Aktivismus

Das Gift des Abolitionismus

Vor einiger Zeit habe ich im Rahmen unserer Kampagne gegen den Schweine-Vollspaltenboden von einer Stroh-Freilandhaltung von Schweinen berichtet, die eine veritable Alternative darstellt: https://martinballuch.com/zu-besuch-bei-einem-etwas-anderen-schweinebetrieb/. Friedrich Mülln, der als sogenannter Abolitionist sehr vehement gegen den Reformismus im Tierschutz auftritt, hat daraufhin offenbar in seiner Bubble einen Shitstorm gegen mich losgetreten. Inhaltlich bin ich darauf schon eingegangen: https://martinballuch.com/zur-abolitionistischen-kritik-an-meinem-positiven-bericht-von-einem-schweinebetrieb/ und https://martinballuch.com/die-balluch-kurve/. Ich möchte meine Reaktion nun zur Trilogie komplettieren.

Mülln war lange Zeit im Rechercheteam verschiedener Tierschutzorganisationen in Österreich, insbesondere der Vier Pfoten, tätig und hat dann in Deutschland den Verein „SOKO Tierschutz“ gegründet. Dabei machte er sich mit spektakulären und sehr verdienstvollen Aufdeckungen einen Namen, z.B. durch die Infiltration des Tierversuchslabors LPT mit entsprechenden undercover Aufnahmen, die sogar zur – wie ich höre temporären – Schließung dieses Labors geführt hat.

Das ist alles gut und schön und lobenswert. Als problematisch erachte ich aber, dass diese Aufdeckungen nicht mit reformistischen Kampagnen kombiniert werden, die zu echten, bleibenden Änderungen im Umgang mit Tieren in der Gesellschaft führen. Klingt ja wie ein Erfolg, wenn ein Tierversuchslabor schließt, aber gibt es deswegen weniger Tierversuche? Soll das Ende der Tierversuche dadurch erreicht werden, dass ein Tierversuchslabor nach dem anderen durch Aufdeckungen von Skandalen zum Schließen gezwungen wird? Offensichtlich nicht. Und in diesem Fall, so wurde mir behördlicherseits mitgeteilt, hat das Tierversuchslabor sogar wieder geöffnet. Aber selbst wenn nicht, würde das an meinem Argument nichts ändern. Klar ist, dass andere Labors die entsprechenden Tierversuche übernehmen. Weniger sind sie ja laut Statistik – vor allem deshalb – nicht geworden. Dasselbe gilt für die Schließung besonders skandalöser Tierfabriken oder Schlachthäuser. So wird die Fleischproduktion nie enden, ja nicht einmal weniger werden. Und der Weg über die zunehmende Veganisierung der Gesellschaft durch sukzessives Überzeugen einzelner Personen wird auch nicht erfolgreich sein, wie ich nach 35 Jahren Erfahrung im obigen Link zur Balluch-Kurve ausgeführt habe.

Faktum ist, dass die Wirkung von der Aufdeckung eines skandalösen Umgangs mit Tieren nur sehr kurz anhält. Wenige Tage später gehen alle zur Tagesordnung über und die Bilder sind vergessen. Selbst wenn Mülln jahrzehntelang einen Skandal nach dem anderen aufdeckt, ist alles beim Alten, wenn er irgendwann in Pension geht. Die ganze Arbeit im Wesentlichen umsonst, die Gesellschaft so, als wäre Mülln nie aktiv gewesen. Ist das nicht schade? Dabei hätte man mit diesen Aufdeckungen im Rahmen reformistischer Kampagnen echte Änderungen erreichen können, die bleiben. Eine echte Verbesserung, die noch da ist, wenn man selbst abtritt. Bemerkenswert, übrigens, dass Mülln radikal gegen Reformkampagnen für bessere Tierschutzgesetze eintritt, aber die vorhandenen Tierschutzgesetze für seine Skandalisierungen verwendet und auch immer Anzeige erstattet. Gut, dass er diesbezüglich auf den Schultern erfolgreicher Reformkampagnen steht, die er aber bekämpft.

Was haben Friedrich Mülln, Clemens Arvay (Corona Schwurbler) und Sebastian Bohrn-Mena (Narziss und Dampfplauderer) gemeinsam? Sie löschen rigoros jeden kritischen Kommentar in ihren Sozialen Medienkanälen. Warum? Weil sie sich auf diese Weise eine Bubble schaffen, die sie reiten können. Es reicht ihnen, ein Bubble-Guru zu sein. Ändert man so die Gesellschaft? Nein. Der Anspruch geht spätestens verloren, wenn man die öffentliche und offene Diskussion scheut. Hat Mülln also gar nicht diesen Anspruch?

Auf der letzten internationalen Tierrechtskonferenz in Luxemburg sprach Mülln zum Thema „The poison of reformism“, also das Gift des Reformismus. Zugegeben, ich habe mir das nicht angehört. Aber die zahlreichen Angriffe auf Organisationen, die reformistische Kampagnen führen, kulminierten laut Erzählungen in der Behauptung, sie würden die Tierbefreiung hinaus zögern. Das deshalb, weil diese laut Mülln unmittelbar bevor stünde. Kolportiert wurde mir, dass er davon ausgeht, dass 2030 die Gesellschaft vegan geworden sein soll.

Also für jeden Menschen, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht, ist diese Behauptung total absurd. Ein nahezu religiöses Endzeitszenario, das an die Zeugen Jehovas erinnert. Die Menschen werden aufgefordert, jetzt und hier in den „Endkampf“ einzutreten, weil der nicht mehr lange dauern werde. Das Ende der Tierausbeutung ist nahe. Nur leider, wie bei den Zeugen Jehovas, ist diese Utopie kompletter Unsinn. Welche Gesellschaft soll 2030 vegan geworden sein? Deutschland? Oder Österreich? Oder auch die osteuropäischen Länder? Oder auch China? Wer sich in Österreich im ländlichen Raum bewegt, wer in Tourismus Hotspots auf die Speisekarte schaut, oder wer in Kroatien in den Städten oder auf Schiffen veganes Essen sucht, wird sehr rasch erkennen, dass wir von einer veganen Gesellschaft momentan meilenweit (sprich Jahrhunderte) entfernt sind. Wie sollte sich das so rasch ändern?

In der einen oder anderen Großstadt gibt es vegane Lokale. Hurra! Wirklich schön, dass man dadurch in der veganen Nische ein leichteres Leben hat. Aber wieviele Lokale daneben gibt es, die nicht vegan sind? In Estland hat mir vor 10 Jahren etwa eine Person stolz erzählt, dass die vegane Revolution bevor stehe, das erste rein vegane Lokal habe eröffnet. Auf dem Weg dorthin sind wir an gezählten 50 Fleischlokalen vorbei gegangen. Die wurden aus dem Bewusstsein ausgeblendet.

Tierbefreiung ist möglich, ich setze mich seit Jahrzehnten dafür ein. Aber weder ist das Ende der Tierausbeutung vor der Tür, noch führt der Weg dorthin durch die Veganisierung einzelner Personen oder das reine Aufdecken von Skandalen im Umgang mit Tieren. Der einzige realistische Weg ist via Reformen. Das habe ich in den obigen Links ausführlich begründet.

Ich stelle dem Vortragstitel von Mülln den Titel dieses Blogeintrags entgegen: „Das Gift des Abolitionismus“. Mülln selbst hat uns schon gezeigt, wie giftig Abolitionismus sein kann. Nicht durch den Shitstorm gegen mich. Aber Mülln hat Sebastian Joy, dem Obmann von Pro-Veg, einer Organisation, die sich für die Veganisierung der Gesellschaft engagiert, bei dessen Vortrag auf einer Tierrechtskonferenz ein totes Huhn auf den Tisch geknallt. Joy sei für den Tod von Hühnern verantwortlich, weil er fleischverkaufende Firmen dazu bringe, vegane Produkte ins Sortiment aufzunehmen, und dadurch diese indirekt bewerbe und salonfähig mache. Der einzig erlaubte weg, laut Bubble-Guru Mülln, ist offenbar das Aufdecken von Skandalen und das Veganisieren einzelner Personen.

Ich denke, man sollte Mülln bei seinem nächsten Vortrag ein totes Schwein auf den Tisch knallen. Und zwar deswegen, weil er durch seine Weigerung, auf Basis seiner Aufdeckungen reformistische Kampagnen durchzuführen, für den Tod von Millionen Schweinen verantwortlich ist, die sonst nicht sterben würden. Die Haltung von Schweinen auf Stroh statt auf Vollspaltenboden, mit deutlich mehr Platz, reduziert nämlich die Mortalität der Tiere um das 3 bis 7 fache. Also ganz deutlich und langsam zum Mitdenken: In Österreich werden 5 Millionen Schweine pro Jahr im Schlachthof getötet und zu Fleisch verarbeitet. Davor sterben 700.000 Schweine an den schlechten Haltungsbedingungen, bevor sie zum Schlachthof kommen. Es werden also 5.700.000 Schweine pro Jahr eingestallt, um den jetzigen Schweinefleischkonsum zu befriedigen. Wenn die Haltung so viel besser ist, dass nur noch 100.000 Schweine pro Jahr an den Haltungsbedingungen sterben, dann müssen für dasselbe Fleischproduktionsvolumen nur mehr 5.100.000 pro Jahr eingestallt werden, also 600.000 weniger. Das heißt mit einer besseren Haltung leiden und sterben 600.000 Schweine allein in Österreich pro Jahr weniger. Auf Deutschland umgelegt sind das viele Millionen. Millionen von Schweinen, die jährlich leiden und sterben, weil Mülln keine Reformkampagnen macht. Auch Unterlassung macht mitschuldig. Mit den tollen Aufdeckungen der SOKO Tierschutz aus Tierfabriken könnte Mülln eine Reformkampagne in Deutschland auslösen, die letztlich erfolgreich ist, und die, ich wiederhole mich, Millionen von Schweinen jedes Jahr das Leben rettet. Aber er tut es nicht. Aus ideologischer Überzeugung. Das ist das Gift des Abolitionismus.

Die Balluch-Kurve

Wer kennt sie nicht, die Ausrede der Tierindustrie bis hinauf zur Landwirtschaftsministerin: Wenn die Menschen wirklich Stroh für Schweine wollen würden, dann würden sie doch nur Fleisch von Strohschweinen kaufen! Da aber das Bio-Schweinefleisch – immer mit Stroh – bei wenigen Prozent Marktanteil grundelt, wollen die Menschen laut Landwirtschaftsministerin das gar nicht, egal was Umfragen sagen. Die sprechen nämlich eine ganz andere Sprache: 96 % wollen laut einer Gallup-Umfrage vom August 2019 nämlich Stroh für Schweine. Also was ist da los?

Dass die Dinge so einfach nicht liegen, wie uns Frau Köstinger das verklickern will, zeigt ein Blick auf die Geschwindigkeitsbegrenzung im Ortsbereich. Man stelle sich vor, es gäbe keine. Wie lange fährt man mit 50 km/h dahin, während die anderen an einem vorbei brausen? Ohne Gesetz würde sich niemand an diese Beschränkung halten. Heißt das, die Menschen wollen keine Geschwindigkeitsbegrenzung im Ortsbereich? Sicher nicht. Sie wollen eine, an die sich die anderen halten. Dann und nur dann sind sie auch dazu bereit.

Auch unsere IFES-Umfrage zu Beginn der Kampagne für ein Verbot der Legebatterien im Jahr 2002 hat ein ähnliches Bild gezeigt: 86 % der Menschen wollten ein Legebatterieverbot, aber 80 % der Menschen kauften Käfigeier. Nun, als das Verbot kam, hat sich niemand aufgeregt. Heute gibt es keine Käfigeier mehr im Handel, und das seit 14 Jahren. Kaum war das Gesetz da, waren alle bereit auf Käfigeier zu verzichten, solange die anderen das auch mussten. Es hat also ein Gesetz gebraucht, um das Verhalten der Menschen zu ändern, obwohl dieselben Menschen schon vor dem Verbot angaben, eigentlich keine Käfigeier zu wollen. Man könnte es auch so formulieren: wenn man vor dem Legebatterieverbot Käfigeier boykottiert hat, dann änderte das gar nichts. Die anderen kauften noch immer die Käfigeier und die Legebatterien blieben bestehen. Das frustriert, und bald greift man auch wieder zu den Billigeiern.

Nein, die Menschen sind nicht schizophren. Sie sind einfach mehr sozial als rational. Sie wollen nicht gerne aus der Menge heraus stechen. Ja, und sie fühlen sich schnell von anderen übervorteilt, denen alles egal zu sein scheint. Aber jetzt der Reihe nach.

Der Übergang in einer Gesellschaft von kompletter Willkür gegenüber Tieren, also einem Verhalten ohne jede Rücksichtnahme, bis zum totalen Respekt gegenüber Tieren, ihnen also keine Gewalt anzutun, ist fließend. Tatsächlich mag es philosophisch grundsätzliche Unterschiede zwischen Tierschutz und Tierrecht geben, politisch und psychologisch dagegen gehen die beiden kontinuierlich ineinander über. Ja, man kann den Respekt gegenüber Tieren Schritt für Schritt erhöhen, wie das auch in der Geschichte geschehen ist. Und der Übergang zu Grundrechten stellt dabei auch keine Hürde dar. Mary Midgely z.B. hat sogenannte „schwache“ Tierrechte vorgeschlagen, die so lange gelten, so lange sie nicht mit Grundrechten von Menschen kollidieren. Man könnte manchen Tieren den Personenstatus nach dem AGBG verleihen ohne neue Grundrechte. Diese Tiere könnten dann anwaltlich vor Gericht vertreten sein, Geschäfte tätigen, etwas besitzen und nicht mehr besessen werden, und die Umsetzung des Tierschutzgesetzes erzwingen. Sie sind dann keine Objekte sondern Subjekte im Sinne des Rechtssystems, sie haben aber dennoch keine Grundrechte.

Wir haben also ein Kontinuum von brutalster Tiernutzung zu totaler Befreiung von menschlichem Zwang. Die Kurve oben, die „Balluch-Kurve“, stellt jetzt ein solches Kontinuum von links – brutale Tiernutzung (z.B. Hundekämpfe) – bis nach rechts – totale Gewaltfreiheit (z.B. Veganismus) – dar. Das ist kein quantitativer Graph, sondern eine qualitative Veranschaulichung. Deshalb gibt es auch keine y-Achse (hinauf). Wir stellen uns nun vor, dass die Menschen in der Gesellschaft kleine Kügelchen auf dieser Kurve sind, die frei nach links und rechts rollen können. Die Kurve ist dann eher wie eine Tischplatte auf der Erde zu sehen, die Kügelchen rollen immer nach unten.

Nun, das, was ich als das System in der Gesellschaft bezeichnen würde, gibt die Struktur dieser Kurve vor. Momentan ist sie in etwa so, wie gezeigt. Wie ist das zu verstehen?

Legen wir ein Kügelchen zunächst ganz nach links hinauf, zur brutalen Tierfolter aus Spaß. Dieses Kügelchen repräsentiert also einen Menschen, der z.B. Hundekämpfe veranstaltet. Dort ist die Kurve sehr steil, d.h. das Kügelchen wird durch das System zu mehr Tierfreundlichkeit nach rechts getrieben. Man muss schon sehr viel Energie aufwenden, um dort oben zu bleiben. Tatsächlich sind Hundekämpfe verboten und sozial geächtet. Wer sie betreibt, muss das also so ziemlich überall geheim halten, muss sich verstellen, vielleicht sogar die eigene Familie anlügen. Aber diese Person muss sich auch ständig über die Schulter schauen, ob nicht die Polizei kommt, ob es nicht undercover Tierschützer:innen gibt, die sie heimlich filmen, oder ob den Nachbar:innen irgendetwas aufgefallen ist. Das System, bestehend aus Gesetzen und deren Exekution, aber auch der moralischen Haltung in der Gesellschaft und der Erhältlichkeit von Produkten und deren Preis, verhindert Hundekämpfe weitgehend. Es dauert nicht lange, und das Kügelchen, das diese Person repräsentiert, rollt nach rechts. Und zwar rollt es bis zum tiefsten Punkt. Dort bleibt es liegen.

Dieser Punkt repräsentiert jenes Verhalten in der Gesellschaft, das einem das System nahelegt, das keinen Energieaufwand bedeutet, an dem man einfach mit dem Strom mitschwimmt. Man quält dann Tiere zwar nicht zum Spaß, aber man nimmt in Kauflaune und ohne viel nachzudenken einfach die Produkte in Kopfhöhe im Regal, die Billigsten, die alle anderen nehmen. Man macht einfach bei allem mit, was in der Gesellschaft so gemacht wird. Ob in Restaurants, bei Grillfesten oder an der Würstelbude. Heute ist dieser Punkt durch den Kauf und Konsum von Massentierhaltungsprodukten definiert. Da braucht man nicht nachzudenken, keine Inhaltsstoffe lesen, keine Fragen stellen, nicht heraus stechen. Man ist und isst wie alle anderen, wie es die Werbung nahelegt.

Sagen wir, die Person, deren Kügelchen hier in der tiefsten Senke liegt, stößt jetzt auf die Filme aus einer Tierfabrik und ist entsetzt. Ab sofort will sie nur mehr Biofleisch essen. Das Kügelchen springt rechts steil hinauf. Und steil ist es dort, weil es sich als gar nicht so leicht herausstellt, nur Biofleisch zu konsumieren. Man wird nach links Richtung Konsum von Massentierhaltungsprodukten gezogen. Im Supermarkt gehts ja vielleicht noch, Biofleisch zu finden, obwohl sich das Angebot in Grenzen hält. Aber, sagen wir, diese Person geht mit Freund:innen auf den Fußballplatz und danach zur Würstelbude essen. Bei der Würstelbude gibts im Allgemeinen kein Biofleisch, da muss man gar nicht fragen. Gibts einen Salat? Nein. Also nur Pommes Frites, oder hungern. „Warum bist Du so kompliziert?“, sagen die Freund:innen und beißen schmatzend in die Burenwurst. Nein, kompliziert sein will man nicht. Also auch Burenwurst essen? Das System beginnt seine gnadenlose Arbeit, die Menschen dazu zu bringen, gegen ihre Überzeugung zu handeln.

Sagen wir, unsere Person blieb standhaft. Jetzt heißt es immer nachfragen, die meisten Restaurants zu meiden und wenn sie mit Freund:innen ausgeht, beim Essen zu passen, auch wenn die ständigen Witzchen an den Nerven zehren. Vielleicht ist die Person durch die Aufdeckungen über den Tiermissbrauch in Tierfabriken und Schlachthöfen sogar vegetarisch oder vegan geworden. Das Leben wird damit zunehmend komplizierter. Ja, und dann kommt ein Ereignis, das unsere Person aus der Bahn wirft. Vielleicht verliert sie den Job, vielleicht wird sie von einer Partner:in verlassen, vielleicht stirbt jemand in ihrer Nähe, vielleicht bekommt sie aber auch einfach nur Kinder und hat andere Lebensschwerpunkte. Und schon ist nicht mehr genug Energie da, um den Kampf gegen die Strömung durchzuhalten, und das Kügelchen rollt wieder zurück in die Senke.

Wir wissen von vegan und vegetarisch lebenden Menschen, dass die allermeisten wieder in die Senke zurück fallen. Das System ist stärker. Nur eine vielleicht 5 % große Gruppe mit ausreichend Pioniergeist hält sich da rechts oben. Mit anderen Worten: der vegan outreach und die Aufdeckungen z.B. des VGT schaufeln ständig Menschen rechts die Kurve hinauf, aber sie rollen früher oder später wieder zurück. Eine Sisyphusarbeit. Das System zwingt die Menschen gegen ihre moralische Einstellung zu leben. Sie sind moralisch für ein Legebatterieverbot/Stroh für Schweine, kaufen und konsumieren aber Käfigeier/Schweinefleisch vom Vollspaltenboden.

Wie könnte man die Menschen unterstützen, dass sie rechts oben bleiben können? Durch eine Erleichterung des vegetarischen/veganen Lebens. Und dafür habe ich mit meinem Bruder und meiner damaligen Partnerin 1999 die Vegane Gesellschaft Österreich gegründet. Sie vergibt ein Vegansiegel, sodass die tierfreien Produkte leicht erkennbar sind, sie organisiert vegane Kochkurse für angehende Köch:innen, sie verbreitet Informationen über Gesundheitsaspekte, vermittelt veganfreundliche Ärzt:innen usw. Diese Tätigkeit kann man als kleine oder größere Delle in der Kurve veranschaulichen. Eine zweite Senke beim Vegetarismus oder Veganismus, die zwar bei weitem nicht so weit hinunter reicht, wie die tiefste Senke, aber immerhin etwas zum Anhalten bietet, einen gewissen Schutz gegen den Absturz in die Hauptsenke. Dann wird es leichter für Menschen, nach ihrer Überzeugung zu leben, doch die Erfahrung zeigt, dass doch irgendwann das Ereignis kommen kann, das sie aus der Bahn wirft und wieder zur tiefsten Senke nach links reißt.

Wir kommen also nicht wirklich weiter, solange wir nicht das System ändern. Stellen wir uns vor, wir verschieben die Senke nach rechts! Wenn das gelingt, dann verhalten sich plötzlich alle Menschen tierfreundlicher, dann zwingt sie das System dazu, selbst wenn das nicht ihre Überzeugung ist. Aber ist das nicht utopisch, das System zu verändern? Ist es nicht. Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es keinerlei Tierschutzgesetze und stattdessen ein Hetztheater in Wien, wo man Tiere aufeinander gehetzt, oder Tiere von Hunderudeln und Menschen hat hetzen lassen. Das „eine Hetz haben“ im Wienerischen für Spaß haben, kommt davon. Die Senke war also ganz links. Und jetzt ist sie das nicht mehr, Hetztheater gibts nicht mehr, der Status von Tieren ist wenigstens so weit angestiegen, dass die Quälerei aus Spaß geächtet wurde. Die Senke ist also bereits nach rechts gewandert.

Aber nicht nur in grauer Vorzeit! Ich erinnere an die Kampagne für ein Legebatterieverbot. War anfangs die Senke bei den Käfigeiern, so ist sie heute bei Bodenhaltungseiern, also weiter rechts. Ebenso beim Zirkus. Bis 2005 gab es etwa ein Dutzend Zirkusse mit Wildtieren in Österreich, mit Elefanten, Löwen, Bären, Tigern usw. Dann wurde es verboten. Heute kann niemand mehr in einen solchen Zirkus gehen, weil es bei uns keinen mehr gibt. Wer unbedingt Elefanten im Zirkus sehen will, muss sich den Aufwand antun, ins Ausland zu reisen. Also mit dem Kügelchen links aus der Senke hinauf.

Das ist daher unsere Aufgabe, wenn wir den Status von Tieren erhöhen, und erreichen wollen, dass ihnen keine Gewalt mehr angetan wird: wir müssen das System verändern, nicht die einzelnen Menschen. Ja, wir müssen zuerst die Menschen überzeugen, aber wenn das erreicht ist – und bei Stroh für Schweine ist es erreicht! – dann müssen wir mit Hilfe dieser öffentlichen Meinung das System verändern, den Vollspaltenboden verbieten und die verpflichtende Stroheinstreu einführen. Und dann müssen wir noch sicherstellen, dass diese Haltungsanforderungen nicht durch Auslandsimporte von Vollspalten-Schweinefleisch unterlaufen werden. Die Kampagne gegen die Legebatterien hat gezeigt, wie das geht. Und es geht.

Der politische Kampf gegen ein System statt gegen Menschen hat auch den großen Vorteil, dass man sich selbst bei aggressiven Gegner:innen immer klar machen kann, dass sie zumindest auch ein Opfer des Systems sind. Zugegeben, die Eiseskälte, die mir von manchen dieser Menschen entgegenschlägt, und die Brutalität, mit der sie auch gegen Tierschützer:innen vorgehen, macht es mir manchmal schwer, nicht an das Böse zu glauben. Aber Faktum bleibt, das System ist schlecht, nicht die Menschen. Mit einem verbesserten System können wir sie alle gewinnen. Fast alle.

Noch nie hatte ein autoritäres System Schwierigkeiten, seine Folterknechte und Geheimpolizist:innen zu finden, wie z.B. in Belarus. Selbst wenn man Polizeigewalt in Österreich kennt, wird man zugeben müssen, dass sie wesentlich geringer ist, als dort. Das ist aber nicht deshalb so, weil die Österreicher:innen bessere Menschen sind, sondern weil das System hier eine derartige Brutalität verhindert.

Ein weiteres, vielleicht ein bisschen politisch heikles, aber dennoch wahres Beispiel betrifft die Ureinwohner:innen von Amerika. George Catlin ging 1831 in die Prärie in den USA, um die dortigen Indianer:innen, die noch kaum Kontakt zu Weißen hatten, zu malen. Für seine Porträts warfen sich die männlichen Modelle in Schale. Und das war unweigerlich ein Gewand, an dem zahlreiche Skalpe flatterten, wie man an seinen Bildern erkennen kann. Das System dieser Gesellschaft damals hat also solche Gewaltakte nicht sozial geächtet sondern gefördert, und sofort treten sie viel häufiger auf.

Unser Ziel muss also sein, ein System der Gewaltfreiheit gegenüber Tieren zu installieren. Und dazu müssen wir die Senke Schritt für Schritt nach rechts verschieben. Und das heißt einfach nur, den Status von Tieren in der Gesellschaft sukzessive zu erhöhen. Je mehr sie respektiert und geschützt werden, desto weniger Gewalt wird ihnen angetan. Das System bedingt das Handeln der Menschen, nicht die Einstellung der Menschen das System. Deshalb ist vegan outreach allein kein Rezept für eine „vegane Revolution“. Wir brauchen auch reformistische Kampagnen, die am System arbeiten.

Zur abolitionistischen Kritik an meinem positiven Bericht von einem Schweinebetrieb

Diese Diskussion zwischen Abolitionismus und Reformismus in der Tierrechtsbewegung ist schon sehr alt. Jahrzehnte alt, genau genommen. Aber sie flammt immer wieder auf. Kein Wunder, kommen doch junge Menschen neu in die Bewegung und glauben, im Handumdrehen die Tierindustrie demontieren zu können. Ein paar vegane Flugis verteilt, ein paar Videos von Massentierhaltung und Massenschlachthöfen gezeigt, und schon bricht der Tierkonsum ein. Oder auch nicht.

Ich lebe seit nunmehr 32 Jahren vegan. Meine Kinder sind vegan, meine ganze Lebensausrichtung ist vegan, und das wird auch bis zu meinem Tod so bleiben. Ja, ich habe sogar 1999 mit meinem Bruder und meiner damaligen Partnerin die Vegane Gesellschaft Österreich gegründet und bin seither bis heute im Vorstand. Ich habe also viele Jahrzehnte Erfahrung mit vegan outreach, und ich sehe darin auch eine wichtige Funktion. Aber vegan outreach allein wird diese Gesellschaft im Umgang mit Tieren nicht revolutionieren können.

Ich habe dazu schon sehr viel geschrieben. Herzstück des Arguments für Reformismus ist meine „Balluch-Kurve“, wie sie mittlerweile genannt und immer wieder zitiert wird. Man findet sie hier beschrieben: https://vgt.at/publikationen/texte/artikel/20080325Abolitionism/index_en.php. Weitere Artikel auf diesem Blog dazu hier https://martinballuch.com/abolitionismus-gegen-reformismus-klaus-petrus-in-wien/ und hier https://martinballuch.com/aus-der-erfahrung-lernen-das-verbot-des-fasanaussetzens-und-reformismus-versus-abolitionismus/. Ich möchte mich nicht wiederholen, also versuche ich einen etwas anderen Zugang.

Ziel meiner politischen Arbeit ist eine Gesellschaft, die nichtmenschlichen Tieren gegenüber völlig gewaltfrei ist. Das bedeutet natürlich auch, dass nichtmenschliche Tiere möglichst selbstbestimmt und autonom leben können. Landläufig wird dieses Ziel „Tierbefreiung“ genannt, also die Befreiung nichtmenschlicher Tiere von der Unterdrückung durch den Menschen. „Tierbefreiung“ ist hier gesellschaftspolitisch und nicht aktionistisch gemeint, also nicht einzelne Individuen aus einer Tierfabrik zu holen, sondern alle nichtmenschlichen Tiere in der Gesellschaft von der Unterdrückung durch den Menschen zu befreien. Wohlgemerkt: mein primäres Ziel ist nicht die Reduktion von Tierleid. Ich will mich also nicht am konsequentialistischen „Erbsenzählen“ beteiligen, ob nach meinen Aktivitäten mehr oder weniger Tiere leiden oder sterben. Mein Maßstab ist, ob es sich um einen Schritt Richtung Tierbefreiung handelt oder nicht.

Gut. Nun gibt es offenbar einige Menschen, die glauben, man müsse nur immer mehr Menschen zum Veganismus bekehren, und wenn die Mehrheit vegan lebt, dann wird der Veganismus gesetzlich verpflichtend eingeführt. Oder vielleicht, sicherheitshalber, wenn 75 % vegan leben. Oder vielleicht meinen auch manche, wir überzeugen einfach alle sukzessive und brauchen Tiermissbrauch nie zu verbieten. Und, presto, die Tiere werden nicht mehr genutzt, sind also befreit.

In diesem Szenario gibt es Tierfabriken mit den allerschlimmsten Bedingungen, und mangels Nachfrage werden sie immer weniger, aber weiterhin leiden die Tiere dort unter den schlimmsten Bedingungen, bis sie verboten oder durch die Konvertierung des/der letzten Fleischesssers/in obsolet werden. Dieses Szenario, d.h. der Schritt von brutaler Tierfabrikshaltung zum Verbot oder Ende der Fleischproduktion über Nacht, ist total irreal. Nie entwickeln sich Gesellschaften so diskontinuierlich. Entwicklungen gehen immer sukzessive, Schritt für Schritt, vonstatten. Das Ende der Tierfabriken kann also nur durch eine sukzessive Verbesserung der Tierhaltung kommen.

Trotz jahrzehntelanger vegan outreach Arbeit gibt es in dieser Richtung praktisch keine Entwicklung. Ja, es etabliert sich eine vegane Nische, aber nein, diese ist weiterhin sehr weit davon entfernt, auch nur irgendwie die große Masse zu erreichen. In Österreich sterben pro Jahr etwa 100.000 Menschen. Diese Menschen boykottieren die Tierproduktion auf einen Schlag dauerhaft. Eine typische Größenabschätzung aus der Naturwissenschaft sagt uns, dass die Veganisierungsrate ein Vielfaches der Todesrate sein muss, damit sich die Gesellschaft wirklich ändert. Doch davon sind wir meilenweit entfernt. Es gibt in Österreich insgesamt etwa 80.000 Veganer:innen, Tendenz gleichbleibend. Das merkt man u.a. am Fleischkonsum pro Person pro Jahr, der in Österreich in den letzten 10 Jahren nur unmerklich abgenommen hat. Aber das ist überhaupt nicht verwunderlich. Und das zeigt uns die Balluch-Kurve: Menschen sind soziale und nicht rationale Wesen, sie machen in erster Linie das, was alle anderen machen. Der soziale Druck auf vegan lebende Menschen ist noch immer so groß, dass die allermeisten Veganer:innen früher oder später aufgeben. Selbst wenn man die Menschen überzeugt, ändern sie nicht ihr Verhalten, zumindest nicht dauerhaft. Abgesehen davon ist die simple Rechnung, dass jeder Mensch soundsoviele Tiere pro Jahr isst, also vegane Menschen ebenso viele Tiere pro Jahr „retten“, falsch. Einerseits ist es seltsam zu sagen, ich ermorde heuer niemanden, hätte aber gerne drei Menschen ermordet, also habe ich drei Menschen gerettet. Andererseits bestimmt die Nachfrage nur sehr bedingt das Produktionsvolumen, gibt es ja noch Subventionen, die viel stärker marktsteuernd wirken. Jeder vegan lebende Mensch, der sich ein veganes Essen kauft, zahlt dafür Steuern, mit denen Tierfabriken und Großschlachthöfe finanziert werden. Jeder vegan lebende Mensch in dieser Gesellschaft trägt also zum massiven Tiermissbrauch bei, apropos „gerettet“.

Ich habe ein anderes Szenario zur Entwicklung Richtung Tierbefreiung vor Augen. Ich denke die Gesellschaft muss zunehmend tierfreundlicher werden, der Status der Tiere in der Gesellschaft muss sukzessive ansteigen, die Gesetze zum Schutz der Tiere müssen immer strenger werden und in der Praxis auch umgesetzt sein. Damit wird es u.a. immer teurer und aufwendiger, Tiere für die Fleischproduktion zu verwenden. Letztlich wird dadurch auch das Fleisch teurer und verschwindet schließlich ganz vom Markt. Technologische Entwicklungen, wie Fleisch, Milch und Leder aus dem Labor, können bei der praktischen Entwicklung helfen, sie ersetzen aber die Notwendigkeit nicht, den Status von nichtmenschlichen Tieren in der Gesellschaft zu erhöhen. Das ist das Um und Auf. Ohne dem keine Tierbefreiung.

Und in den letzten 35 Jahren meiner Tierschutzarbeit sieht man eindeutig eine Entwicklung in diese Richtung. Waren sogenannte Nutztiere noch in den 1980er Jahren überhaupt nicht gesetzlich geschützt und war es den Menschen um 2000 noch immer relativ egal, wie es Hühnern geht, so ist heute Nutztierschutz das wichtigste Tierschutzthema und Legebatterien gibt es bei uns nicht mehr. Und keine Pelztierfarmen, Fleischkaninchen in Käfigen, Tierversuche an Menschenaffen, Wildtiere im Zirkus usw. Der Status von Tieren ist heute wesentlich höher als vor 35 Jahren. Und die Ansicht der Menschen zu nichtmenschlichen Tieren eilt dem de facto Status auch noch weit voraus. Dank vegan outreach, z.B., wissen sehr viele Menschen vom Tierleid in Tierfabriken. Sie konsumieren nur trotzdem noch Produkte daraus. Doch sie wären bereit, eine gesetzliche Änderung mitzutragen. Und genau das tun wir im VGT: wir nutzen die in Sachen Tierschutz sehr progressive Meinung in der Gesellschaft, um gesetzliche Fortschritte zu erreichen, die den Status von Tieren erhöhen. Momentan arbeiten wir an einem Verbot des Vollspaltenbodens in der Schweinehaltung und an einer gesetzlich vorgeschriebenen Stroheinstreu. Mehr als 90 % der Menschen wollen das auch und konsumieren gleichzeitig Vollspaltenboden-Fleisch. Mit Hilfe dieser Menschen könnten wir also ein Verbot erreichen und mit ein bisschen mehr Aufwand den Handel auf Linie bringen, und schon konsumiert niemand in Österreich mehr Vollspaltenboden-Fleisch. Dazu brauchen wir niemanden mehr zu überzeugen. Die Menschen sind bereits überzeugt. Wir brauchen nur eine Kampagne, um diese Überzeugung in einen tatsächlich erhöhten Status für die Tiere umzuwandeln. Und deshalb Reformismus. Ich behaupte: es gibt keinen anderen Weg zur Tierbefreiung.

Nun, konkret stoßen sich einige Personen, wie mir berichtet wird, daran, dass ich einen Schweinebetrieb, der zwar Schweinen Stroh bietet, aber nicht einmal eine Bio-Freilandhaltung ist, lobend erwähnt habe: https://martinballuch.com/zu-besuch-bei-einem-etwas-anderen-schweinebetrieb/. Ja, in dem Zusammenhang habe ich sogar kritisiert, dass dieser Betrieb keine Subventionen bekommt, aber Vollspaltenboden-Betriebe schon. Wieso mache ich das?

Ganz einfach. Ein ganz wesentlicher Teil einer erfolgreichen Reformismus-Kampagne ist es, eine funktionierende Alternative zu haben, die das Gleiche wie das Bisherige, das abgeschafft werden soll, leistet, wohin also die Gesellschaft sofort umsteigen kann. Veganismus ist das nicht, wie ich schon herausgearbeitet habe. Bei der Kampagne für ein Legebatterieverbot war das die Bodenhaltung. Die Eierproduktion wurde zwar doppelt so teuer, aber die bereits etablierte Nische bewies, dass der Schritt möglich ist. Und er gelang auch. Bei unserer Kampagne für ein Verbot des Kastenstands gab es diese etablierte Alternative nicht. Zwar bekamen die Schweinemütter in Biohaltung ihre Kinder ohne Kastenstand, aber die Biohaltung ist keine Alternative, die das Gleiche leistet. Jedenfalls nicht in den Augen der Gesellschaft. Das ist keine Massenproduktion, und das ist preislich nicht massentauglich. Die Folge war, dass wir zwar ein Kastenstandverbot bekamen, aber erstens mit Wermutstropfen (tageweisen Ausnahmen) und zweitens erst in 21 Jahren. Begründung: man müsse erst eine Alternative entwickeln.

Und deshalb freue ich mich sehr über jeden Schweinebetrieb, der ohne Vollspaltenboden auskommt und den Schweinen Stroh bietet, aber gleichzeitig keine Bio-Freilandhaltung ist, sondern massentauglich, sowohl im Produktionsvolumen als auch im Preis. Ohne solche Alternativen würde die Übergangsfrist, bis das Vollspaltenbodenverbot in Kraft tritt, wieder über 20 Jahre sein. Deshalb stelle ich diesen Betrieb als Alternative in den Raum.

Zum Übergang in einem absehbaren Zeitraum vom Vollspaltenboden zur Stroheinstreu bedarf es auch Subventionen. Anders lauft das in der Praxis nicht. Heute bekommt die Landwirtschaft in Österreich 2,8 Milliarden Euro Subventionen pro Jahr. Diese Zahl können wir nicht einfach so in Frage stellen, wir können sie nur umwidmen. Und wenn wir den Status von Tieren erhöhen wollen, dann muss die Subvention weg von den konventionellen Tierfabriken hin zu den progressiveren Tierhaltungen. Es ist tatsächlich ein Skandal, dass Landwirtschaftsministerin Köstinger sogar noch den Neubau von Vollspaltenbetrieben finanziert, aber diesem Strohbetrieb überhaupt kein Geld gibt. Es sollte umgekehrt sein, dann würde sich der Status der Tiere rasch erhöhen.

Das ist also das Argument für meine Vorgehensweise, und ich persönlich finde das natürlich überzeugend. Dennoch möchte ich noch ein paar Punkte anführen, die ich, wie gesagt, nicht für primär wichtig erachte, die aber auch für mein Vorgehen sprechen:

1) Reformkampagnen schädigen das Image der gesamten Tierbranche

Wir im Tierschutz kennen das bereits. Wenn Tierschutzverein X Spenden missbraucht hat, dann schlägt das bei allen anderen Vereinen auch insofern durch, als dass die Menschen weniger spenden. Sie differenzieren da nicht so genau. Ebenso: wenn ein Gütesiegel für Tierprodukte kritisiert wird, dann schädigt das das Image von allen anderen mit. Das ist ein längst etabliertes Faktum, das jeder Mensch kennt, der mit Gütesiegeln zu tun hat. Und genauso schädigt eine Reformkampagne gegen eine gewisse Tiernutzung das Image aller anderen im selben Bereich mit. Beispiel Gatterjagdkampagne. Wir haben zwar nur die Gatterjagd und die Jagd auf gezüchtete Tiere kritisiert, aber das Image aller Jagdformen ist dabei in den Keller gesunken. Dieses Faktum war nicht nur überall zu spüren, es wurde auch in sämtlichen Jagdzeitschriften als Problem erkannt und benannt. Es ist also nicht so, dass eine Kampagne gegen den Vollspaltenboden in der Schweinehaltung das Image alternativer Haltungsformen heben würde, und damit den Schweinefleischkonsum ankurbeln.

2) Reformkampagnen retten Leben

In der konventionellen Massentierhaltung wird eine Mortalitätsrate von 15 % einkalkuliert. Man hält die Tiere also so mies alias billig, dass 15 % an der Haltung sterben. Würde man sie besser halten, dann würde das mehr kosten als die verringerte Todesrate bringt. Würde man sie schlechter halten, würde die erhöhte Mortalitätsrate die Profite schmälern. Wenn wir also eine Reformkampagne gewinnen, sodass wir die schlechtest erlaubte Haltungsform auf einen deutlich höheren Standard anheben, dann sinkt die Mortalitätsrate. Beim Wechsel von Vollspaltenboden auf Stroh in der Schweinehaltung z.B. um das Dreifache, bei einem etwaigen Wechsel zu den Strohschweinen auf Naturboden im Freien im Zelt sogar um das Siebenfache. Dieser Reformschritt, wenn er gelingt, rettet also sehr viele Schweineleben, selbst wenn der Schweinekonsum in der Gesellschaft konstant bleibt. Werden, sagen wir, bisher 5 Millionen Schweine pro Jahr in Österreich im Schlachthof getötet und zu Fleisch verarbeitet, dann bedeutet das, dass 15 % davon, oder 750.000, zusätzlich davor noch an den Haltungsbedingungen gestorben sind. Wenn die Mortalitätsrate also auf 5 % oder gar 2 % sinkt, dann würde dieser „Extrakill“ nur mehr 250.000 oder gar 100.000 ausmachen. Mit anderen Worten: der Reformschritt, den gesetzlichen Mindeststandard von Vollspaltenboden auf Stroh in Österreich anzuheben, würde 500.000-650.000 Schweinen pro Jahr den Tod ersparen.

Der konkrete Betrieb, den ich positiv erwähnt habe, mästet 350 Schweine 3 Mal pro Jahr, also zusammen 1.050 pro Jahr. Auf Vollspaltenboden würden für 1.050 Schweine im Schlachthof vorher 158 Schweine an der Haltung gestorben sein. Es wurden also anfangs 1.208 Schweine in die Tierfabrik eingestallt. Bei diesem Betrieb sterben 2 % pro Jahr an der Haltung, also 21 pro Jahr, es wurden also für die gleiche Fleischmenge am Schlachthof nur 1.071 Schweine eingestallt. Dieser Betrieb rettet also 137 Schweine pro Jahr, indem er 1.050 Schweine pro Jahr zum Schlachthof schickt.

3) Reformkampagnen verbessern das Lebensgefühl der betroffenen Tiere vor ihrer Tötung

Die Erbsenzählerfraktion argumentiert zuweilen, es komme nicht darauf an, wie ein Tier gelebt hat, bevor man es im Schlachthof tötet, sondern nur, ob es getötet wird. Diese Meinung zeugt von erstaunlich wenig Einfühlungsvermögen. Ich bin 105 Tage in U-Haft im Gefängnis gesessen. Ich hatte 6 m² in einer Einzelzelle zur Verfügung, nur Betonwände und Neonlicht, kein Fenster mit einer Sicht nach draußen. Ich wurde aber auch in andere Gefängnisse verlegt. Da war ich u.a. in einer viel größeren, offeneren Haltung mit mehr Personen, oder auch mit 1 Stunde Freigang in einem Wäldchen mit echten Bäumen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das einen wahnsinnig großen Unterschied macht. 6 m² sind sehr deprimierend, der Auslauf im Wäldchen dagegen war sehr wertvoll.

Schaue ich mir Schweine auf Vollspaltenboden an, dann bin ich mir sicher, dass die keinen einzigen glücklichen Moment erleben. Dieser Boden ist eine Dauerfolter. In der Strohhaltung unter dem Zelt dagegen sah ich definitiv Schweine, die glückliche Momente erlebt haben oder zumindest erleben können. Subjektiv für diese Tiere macht das einen sehr großen Unterschied, wie sie gehalten werden. Und diese subjektive Sicht der nichtmenschlichen Tiere dürfen wir niemals außer acht lassen.

4) Reformkampagnen machen Tierprodukte teurer

Klar ist, dass eine erfolgreiche Reformkampagne die Tierproduktion erschwert, indem es höhere Tierschutzauflagen gibt. Höhere Auflagen machen das Produkt teurer. Damit werden die Tierprodukte im Wettkampf am Markt den veganen Produkten gegenüber benachteiligt. Es ist zu vermuten, zumindest ab einer gewissen Preiserhöhung, dass dadurch weniger Tierprodukte statt veganer Alternativen verarbeitet werden, und dass vielleicht auch mehr Menschen zur veganen Alternative greifen. Das reduziert dann das Volumen der Tierproduktion und die Anzahl der missbrauchten Tiere. Mit einer geschwächten Tierindustrie ist der nächste Reformschritt leichter.

Die wundersame Geschichte der Schweine-Geschwister Mickey und Jackie

5 Millionen Schweine werden jedes Jahr in Österreichs Tierfabriken geboren. Ungesehen und ungeliebt fristen sie ihr Dasein auf Vollspaltenboden im eigenen Kot, von Parasiten befallen, im ständigen Konflikt mit Artgenossen, die sich aus Platzmangel um sie drängen müssen, in Ohren und Schwänze gebissen. Unweigerlich entzünden sich die Gelenke, sodass die Schweine nur mehr unter Schmerzen aufstehen und den einen Schritt gehen können, den ihnen die Enge erlaubt. Bis sie dann eines verhängnisvollen Tages aus der Schweinefabrik auf die Rampe eines Tiertransporters getrieben werden. Ein kurzer Blick in die Sonne, ein Blinzeln, ein Einsaugen der ungewohnten Gerüche und schon zwingen Schläge zum Weitergehen. Einmal noch, einen kurzen Moment, kann das anonyme Schwein nach der Ankunft die Sonne sehen, ehe es im Bauch der Schlachtfabrik verschwindet, in der Gaskammer betäubt, an den Beinen aufgehängt, mit einem Kehlstich zum Ausbluten gebracht. 15.000 Mal jeden Tag!

Das hatte das Schicksal auch für Mickey und Jackie vorgesehen, ehe beherzte Menschen sie aus der Anonymität rissen. Als sie im Mutterleib durch künstliche Befruchtung entstanden, war von ihrer Zukunft noch nichts zu merken. Alles ging seinen üblichen Gang. Das arme Muttertier musste in der Pöttelsdorfer Schweinezucht von der Befruchtung bis zur Geburt ununterbrochen in einem körpergroßen Käfig, dem sogenannten Kastenstand, verbringen. Eigentlich ist das seit 2012 verboten, weil ab da die Schweinemütter wenigstens das Recht darauf hätten, die Hälfte der Zeit außerhalb des Käfigs auf einem Gang mit Vollspaltenboden zu verbringen. Doch darum kümmerte man sich in dieser Schweinezucht nicht. Alle 50 Jahre im Mittel eine Kontrolle! Wem sollte das schon auffallen? Ein denkbar schlechter Lebensbeginn für unser Geschwisterpaar.

Geboren wurden sie schließlich nach 3 Monaten, 3 Wochen und 3 Tagen in einer sogenannten Abferkelbucht. Die Mutter wieder in einem Kastenstand, vor, während und nach der Geburt, die gesamte Zeit hindurch. Kein Stroh weit und breit. Nur Metallstangen, Betonboden, strukturlose Buchtenwände und ein höllischer Gestank. Um die Zitzen der Mutter mussten sie sich raufen, weil oft genug mehr Kinder geboren werden, als die Mutter überhaupt Zitzen hat. So fallen die Schwächsten von vornherein aus und man muss gar kein Geld in sie investieren. Hätten eh nur wenig Profit gebracht. Das ist die Logik der industriellen Schweineproduktion.

Mickey erwartet nun eine schreckliche Prozedur. Brutale Hände greifen ihn, heben ihn auf und schneiden ihm ohne jede Betäubung einfach so die Hoden heraus. Dann werden diese achtlos weggeworfen. Zurück bleibt das verzweifelt schreiende Schweinekind, das unfassbare Schmerzen leidet. Die Mutter kann nicht helfen, ist selbst durch die jahrelange Haltung in einem körpergroßen Käfig geistig weggetreten. Keine Schweineseele kann so etwas aushalten!

4 Wochen nach der Geburt die Trennung der Kinder von der Mutter. Sie werden sie nie wieder sehen. Das arme Mutterschwein wird ohne viel Aufsehen wieder in den sogenannten „Deckstall“ gebracht, um künstlich befruchtet zu werden, und der Zyklus beginnt von vorne. Es gibt kein Entrinnen. Mickey und Jackie landen mit vielen anderen Ferkeln in der Vormast. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht. Wie jedes verlassene Säugetierkind, weinen sie nach der Mutter. Aber umsonst. Niemand hört sie, der mit ihnen mitfühlen und ihnen helfen würde.

Einige Wochen später werden sie ein weiteres – und dem üblichen Prozedere nach letztes – Mal übersiedelt: in die große Schweinemastfabrik, die ebenfalls in Pöttelsdorf steht, in Sichtweite der Schweinezuchtfabrik. Die Besitzer:innen der beiden Fabriken sind Geschwister. Es bleibt also alles in der Familie, sozusagen. Mickey und Jackie sind jetzt dem Vollspaltenboden ausgesetzt. Ein harter Betonboden mit scharfkantigen Spalten. Überall klebt Kot, weil niemand diesen Boden reinigt. Mickey und Jackie entwickeln zunächst Schwielen an den Beinen und dann entzünden sich die Gelenke. Es dauert nur wenige Wochen, bis sich golfballgroße Geschwülste bilden. Und dazu beißende Luft, die im Hals kratzt. Die feine Schweinenase ist bald überlastet. Mickey und Jackie beginnen ständig zu husten. Auch die Lunge entzündet sich.

Platz ist keiner, in diesen Buchten. Nur 0,55 m² Vollspaltenboden ohne jede Einstreu stehen bis zu 85 kg schweren Schweinen in Österreichs Schweinefabriken zur Verfügung. So auch hier. Ansonsten nur monotone Wände, Kot, Kakerlaken, Güllemaden, Spulwürmer. Und Schweinekörper, wohin man sich auch wendet. Natürliches Licht kommt kaum durch die milchglasigen Fenster. Wie die Welt draußen aussieht, entzieht sich der Erkenntnis unseres Geschwisterpaars. Vermutlich kommen sie auch gar nicht dazu, darüber nachzudenken. Jeden Tag, ja jede Minute gilts nur zu überleben, unter diesen grausigen Verhältnissen. Mit € 8.000 Steuergeld jährlich wird diese Schweinefabrik von uns allen subventioniert.

Und dann, eines Nachts, ein Lichtschein. Ungewöhnlich. Die Schweine schrecken auf. Menschen betreten die Schweinebucht von Mickey und Jackie. Es ist Donnerstag der 5. August 2021, etwa 5 Uhr früh. Die Aufregung unter den Schweinen ist groß, auch wenn die Menschen sanft sprechen und ihre Hände zärtlich streicheln. Unerwartet, weil sonst bedeuten Menschenhände ja nichts Gutes. Mickey und Jackie schlüpfen durch das offene Buchtentor auf den Gang. Hier sind sie ihrer Erinnerung nach noch nie gewesen.

Da öffnet sich eine Tür ins Freie. Frische Luft strömt herein. Mickey und Jackie heben ihre Rüssel in den Wind. Begeistert analysieren sie, was es da für Düfte gibt. So interessant und angenehm hat es in ihrem Leben noch nie gerochen. Beide zögern jetzt, die ungewohnte Umgebung da draußen in der Dunkelheit verunsichert sie. Zärtlich schieben Menschenhände von hinten an. Dann gewinnt der Drang zur Freiheit die Oberhand. Zuerst hüpft Mickey und dann Jackie hinaus in die Nacht.

Während die Retter:innen im dunklen Wald verschwinden, werden die beiden Schweine von einer großen Gruppe von Tierschützer:innen in Empfang genommen, die gerade erst angekommen ist. Es ist nun 6 Uhr früh und das erste Sonnenlicht berührt die Schweinehaut. Ein Lastwagenfahrer hatte auf dem Parkplatz der gegenüber liegenden Kläranlage in seinem LKW übernachtet und damit den Zeitplan der Tierschützer:innen gehörig durcheinander gewirbelt. Noch steht nirgends ein Zaun, wo die beiden Schweine untergebracht werden könnten. Die machen sich daher auf die Wanderschaft, dicht begleitet von einer zunehmend verzweifelten Gruppe von Tierschützer:innen, während fieberhaft ein Freigehege errichtet wird.

Für Mickey und Jackie ist das der bisher schönste Moment ihres Lebens. Was es da nicht alles zu erkunden gibt! Das Gras hier kann man sogar essen. Erstaunlich, wie wenig sie sich gestresst fühlen. Die Neugier überwiegt jedenfalls. Endlich steht ein erstes, provisorisches Gehege und die Schweine werden hinein dirigiert. Dort finden sie frisches Obst und Gemüse – und Strohballen! Hey ist das eine Freude! Mickey und Jackie zupfen sich Halme heraus, die sie begeistert kauen. Schließlich brechen die Ballen auseinander und die Schweine wühlen mit ihren Schnauzen tief ins Stroh hinein. Für die anwesenden Menschen ist es eine wahre Freude, ihnen zuzusehen. Dann galoppieren die beiden durch ihr Gehege, sind in ihrem Bewegungsdrang kaum zu bremsen, graben ihre Rüssel auch ins Erdreich.

Nun beginnt es in Strömen zu regnen. Die Schweine freuts. Wer noch nie Regen gespürt hat, den begeistert offenbar dieses Gefühl. Alles ist so neu und so wunderbar, im Vergleich zum bisherigen Leben. Rasch haben die Menschen mit Hilfe einer großen Plane einen Regenschutz errichtet und das Gehege auf 50 m² erweitert. Die Schweine sind nun offensichtlich müde geworden, durch die vielen Eindrücke, und kuscheln sich aneinander ins tiefe Stroh und schlafen ein, vom Regen durch die Plane geschützt.

Doch unterdessen braut sich erneut Unheil über dem Geschwisterpaar zusammen. Der Besitzer der Schweinefabrik ist angekommen und ruft die Polizei. Ob des Regens verschwinden die Beamt:innen ohne ein Wort im Büro der riesigen Schweinefabrik, in der etwa 3.000 Schweine ihr kümmerliches Dasein fristen. Außen ist nichts von ihnen zu hören. Diese riesige Halle wirkt wie ein Industriegelände. Niemand würde hier so viele Tiere vermuten, wie Menschen in einer Kleinstadt leben.

Dann öffnet sich die Tür. Ein Polizist geht zu den Tierschützer:innen hin und sagt, sie hätten einen Einbruchsdiebstahl begangen. Eine Überwachungskamera zeige 4 Personen bei der Tat, man werde diese jetzt ausforschen. Doch in Wahrheit waren diese unbekannten Personen zu diesem Zeitpunkt längst über alle Berge. Auch den wenig später herbeigerufenen zwei Spürhunden der Polizei gelang es nicht, irgendjemanden zu identifizieren.

Da trat ein sehr freundlicher Polizist an die Tierschützer:innen heran. Es war mittlerweile 9 Uhr geworden. Der ältere Geschäftsführer der Schweinefabrik, so erklärte der Beamte, überlasse dem VGT die beiden Schweine umsonst. Die Tierschützer:innen riefen daraufhin sofort die Tierrettung des Tierparadieses Schabenreith zu Hilfe, die auch prompt ihre Ankunft mit einem Transportwagen für 12:30 Uhr ankündigte.

So weit so gut, die Freude unter den Tierschützer:innen war groß. Doch dann erneut eine Wende. Der jüngere der beiden Geschäftsführer widerrief plötzlich die Schenkung. Zwar ist das rechtlich gar nicht möglich, doch die Polizei sah das anders. Als diese Entwicklung publik wurde, meldeten sich zahlreiche Personen beim Landwirt, um ihm die Schweine abzukaufen. Darunter auch ein Biobauer. Sogar das Tierparadies Schabenreith, nach seiner Ankunft in die Verhandlungen einbezogen, bot Geld. Schließlich war ein Tierschützer bereit, volle € 3.000 zu bezahlen, um die Tiere zu retten. Etwa € 300 wäre der handelsübliche Preis gewesen.

Der jüngere der beiden Geschäftsführer war durch einen Funktionär der Burgenländischen Landwirtschaftskammer beeinflusst worden. Wolfgang Pleier von der Abteilung Tierschutz plädierte offenbar dafür, die Tiere um keinen Preis herzugeben. Wollte man die Schweine dafür büßen lassen, dass man sich über die Tierschützer:innen ärgerte?

Da trudelten plötzlich Landwirt:innen ein, bis sie schließlich eine sehr aggressive Gruppe von etwa 10 Personen bildeten. Die Tierschützer:innen wurden beschimpft und bedroht. Schließlich griff die Polizei ein. Zusätzliche Beamt:innen wurden zu Hilfe gerufen und eine Reihe Polizei drängte die Landwirt:innen ab, bis sie schließlich wieder davon fuhren.

Wenig später kam eine Amtstierärztin der Bezirkshauptmannschaft vorbei. Sie inspizierte Mickey und Jackie und meinte, sie wären in recht gutem Gesundheitszustand. Allerdings würde es ihnen in der Schweinefabrik besser gehen. Hier heraußen drohe ihnen eine Lungenentzündung. Seltsam nur, dass eine Schlachtkörperuntersuchung von 170 Schweinen dieser Tierfabrik vom 11. Juni 2021 vorliegt, laut der 36 % der Schweine Lungenentzündung hatten, 7 % einen Fremdinhalt in der Lunge, 17 % Leberwürmer und 2 % eine Leberentzündung. Insgesamt waren 70 % der Schweine krank, obwohl abgebissene Ohren und Schwänze oder entzündete Gelenke und Schwielen bei der Untersuchung gar nicht beachtet wurden.

Dann aber informierte der Einsatzleiter der Polizei die Tierschützer:innen, dass man nun gedenke die Schweine in einen Tiertransportanhänger zu verladen. Die beiden sollten am nächsten Tag in der Früh getötet werden. Ein Behördenvertreter verkündete die Auflösung der Tierschutz-Versammlung zum Schutz der Schweine, und etwa 40 Beamt:innen begannen schließlich die Tierschützer:innen mit Gewalt zu räumen. Sie rissen sie auseinander und schleiften sie davon, wobei der eine und die andere der Polizist:innen auch nicht mit Tritten sparte. 12 Stunden nach ihrer Befreiung wurden Mickey und Jackie, selbst völlig ahnungslos und vertrauensvoll – immerhin waren Menschen zuletzt sehr gut zu ihnen gewesen –, in einen Anhänger verladen und von einem Traktor weggebracht. Zurück blieben in Tränen aufgelöste Tierschützer:innen, die sich so eng mit dem Geschwisterpaar befreundet hatten.

Doch noch war nicht aller Tage Abend. Eine Gruppe von unbekannten Personen muss sich auf der Karte genau angesehen haben, wohin der Traktor gefahren sein könnte. In den frühen Morgenstunden am nächsten Tag, nur kurz bevor Mickey und Jackie hätten getötet werden sollen, betraten sie eine Halle in der Nähe, in der tatsächlich der Traktor mit dem Anhänger stand, in dem sich noch immer die beiden Schweine befanden. Die Situation wurde dokumentiert. Dann holte man die Schweine heraus und lud sie in ein großes, mit Stroh eingestreutes Fahrzeug, von dessen Inneren ebenfalls bei der Fahrt Fotos gemacht wurden. Was für eine wundersame Wendung in der von Wendungen reichen Geschichte ihrer Rettung! Schließlich landeten Mickey und Jackie, ein zweites Mal befreit, statt auf der Schlachtbank in einem weiteren, mit tiefem Stroh eingestreuten Gehege. An einem unbekannten Ort. In Sicherheit.

Oder doch nicht? Tierfabriken werden in Österreich im Mittel alle 50 Jahre kontrolliert. Also im Wesentlichen nie. Für die 2.998 Schweine, die in der Tierfabrik auf Vollspaltenboden mit Lungenentzündung, abgebissenen Ohren und Schwänzen sowie geschwollenen Gelenken zurück geblieben sind, interessiert man sich nicht. Zwei entlaufene Schweine dagegen sucht die Behörde mit großem Aufwand, obwohl oder vielleicht gerade weil es ihnen nun unvergleichlich viel besser geht. Und so traf am Samstag um 8 Uhr früh die Polizei im Tierparadies Schabenreith in Oberösterreich zur Hausdurchsuchung ein. Die zehn Schweine, die momentan dort leben, wurden genau inspiziert. Mickey und Jackie waren nicht darunter. Die tollten unterdessen in ihrem Stroh herum, kauten an Wassermelonen und Maiskolben, und freuten sich ihres Lebens. Die Erinnerung an die schreckliche Zeit in der Schweinefabrik wird hoffentlich zunehmend verblassen.

Lieber Mickey, liebe Jackie, wo auch immer Ihr seid, ich wünsche Euch von hier aus ein gutes und langes Leben.

Was bleibt ist die Freude, nicht nur über die Wendung des Schicksals für die beiden Tiere, sondern auch darüber, wieviele Menschen aus ganz Österreich plötzlich bereit waren zu helfen, wenn es eng wird. Es gibt wesentlich mehr mitfühlende und tierfreundliche Personen hierzulande, als es so den Anschein hat. Vermutlich sind diese Menschen aber nicht so laut, wie die Gegenseite, stellen sich nicht in den Mittelpunkt und lassen die bösartige Aggression der Tierindustrie und ihrer Handlanger an sich abprallen, ohne zu reagieren. Deshalb merkt man von ihnen weniger. Aber gut, dass man sich auf Euch verlassen kann!

Für mehr Fotos siehe auch https://vgt.at/mickeyundjackie

Zum Band 1 der Tieraktivismus Trilogie von Tom Putzgruber

Als ich das Buch mit der Post geschickt bekam, habe ich es kaum heben können, so schwer ist es: 620 Seiten, 480 Farbfotos, fester Einband. „…denn sie fühlen wie du den Schmerz. Band 1. Die frühen Jahre“ nennt Tom Putzgruber den ersten Teil seiner Autobiografie, der davon erzählt, wie er in den Tieraktivismus hinein schlittert. Wir erleben ihn als Kind im ländlichen Niederösterreich, wie er mit zahlreichen geretteten Tieren aufwuchs. Oder wie er als 6-Jähriger eine Tierquälerei erleben muss und daraufhin konsequent Sachbeschädigungen an Gemeindegut begeht, in der festen Überzeugung, dass das die ihm unbekannten Täter:innen zum Umdenken bewegen werde. Schließlich übernimmt er in Salzburg den kurz zuvor gegründeten Tierschutzverein RespekTiere, den er zusammen mit seiner damaligen Partnerin aufbaut und zu einer vergleichsweise kleinen, aber schlagkräftigen Organisation entwickelt. Doch die vielen vielen Menschen, die mit ihm zusammen bei den auf den 620 Seiten beschriebenen Aktivitäten durch dick und dünn gehen, sind Legion.

Als ich zu lesen begann, fraß mich der Neid. Unglaublich, wieviel Energie Tom in den letzten Jahrzehnten in Tierschutz gesteckt hat. Aber nicht nur, wie ich mehrheitlich, in den Konflikt mit den Tierausbeuter:innen, sondern eben vor allem auch in die direkte Hilfe von Tieren. Scheinbar täglich rettet er irgendwo Tiere, befreit sie, versorgt sie, vermittelt sie, oder dokumentiert ihr unendliches Leid. Dieser direkte Bezug, dieser Blick in die Tieraugen, der ist in meiner Arbeit leider nicht vorrangig. Ich habe mich der Veränderung der Gesellschaft verschrieben. Diese positiven Erlebnisse mit geretteten Tieren, die in diesem Buch ständig präsent sind, durfte ich leider nur viel zu selten erfahren.

Das Buch liest sich sehr flüssig. Man spürt Toms Herzblut in allen Aktivitäten. Es mag an der Auswahl der beschriebenen Aktionen liegen, weil natürlich hauptsächlich das erzählt wird, was besonders kurios verlief, aber Tom und seine Begleiter:innen schlittern häufig durch ungeplantes und unprofessionelles Vorgehen in unfassbare Probleme hinein. Wie eine böse kriminelle Organisation wirkt das Ganze daher nicht, obwohl ja der Staatsanwalt in der Tierschutzcausa auch RespekTiere einer solchen verdächtigt hat, auch wenn man sagen muss, dass in dem Buch einige sehr wohl strafrechtlich relevante Aktionen beschrieben werden, die durchaus in die Kategorie damals anklagbarer Straftaten fallen.

Tom Putzgruber ist grundehrlich in seiner Erzählung. Ehrlich berichtet er von den vielen Fehlern, von seinen Emotionen und auch von seinen Motivationen. Man mag ihm Vieles nachsagen, aber dass er durch echtes, selbstloses Mitgefühl getrieben ist, dass er nur das Beste für die Tiere will und dabei der Tierausbeutungsseite möglichst wenig schadet, ist unbestreitbar.

Unglaublich ist auch sein schon fast absurd wirkendes Mitgefühl mit der Gegenseite. Der Zirkus Belly-Wien und dessen Zirkusdirektor Zinnecker attackierten ihn bei zwei völlig friedlichen und behördlich angemeldeten Kundgebungen schwer. Er endet im Spital. Dort sitzt im Warteraum neben ihm eine der Täterinnen mit einer Verletzung an der Hand, die sie sich dadurch zugefügt hat, dass sie zusammen mit den anderen Zirkusleuten so heftig auf Tierschützer:innen eingeprügelt hatte. Dabei wurden Letzteren sowohl sämtlich Gegenstände wie Videokameras zerstört, als auch schwerste Körperverletzungen zugefügt, wie sogar Knochenbrüche. Tom ist selbst verletzt, bekam Schläge mit der Faust ins Gesicht – aber er hat Mitleid mit dieser Gewalttäterin, die da neben ihm sitzt und ihn verhöhnt, indem sie ihm den Stinkefinger zeit. So ist er einfach, sagt er dazu nur. Mitgefühl ist unteilbar. Ein schöner Charakterzug, von dem sich die Tierquäler:innen einiges abschauen könnten.

Einen alten Mitstreiter, wie mich, packen beim Lesen heftige nostalgische Gefühle, auch wenn ich selbst im Buch nur am Rande erwähnt werde. In meiner Erinnerung war ich zwar viel öfter dabei, aber Vorkommnisse, die derartig lange her sind, bekommen zwangsweise eine sehr subjektive Färbung durch den Erzähler. Ein bisschen traurig stimmt, wie viele Menschen sich über die Jahrzehnte engagiert haben, die schon lange nicht mehr aktivistisch beteiligt sind. Wenn sich nur alle diese Personen weiterhin für Tiere eingesetzt hätten, dann wären wir heute viel weiter.

Das Buch ist lustig und unterhaltsam, weil viele kurzweilige Anekdoten erzählt werden, die kurios und spannend sind. Das Buch ist aber auch lehrreich, weil es Außenstehenden einen Einblick ermöglicht, wie es kommt, dass sich Menschen so intensiv – manche würden sagen: radikal – für Tiere einsetzen. Und natürlich lernt man auch viel über den grausamen Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft. Das Buch sollte aber auch Staatsanwält:innen und potenzielle Gegner:innen überzeugen, dass hier niemand am Werk ist, der jemandem Böses will, oder der kriminell motiviert ist. Es ist die Verzweiflung, die Menschen wie Tom Putzgruber treibt, Verzweiflung angesichts des schier endlosen Tierleids, verursacht von uns Menschen. Viele Leute versuchen dieses Tierleid auszublenden, weil es so schmerzt. Manche berührt es vielleicht auch tatsächlich nicht. Aber diejenigen, die mitleiden und nicht wegschauen können, wie der Autor, denen bleibt kaum eine andere Option, als das zu tun, was in dem Buch beschrieben wird.

Jahrzehnte an der Frontlinie des Tierschutzaktivismus. Das ist Tom Putzgrubers Lebensinhalt. Beschrieben im ersten Band seiner Erinnerungen. Wir dürfen uns auf die nächsten Bände freuen.

Ich habe den Autor im Tierrechts-Podcast zu seinem Buch interviewt: https://vgt.at/projekte/tierrechtsradio/sendungen.php?i=502394#sendung

Festnahmen bei Spontandemo vor Schlachthof: rechtswidrig oder doch nicht?

Die Aktion fand im Februar 2019 im Waldviertel statt. Ein Tierschützer hatte einen Schweinetransporter abends auf einem Parkplatz stehen gesehen. Dabei müssen Tiertransporte doch so rasch wie möglich durchgeführt werden. Der Fahrer verließ seinen LKW und fuhr fort. Der Tierschützer alarmierte den VGT und nach einiger Zeit waren 15 Aktivist_innen vor Ort, darunter auch ich, und ein Filmteam von Oe24TV.

Wir riefen die Polizei. So gegen 5 Uhr kam sowohl die Polizei als auch der Fahrer des Tiertransports. Es wurde kontrolliert und dann durfte der LKW den nächsten Schlachthof ansteuern. Dort standen die Aktivist_innen, tief berührt vom Anblick der zahllosen Schweine, die im Transporter zusammengedrängt gestanden sind und jetzt gerade getötet wurden, neben der Einfahr, entzündeten ein paar mitgebrachte Kerzen und hielten spontan eine Mahnwache ab. Gerade als alle wieder gehen wollten, erschien die Polizei.

Die Aktivist_innen gingen trotzdem zurück zu ihren Fahrzeugen. Die Polizei nahm recht willkürlich 2 Personen fest. Ich hatte mich als einziger ausgewiesen und erklärt, dass ich als Obmann des VGT für alles verantwortlich sei. Doch das hielt die Beamt_innen nicht ab, zwei Personen zu verschleppen und erst 2 Stunden später wieder frei zu lassen. Einige Gegenstände wurden beschlagnahmt und blieben in Polizeigewahrsam.

Beide Personen erhoben Maßnahmenbeschwerden gegen ihre Festnahmen. Beide wurden mit denselben Zeug_innen am selben Gericht verhandelt. Der eine Richter urteilte, dass die Polizei rechtswidrig gehandelt hatte, der andere, in der Verhandlung sehr aggressive, dass die Polizei rechtskonform gehandelt hatte. Kein gutes Bild für den Rechtsstaat Österreich.

Der festgestellte Sachverhalt stimmt weitgehend überein:

Der eine Richter stellte die Rechtswidrigkeit der Polizeihandlungen fest und verurteilte die Behörde zur Zahlung von € 2242,80 an den Tierschützer:

Er begründete das so:

Interessant. Im Kern sagt er, dass der Umstand, dass die Beamt_innen nicht ihre Dienstnummer bekannt gaben, die gesamte Zwangsmaßnahme rechtswidrig machte.

Der andere Richter urteilte komplett konträr, befand die Polizeiaktion für rechtskonform und verurteilte den Tierschützer zur Zahlung von € 887,20:

Bei seiner Begründung ging er überhaupt nicht auf den Umstand ein, dass die Polizist_innen nicht ihre Dienstnummer bekannt gegeben hatten. Stattdessen argumentierte er – an den Haaren herbei gezogen -, dass die Beamt_innen den Aktivisten bei einer Verwaltungsübertretung betreten hätten. Das ist aber nicht wahr. Die Teilnahme an einer nichtangemeldeten Spontandemo ist keine Verwaltungsübertretung. Nur das Veranstalten einer solchen Demo ist eine. Und dafür war ich verantwortlich, als Obmann des VGT. Ich hatte mich auch ausgewiesen und meine Verantwortung der Polizei gegenüber bekannt gegeben. Und dennoch nahmen die Beamt_innen zwei Tierschützer_innen einfach fest und beschlagnahmten Gegenstände. Dass das rechtskonform sein soll, wurde lapidar so begründet:

Dazu war mein persönlicher Eindruck, dass dieser Richter sehr unfreundlich war und die Tierschützer_innen überhaupt nicht verstand, ja, sie für Störer_innen der gesellschaftlichen Ordnung hielt, die einen Denkzettel verdient hätten. Es ist unschön, dass Richter_innen solche persönlichen Animositäten einfach in Verurteilungen umsetzen können. Aber das erlebe ich leider oft.

Es bleibt ein schaler Beigeschmack zurück, dass ein und dieselbe Polizeiaktion von einem Richter am selben Gericht als rechtswidrig und von einem anderen als rechtskonform beurteilt wird. Wie soll man da als normaler Bürger bzw. als Bürgerin Rechtssicherheit haben?

Vor 25 Jahren starb Jill Phipps unter einem Tiertransporter

25 Jahre ist es nun her. Auf den Tag genau. Ich habe in meinem Buch „Im Untergrund“ davon erzählt. Jill Phipps wurde am 1. Februar 1995 bei einem Protest gegen Tiertransporte vor dem Flughafen von Coventry in England mitten unter Polizist_innen von einem Tiertransporter, der bis zum Bersten mit männlichen Kälbern aus der Milchindustrie geladen war, überrollt.

Sie stammte aus einer Familie von Tierrechtler_innen. Ihre Mutter Nancy und ihre Schwester waren in den 1980er Jahren sogar wegen einem Run-In und einer begleitenden Tierbefreiung in einem Tierversuchslabor von Unilever für 6 Monate (!) ins Gefängnis gewandert. Jill Phipps war so alt wie ich. Auf verschiedenen Demos und Aktionen vor 1995 habe ich sie immer wieder mit ihrem Sohn Luke gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen. Mit ihrem Bruder hatte ich mehr zu tun und ihre Mutter kannte ich auch. Jill versorgte ihren Sohn seit den späten 1980er Jahren allein. Da ich jetzt eine ganz kleine Tochter habe, kann ich verstehen, dass man da ein bisschen leiser tritt und nicht mehr an vorderster Front aktiv ist.

Tja, bis die Fähren in Dover von einem auf den anderen Tag die Mitnahme der ganz jungen männlichen Kälber aus der Milchindustrie aufgrund unserer Proteste beendeten. Plötzlich erschienen wie aus dem Nichts 8 Firmen englandweit, die diesen Transport übernahmen. Diese Leute haben nur die Möglichkeit gesehen, Geld zu machen. Ekelhaft.

Aus diesem Ekel und dem Mitgefühl mit den Kälbern entstand eine breite neue Bewegung 1995. Die großen LKWs mit je 250 Kälbern und mehr rollten plötzlich jede Früh durch kleine Ortschaften, wie Breitlingsea, zum Hafen, um ihre lebende Fracht nach Europa zu bringen. Die verschlafensten Nester wurden aktiv. Die Menschen ertrugen es nicht, den Tieren in ihre großen Augen zu schauen. Jeden Tag. Und die Schreie. Das Muhen. Die Kälber waren nicht nur verzweifelt, weil sie ihrer Mutter weggenommen worden waren. Sie hatten auch Hunger. Hunger nach der Muttermilch, die man ihnen vorenthielt, um sie an Menschen zu verkaufen. Deshalb mussten sie weg.

In den 7 Häfen, die für diese Exporte genutzt wurden, gab es überall täglich Proteste. Dort wohnten Menschen, die das jeden Tag mitansehen mussten. Die waren motiviert. Die 8te Firma allerdings verfrachtete die Kälber nicht in ein Schiff, sondern auf ein Flugzeug, am Flughafen von Coventry. Dort wohnte niemand, deshalb gab es auch keine lokalen Proteste durch Anrainer_innen, wie in den Häfen. Aber in Coventry war eine starke Tierrechtsgruppe, und ebenso in den benachbarten Städten. Auch Jill Phipps wohnte dort mit ihrem Sohn. Und sie ließ der Anblick der Kälber und ihre Hilfeschreie nach ihren Müttern nicht mehr los. Sie war ja selbst Mutter und konnte nachvollziehen, wie schrecklich das für die beteiligten Tiere war.

Deshalb stellte sie ein Zelt neben dem Flughafen auf, sodass sie jede Früh vor Ort war, wenn die Tiertransporter ankamen. Und sie war nicht allein. Bald hatte sich dort ein Protestcamp gebildet und jeden Tag wurde protestiert. Jeden Tag stellten sich die Aktivist_innen auf die Straße, wurden von einer Hundertschaft von Polizist_innen weggestoßen und zurückgedrängt. Und jeden Tag weinten sie den Kälbern nach. Und das den ganzen Winter hindurch.

Am 1. Februar 1995 waren 35 Personen im Camp. Da wurde die Ankunft der Tiertransporter gemeldet. Wie jeden Tag stellte sich auch Jill Phipps wieder auf die Straße. Gut 100 Polizist_innen waren da. Sie bildeten am Straßenrand ein Spalier und forderten den Fahrer auf, den Transporter weiter zu fahren, nur ja nicht stehen zu bleiben. Wie jeden Tag stellte sich Jill auf die Fahrbahn und breitete die Hände aus. Doch diesmal rollte der Transporter einfach über sie drüber.

Noch 25 Jahre später füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Vorstellung. Ihr Sohn war gerade einmal 8 Jahre alt gewesen.

Und was geschah dem Fahrer? Was der Polizei, die nichts unternommen hatte, ja sogar den Fahrer angetrieben? Einfach nichts. Gar nichts. Das ist leider der Normalfall, wenn es gegen Tierschützer_innen geht. Ich könnte Seiten mit solchen Fällen füllen. Beim Tierschutz versagt der Rechtsstaat auf der gesamten Linie.

Ich nahm an Jill’s Begräbnis teil. Tausende Menschen waren da. Ein starkes Zeichen. Überall die purpurnen Ribbons, die Schleifen, die damals zum Symbol des Protests gegen Tiertransporte geworden waren.

25 Jahre sind ins Land gezogen. Nancy Phipps, Jill’s Mutter, ist mittlerweile auch schon tot. Mit ihrem Bruder hatte ich noch lange Kontakt. Jetzt aber auch nicht mehr. Nach dem Vorfall waren die Kälbertransporte zunächst nur temporär, später dann völlig eingestellt worden, auf allen 7 Häfen und dem Flughafen. Doch heute rollen sie wieder. Überall in Europa. Wir als Menschen haben nichts dazu gelernt. Wie oft bin ich diesen Transportern mit den kleinen Kälbern aus Österreich bis nach Spanien und Andorra nachgefahren, hab ihre Schreie gehört. Es ist, als wäre nichts gewesen, als hätte es nie Proteste gegeben. Jill Phipps kann noch immer nicht ihren Frieden finden.

3rd Battle of Newbury: ein neuer Film bestätigt ein Kapitel in meinem Buch

Als ich davon gelesen habe, war ich begeistert! Der so breite Widerstand gegen die megagroßen Straßenbauprojekte der Thatcher Ära, die die letzten Reste von ursprünglicherer Natur auf den Britischen Inseln zerstören sollten, wird in einer Dokumentation filmisch thematisiert. Und ich war dabei! Tatsächlich habe ich an mehreren Protestcamps gegen solche Projekte teilgenommen, darunter Twyford Down und eben beim Newbury Bypass. Letzteres wurde durch zahlreiche Baumdörfer so lange behindert, dass schließlich die Baukosten astronomische Höhen erreichten und die allermeisten späteren Bauprojekte gestoppt wurden.

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40 Jahre Atomsperrgesetz

Wenn es nach der offiziellen Geschichtsschreibung geht, dann wurde alles in der Vergangenheit nur von unseren braven Regierungen entschieden. Insbesondere unsere seltsame Regierung momentan will jede Mitbestimmung von unten aussetzen. Es gibt keine Diskussion der Tierschutzministerin mit Tierschutzvereinen oder sogar den Tierschutzombudspersonen, es gibt keinen Tierschutzreferenten des Ministeriums mehr, mit dem Standortgesetz soll der Einspruch von Bürgerinitiativen gegen Tierfabriksbauprojekte verhindert werden, mit der Wirtschaft als Staatsziel in der Verfassung jeder Protest gegen die dritte Startbahn des Flughafens und mit dem UVP-Gesetz will man den Einfluss von Umwelt-NGOs abdrehen. Dazu passt dann, dass unser Bundeskanzler auf die Frage, wie Tierschutz in den nächsten 10 Jahren aussehen soll, einfach sagt, Tierschutz sei eine Privatsache, dafür brauche es keine politischen Entscheidungen.

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Ein neues Biedermeier-Zeitalter droht

Nach der erfolgreichen französischen Revolution mit ihrer Forderung nach gleichen Menschenrechten und nach einer Demokratie, war in den absolutistisch regierten Staaten wie Österreich Feuer am Dach. Das Feuer dieser neuen Idee musste erstickt werden. Deshalb wurde Österreich zum ersten echten Polizeistaat der Geschichte. Man erfand die Geheimpolizei und das Spitzelsystem, genauso wie die Zensur und das Unterlaufen des Briefgeheimnisses. Die ersten Opfer waren 1795 die frühen Demokraten, die von einem Spitzel aufgedeckt und dann in den Jakobinerprozessen zu furchtbaren Strafen verurteilt wurden (https://martinballuch.com/das-schicksal-der-ersten-osterreichischen-demokraten-der-galgen-am-schottentor-1795/).

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