VGT-Kampagnen

Skandalprozess: Fiakerbetrieb klagt VGT

Der VGT kritisiert die Praxis, mit Pferdekutschen durch den dichten Straßenverkehr von Großstädten zu fahren, wie die Fiaker in Wien, schon lange. Und dabei gab es schon einige Erfolge. So hat der VGT 2006 die grauenhafte Haltung der Fiakerpferde in 14 Stallungen aufgedeckt. Viele Tiere waren angebunden, die Stallungen im Keller von Wohnhäusern. Wie zu erwarten, reagierten die Kontrollbehörden, die Amtstierärzt:innen und die Betriebstierärzt:innen damals tierfeindlich. Das sei alles nicht schlimm, alles würde kontrolliert, der VGT liege nicht richtig und so weiter. Wenige Jahre später 2010 wiederholte der VGT diese Aufdeckung in kleinerer Dimension, und wieder lag alles im Argen und wieder reagierten die Amtstierärzt:innen, indem sie die Vorwürfe extrem relativierten. Wir kennen das nicht anders.

Und dennoch hat der VGT einen Erfolg zu verbuchen. In Wien wurden schärfere Gesetze erlassen, u.a. gibt es jetzt eine 35°C Obergrenze für die Temperatur, ab der die Pferde hitzefrei bekommen. Auch dagegen liefen die Fiakerbetriebe und ihre Büttel aus der Tierärzteschaft Sturm. Nein, nein, die Hitze könne Pferden nichts anhaben, das sei doch ganz anders als bei Menschen, die Pferde hätten praktisch nichts lieber, als bei größter Hitze im engen Geschirr auf brütendheißem Asphalt zu stehen oder eine schwere Kutsche durch den dichten Autoverkehr zu ziehen.

Doch 35°C laut offizieller Messung irgendwo im Schatten ist etwas Anderes, als die Temperatur am Stephansplatz in Bodennähe. Dort herrschen dann nämlich bereits mehr als 40 °C. Ein Grund für den VGT, bereits hitzefrei ab 30°C zu fordern. Eine entsprechende Petition wurde 2018 im Wiener Stadtparlament abgegeben.

Diese aber schien einem der damals ca. 25 Fiakerbetriebe Wiens nicht zu gefallen. Er brachte eine Klage auf Widerruf und Unterlassung ein, nicht nur gegen einen Satz aus dem Petitionstext, sondern auch gegen Sätze von der Webseite des VGT. Konkret will dieser eine Fiakerbetrieb, dass folgende Äußerungen, hier kurz inhaltlich zusammengefasst, widerrufen und in Hinkunft unterlassen werden:

  1. in den Stallungen stehen die Pferde unter fürchterlichen Bedingungen meist in Boxen ohne jeden Auslauf
  2. ein Foto zeigt ein abgemagertes Pferd
  3. die große Hitze fordert ihren Tribut, immer wieder kollabieren Pferde und verursachen Unfälle

Es handelt sich meiner Einschätzung nach bei dieser Klage um einen reinen SLAPP, also einen strategic lawsuit against public participation, d.h. eine Klage, um Kritik mundtot zu machen. Das erschließt sich allein schon aus dem Umstand, dass ein Fiakerbetrieb klagt, der weder in der Petition noch auf der VGT-Webseite im Kontext der monierten Behauptungen genannt worden ist. Es kann ihm also nicht darum gehen, sich selbst beleidigt oder kreditgeschädigt zu fühlen, sondern es geht ihm darum, dass diese für Fiaker kritische Botschaft nicht weiter verbreitet werden soll. Hat man genug Geld, bringt man gegen soetwas einfach eine Klage ein. Wir beim VGT erleben das sehr häufig, in allen Themenbereichen, von der Jagd über die Tierfabriken bis zur Tierversuchsindustrie.

Inhaltlich zu den einzelnen Punkten:

  1. Das Foto am Beginn dieses Beitrags zeigt eine solche Stallung eines Fiakerbetriebs in Wien: die Pferde in Garagen, kein Auslauf, außer, wie das Bild rechts zeigt, eine lächerliche Absperrung auf Asphalt, die allerdings nie beobachtet werden konnte und auch im Fall des Fotos von dem Betrieb nur behauptet wurde. So etwas mag im rechtlichen Sinn ein Auslauf sein, im tierschutzethisch moralischen Sinn auf keinen Fall. Da gehört schon mehr dazu, wie z.B. ein Naturboden und ausreichend Platz, um auch wirklich laufen zu können. Nun, die Fiakerbetriebe behaupten, sie hätten irgendwo im Grünen eh auch Koppeln. Aber wann kommen die Tiere dorthin? Am Abend nach 13 Stunden Kutschenziehen? Oder im „Urlaub“? Oder an den zwei nicht aufeinander folgenden freien Tagen pro Woche, wie es im Gesetz heißt? Wie dem auch sei, die Behauptung war immer, dass in den Stallungen diese Verhältnisse herrschen, nicht irgendwo anders auf einer Koppel.
  2. Der VGT hatte das Foto eines Pferdes gezeigt, siehe unten, und es als abgemagert bezeichnet. Zusätzlich habe es gelahmt und immer wieder die Zunge heraus gestreckt. Nirgendwo stand, welches Pferd das ist und zu welchem Betrieb es gehört. Der klagende Fiakerbetrieb behauptet nun, das sei „sein“ Pferd und es als abgemagert zu bezeichnen, müsse widerrufen und unterlassen werden.
  3. Es gibt zahlreiche mediale Berichte von aufgrund von Hitze kollabierten Pferden aus vielen Städten, so z.B. 2016 auch aus Wien. Und es gibt noch viel mehr Berichte von aus verschiedenen Gründen kollabierten Pferden, auch aus Wien, und von Unfällen mit Fiakern. Das monierte Statement hat lediglich Probleme durch Hitze, Kollaps und Unfälle aufgezählt, ohne einen kausalen Zusammenhang herzustellen. Abgesehen davon werden die Pferde ja von den Fiakerbetrieben mit Wasser abgespritzt, was wohl auf Probleme mit der Hitze hindeutet. Und medial sind auch aus Wien einige Berichte bekannt, laut denen Pferde Hitzeprobleme hatten, wie z.B. eine erhöhte Atem- und Herzfrequenz.

Intuitiv hätte ich gesagt, nach langjähriger Erfahrung mit SLAPPs, dass diese Klage keine Chance hat. Erstens gibt es überhaupt keinen Grund, warum ausgerechnet dieser Fiakerbetrieb klagslegitimiert sein sollte. Und zweitens ist die Sachlage doch ziemlich eindeutig. Man mag vielleicht über den einen oder anderen Begriff streiten, aber eben wegen solcher Uneindeutigkeit von Begriffen reicht es bei einer solchen Klage, dass die Behauptungen „im Kern“ wahr sind. Und das sind sie zweifellos. Die Stallungen in der Stadt sind fürchterlich, das Pferd hat keinen normalen Ernährungszustand und die Hitze setzt den Tieren zu.

Tja, und dann kam der Prozess, und alles anders, als man sich das so denkt. Der Richter am Handelsgericht Wien sah diesen einen von 25 Fiakerbetrieben ausreichend betroffen, um klagen zu dürfen. Eine wirklich gewagte These. Wir hatten einmal einen Fall mit 15 Jäger:innen, die wir als Gruppe kritisiert hatten. Damals klagte einer der Jäger – und verlor. Einer von 15 sei nicht ausreichend persönlich betroffen, um klagslegitimiert zu sein, meinte das Urteil. Es wird halt wirklich problematisch, wenn ständig die Torpfosten versetzt werden. 15 Jäger:innen sind eine ausreichend große Gruppe, aber 25 Fiakerbetriebe nicht? Woher soll man das vorher wissen? Und genau hier beginnt das Problem: die Richterschaft hat einen großen Interpretationsspielraum. Und ärgert sich einer einmal über den VGT oder den Tierschutz, dann kann sich rasch die Wertung radikal verschieben.

Doch damit nicht genug. Beim Verfahren vor wenigen Tagen am Handelsgericht in Wien wurden als Zeug:innen ein Kontrollorgan der MA65, ein Amtstierarzt der MA60 und die Tierärztin des klagenden Betriebs gehört, Letztere im Übrigen als anti Tierschutz bekannt, wie man ihren Auftritten im Fernsehen entnehmen kann. Aber, wie gesagt, Kontrollorgane und Amtstierärzt:innen sind so ziemlich die allergrößten Gegner:innen des Tierschutzes in unserer Gesellschaft. Als außenstehende Person mag einen das überraschen, aber es entspricht meinen 37 Jahren Erfahrung. Immer, wenn wir einen Missstand an die Öffentlichkeit bringen, schreien die Kontrollorgane, Amtstierärzt:innen und Betriebstierärzt:innen unisono wie dumm und falsch die Vorwürfe nicht seien. Das kommt wie das Amen im Gebet.

Erst letzte Woche war das so bei der Aufdeckung von 4 Rindermastbetrieben durch den VGT, in der Woche davor ebenso bei der Aufdeckung eines Milchbetriebs usw. Es ist praktisch immer so. Letzten Sommer kamen 2 Schweine aus einer Mast auf Vollspaltenboden frei und in Freilandhaltung. Die Amtstierärztin zeigte daraufhin mich persönlich sogar wegen Tierquälerei an. Eine Tierquälerei, wenn Schweine vom einstreulosen Vollspaltenboden einer Tierfabrik auf eine Weide kommen? Ja, in den Augen der Amtstierärzteschaft ist das so. Kein Wunder also, dass diese 3 Zeug:innen in jeder Hinsicht die Meinung der klagenden Partei vertraten. Dafür hätten wir sie im Prozess nicht anzuhören brauchen, das war allen, die die Sachlage kennen, von vornherein klar.

Dagegen wurde unser Zeuge, der pensionierte Amtstierarzt Prof. Dr. Winkelmayer, abgelehnt. Er könne keine persönlichen Wahrnehmungen beitragen, argumentierte der Richter. Komisch, nur, dass derselbe Richter alle 3 Zeug:innen, die das Lied der klagenden Partei sangen, danach fragte, ob sie das Pferd auf dem Foto unten für abgemagert halten. Persönliche Wahrnehmung? Wohl nicht. Ein Foto einschätzen hätte auch unser Zeuge können – mit einem deutlich objektiveren Ergebnis. Im Übrigen hätte ich noch zahlreiche Zeug:innen wie Prof. Winkelmayer vorstellig machen können, alle ohne persönliche Wahrnehmungen, aber alle mit Expertenmeinungen zu Stallungen und deren Auslauf, abgemagerten Pferden und Hitzestress.

So wollte wenigsten ich in meiner Aussage als Beklagter ausführen können, warum ich meine, dass das Gesagte im Kern wahr ist, und wie es gemeint war. Ich hätte auch ausführen wollen, warum diese 3 Zeug:innen nicht vertrauenswürdig sind. Vielleicht weiß der Richter nicht, wie das in der Praxis im Tierschutz so läuft. Vielleicht hält er die 3 für objektiv und neutral. Doch es kam nicht dazu. Zu meinem Allergrößten Entsetzen ließ der Richter keine Aussage von mir zu. Ich durfte überhaupt nie das Wort ergreifen – als Beklagter. In meinen wirklich sehr zahlreichen Zivilklagen habe ich das noch nie erlebt! Man muss sich doch wenigsten rechtfertigen und verteidigen dürfen! Nein, meinte der Richter. Wenn ich keine persönlichen Wahrnehmungen beizutragen habe, also weder die Stallungen, noch das Pferd auf dem Foto oder unter Hitze leidende Fiakerpferde gesehen habe, dann müsse ich schweigen. Auch das ist wieder eine sehr außergewöhnliche Interpretation des Gesetzes. In den allermeisten Fällen, in denen ich zivilrechtlich auf Unterlassung und Widerruf geklagt werde, habe ich keine persönlichen Wahrnehmungen gemacht. Und trotzdem durfte ich mich bisher immer verteidigen. Ich betrachte das als essenziellen Teil eines fairen Verfahrens. Nicht aber dieser Richter. Es blieb bei der Ablehnung.

Die größte Mühe kostete es uns, 3 Zeug:innen aufrufen zu dürfen, die persönlich solche fürchterlichen Stallungen in der Stadt gesehen hatten. Wenigstens konnten sie letztlich ihre Wahrnehmungen schildern, aber nach den Äußerungen des Richters erwarte ich mir davon keine Änderung seiner Meinung. So sagte er z.B. begeistert, die Pferde hätten ja auch nur eine 5 Tage Woche wie wir Menschen. Dass diese Woche aber aus 13 Stunden Arbeitstagen besteht, in denen sie auch noch in Fesseln eingehängt eine schwere Kutsche ziehen, während dahinter jemand mit einer Peitsche sitzt, ließ er unbeachtet. Wie er sich dabei wohl fühlen würde? Aber „es sind ja nur Viecha“, wie wir so oft hören. Das könne man doch nicht mit Menschen vergleichen. Doch, genau das ist unsere Aufgabe als Tierschutzorganisationen: was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu, auch wenn es Tiere sind. Diese Goldene Regel der Moral ist unser Handlungsmotto, mit dem wir die Menschen zu sensibilisieren versuchen.

Wenn der Richter nun, wie zu erwarten, der Klage recht gibt, dann hat das für uns sehr einschneidende Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, dass jede Kritik an Fiakerbetrieben sofort vor Gericht landen kann. Und dass die Kronzeug:innen dort aus der Amtstierärzteschaft stammen. Mit anderen Worten: unsere Kritik wird nur dann als berechtigt anerkannt, wenn sie von der Amtstierärzteschaft bestätigt wird. Und das würde jede Tierschutzarbeit obsolet machen. Niemals bestätigt die Amtstierärzteschaft auch nur irgendeine Kritik von uns. Abgesehen davon bräuchte es dann den Tierschutz nicht, weil ja die kritische Amtstierärzteschaft sowieso schon das Heft in der Hand hat. In den Augen der Mächtigen und der Tierausbeutungsindustrie soll das auch so sein. Und genau deshalb braucht es eine funktionierende Justiz, einen Rechtsstaat, um unsere Freiheit zu bewahren.

Ich hatte kürzlich einen ähnlichen Fall bzgl. Tierversuche. Ich kritisierte einen konkreten Tierversuch als Tierquälerei. Der Experimentator klagte mich und die Richterin hatte die Auffassung, dass der Experimentator selbst der objektiv neutrale Experte ist. Nachdem er nicht der Meinung war, dass seine Tierversuche Tierquälerei sind, war das für die Richterin ein objektives Faktum und sie urteilte, ich müsse widerrufen und in Hinkunft meine Kritik unterlassen. Zum Glück hob die Instanz dieses katastrophale Urteil wieder auf, weil auch das hätte in Zukunft jede Kritik an Tierversuchen verunmöglicht. Dasselbe Schicksal möge dem zu erwartenden Fiakerurteil in diesem Fall blühen.

Schweinebefreiung eine Tierquälerei?

Am 5. August 2021 wurde zwei Schweine, die dabei die Namen Mickey und Jackie bekommen haben, aus einer grässlichen Vollspaltenboden-Schweinefabrik gerettet. Ich habe diese wundersame Geschichte hier zusammengefasst: https://martinballuch.com/die-wundersame-geschichte-der-schweine-geschwister-mickey-und-jackie/. Eine rundum schöne Sache, niemand, der sich mit den beiden Schweinen nicht mitgefreut hätte.

Doch dann erhielt ich einen Anruf von der Polizei in Zemendorf und danach eine Vorladung zur Einvernahme. Vorwurf: Tierquälerei. Die Befreiung von Mickey und Jackie aus der Tierfabrik sei eine Tierquälerei gewesen! Bei meiner Einvernahme wollte ich wissen, auf welchen Fakten dieser Vorwurf basieren soll. Die Antwort blieb offen. Jetzt wurde ich noch ein zweites Mal einvernommen und konnte dabei Akteneinsicht nehmen.

Die Amtstierärztin vor Ort ist tatsächlich der Ansicht, die Befreiung der beiden Schweine sei eine Tierquälerei gewesen, und gibt dafür folgende 6 Gründe an:

Der Betreiber der Schweinefabrik schreibt, in der Fabrik habe es 26°C gehabt und meint, das sei angenehm gewesen. Außen hätte es nur 15°C gehabt. Das ist lustig, weil jeder Mensch, der sich mit Schweinen auskennt, wird bestätigen, dass 26°C viel zu heiß für die Tiere ist, und dass sie sich bei 15 °C wesentlich wohler fühlen. Abgesehen davon hatten sie im Freien eine Plane und tiefe Stroheinstreu. Auch bei Futter irrt sich die Amtstierärztin, weil neben frischem Obst und Gemüse auch noch einiges anderes angeboten wurde. Das Essen im Freien war jedenfalls deutlich besser und gesünder als der Durchfall produzierende Flüssigfraß in der Schweinefabrik.

Das Wasserangebot soll „ungewohnt“ gewesen sein, weil die Schweine aus einem Kübel trinken mussten. Durften, wohl eher. Was machen Wildschweine im Wald? An Tränkenippeln saugen? Das als Tierquälerei zu bezeichnen ist lächerlich.

Die fehlende Ruhemöglichkeit und der angeblich 10 Stunden andauernde Erregungszustand sind glatte Lügen. Die Schweine haben während der Aktion genüsslich im Stroh geschlafen:

Damit diese Befreiung als Tierquälerei tituliert werden kann, muss man aber auch prüfen, aus welcher Haltung die Tiere stammten. Hier ein paar Fotos vom selben Tag aus dem Betriebe:

Soll das besser sein als im Freien im Stroh? Kann das irgendwer ernsthaft behaupten?

Zusätzlich gibt es noch eine Schlachtkörperuntersuchung von 170 Schweinen aus diesem Betrieb vom 11. Juni 2021, die im obigen Link zu sehen ist und die zeigt, dass 36 % der Schweine Lungenentzündung hatten, 7 % einen Fremdinhalt in der Lunge, 17 % Leberwürmer und 2 % eine Leberentzündung. Insgesamt waren 70 % der Schweine krank, obwohl abgebissene Ohren und Schwänze oder entzündete Gelenke und Schwielen bei der Untersuchung gar nicht beachtet wurden. Eine Rettung aus dieser Haltung soll Tierquälerei sein?

Der Betriebsleiter hat ebenfalls versucht, mich mit einer Aussage zu belasten. Er sagt, dass die Schweine aus der Fabrik an diesem Tag hätten geschlachtet werden sollen, aber dass aus Angst vor „Einbrechern“ der Tiertransport nicht gekommen sei. Und dann fordert er einiges Geld von mir:

Also allein € 1.500 für, äh, was noch einmal? Zusätzlich entstandene Futter- und Managementkosten. Woher kommen die denn? Futter für wen? Und € 300, weil er die Schweine nicht gleich habe töten können. Und € 550 für Durchführung einer Quarantäne, die er in Wahrheit gar nicht hatte durchführen müssen, weil Mickey und Jackie ja wundersam in die Nacht hinaus verschwunden sind. Und dazu kommen Krankheitskosten, die gar nicht entstanden sind, und Reputationsverlust, weil die Menschen die wahren Zustände in seiner Tierfabrik sehen konnten, und, natürlich, die unfassbare psychische Belastung, weil jemand Fotos in seiner Schweinefabrik aufgenommen hat. Wer so mimosenhaft ist, sollte vielleicht nicht ständig unerträgliche Gewalt gegen Schweine ausüben.

Jetzt liegt der Ball bei der Staatsanwaltschaft Eisenstadt, die entscheiden muss, ob Anklage erhoben wird.

Zu Besuch bei einem etwas anderen Schweinebetrieb

Mehrmals wurde ich angerufen, ich solle mich doch für einen gewissen Schweinebetrieb interessieren, das sei eine echte Alternative. Zunächst wollte ich meine Zeit dafür nicht investieren. Jetzt sind wir gerade in der Zielgeraden bei unserer Kampagne gegen den Vollspaltenboden in der Schweinehaltung, und eingestreute Mehrflächenbuchten als Alternative hatte ich schon oft gesehen. Doch schließlich ließ ich mich breitschlagen und mir den Betrieb zeigen. Und ich habe es nicht bereut.

Ein 2 ha großes Kukuruzfeld ist dort eingezäunt, in Loipersdorf bei St. Pölten, im Betrieb der Brüder Hubmann. Und in diesem Feld befinden sich 6 Schweinegehege mit zusammen 350 Tieren auf 2.000 m². Gehege beschreibt irgendwie nicht, um was es geht. Für die etwa 60 Schweine pro Einheit gibt es jedenfalls ein großes, wetterdichtes Zelt und ein mit Platten, die einfach auf dem Boden stehen, eingezäuntes Areal mit Naturboden. In 6 Minuten würde sich dieser Plattenzaun mit den Händen aufstellen lassen, wurde mir gesagt. Und es muss auch recht leicht gehen, das System ist nämlich eine Wechselweide. Damit der Boden nicht zu sehr durch Nitrateinträge belastet wird, wird das Gehege einfach alle 4 Monate verschoben.

Durch den leicht verstellbaren Zaun kann man den Tieren im Handumdrehen eine größere Fläche bieten. Ab 2 m² pro Tier, so die Betreiber, fühlen sich die Schweine merkbar wohler. Hier haben sie bis 5 m² pro Tier, und zwar von Mastbeginn an. Der gesamte Boden ist tief mit Stroh eingestreut. Das ist ein ganz schön großer Strohbedarf, aber der Betrieb hat 100 ha Ackerfläche und da kommt einiges zusammen, wenn man Weizen anbaut. Unter dem Zelt bleibt das Stroh trocken, außerhalb wird es natürlich feucht. Die Schweine koten an den Rändern des Geheges. Das Stroh wird nicht ausgetauscht, sondern nachgestreut. Dafür hievt man einfach die Strohballen mit dem Traktor über den Zaun, den Rest besorgen die Schweine selbst.

Der Strohstaub wird durch den Wind fortgeblasen. Tatsächlich habe ich die Schweine bei meinem fast 3 stündigen Besuch nie husten gehört. In der Vollspalten-Schweinefabrik haben 50 % der Tiere eine Lungenentzündung. Ein weiterer Vorteil ist die Nahrung. In der Tierfabrik wird das Futter durch Rohre in Tröge gepumpt, es muss also flüssig sein. Das ist nicht artgerecht, die Tiere bekommen alle Durchfall. Hier steht eine Futterstelle mit 16 Plätzen für Trockenfutter im Gehege und Grünfutter, wie Gras, Klee und der allgegenwärtige Kukuruz, oder Weizenkleie werden hinein geworfen.

Es gibt auch ständig fließendes Wasser, das sich die Schweine durch Tränken selbst besorgen können, und eine Suhle. Dort wälzen sie sich, wenn die Sonne heiß herunter brennt. Im Winter wird nur der hintere Teil des Zeltes verschlossen. Laut Betreibern können sich die Schweine wunderbar selbst warm halten, ja würden sogar bei -10°C im Freien liegen. Vielleicht hilft da auch die Kompostierungswärme, die vom Stroh ausgeht. Das ist nämlich mit Pilzen versetzt, sodass aus Kacke und Urin, die separat gebunden und nicht gemischt werden, letztlich wohlriechender Humus entsteht. Nach Mastende wird dafür das akkumulierte Stroh für 6 Wochen in eine Kompostieranlage gegeben. Das war auch bemerkenswert an diesem Projekt: es war kaum zu riechen. Zwar regnete es am Tag meines Besuchs, was erfahrungsgemäß die Gerüche reduziert, aber Schweinefabriken stinken auf 1 km Entfernung. Hier war das ganz anders.

Die Tiere wirkten auf mich gesund und kräftig. Ich habe keine geschwollenen Gelenke gesehen, keine Kratzer, keine Bissverletzungen. Die Schwänze der Tiere waren kupiert, aber in so kleinen Mengen würden keine nichtkupierten Ferkel geliefert, erklärte man mir. Laut Betreiber hätten sie bisher in den 2 Jahren des Bestehens dieses Projekts einmal nichtkupierte Schweine gehabt und es habe auch da kein Schwanzbeißen gegeben. Alte nekrotische Ohrstellen habe ich gesehen, aber die stammen aus der Zuchtanlage, wo die Schweine ihre Vormast auf Vollspaltenboden verbringen müssen. Der Zuchtbetrieb, der an dieses Projekt liefert, ist eben eine übliche Tierfabrik. Die Betreiber planen in Zukunft selbst auch eine Zucht zu beginnen, ebenfalls mit Zelt und freier Abferkelung. Wir dürfen gespannt sein.

Der Betrieb ist keine Bio-Freilandhaltung. Da hätten die Schweine noch viel mehr Platz. Diese Haltungsform wäre also eine echte, machbare Alternative zu den Schweinefabriken mit Vollspaltenboden. Eine Massenproduktion, die für unmittelbare Verbesserungen notwendig ist, solange die Menschen so viel Schweinefleisch essen, aber die Tiere deutlich besser gehalten werden sollen. Und das leistet dieses Projekt ohne jeden Zweifel: eine unvergleichlich viel bessere Schweinehaltung als die Norm.

Doch die wahre Zukunft des Betriebs steht in den Sternen. Die BH hat bisher keine Genehmigung erteilt, offenbar fürchtet man um die Nitratbelastung des Grundwassers. Oder man möchte so innovative Projekte überhaupt verhindern, weil sie die üblichen Schweinefabriken infrage stellen. Mit High Tech ist man in der Tierhaltung in eine Sackgasse geraten. Aber wenn man vor dem Abgrund steht, sollte man einen Schritt zurück und nicht nach vorne gehen. Zurück zur simplen Haltung im Freien. Das braucht keinen versiegelten Boden, keine riesigen Fabrikshallen und Güllebecken, keine automatische Belüftung und Klimaanlage, keinen Feuermelder, kein Güllesystem und keine Futtermaschinen. Nur ein Zelt, einen per Hand aufgestellten, mobilen Zaun und ein bisschen Stroh. So einfach ist das. Bemerkenswert.

Der Skandal: Es gibt keine Subventionen für dieses Projekt, weder für die Investition am Anfang, noch für den Dauerbetrieb. Die Brüder Hubmann müssen gänzlich ohne finanzielle Hilfe auskommen. Sie meinen aber, dass der Preis pro kg Schweinefleisch lediglich um 10-20 % höher sein müsste, damit sich ihr Haltungssystem auszahlt.

In der Nachbarschaft ist heuer wieder eine neue Vollspaltenboden-Schweinefabrik gebaut worden. € 800.000 Baukosten, davon € 100.000 aus Steuergeldern. Im Jahr 2021, wenige Monate vor deren Verbot! Vielen Dank, Frau Landwirtschaftsministerin, dass Sie wieder einmal diametral gegen die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung handeln, um Ihrem Klientel, der Tierfabriksindustrie, die Profite zuzuschieben.

Die wundersame Geschichte der Schweine-Geschwister Mickey und Jackie

5 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Österreichs Tierfabriken geboren. Ungesehen und ungeliebt fristen sie ihr Dasein auf Vollspaltenboden im eigenen Kot, von Parasiten befallen, im ständigen Konflikt mit Artgenossen, die sich aus Platzmangel um sie drängen müssen, in Ohren und Schwänze gebissen. Unweigerlich entzünden sich die Gelenke, sodass die Schweine nur mehr unter Schmerzen aufstehen und den einen Schritt gehen können, den ihnen die Enge erlaubt. Bis sie dann eines verhängnisvollen Tages aus der Schweinefabrik auf die Rampe eines Tiertransporters getrieben werden. Ein kurzer Blick in die Sonne, ein Blinzeln, ein Einsaugen der ungewohnten Gerüche und schon zwingen Schläge zum Weitergehen. Einmal noch, einen kurzen Moment, kann das anonyme Schwein nach der Ankunft die Sonne sehen, ehe es im Bauch der Schlachtfabrik verschwindet, in der Gaskammer betäubt, an den Beinen aufgehängt, mit einem Kehlstich zum Ausbluten gebracht. 15.000 Mal jeden Tag!

Das hatte das Schicksal auch für Mickey und Jackie vorgesehen, ehe beherzte Menschen sie aus der Anonymität rissen. Als sie im Mutterleib durch künstliche Befruchtung entstanden, war von ihrer Zukunft noch nichts zu merken. Alles ging seinen üblichen Gang. Das arme Muttertier musste in der Pöttelsdorfer Schweinezucht von der Befruchtung bis zur Geburt ununterbrochen in einem körpergroßen Käfig, dem sogenannten Kastenstand, verbringen. Eigentlich ist das seit 2012 verboten, weil ab da die Schweinemütter wenigstens das Recht darauf hätten, die Hälfte der Zeit außerhalb des Käfigs auf einem Gang mit Vollspaltenboden zu verbringen. Doch darum kümmerte man sich in dieser Schweinezucht nicht. Alle 50 Jahre im Mittel eine Kontrolle! Wem sollte das schon auffallen? Ein denkbar schlechter Lebensbeginn für unser Geschwisterpaar.

Geboren wurden sie schließlich nach 3 Monaten, 3 Wochen und 3 Tagen in einer sogenannten Abferkelbucht. Die Mutter wieder in einem Kastenstand, vor, während und nach der Geburt, die gesamte Zeit hindurch. Kein Stroh weit und breit. Nur Metallstangen, Betonboden, strukturlose Buchtenwände und ein höllischer Gestank. Um die Zitzen der Mutter mussten sie sich raufen, weil oft genug mehr Kinder geboren werden, als die Mutter überhaupt Zitzen hat. So fallen die Schwächsten von vornherein aus und man muss gar kein Geld in sie investieren. Hätten eh nur wenig Profit gebracht. Das ist die Logik der industriellen Schweineproduktion.

Mickey erwartet nun eine schreckliche Prozedur. Brutale Hände greifen ihn, heben ihn auf und schneiden ihm ohne jede Betäubung einfach so die Hoden heraus. Dann werden diese achtlos weggeworfen. Zurück bleibt das verzweifelt schreiende Schweinekind, das unfassbare Schmerzen leidet. Die Mutter kann nicht helfen, ist selbst durch die jahrelange Haltung in einem körpergroßen Käfig geistig weggetreten. Keine Schweineseele kann so etwas aushalten!

4 Wochen nach der Geburt die Trennung der Kinder von der Mutter. Sie werden sie nie wieder sehen. Das arme Mutterschwein wird ohne viel Aufsehen wieder in den sogenannten „Deckstall“ gebracht, um künstlich befruchtet zu werden, und der Zyklus beginnt von vorne. Es gibt kein Entrinnen. Mickey und Jackie landen mit vielen anderen Ferkeln in der Vormast. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht. Wie jedes verlassene Säugetierkind, weinen sie nach der Mutter. Aber umsonst. Niemand hört sie, der mit ihnen mitfühlen und ihnen helfen würde.

Einige Wochen später werden sie ein weiteres – und dem üblichen Prozedere nach letztes – Mal übersiedelt: in die große Schweinemastfabrik, die ebenfalls in Pöttelsdorf steht, in Sichtweite der Schweinezuchtfabrik. Die Besitzer:innen der beiden Fabriken sind Geschwister. Es bleibt also alles in der Familie, sozusagen. Mickey und Jackie sind jetzt dem Vollspaltenboden ausgesetzt. Ein harter Betonboden mit scharfkantigen Spalten. Überall klebt Kot, weil niemand diesen Boden reinigt. Mickey und Jackie entwickeln zunächst Schwielen an den Beinen und dann entzünden sich die Gelenke. Es dauert nur wenige Wochen, bis sich golfballgroße Geschwülste bilden. Und dazu beißende Luft, die im Hals kratzt. Die feine Schweinenase ist bald überlastet. Mickey und Jackie beginnen ständig zu husten. Auch die Lunge entzündet sich.

Platz ist keiner, in diesen Buchten. Nur 0,55 m² Vollspaltenboden ohne jede Einstreu stehen bis zu 85 kg schweren Schweinen in Österreichs Schweinefabriken zur Verfügung. So auch hier. Ansonsten nur monotone Wände, Kot, Kakerlaken, Güllemaden, Spulwürmer. Und Schweinekörper, wohin man sich auch wendet. Natürliches Licht kommt kaum durch die milchglasigen Fenster. Wie die Welt draußen aussieht, entzieht sich der Erkenntnis unseres Geschwisterpaars. Vermutlich kommen sie auch gar nicht dazu, darüber nachzudenken. Jeden Tag, ja jede Minute gilts nur zu überleben, unter diesen grausigen Verhältnissen. Mit € 8.000 Steuergeld jährlich wird diese Schweinefabrik von uns allen subventioniert.

Und dann, eines Nachts, ein Lichtschein. Ungewöhnlich. Die Schweine schrecken auf. Menschen betreten die Schweinebucht von Mickey und Jackie. Es ist Donnerstag der 5. August 2021, etwa 5 Uhr früh. Die Aufregung unter den Schweinen ist groß, auch wenn die Menschen sanft sprechen und ihre Hände zärtlich streicheln. Unerwartet, weil sonst bedeuten Menschenhände ja nichts Gutes. Mickey und Jackie schlüpfen durch das offene Buchtentor auf den Gang. Hier sind sie ihrer Erinnerung nach noch nie gewesen.

Da öffnet sich eine Tür ins Freie. Frische Luft strömt herein. Mickey und Jackie heben ihre Rüssel in den Wind. Begeistert analysieren sie, was es da für Düfte gibt. So interessant und angenehm hat es in ihrem Leben noch nie gerochen. Beide zögern jetzt, die ungewohnte Umgebung da draußen in der Dunkelheit verunsichert sie. Zärtlich schieben Menschenhände von hinten an. Dann gewinnt der Drang zur Freiheit die Oberhand. Zuerst hüpft Mickey und dann Jackie hinaus in die Nacht.

Während die Retter:innen im dunklen Wald verschwinden, werden die beiden Schweine von einer großen Gruppe von Tierschützer:innen in Empfang genommen, die gerade erst angekommen ist. Es ist nun 6 Uhr früh und das erste Sonnenlicht berührt die Schweinehaut. Ein Lastwagenfahrer hatte auf dem Parkplatz der gegenüber liegenden Kläranlage in seinem LKW übernachtet und damit den Zeitplan der Tierschützer:innen gehörig durcheinander gewirbelt. Noch steht nirgends ein Zaun, wo die beiden Schweine untergebracht werden könnten. Die machen sich daher auf die Wanderschaft, dicht begleitet von einer zunehmend verzweifelten Gruppe von Tierschützer:innen, während fieberhaft ein Freigehege errichtet wird.

Für Mickey und Jackie ist das der bisher schönste Moment ihres Lebens. Was es da nicht alles zu erkunden gibt! Das Gras hier kann man sogar essen. Erstaunlich, wie wenig sie sich gestresst fühlen. Die Neugier überwiegt jedenfalls. Endlich steht ein erstes, provisorisches Gehege und die Schweine werden hinein dirigiert. Dort finden sie frisches Obst und Gemüse – und Strohballen! Hey ist das eine Freude! Mickey und Jackie zupfen sich Halme heraus, die sie begeistert kauen. Schließlich brechen die Ballen auseinander und die Schweine wühlen mit ihren Schnauzen tief ins Stroh hinein. Für die anwesenden Menschen ist es eine wahre Freude, ihnen zuzusehen. Dann galoppieren die beiden durch ihr Gehege, sind in ihrem Bewegungsdrang kaum zu bremsen, graben ihre Rüssel auch ins Erdreich.

Nun beginnt es in Strömen zu regnen. Die Schweine freuts. Wer noch nie Regen gespürt hat, den begeistert offenbar dieses Gefühl. Alles ist so neu und so wunderbar, im Vergleich zum bisherigen Leben. Rasch haben die Menschen mit Hilfe einer großen Plane einen Regenschutz errichtet und das Gehege auf 50 m² erweitert. Die Schweine sind nun offensichtlich müde geworden, durch die vielen Eindrücke, und kuscheln sich aneinander ins tiefe Stroh und schlafen ein, vom Regen durch die Plane geschützt.

Doch unterdessen braut sich erneut Unheil über dem Geschwisterpaar zusammen. Der Besitzer der Schweinefabrik ist angekommen und ruft die Polizei. Ob des Regens verschwinden die Beamt:innen ohne ein Wort im Büro der riesigen Schweinefabrik, in der etwa 3.000 Schweine ihr kümmerliches Dasein fristen. Außen ist nichts von ihnen zu hören. Diese riesige Halle wirkt wie ein Industriegelände. Niemand würde hier so viele Tiere vermuten, wie Menschen in einer Kleinstadt leben.

Dann öffnet sich die Tür. Ein Polizist geht zu den Tierschützer:innen hin und sagt, sie hätten einen Einbruchsdiebstahl begangen. Eine Überwachungskamera zeige 4 Personen bei der Tat, man werde diese jetzt ausforschen. Doch in Wahrheit waren diese unbekannten Personen zu diesem Zeitpunkt längst über alle Berge. Auch den wenig später herbeigerufenen zwei Spürhunden der Polizei gelang es nicht, irgendjemanden zu identifizieren.

Da trat ein sehr freundlicher Polizist an die Tierschützer:innen heran. Es war mittlerweile 9 Uhr geworden. Der ältere Geschäftsführer der Schweinefabrik, so erklärte der Beamte, überlasse dem VGT die beiden Schweine umsonst. Die Tierschützer:innen riefen daraufhin sofort die Tierrettung des Tierparadieses Schabenreith zu Hilfe, die auch prompt ihre Ankunft mit einem Transportwagen für 12:30 Uhr ankündigte.

So weit so gut, die Freude unter den Tierschützer:innen war groß. Doch dann erneut eine Wende. Der jüngere der beiden Geschäftsführer widerrief plötzlich die Schenkung. Zwar ist das rechtlich gar nicht möglich, doch die Polizei sah das anders. Als diese Entwicklung publik wurde, meldeten sich zahlreiche Personen beim Landwirt, um ihm die Schweine abzukaufen. Darunter auch ein Biobauer. Sogar das Tierparadies Schabenreith, nach seiner Ankunft in die Verhandlungen einbezogen, bot Geld. Schließlich war ein Tierschützer bereit, volle € 3.000 zu bezahlen, um die Tiere zu retten. Etwa € 300 wäre der handelsübliche Preis gewesen.

Der jüngere der beiden Geschäftsführer war durch einen Funktionär der Burgenländischen Landwirtschaftskammer beeinflusst worden. Wolfgang Pleier von der Abteilung Tierschutz plädierte offenbar dafür, die Tiere um keinen Preis herzugeben. Wollte man die Schweine dafür büßen lassen, dass man sich über die Tierschützer:innen ärgerte?

Da trudelten plötzlich Landwirt:innen ein, bis sie schließlich eine sehr aggressive Gruppe von etwa 10 Personen bildeten. Die Tierschützer:innen wurden beschimpft und bedroht. Schließlich griff die Polizei ein. Zusätzliche Beamt:innen wurden zu Hilfe gerufen und eine Reihe Polizei drängte die Landwirt:innen ab, bis sie schließlich wieder davon fuhren.

Wenig später kam eine Amtstierärztin der Bezirkshauptmannschaft vorbei. Sie inspizierte Mickey und Jackie und meinte, sie wären in recht gutem Gesundheitszustand. Allerdings würde es ihnen in der Schweinefabrik besser gehen. Hier heraußen drohe ihnen eine Lungenentzündung. Seltsam nur, dass eine Schlachtkörperuntersuchung von 170 Schweinen dieser Tierfabrik vom 11. Juni 2021 vorliegt, laut der 36 % der Schweine Lungenentzündung hatten, 7 % einen Fremdinhalt in der Lunge, 17 % Leberwürmer und 2 % eine Leberentzündung. Insgesamt waren 70 % der Schweine krank, obwohl abgebissene Ohren und Schwänze oder entzündete Gelenke und Schwielen bei der Untersuchung gar nicht beachtet wurden.

Dann aber informierte der Einsatzleiter der Polizei die Tierschützer:innen, dass man nun gedenke die Schweine in einen Tiertransportanhänger zu verladen. Die beiden sollten am nächsten Tag in der Früh getötet werden. Ein Behördenvertreter verkündete die Auflösung der Tierschutz-Versammlung zum Schutz der Schweine, und etwa 40 Beamt:innen begannen schließlich die Tierschützer:innen mit Gewalt zu räumen. Sie rissen sie auseinander und schleiften sie davon, wobei der eine und die andere der Polizist:innen auch nicht mit Tritten sparte. 12 Stunden nach ihrer Befreiung wurden Mickey und Jackie, selbst völlig ahnungslos und vertrauensvoll – immerhin waren Menschen zuletzt sehr gut zu ihnen gewesen –, in einen Anhänger verladen und von einem Traktor weggebracht. Zurück blieben in Tränen aufgelöste Tierschützer:innen, die sich so eng mit dem Geschwisterpaar befreundet hatten.

Doch noch war nicht aller Tage Abend. Eine Gruppe von unbekannten Personen muss sich auf der Karte genau angesehen haben, wohin der Traktor gefahren sein könnte. In den frühen Morgenstunden am nächsten Tag, nur kurz bevor Mickey und Jackie hätten getötet werden sollen, betraten sie eine Halle in der Nähe, in der tatsächlich der Traktor mit dem Anhänger stand, in dem sich noch immer die beiden Schweine befanden. Die Situation wurde dokumentiert. Dann holte man die Schweine heraus und lud sie in ein großes, mit Stroh eingestreutes Fahrzeug, von dessen Inneren ebenfalls bei der Fahrt Fotos gemacht wurden. Was für eine wundersame Wendung in der von Wendungen reichen Geschichte ihrer Rettung! Schließlich landeten Mickey und Jackie, ein zweites Mal befreit, statt auf der Schlachtbank in einem weiteren, mit tiefem Stroh eingestreuten Gehege. An einem unbekannten Ort. In Sicherheit.

Oder doch nicht? Tierfabriken werden in Österreich im Mittel alle 50 Jahre kontrolliert. Also im Wesentlichen nie. Für die 2.998 Schweine, die in der Tierfabrik auf Vollspaltenboden mit Lungenentzündung, abgebissenen Ohren und Schwänzen sowie geschwollenen Gelenken zurück geblieben sind, interessiert man sich nicht. Zwei entlaufene Schweine dagegen sucht die Behörde mit großem Aufwand, obwohl oder vielleicht gerade weil es ihnen nun unvergleichlich viel besser geht. Und so traf am Samstag um 8 Uhr früh die Polizei im Tierparadies Schabenreith in Oberösterreich zur Hausdurchsuchung ein. Die zehn Schweine, die momentan dort leben, wurden genau inspiziert. Mickey und Jackie waren nicht darunter. Die tollten unterdessen in ihrem Stroh herum, kauten an Wassermelonen und Maiskolben, und freuten sich ihres Lebens. Die Erinnerung an die schreckliche Zeit in der Schweinefabrik wird hoffentlich zunehmend verblassen.

Lieber Mickey, liebe Jackie, wo auch immer Ihr seid, ich wünsche Euch von hier aus ein gutes und langes Leben.

Was bleibt ist die Freude, nicht nur über die Wendung des Schicksals für die beiden Tiere, sondern auch darüber, wieviele Menschen aus ganz Österreich plötzlich bereit waren zu helfen, wenn es eng wird. Es gibt wesentlich mehr mitfühlende und tierfreundliche Personen hierzulande, als es so den Anschein hat. Vermutlich sind diese Menschen aber nicht so laut, wie die Gegenseite, stellen sich nicht in den Mittelpunkt und lassen die bösartige Aggression der Tierindustrie und ihrer Handlanger an sich abprallen, ohne zu reagieren. Deshalb merkt man von ihnen weniger. Aber gut, dass man sich auf Euch verlassen kann!

Für mehr Fotos siehe auch https://vgt.at/mickeyundjackie

Aus Sicht der Tiere

Beim VEREIN GEGEN TIERFABRIKEN (VGT) begegnete Stefan S. der Fleischproduktion in Österreich aus völlig anderer Perspektive:

Ich esse gerne Fleisch. In unserer Familie kam es mehrmals täglich auf den Tisch, ohne, dass über die moralischen Implikationen gesprochen worden wäre. Meine Eltern waren sehr tierlieb und dennoch sah mein Vater auch darin keinen Widerspruch, mich schon früh zum Angeln mitzunehmen. Als junger Erwachsener machte ich schließlich die 3 jährige Ausbildung zum Fischwirt und wurde Fischereiaufsichtsorgan in Salzburg. Der Umgang mit den Fischen, vor allem beim Catch and Release Angeln, brachte mich zunehmend in Rechtfertigungsnotstand. Doch mit der konventionellen Fleischproduktion schien das wenig zu tun zu haben. Und so sah ich mich nie veranlasst, weiter nachzufragen.

Dann traf ich auf einen Informationstisch des VGT in Salzburg. Nette Menschen reichten mir ein Flugblatt über die Haltung von Schweinen in Österreich. Als ich mein Fleischessen rechtfertigen wollte, wurde mir gesagt, ich sollte diese Frage einmal aus den Augen der Tiere betrachten.

Tiere sind Sachen nach der österreichischen Rechtslage. Zwar hat man mit § 285a im Jahr 1989 den Satz, dass Tiere keine Sachen sind, ins österreichische Zivilrecht geschrieben, doch der zweite Satz dieses Paragraphen stellt fest, dass bis auf weiteres das Sachenrecht auf Tiere anzuwenden ist. Sachen haben keine eigene Sicht der Dinge, keine Interessen. Tierschutz gilt daher offiziell nicht als Interessensvertretung der Tiere, ähnlich einer Gewerkschaft, sondern als öffentliches Interesse. Tierschutzombudspersonen vertreten laut Tierschutzgesetz die Interessen „des Tierschutzes“, nicht der Tiere. Der Blickwinkel der Schweine wird also in der Diskussion über die gesetzlichen Mindestbedingungen bei ihrer Haltung völlig ausgeklammert.

Die für mich neue Herangehensweise, die Fleischproduktion mit den Augen der betroffenen Tiere zu sehen, machte mich nachdenklich und letztlich beschloss ich, die Herausforderung anzunehmen. Zuerst, so sagten mir die Leute vom VGT, sollte ich Schweine persönlich kennenlernen.

Bei meiner Ankunft im Tierparadies Schabenreith werde ich von einer Meute bellender Hunde empfangen. Nachdem ich an den lauten Gesellen vorbei manövriert worden bin, stehe ich in einem Stallgebäude. Es duftet nach frischem Stroh. Doch die tief eingestreuten Buchten sind alle leer. Draußen blendet die Sonne. Bis da hinunter auf die Wiesen können die Schweine gehen, deutet mir Harald vom Tierparadies, wenn ich sie sehen will, muss ich sie suchen.

Meine Aufgabe ist, den Tag mit den Schweinen zu verbringen, also gehe ich hinunter ins hohe Gras. Dort treffe ich ein großes Tier, das gerade zu grasen scheint und dabei heftig schmatzt. Vor der schieren Kraft dieses Wesens habe ich Respekt und lasse mich in einigen Meter Entfernung zu Boden fallen. Das Schwein toleriert mich und durchwühlt weiter den Boden. Über den Tag hinweg sehe ich, wie sich die Tiere begegnen, wie sie gemeinsam in der Sonne baden, wie sie den Großteil der Zeit im Boden graben, sich aber auch genüsslich im feuchten Erdreich wälzen oder über die Wiese galoppieren. Am Ende des Schweinetages wandern sie hinauf in ihre Buchten und kuscheln sich zusammen in die tiefe Stroheinstreu. Sie haben sich jetzt schon so an mich gewöhnt, dass ich mich ganz dicht zu ihnen setzen kann. Erst jetzt, wenn ich sie berühre, fällt mir auf, wie borstig ihre Haare sind, wie sehr ihre Haut der von uns Menschen ähnelt, und wie weich ihre Schnauze ist. Wie seltsam, dass ich so viele Schweine gegessen, nie aber eines gestreichelt habe.

Szenenwechsel. Ich bin von einer kleinen Gruppe von Tierschützer:innen in einen Schweinebetrieb mitgenommen worden. Ich betrete einen Raum mit einigen Schweinebuchten. Ein überwältigender Gestank nach Exkrementen umfängt mich. Bucht bedeutet hier ein Vollspaltenboden aus Beton, Wände aus Metall, ein Trog mit undefinierbarer, kotähnlicher Substanz und – kein Platz. Zwischen den vielen Schweinen ist der Boden kaum auszumachen, so dicht stehen sie. Ich steige über die Buchtenwand. Sofort werde ich neugierig von Schweinen umkreist, die Forschesten unter ihnen beginnen an meinem Hosenbein zu zupfen.

Ich setze mich auf den Boden, mitten unter die Tiere. Er ist steinhart, keine Einstreu, kein Geruch von Stroh. Da erst, im Halbdunkel, sehe ich, dass überall kleine Käfer und Kakerlaken herum krabbeln und alles mit Fliegen übersät ist. Zwischen den Spalten kann ich mit dem Finger einen flüssigen Kotsee berühren. Wie ich den Finger heraus ziehe, erschrecke ich. Fünf weiße Güllewürmer hängen daran, die, als ich sie abschüttle, über den Boden auf den nächsten Schweinekörper kriechen.

Der Gestank ist kaum zu ertragen, das Atmen kratzt im Rachen. Neben mir husten die Schweine und ich huste mit. In der großen Enge stößt ständig ein Körper an mir an. Nach kürzester Zeit bin ich voller Kot. Da beißt mich ein Schwein in den Fuß. Ich springe auf, rücke weg, versuche das Tier mit dem Fuß auf Distanz zu halten. Da erst sehe ich, dass jedes Tier neben mir Biss- und Kratzwunden hat. Ich bin also nicht der einzige, der hier gebissen wird.

Warum ist hier die Luft so schlecht, frage ich mich. Zwar dröhnt an der Decke ein Ventilationssystem, dessen Rohre, wie ich gerade merke, völlig mit Staub und Spinnweben überzogen sind, doch mit den Ausscheidungen der vielen Tiere hier kann das nicht mithalten. Und Fenster? Fehlanzeige. Es gibt zwar zwei, doch die sind ebenfalls mit einer dicken Staubschicht bedeckt und durch Karton abgedunkelt. Keine frische Luft, kein Blick auf eine Welt außerhalb dieser Spaltenböden und Metallwände.

Wie fühlt sich ein Schwein hier, tagaus tagein? Was macht es den ganzen Tag? In der Bucht gegenüber liegt ein aufgedunsener, unbeweglicher Körper. Ein Schwein, das es schon hinter sich hat. Nach nur einer Stunde in dieser Bucht schmerzen meine Gelenke. Ich weiß nicht mehr, wie ich sitzen soll, ohne dass meine Beine taub werden. An Schlaf ist sowieso nicht zu denken, allein schon, weil mich ständig Schweine zu beißen versuchen.

Doch im Gegensatz zu den Schweinen darf ich wieder in die Außenwelt zurück. Die Eindrücke sind für mich Grund genug, mit dem Fleischessen aufzuhören. Aus Sicht der Tiere ist das eine klare Entscheidung. Und diese Sicht der Betroffenen scheint mir in diesem Zusammenhang die relevanteste zu sein.

Anna, Botschafterin für die Schweine auf Vollspaltenboden

Der Unterschied ist wie Tag und Nacht: Schweine in der Tierfabrik und Schweine in Freiheit. In der Schweinefabrik der depressive Blick, bewegungslos, ein Schatten ihrer selbst. In Freiheit voller Tatendrang und Energie, eigene Persönlichkeiten. In der Diskussion über die Haltung von Schweinen fehlt die Sicht der einzig wirklich Betroffenen, nämlich der Schweine selbst. Sie muss man fragen, was sie wollen. Doch die Judikatur sieht Schweine als Sachen. Trotz aller positiven Entwicklungen zu Tierschutz in den letzten Jahren bleiben Tiere gesetzlich wie leblose Gegenstände, ihre Gefühle, ihre Interessen, ihre Wünsche sind inexistent.

Hier kommt Annas Rolle zum Tragen. Sie hat die ersten Monate ihres Lebens in einer grauenhaften Schweinefabrik verbracht. Mit allen schrecklichen Konsequenzen. Sie hatte fürchterliche Wunden an den Beinen, hatte riesige Eiterbeulen, und wurde von den anderen Schweinen gemobbt, zu sehen an den Kratzern und Bissspuren überall an ihrem Körper.

So wurde sie von Tierschützer:innen entdeckt. Es war klar, Anna wird die nächsten Tage oder Wochen in der Schweinefabrik nicht überleben. Sie war in einem erbärmlichen Zustand. Besonders schlimm stand es um ihre Hinterbeine. Da befanden sich mehr als 5 cm große, offene Wunden darauf. Die Gelenke furchtbar angeschwollen, war der Vollspaltenboden zu viel für ihren geschundenen Körper.

Die Tierschützer:innen nahmen sie also einfach mit. Das Gesetz, das Tieren jedes Gefühl abspricht, nennt das eine „Dauernde Sachentziehung“. Die Sache, die da entzogen wird, ist Anna. Und sie wird jenem Menschen entzogen, der dafür verantwortlich ist, dass sie in diesem schlimmen Zustand war. § 135 (1) des Strafgesetzbuches. Darauf stehen 6 Monate Haft. Wir nennen das eine Befreiung. Die Rettung eines Tieres aus größter Not. Welcher Mensch mit Herz und Hirn könnte das anders sehen? Das Gesetz hinkt dieser Wahrheit weit hinterher.

Anna landete noch in derselben Nacht in einer veterinärmedizinischen Notaufnahme. Das musste alles heimlich geschehen, die Tierärztin war eingeweiht. Sie riskierte ihre Zulassung. Die Behandlung war nicht einfach. Würde Anna überleben? Ein anderes Schwein namens Paul war nur kurze Zeit davor, ebenfalls aus einer Schweinefabrik gerettet, trotz aufopfernder Pflege verstorben. Das sollte bei Anna nicht passieren. Wochenlang wurden ihre Eiterbeulen regelmäßig aufgeschnitten, ausgequetscht und eingeschmiert, sowie ihre Wunden an den Beinen versorgt.

Bis sie schließlich endlich nach draußen durfte und zu leben beginnen. Wer sie in der Tierfabrik gesehen hat, und dann später im Stroh, auf der Wiese und im Wald, wird zustimmen, dass das ein ganz anderes Wesen ist. Erst in Freiheit kann sie ihre volle Persönlichkeit entfalten, kann sie überhaupt irgendetwas über ihr Leben selbst entscheiden. Und dass sie ein Lebewesen mit einem reichen emotionalen Spektrum und einem sehr starken eigenen Willen ist, merkt man sofort.

Heute hat sie Zugang zu einem großen Stall mit zahlreichen, tief mit Stroh eingestreuten Buchten, die alle für sie offen stehen. Sie kann sich aussuchen, wo sie schlafen will. Mit ihr leben dort 3 andere Schweine. Aber die Stalltüre steht immer sperrangelweit offen. Sie kann jederzeit hinaus, egal welches Wetter, um sich im Gatsch zu suhlen, über die Wiese zu laufen oder sich an einem Baum zu reiben. Sie kann mit anderen Schweinen kommunizieren oder sich alleine zurück ziehen. Ich durfte sie dabei schon viele Stunden beobachten.

Manche Schweine sind Frühaufsteher. Anna nicht. Sie schlaft immer bis mindestens 8:30 Uhr. Dann frühstückt sie ausgiebig im Stall. Sie genießt Obst und Gemüse und isst am allerliebsten Erdbeeren. Dann läuft sie hinaus ins Freie. Dort hat sie viel zu tun, bis sie zu Mittag wieder für eine Siesta in den Stall zurück kommt. Nach dem Schläfchen gehts wieder hinaus. Dort isst sie dann ihr Mittagsmahl: Obst. Manchmal gibt es noch ein Nachmittagsnickerchen. Den Abend bis in die Dunkelheit verbringt sie wieder irgendwo im Freien. Sie geht erst sehr spät zu Bett, nie vor 22 Uhr.

Die Betreiber:innen von Schweinefabriken glauben, sie würden Schweine kennen. Sie werfen uns Tierschützer:innen vor, ahnungslos zu sein. Gegenfrage: wissen diese Leute, welche ihrer Schweine Frühaufsteher und welche Langschläfer sind? Wissen sie, welches Obst welches Schwein lieber isst als anderes? Wissen sie, welches ihrer Schweine wann gerne schlafen gehen würde? Und ob sie lieber allein oder in Gemeinschaft sind? Und welche der Schweine sich mögen und welche sich gegenseitig nicht ausstehen können?

Sind wir uns ehrlich: wer Schweine nur als Fleischlieferanten sieht, weiß nur, wieviele Prozent von ihnen welche Haltungsform wie lange überleben und welches Futter am schnellsten zu Fleischansatz führt. Fertig, aus. Die wahren Persönlichkeiten der Schweine sind diesen Menschen vollkommen unbekannt. Sie dürften eigentlich gar nicht mitreden, wenn es darum geht, welche Mindestanforderung die Haltung von Schweinen gesetzlich erfüllen sollte.

Wer zuhören kann, dem wird Anna erzählen, was der Vollspaltenboden für eine Katastrophe ist. Und was Schweine wirklich brauchen, um wenigstens ein Minimum an Lebensqualität zu bekommen. Anna sollte eigentlich beim Hearing im Parlament für das Tierschutzvolksbegehren sprechen. Ihre Sicht ist die einzige, die wirklich zählt. Und niemand von uns hat ihren Erfahrungsschatz, um das Leben auf einem Vollspaltenboden mit dem in einer tief eingestreuten Bucht zu vergleichen.

Ende der Trophäenjagd auf Grundbesitz der Stadt Wien innerhalb der Stadtgrenzen!

In den Jahren bis 2015 habe ich noch die großen Jagdgesellschaften im Lainzer Tiergarten in Wien gesehen. Zig Autos am Parkplatz irgendwo innerhalb, jedes mit Fahrer:in. Ich frage einen davon, auf was er da wartet. Er sagt, er sei der Chauffeur von Manager XY und der sitze da drin im Lainzer Tiergarten auf einem Jagdstand und ballert auf Tiere. Das waren riesige Events damals, es wurden 1500 Wildschweine, Rothirsche, Mufflons und Damhirsche abgeknallt. Die Schädeldecken bzw. Zähne wurden abgesägt, ausgekocht und als Trophäen überreicht. Bis 2015 ganz normal.

Doch dann, im März 2015, begann unsere Kampagne gegen die Gatterjagd. Beim Personal der Stadt Wien hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits einiges geändert, die Forstdirektion wollte die Jagdstrategien überdenken. Man ging nicht gegen unsere Demos vor dem Lainzer Tiergarten vor, sondern lud uns zum Gespräch unter professioneller Moderation. Die „Arbeitsgruppe Lainzer Tiergarten“ war geboren, die bis heute weiter existiert.

Das Ergebnis wurde am 16. Dezember 2015 in einer gemeinsamen Pressekonferenz präsentiert. Mit einem Wermutstropfen: knapp vor Beginn teilte man mir mit, dass die Stadt Wien in einem Punkt einen Rückzieher mache. Man wolle am Verkauf von Trophäenabschüssen bis auf weiteres festhalten. Also, ja, man werde die Fütterungen im Lainzer Tiergarten einstellen und die Populationsdichte der Wildschweine innen den Verhältnissen außen anpassen, und, ja, man wolle nur noch nach ökologischen Kriterien den Bestand von Wildschweinen und Rehen und sonst keiner anderen Tierart mehr reduzieren, und, ja, es werde zuletzt Grünbrücken über die Tiergartenmauer geben, sodass die Tiere ein und aus gehen können, aber, nein, der Verkauf von Trophäenabschüssen solle bestehen bleiben. Ein Rückschlag.

Doch das Projekt entwickelte sich. Am 4. April 2017 trat das Wiener Gatterjagdverbot in Kraft. Weiterhin wurden aber Trophäenabschüsse verkauft. Ja, die Stadt Wien war nach den Bundesforsten der zweitgrößte Jagdanbieter Österreichs. Der Großteil davon bezog sich allerdings auf Abschüsse von kapitalen Trophäenträgern auf Grundbesitz der Stadt Wien am Hochschwab, der Rax und im Wienerwald, insgesamt über 50.000 ha.

Doch dann, am 1. Februar 2021 war es soweit. Die Forstdirektion von Wien verkündete das Ende der Trophäenjagd im Lainzer Tiergarten und auf dem gesamten Grundbesitz der Stadt innerhalb der Stadtgrenzen. Abschüsse werden nur mehr, wenn ökologisch notwendig weil der Wald Schaden nimmt, von Berufsjäger:innen erledigt, die keine Trophäen erhalten. Und das bezieht sich, wie gesagt, nicht nur auf den Lainzer Tiergarten, sondern auch auf den Maurer Wald und weitere Flächen, die der Stadt gehören.

Zunächst hat man also auf diesen Flächen aufgehört, sie als Reviere zu verpachten, sondern man hat nur mehr Einzelabschüsse verkauft. Dann wurde die Jagd auf alle anderen Tiere als auf Paarhufer beendet, d.h. z.B. keine Bejagung von Vögeln oder von Beutegreifern wie dem Fuchs. Diese beiden Aspekte gelten bereits für den gesamten Grundbesitz der Stadt Wien, also auch in der Steiermark und in Niederösterreich. Und jetzt legt man das Wildtiermanagement zumindest einmal innerhalb des Wiener Stadtgebietes in die Hände von bezahlten Berufsjäger:innen. Keine Hobby- und Sonntagsjäger:innen mehr, keine Trophäenabschüsse. Ein sehr großer Fortschritt!

Wie man am Abschuss des Bären Arthur in den rumänischen Karpaten sehen kann, ist das Erbeuten von Trophäen das Herzstück der Jagdleidenschaft. Die konventionelle Jägerschaft füttert Paarhufer, um möglichst viel Nachwuchs zu haben, weil im Mittel alle 70 Tiere eines ein besonders großes Geweih (Rothirsch und Rehbock) oder Gebiss (Wildschweineber) entwickelt. Die Behörden machen aber Auflagen, eine Mindestabschussquote einzuhalten, weil sonst der Wald verbissen wird. Doch die Jägerschaft will das nicht. Sie will zwar viele große männliche Tiere schießen, aber möglichst keine weiblichen, damit es viel Nachwuchs gibt. Und so wird getan, als ob man sich um die Tiere sorge, und man sucht die Unterstützung der Tierschützer:innen. Doch Achtung, die Jägerschaft ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz. Das Füttern und die Kritik am Abschuss weiblicher Tiere entspringt keinem Mitgefühl oder Tierschutzgedanken, sondern der Lust auf kapitale Trophäen. Nur darum geht es.

Und deshalb ist dieser Schritt der Stadt Wien nicht zu unterschätzen. Wieviele Millionen Euro die Stadt dafür an Abschusstaxen verliert, kann ich nicht sagen, aber wenig ist es sicher nicht, wenn man bedenkt, dass z.B. im Jagdgatter Esterhazy im Burgendland der Abschuss eines kapitalen Rothirschs 22.000 Euro kostet. Eines einzigen Hirschs, wohlgemerkt. Wie fanatisch muss man sein, um so viel Geld für eine abgesägte und ausgekochte Schädeldecke zu bezahlen. Das ist für normale Menschen überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.

Die Stadt Wien hat also zumindest auf eigenem Grund und innerhalb der Stadtgrenzen die Trophäenjagd beendet. Dieser Gedanke lässt sich in Zukunft auf den gesamten Grundbesitz der Stadt Wien, auch in der Steiermark und in Niederösterreich, ausdehnen. Vielleicht können wir sogar die Bundesforste dazu bringen, ebenfalls nachzuziehen. Die Jagd sollte einem vernünftigen Wildtiermanagement weichen. Es darf nicht um Jagdherrlichkeit und Trophäen gehen, sondern darum, nach Kriterien des Tierschutzes und der Ökologie ein Gleichgewicht zu schaffen, das sich möglichst ohne Eingriffe durch den Menschen selbst erhält. Große Beutegreifer, wie Wolf, Luchs und Bär, würden da wesentlich dazu beitragen. Erst ein derartiges Ökosystem garantiert den Erhalt einer Vielfalt von Arten und ist auch ausreichend stabil, um den Klimawandel zu überstehen.

Schweine, vom Vollspaltenboden gerettet

Letztes Wochenende habe ich wieder einmal das Tierparadies Schabenreith am Ziehberg bei Kremsmünster besucht. Eigentlich war ich in professioneller Mission, bin aber im Tierparadies über Nacht geblieben. Ich kenne die Betreiber:innen schon viele Jahrzehnte. Und da ich mich ja gerade gegen die Haltung von Schweinen auf Vollspaltenboden engagiere, habe ich viel Zeit auf der Wiese bei den geretteten Tieren verbracht. Man kann dabei immer etwas lernen.

Immer wieder kommen gerettete Schweine ins Tierparadies, zeitweise waren 26 Schweine dort. Nach dem Tod eines 14 jährigen Tieres sind es aber jetzt nur mehr vier. Die Schweine leben in einem geräumigen Stall mit einigen Buchten mit tiefer Stroheinstreu. Sie können sich aussuchen, in welche Bucht sie sich legen. Alle sind permanent offen. Ebenso offen ist die Stalltüre. Die Schweine können also jederzeit hinaus. Und dort erwarten sie 4 ha Wiese. Das ist so groß, dass man die Tiere suchen muss, wenn sie dort herum streunen. Da gibt es auch Büsche und Bäume, später im Jahr wird das Gras so hoch, dass die Schweine darin verschwinden.

Ich habe mich einfach zu ihnen gesetzt und sie still beobachtet. Zwei sind gute Freunde, die sich absondern. Die anderen beiden sind eher Einzelgänger, sie treten aber mit Menschen sehr gerne in Kontakt. Sie mögen es, gestreichelt zu werden, und sie kuscheln auch gerne.

Hier heraußen in der frischen Bergluft, abseits von Straßen und Menschen, atmen wir alle freier. Es ist eine Welt für sich. Ein Paradies eben. Schon zeitig in der Früh kommen die Schweine heraus und streunen durch die Wiese. Sie wühlen im Boden, schmatzen und grunzen, und scheinen auch Gras zu essen. Über Stunden hinweg untersuchen sie hochkonzentriert und dabei sichtlich vergnügt ihre Umgebung. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, dann kommen alle vier Schweine zur Siesta in den Stall. Sie vergraben sich im tiefen Stroh und schlafen. Am Nachmittag dann, nach einem ausgiebigen Mal mit frischem Obst und Gemüse, gehts wieder hinaus in die Wiese. Dabei kann man die Schweine auch fröhlich galoppieren sehen, und springen, wie Ziegenböcke.

Alles, wirklich alles, was Schweine ausmacht, können sie in der Tierfabrik auf Vollspaltenboden nicht ausleben. Es beginnt schon damit, was sie dort zu essen bekommen. Ein undefinierbarer Fraß, in völlig verdreckten Trögen, meistens mit Kot vermischt, der darin schwimmt. Da die Schweine dort so eng stehen, können sie nur kacken, wo sie gerade sind, und das ist manchmal über dem Futtertrog. Bei den Schweinen im Tierparadies habe ich keinen Kot gesehen. Das Stroh war sauber und roch angenehm. In der Schweinefabrik ist alles mit Kot verklebt und es stinkt so unerträglich nach Ammoniak, dass einem die Atemwege brennen. Im Tierparadies schlafen die Schweine im weichen, tiefen Stroh, oder liegen draußen auf dem Gras in der Wiese. In der Schweinefabrik gibt es nur den Betonboden mit scharfkantigen Spalten. Im Tierparadies sind die Tiere, bis auf die Siesta, ständig unterwegs und untersuchen mit großem Interesse ihre vielgestaltige Umgebung. In der Schweinefabrik gibt es nur einen kahlen Boden und kahle Wände, sonst gar nichts. Auf der 4 ha großen Wiese kommen sich nur Freunde unter den Schweinen nahe. In der Tierfabrik kleben sie gezwungenermaßen aufeinander, mit 0,55 m² Bodenfläche pro 85 kg schwerem Schwein. Da muss man ja aggressiv werden, und kann den Wutausbrüchen der anderen Tiere – bei Menschen würden wir Hüttenkoller dazu sagen – nicht entkommen. Im Tierparadies können die Schweine in der Sonne baden, ins Abendrot blinzeln oder den Morgentau von den Blättern lecken. In der Tierfabrik gibt es keine Sonne, keine frische Luft, keine grünen Pflanzen und keinen Morgentau. Das ganze Leben nicht. Die Schweine im Tierparadies sind nicht verletzt. Manche laborieren noch von ihren Wunden aus der Zeit auf dem Vollspaltenboden. Aber die typischen Kratz- und Bisswunden, die in der Schweinefabrik allgegenwärtig sind, sowie die geschwollenen Gelenke und das ständige Husten, bleiben im Tierparadies aus. Hier werden die Tiere gut 15 Jahre alt.

Die Schweineindustrie und ihre Lobby in der ÖVP sagen gerne, wir Tierschützer:innen wüssten nichts von Schweinen. Dabei bin ich mir sicher, dass weder die Landwirtschaftsministerin Köstinger noch der Sprecher der Schweinebörse Schlederer je, so wie ich gerade eben, 2 Tage mit Schweinen auf der Wiese verbracht haben. Ich bin mir sicher, niemand aus der Schweineindustrie kennt die Interessen und den Tagesablauf von freien Schweinen. Stattdessen wissen sie, wieviel Antibiotika notwendig sind, um die Todesrate in der Tierfabrik unter 15 % zu drücken. Und sie wissen, wieviel von welchem Fraß man verfüttern muss, um maximale Zuwachsraten an Körpermasse zu erreichen. Nur, das hat in Wahrheit mit Schweinen nicht viel zu tun.

Ich komme von diesen zwei Tagen nachdenklich und aufgebracht zurück. Nachdenklich stimmt mich das ungeheuerliche Ausmaß an Leiden, das wir mit dem Vollspaltenboden diesen Tieren antun. Versetzt man sich nur ein bisschen in die Schweine hinein, mit dem Wissen über sie von den Artgenossen im Freien, dann kann man eigentlich nur weinen. Wütend macht mich deswegen diese totale Ignoranz seitens der ÖVP und der Schweinelobby. Woche für Woche deckt der VGT neue Fakten aus Schweinefabriken auf, und wo man hinsieht herrscht brutale Kälte. Weniger Sadismus – obwohl das auch – sondern mehr die komplette Unfähigkeit, mit diesen Wesen mitzufühlen, sich in sie hinein zu versetzen. Man bietet den Tieren nur das absolute Minimum, sodass nicht mehr als 15 % an der Haltung sterben, und der Rest gerade noch bis zum Schlachthof überlebt. Alles orientiert sich an der Profitmaximierung. Ein System ohne Herz und Hirn.

Wir müssen das ändern.

Unfassbar: 24/7 ununterbrochen im körpergroßen Käfig

Ich war gerade draußen im Wald in den Bergen. Frische Luft, die Weite der Landschaft, Bewegung, Körpergefühl. Und dann schaue ich auf das Bild oben, ein Mutterschwein während der Schwangerschaft im sogenannten Kastenstand. Die Größe dieser Kastenstände lässt sich im Gesetz ablesen: 65 cm breit und 190 cm lang. Für ein Muttertier von deutlich über 100 kg! Wie im Bild ersichtlich, ist dieser Käfig gerade einmal körpergroß. Das Schwein kann sich nicht einmal umdrehen und keinen einzigen Schritt gehen. Und wenn es sich niederlegen will, dann ist es zwischen den Gitterstäben eingequetscht.

Das alles lässt sich so leicht sagen. Aber was es in Wirklichkeit für das gefangene Tier bedeutet, ist kaum zu fassen. Ich schließe meine Augen. Ein körpergroßer Käfig, die Gitterstäbe sind auf allen Seiten gleichzeitig zu spüren. Keinen einzigen Schritt gehen! Und zwar tagaus tagein, jeden Tag, jede Woche, jedes Monat, das ganze Leben.

Wenn ich das auf mich einwirken lasse, frage ich mich, was es eigentlich Schlimmeres gibt. Was kann einem im Leben widerfahren, das es an Furchtbarkeit mit dieser völlig hoffnungslosen Situation aufnimmt? Nichts, glaube ich. Gar nichts. Dazu kommt, dass uns die Evolution nicht auf so eine Gefangenschaft vorbereitet hat. Wir können mit einem Gewaltakt umgehen, mit dem Verlust ganz enger Partner:innen oder Freund:innen. Aber nie in unserer evolutionären Geschichte waren wir Tiere so eingesperrt. Nie war es von Vorteil, wenn ein Tier mit einer derartigen Situation leichter fertig wird, sodass es diese Voraussetzung an seine Kinder weitergegeben hätte.

Nein, die Ausrede, das seien ja nur Tiere, höre ich mir gar nicht an. Warum sollte ein Schwein weniger leiden, wenn es derart eingesperrt ist? Ein Schwein hat genau dasselbe Bedürfnis nach Bewegung wie ein Mensch, nicht mehr und nicht weniger.

Bis 2012 war das lebenslange Einsperren der Mutterschweine in solchen Käfigen die Norm, also nicht nur erlaubt, sondern ganz normal und überall verbreitet. Dann trat eine EU-Richtlinie in Kraft, die die Zeit im Kastenstand auf die Hälfte des Lebens reduzierte. Noch immer unendlich grauenvoll: die Hälfte des Lebens, und zwar jeweils Wochen hintereinander, im körpergroßen Käfig eingesperrt! Wir vom VGT wollten das nicht hinnehmen und haben deshalb schon 2011 eine Kampagne für ein Verbot dieser Kastenstände in Österreich durchgeführt. Wir waren bedingt erfolgreich. Einerseits dürfen die Mutterschweine pro Geburtszyklus (etwa 140 Tage) jetzt „nur mehr“ 10 Tage um die Befruchtung und „die kritischen Tage“ (also etwa 6) um die Geburt im Kastenstand gehalten werden. Andererseits gilt das für jene Betriebe, die dafür umbauen müssen, erst ab 2033! Das sind jedenfalls nur mehr 16 von 140 Tagen im Kastenstand, also 11,4 % des Lebens. Ein gewisser Lichtblick, keine Frage, aber eine zivilisierte Gesellschaft sperrt niemanden in körpergroße Käfige ein, auch nicht für 1 Sekunde.

Erschreckend war, mit was für einer Vehemenz unser Kampagnenziel, den Kastenstand abzuschaffen, bekämpft worden ist. Die findige Tierindustrie erfand für den Kastenstand den Euphemismus „Ferkelschutzkorb“. Also einen körpergroßen Käfig, in dem Muttertiere auf lange Zeit eingesperrt sind, einen Schutzkorb zu nennen, ist schon einmal eine bodenlose Frechheit. Das „Ferkelschutz“ kommt daher, dass die Schweineindustrie behauptet hat, nicht eingesperrte Mütter würden ihre Ferkel erdrücken. Selbst der damalige SPÖ-Clubchef Josef Cap hat mir gegenüber diese grauenhaften Kastenstände als „Ferkelschutzkörbe“ verteidigt und war strikt gegen jedes Verbot. Und die ÖVP hat natürlich, in guter tierfeindlicher Tradition, blockiert, wo sie nur konnte. Und als sie nicht mehr konnte, weil die Bevölkerung ungeduldig wurde, hat sie sich eine Übergangsfrist von 21 (!) Jahren, also bis 2033, für Neubauten ausbedungen.

Einer der vehementen Gegner unserer Forderung, einer also, der keinerlei Einschränkung dieser Kastenstandhaltung wollte, war ein gewisser ÖVP-Funktionär. Er demonstrierte sogar dagegen, dass die Mutterschweine vor diesen Kastenständen geschützt werden. Und er kam selbst aus einem solchen Betrieb, einer Schweinefabrik, in der die Schweine in Kastenständen gehalten werden.

Wir konnten seine Schweinefabrik vor Kurzem aufdecken. Versteckte Kameras haben über Monate hinweg gefilmt, was in diesem Betrieb vor sich gegangen ist. Die Aufnahmen – mehrere Terabyte von Daten – zeigen u.a. diesen Mann, wie er seine Schweine tritt. Das muss man sich vorstellen! Nicht nur, dass die Tiere im körpergroßen Käfig eingesperrt sind, der Mensch geht an den gefangenen Tieren vorbei, und statt dass ihm das Herz schwer wird, tritt er die Tiere! Tritt er die gefangenen Mütter! Hier ein Bild davon:

Ist diese Brutalität schon erschütternd genug, so übersteigt die folgende Aufdeckung meine Vorstellungskraft. Die monatelangen Aufnahmen zeigen, dass der Betreiber dieser Schweinefabrik die Mutterschweine lebenslang ununterbrochen 24/7 in den Kastenständen hält. Wie zur Steinzeit im Tierschutz, wie vor 2012! Entgegen aller – eh schon so schlechten – Tierschutzbestimmungen!

Mir stockt der Atem, wenn ich mir das Leid dieser Tiere vorstelle. Es sträubt sich alles in mir, diese Vorstellung zuzulassen. Was für ein absolut furchtbares Los! Der Vollspaltenboden ist schon schlimm genug, aber lebenslang im körpergroßen Kastenstand, dieser Gedanke ist wirklich nicht mehr zu ertragen.

Dazu kommt, dass dieser Mann, der also die Mutterschweine 24/7 im Kastenstand hält und sie auch noch einfach so tritt, sich sehr engagiert hat, um das Kastenstandverbot zu verhindern. Er hat den scheußlichen Euphemismus „Ferkelschutzkorb“ mitgetragen, um die Öffentlichkeit zu verwirren und das Leid der Muttertiere zu verschleiern. Und was schließlich dem Fass den Boden ausschlägt: „trotzdem“ er die Mutterschweine 24/7 in Kastenstände (aka Ferkelschutzkörbe) einsperrt, sterben bei ihm die Ferkel wie am Fließband. Die Mistkübel vor der Tür quellen über mit toten Ferkeln! Er gibt zu, dass 500 (!) Ferkel bei ihm pro Jahr sterben, aber die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein.

Heute versuchen wir ein Verbot des Vollspaltenbodens zu erreichen. Auch heute blockiert die ÖVP, blockieren ihre Funktionär:innen, pöbeln uns Betreiber:innen von Schweinefabriken an. Wir wüssten nicht, wie toll der Vollspaltenboden für die Schweine sei. Und man könne ihn nicht abschaffen, sonst wäre die Welt im Zusammenbruch. Jetzt wissen wir, was wir von solchen Typen zu halten haben. Für die sind Schweine einfach Biomaschinen ohne jedes Gefühl.

Die Staatsanwaltschaft hat jedenfalls Ermittlungen gegen den Besitzer der Schweinefabrik eingeleitet. Sie hat auch alle Filmaufnahmen von uns bekommen. Aber wie immer, wenn es um Tiere geht, wird denjenigen, die sie misshandeln, nicht viel passieren, fürchte ich. Ob ich noch erleben darf, dass das einmal anders wird?

Gatterjagd Burgenland: Sollen wir eine Volksabstimmung machen?

Das Amt der Burgenländischen Landesregierung hat uns offiziell mitgeteilt, dass wir 14.178 gültige Stimmen für eine Abstimmung über das Gatterjagdverbot im Burgenland abgegeben haben. Und das innerhalb von 6 Wochen. 12.000 Stimmen wären nötig gewesen, und das innerhalb von 8 Wochen. Zuletzt sind bei uns über 26.000 Unterschriften aufgelegen. Wir haben es also trotz hartem Lockdown, trotz Weihnachtsfeiertage und trotz der größten Kälte im Jahr geschafft.

Die Landesregierung hat das erkannt und sofort reagiert. Sofort wurde ein Initiativantrag eingebracht. Eine neue Jagdgesetznovelle, die den § 170 (3) aus dem Jahr 2017 wieder enthält. Wir erinnern uns: Am 9. März 2017 war mit § 170 (3) im Jagdgesetz das Gatterjagdverbot erlassen werden. Dieser Paragraph spezifiziert, dass alle Jagdgatter im Burgenland bis zum 1. Februar 2023 aufgelöst werden müssen. Mit einer überraschenden Jagdgesetznovelle am 10. Dezember 2020 hat die Landesregierung diesen Paragraphen wieder ersatzlos aus dem Jagdgesetz gestrichen. Dagegen hat sich unsere Initiative für eine Volksabstimmung gerichtet. Erfolgreich.

Die Sachlage ist nun die. Bis die Volksabstimmung stattfinden – und das wäre etwa Anfang Juni – würde das Jagdgesetz vom 10. 12. 2020 nicht in Kraft treten. Wird die Volksabstimmung gewonnen, d.h. wählen mehr Menschen mit „NEIN“ als mit „JA“ zu diesem Gesetz bzw. zur Gatterjagd, dann würde das Gesetz komplett gekippt und das Gatterjagdverbot von 2017 bleibt aufrecht. Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, sagt uns jedenfalls das Amt der Burgenländischen Landesregierung und der Burgenländische Verfassungsdienst, die Volksabstimmung wieder zurück zu ziehen. Das könnten wir tun, so lange die Landesregierung noch nicht beschlossen hat, dass die Volksabstimmung stattfindet. Das hat sie noch nicht, und sie hat bis zum 4. März (also 4 Wochen nach Ende der Abgabefrist der Unterschriften für eine Volksabstimmung) dafür Zeit.

Wenn wir die Volksabstimmung zurück ziehen, dann tritt die Jagdgesetznovelle vom 10. 12. 2020 sofort in Kraft und damit ist § 170 (3) wieder aufgehoben und die Gatterjagd ist wieder erlaubt. Also warum sollten wir das tun? Naja, die Landesregierung hat bereits eine Jagdgesetznovelle in den zuständigen Ausschuss geschickt, der nächste Woche tagt. Und, wie gesagt, in dieser Novelle steht § 170 (3) wieder drin. Am 4. März, also genau am Tag des Ablaufs der Frist für den Beschluss für eine Volksabstimmung, gibt es eine Landtagssitzung, an dem dieses Gesetz beschlossen werden könnte. Wenn wir die Volksabstimmung zurück ziehen und dieses Gesetz beschlossen wird, dann wird das Gatterjagdverbot kurz wieder aufgehoben und gleich wieder eingeführt. Die Übergangsfrist von 6 Jahren (ab 2017) ist dann zwar kurzzeitig unterbrochen, aber man versichert mit seitens des Verfassungsdienstes, dass das nichts zur Sache tun würde. Trotzdem müssten die Jagdgatter mit dem 1. Febraur 2023 schließen.

Gibt es keine Volksabstimmung, ersparen wir uns die Arbeit, die Zeit, den Aufwand und das Geld, die gesamte Bevölkerung des Burgenlandes darüber zu informieren und zum Hingehen zu bewegen. Sicher, gäbe es die Volksabstimmung zum Nulltarif und würden dort satte 80 % gegen die Gatterjagd stimmen und gäbe es eine Wahlbeteiligung von 60 % oder mehr, dann wäre das ein unüberhörbares Signal für den Tierschutz in ganz Österreich. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Landesregierung mit ihrem Schritt, ein neues Jagdgesetz zu erlassen, die Luft aus der Initiative rausgenommen hat. Es würde sehr schwer werden, die Menschen zu mobilisieren, dorthin zu gehen, wenn es in ihren Augen ja um gar nichts mehr ginge. Dabei ginge es um was: wenn fast niemand hingeht außer ein paar Gatterjagdbefürworter:innen, die dann bei der Volksabstimmung die Mehrheit bilden, dann würde das Gatterjagdverbot aufgehoben werden müssen, egal was die Landesregierung jetzt tut. Die Volksabstimmung wäre also nicht nur mühsam, sie wäre auch ein Risiko, bei dem es fast nichts zu gewinnen gibt, weil die Wahlbeteiligung vermutlich sehr gering wäre.

Vertrauen wir der Landesregierung, und sie beschließt tatsächlich sofort das Gatterjagdverbot erneut, dann haben wir, was wir wollen, ohne Aufwand. Aber kann man der Landesregierung vertrauen? Sie hat schon einmal einfach so das Gatterjagdverbot aufgehoben. Was, wenn sie die Jagdgesetznovelle mit dem Gatterjagdverbot, die jetzt beim Ausschuss liegt, einfach auf die lange Bank schiebt und nicht beschließt? Wären wir in der Lage, genügend öffentlichen Druck zu erzeugen, sie quasi dazu zu zwingen? Oder würden die Medien im vorauseilenden Gehorsam – es geht vermutlich um Werbeeinschaltungen durch die Landesregierung in Millionenhöhe – jede schärfere Kritik zurück halten?

Wir haben nur noch weniger als 3 Wochen, um zu entscheiden. Noch nie war ich bei einer politischen Richtungsentscheidung so hin und her gerissen. Wie würden wir uns ärgern, wenn wir die Volksabstimmung zurück ziehen, und hinein gelegt werden. Und wie würden wir uns ärgern, wenn wir die Volksabstimmung durchziehen und fast niemand geht hin.

Ich bin für gut gemeinte Ratschläge dankbar.