7.200 Kränkungsgeld an Mayr-Melnhof. Aber darüber hinaus erklärte er mich für schuldig, selbst Mayr-Melnhof beleidigt zu haben. Und zwar dadurch, dass ich unterlassen hätte, auf andere einzuwirken, die Beleidigungen zu löschen. Niemand bezweifelt, dass ich die Beleidigungen auf Facebook nicht geschrieben habe, dass ich sie nicht einmal gelesen habe und dass ich auch nicht die Möglichkeit hatte, sie zu löschen. Und dennoch sei ich schuldig. Als Mastermind der Kampagne gegen die Gatterjagd, und insbesondere gegen die Gatterjagd von Mayr-Melnhof. In seiner Urteilsbegründung sagte der Richter, er wisse, dass er sich mit diesem Urteil auf dünnes Eis begebe und sei neugierig, ob es halten werde. Laut Medienanwältin Maria Windhager ist diese Schuldkonstruktion absolutes Neuland in der Rechtsprechung in Österreich.

Die gute Nachricht zuletzt: zu 72 der 128 Anklagepunkte wurde ich aber freigesprochen. Das heißt von den Gerichtskosten, die gegen € 100.000 gehen, wird Mayr-Melnhof den Großteil bezahlen müssen. Und der VGT wurde in allen Punkten freigesprochen. Auch das wie im Tierschutzprozess. Dort hatte der Staatsanwalt immer betont, dass ich das kriminelle Hirn sei, das den armen VGT nur missbrauche. So scheint das auch der Richter in diesem Verfahren zu sehen.

Ich werde auf jeden Fall berufen. Zunächst gehts zum Oberlandesgericht Linz, dann zum Obersten Gerichtshof in Wien und zuletzt zum Europäischen Gerichtshof in Straßburg. So schnell gebe ich nicht klein bei.

Mayr-Melnhof hat im übrigen bereits die nächste Privatanklage gegen mich eingebracht. Sie wird – aus nicht nachvollziehbaren Gründen – auch in Salzburg am selben Gericht und vom selben Richter verhandelt. Das ist auch sehr seltsam an diesem Fall. Mediendelikte werden immer dort verhandelt, wo der Medienverantwortliche ansässig ist. In diesem Fall bin ich der Medienverantwortliche, allerdings wohne ich nicht in Salzburg. Dort hat Mayr-Melnhof aber ein Heimspiel. Immer, wenn die Prozesse in Salzburg sind, gehen sie schlecht aus, überall sonst gewinne ich. Die Begründung für die Übertragung nach Salzburg: Das Pickerl – erinnern Sie sich? Der Beginn dieses Verfahrens – sei in Salzburg geklebt worden. Obwohl es schon längst nicht mehr um dieses Pickerl geht, werden alle weiteren medienrechtlichen Verfahren gegen mich in Salzburg verhandelt, solange Mayr-Melnhof Privatanklage erhebt, bevor das ursprüngliche Verfahren abgeschlossen ist. Eine unendliche Geschichte also.

In der neuen Privatanklage geht es um eine Presseaussendung, in der ich Mayr-Melnhof objektiv wahr kritisiert habe. So etwas hält dieser Mensch eben nicht aus. Nur eines sollte er wissen: seine Klagswut wird mich niemals davon abhalten, für die Tiere die Stimme zu ergreifen und seine Tierquälereien – und seine Gewalt gegen Menschen – öffentlich zu brandmarken!

Volksabstimmung: die 2. Hürde im Visier

Volksabstimmung ist das Einzige, was ich in den letzten Wochen denken kann. Volksabstimmung, Stimmen zählen, Unterschriften nummerieren, in Sackerln für jede Gemeinde aufteilen. Wussten Sie, dass man 2 kg (in Worten: 2 Kilogramm!) Heftklammern braucht, um eine Volksabstimmung im Burgenland zu erreichen? Und nicht nur das. Selbst mein kleines Töchterchen, siehe Foto, wird eingespannt. Für die Stimmübergabe bei der Landesregierung hat sie sich sogar ein Hirschgeweih gebastelt und ein Plakat gemalt. Das andere Plakat stammt von ihren Freund:innen aus ihrem Kindergarten.

Wenn ich so mit verschiedenen Personen spreche, wird mir klar, dass man sich von außen den Aufwand nicht vorstellen kann, den man sich mit dem Projekt Volksabstimmung einhandelt. Deshalb hier kurz eine Darstellung.

Zuerst muss man die Stimmen sammeln, zumeist auf der Straße, momentan in großer Kälte. Und aufgrund des harten Lockdowns praktisch ohne Menschen auf der Straße. Im Mittel sind 280 Unterschriften pro Tag notwendig, um nach 8 Wochen genügend Stimmen zu haben. Im harten Lockdown kommt ein Sammeltisch auf der Straße in 4 Stunden auf vielleicht 40 Unterschriften.

Diese Unterschriften landen letztlich in unserem Büro. Dort werden sie geprüft, es wird die Gemeinde und der politische Bezirk ausgefüllt und dann wird der Antrag auf Volksabstimmung (A6 Zettel) vom Antrag auf Wahlrechtsbestätigung (A4) getrennt. Beides wird separat in Sackerln gesteckt, für jede Gemeinde eines (oder mehrere, je nach Anzahl der Unterschriften). 171 Gemeinden gibts im Burgenland, also entstehen 171 Häufchen mit Unterschriften nebeneinander, wenn wir die gesammelten Unterschriften jeden Sonntag und Mittwoch aufarbeiten. Zum Glück hat unser Büro einen so langen Gang!

Dann werden die Sackerln mit den Wahlrechtsbestätigungen auf Gemeinderouten aufgeteilt. An einem Tag kann man bis zu 15 Gemeinden anfahren und die Bestätigungsanträge abgeben. Am nächsten Tag muss man dieselbe Route erneut fahren, um die Bestätigungen wieder abzuholen. Dabei stellt sich heraus, dass gut 10 % der Unterschriften von Menschen stammen, die sich entweder beim Ausfüllen verschrieben haben, oder die nicht wahlberechtigt sind. Es bleiben also nur 90 % übrig.

Wenn die Wahlrechtsbestätigungen aus den Gemeinden zurück kommen, dann werden sie wieder mit den zugehörigen Anträgen auf Volksabstimmung derselben Person zusammengeführt. Kein leichtes Unterfangen bei 1500 Zetteln im Mittel jede Woche. Die beiden Zettel, die Bestätigung des Wahlrechts und der Antrag auf Volksabstimmung, werden nun zusammengeheftet und nummeriert. Dann werden sie zur Landesregierung gebracht, die noch einmal 0,5 % davon für ungültig erklärt.

Was für ein ungeheuerlicher Aufwand! So sieht das aber das Volksabstimmungsgesetz im Burgenland vor, das aus einer Zeit stammt, als es noch keine Computer gab. Es arbeiten wirklich gut 100 Menschen an diesem Projekt, und müssen für Monate ihre Wochenenden und jede freie Minute opfern, damit die Arbeit bewältigt wird. Dabei ginge alles viel einfacher: online unterschreiben oder Unterschriften im Landhaus abgeben und das Amt der Landesregierung, das sowieso alles noch einmal prüft, checkt auch die Wählerevidenz. Seit es Computer gibt, sollte das sehr einfach gehen.

Und dennoch sind wir am Ball. Niemand hätte das anfangs für möglich gehalten, aber wir liegen knapp unterm Plansoll. Letzten Donnerstag haben mein Töchterchen und ich (siehe oben), zusammen mit der Sprecherin des Projekts, die das Foto aufgenommen hat, 7251 von den Gemeinden bestätigte Stimmen der Landesregierung überreicht. Und das trotz hartem Lockdown, der sich durch die gesamte Zeit des Stimmensammelns zieht, und trotz der denkbar ungünstigsten Zeit des Jahres über Weihnachten und Neujahr, wegen der Kälte, der vielen Feiertage und dem Weihnachtsurlaub. Der Schlüssel zum Erfolg: so viele idealistische Menschen, die sich engagieren, aber auch so viele Burgenländer:innen zu Hause, die von sich aus die Formulare ausfüllen, unterschreiben und uns zuschicken.

Das wird historisch, das wird das erste Mal in der Geschichte Österreichs, dass „von unten“ auf Landesebene eine Volksabstimmung erzwungen wird, und noch dazu über ein Tierschutzthema. Ich bin so gespannt, ob es gelingt, wie diese Volksabstimmung ablaufen wird und vor allem wie sie ausgeht.

Wer uns noch helfen und unterschreiben will, kann sich auf der Webseite https://gatterjagdverbot.at/ informieren und die Formulare runterladen oder sie sich von uns zuschicken lassen.