Nachruf

Vor 25 Jahren starb Jill Phipps unter einem Tiertransporter

25 Jahre ist es nun her. Auf den Tag genau. Ich habe in meinem Buch „Im Untergrund“ davon erzählt. Jill Phipps wurde am 1. Februar 1995 bei einem Protest gegen Tiertransporte vor dem Flughafen von Coventry in England mitten unter Polizist_innen von einem Tiertransporter, der bis zum Bersten mit männlichen Kälbern aus der Milchindustrie geladen war, überrollt.

Sie stammte aus einer Familie von Tierrechtler_innen. Ihre Mutter Nancy und ihre Schwester waren in den 1980er Jahren sogar wegen einem Run-In und einer begleitenden Tierbefreiung in einem Tierversuchslabor von Unilever für 6 Monate (!) ins Gefängnis gewandert. Jill Phipps war so alt wie ich. Auf verschiedenen Demos und Aktionen vor 1995 habe ich sie immer wieder mit ihrem Sohn Luke gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen. Mit ihrem Bruder hatte ich mehr zu tun und ihre Mutter kannte ich auch. Jill versorgte ihren Sohn seit den späten 1980er Jahren allein. Da ich jetzt eine ganz kleine Tochter habe, kann ich verstehen, dass man da ein bisschen leiser tritt und nicht mehr an vorderster Front aktiv ist.

Tja, bis die Fähren in Dover von einem auf den anderen Tag die Mitnahme der ganz jungen männlichen Kälber aus der Milchindustrie aufgrund unserer Proteste beendeten. Plötzlich erschienen wie aus dem Nichts 8 Firmen englandweit, die diesen Transport übernahmen. Diese Leute haben nur die Möglichkeit gesehen, Geld zu machen. Ekelhaft.

Aus diesem Ekel und dem Mitgefühl mit den Kälbern entstand eine breite neue Bewegung 1995. Die großen LKWs mit je 250 Kälbern und mehr rollten plötzlich jede Früh durch kleine Ortschaften, wie Breitlingsea, zum Hafen, um ihre lebende Fracht nach Europa zu bringen. Die verschlafensten Nester wurden aktiv. Die Menschen ertrugen es nicht, den Tieren in ihre großen Augen zu schauen. Jeden Tag. Und die Schreie. Das Muhen. Die Kälber waren nicht nur verzweifelt, weil sie ihrer Mutter weggenommen worden waren. Sie hatten auch Hunger. Hunger nach der Muttermilch, die man ihnen vorenthielt, um sie an Menschen zu verkaufen. Deshalb mussten sie weg.

In den 7 Häfen, die für diese Exporte genutzt wurden, gab es überall täglich Proteste. Dort wohnten Menschen, die das jeden Tag mitansehen mussten. Die waren motiviert. Die 8te Firma allerdings verfrachtete die Kälber nicht in ein Schiff, sondern auf ein Flugzeug, am Flughafen von Coventry. Dort wohnte niemand, deshalb gab es auch keine lokalen Proteste durch Anrainer_innen, wie in den Häfen. Aber in Coventry war eine starke Tierrechtsgruppe, und ebenso in den benachbarten Städten. Auch Jill Phipps wohnte dort mit ihrem Sohn. Und sie ließ der Anblick der Kälber und ihre Hilfeschreie nach ihren Müttern nicht mehr los. Sie war ja selbst Mutter und konnte nachvollziehen, wie schrecklich das für die beteiligten Tiere war.

Deshalb stellte sie ein Zelt neben dem Flughafen auf, sodass sie jede Früh vor Ort war, wenn die Tiertransporter ankamen. Und sie war nicht allein. Bald hatte sich dort ein Protestcamp gebildet und jeden Tag wurde protestiert. Jeden Tag stellten sich die Aktivist_innen auf die Straße, wurden von einer Hundertschaft von Polizist_innen weggestoßen und zurückgedrängt. Und jeden Tag weinten sie den Kälbern nach. Und das den ganzen Winter hindurch.

Am 1. Februar 1995 waren 35 Personen im Camp. Da wurde die Ankunft der Tiertransporter gemeldet. Wie jeden Tag stellte sich auch Jill Phipps wieder auf die Straße. Gut 100 Polizist_innen waren da. Sie bildeten am Straßenrand ein Spalier und forderten den Fahrer auf, den Transporter weiter zu fahren, nur ja nicht stehen zu bleiben. Wie jeden Tag stellte sich Jill auf die Fahrbahn und breitete die Hände aus. Doch diesmal rollte der Transporter einfach über sie drüber.

Noch 25 Jahre später füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Vorstellung. Ihr Sohn war gerade einmal 8 Jahre alt gewesen.

Und was geschah dem Fahrer? Was der Polizei, die nichts unternommen hatte, ja sogar den Fahrer angetrieben? Einfach nichts. Gar nichts. Das ist leider der Normalfall, wenn es gegen Tierschützer_innen geht. Ich könnte Seiten mit solchen Fällen füllen. Beim Tierschutz versagt der Rechtsstaat auf der gesamten Linie.

Ich nahm an Jill’s Begräbnis teil. Tausende Menschen waren da. Ein starkes Zeichen. Überall die purpurnen Ribbons, die Schleifen, die damals zum Symbol des Protests gegen Tiertransporte geworden waren.

25 Jahre sind ins Land gezogen. Nancy Phipps, Jill’s Mutter, ist mittlerweile auch schon tot. Mit ihrem Bruder hatte ich noch lange Kontakt. Jetzt aber auch nicht mehr. Nach dem Vorfall waren die Kälbertransporte zunächst nur temporär, später dann völlig eingestellt worden, auf allen 7 Häfen und dem Flughafen. Doch heute rollen sie wieder. Überall in Europa. Wir als Menschen haben nichts dazu gelernt. Wie oft bin ich diesen Transportern mit den kleinen Kälbern aus Österreich bis nach Spanien und Andorra nachgefahren, hab ihre Schreie gehört. Es ist, als wäre nichts gewesen, als hätte es nie Proteste gegeben. Jill Phipps kann noch immer nicht ihren Frieden finden.

Vier Pfoten Gründer Heli Dungler ist tot!

Als ich heute die Nachricht von Heli Dunglers gestrigem Tod erhielt, musste ich mich entsetzt setzen. Schon wieder ein Tierschützer um die 50 (in seinem Fall: 56), der überraschend stirbt! Zuerst ging Michl Schwestka von uns, der Obmann der Internationalen Vegetarischen Initiative, dann Herta Supper, Birgit Mütherich, Georg Rennert, Hubert Hirscher, Andrea Stanzl, Claudia Cerny, Elisabeth Kleinfercher, Sabine Kückelmann, Julia Wannenmacher und jetzt Heli Dungler.

Heli Dungler war ein echtes Urgestein der modernen Tierschutzbewegung in Österreich. Wir hätten uns schon im Dezember 1984 bei der Besetzung der Hainburger Au treffen können, von der er mir später erzählt hat, dabei gewesen zu sein. Vielleicht haben wir uns auch gesehen, erinnern könnte ich mich nicht. Doch diese Besetzung hat uns beide geprägt und zum Tierschutz geführt. In den späten 1980er Jahren war Heli Dungler ein aus heutiger Sicht radikaler Tierschützer, keine Frage. Daran wollte er später nicht mehr erinnert werden, auch wenn ich das Wort „radikal“ hier überhaupt nicht negativ verwende. Radikal heißt eigentlich an die Wurzeln des Problems gehen, während beim Begriff „militant“ die Anwendung von Gewalt mitschwingt. Gewalttätig war Heli Dungler aber überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Er war immer durch und durch friedfertig und gewaltfrei.

Die Vier Pfoten wurden von ihm 1988 als, meinem Eindruck nach, eine Gruppe „junger Wilder“ im Tierschutz gegründet, die endlich die Aktionsformen des gewaltfreien Zivilen Ungehorsams auch im Tierschutz anwenden wollten. Und es gelang. Nicht nur, dass die Vier Pfoten rasch bekannt wurden, sie konnten auch für die Ausbeutung der Tiere ein breites Bewusstsein schaffen. Da gab es die Besetzung einer Pelzfarm, bei der der Farmer mit dem Gewehr über die Köpfe der Aktivist_innen schoss und einem deutschen TV-Team eine Leuchtrakete verpasste. Und da war die große Aktion in Padubice, in der Tschechoslowakei, wo damals ein sehr brutales Military Hindernisrennen für Pferde stattfand, bei dem regelmäßig einige Tiere verunglückten. Die Aktivist_innen unter Helis Leitung ketteten sich an die Hindernisse und wollten so das Rennen verhindern, doch die Polizei und auch einige Besucher_innen des Events übten unglaubliche Gewalt gegen die Tierschützer_innen aus, sodass das Rennen stattfinden konnte. Sehr viel friedlicher ging es bei einer Blockade der ÖVP-Zentrale in Wien zu, als Heli zusammen mit vielen Aktivist_innen einen Tiertransporter in den Eingang stellte und sich mittels Stahlrohren rundherum kettete. Der Polizei gelang es nicht, diese Blockade zu lösen.

Die Vier Pfoten begannen auch Anfang der 1990er Jahre mit Jagdstörungsaktionen, vor allem bei Treibjagden auf ausgesetzte Zuchtfasane. Ich war damals in England in der Redaktion der Zeitschrift HOWL, die von derartigen Aktionen weltweit berichtete, und wurde regelmäßig aus Österreich mit entsprechenden Storys von Helis Vier Pfoten versorgt.

Ja, bis dann die Vier Pfoten eines Tages so groß wurden, dass sie ihren Aktivismus von einem PR-Management abhängig zu machen begannen. Das war eine Grundsatzentscheidung von Heli Dungler, die den weiteren Weg vorzeichnen sollte. Schluss mit der Zeit der „jungen Wilden“. Es kam zum Umbruch bei den Vier Pfoten, viele Aktivist_innen gingen weg und gründeten eigene Vereine, Heli wollte seinen Verein, den er in eine Stiftung umwandelte, etablieren und den Zug durch die Instanzen antreten. Der VGT dagegen blieb dem Aktivismus und den konfrontativen Kampagnen treu.

Dennoch sind sich die beiden Vereine nicht in die Haare geraten. Warum auch? Heli Dungler war ein vernünftiger und pragmatischer Mensch. Die SOKO Tierschutz sollte in der Tierschutzcausa später feststellen, dass es „im Geheimen“ zwischen den Vier Pfoten und dem VGT eine Zusammenarbeit gegeben hatte, insbesondere bei unserer erfolgreichen gemeinsamen Kampagne für ein Verbot der Haltung von Kaninchen in Käfigen im Jahr 2007. Eine geschickte Strategie: der VGT mit lautem Tamtam auf der Straße, die Vier Pfoten seriös und etabliert im Verhandlungssaal. Sie ging auf. Für Heli Dungler hatte definitiv der Tierschutz die höchste Priorität, weshalb er schon sehr früh zum Vegetarier konvertiert war. Und er half dem VGT Anfang der 2000er Jahre sogar mit vielen Tipps zum Fundraising! Völlig selbstlos, wenn man bedenkt, dass die beiden Vereine denselben Personenpool um Spenden baten.

Aber die Meilensteine von Helis Engagement sind sicher die großen internationalen Projekte für Bären in Europa, Löwen in Südafrika und Orang Utans in Borneo. Da hat er sein ganzes Herzblut hinein gesteckt und wirklich Großartiges erreicht! Die Vier Pfoten sind damit zu einem der großen internationalen Player im Tierschutz geworden – von den kleinen radikalen Anfängen 20 Jahre davor!

Als die Tierschutzcausa über uns hereinbrach, und eine mächtige Clique im Staat praktisch die gesamte Tierschutzszene, allen voran den VGT, kriminalisieren wollte, reagierte Heli solidarisch. Obwohl er – während wir gerade aus der U-Haft kamen – die silberne Ehrennadel der Republik Österreich erhielt, ganz offensichtlich um einen Keil zwischen uns zu treiben und die Braven um Heli Dungler von den Schlimmen um mich zu trennen, half er uns weiterhin, indem er z.B. einen Appell an die Justizministerin unterschrieb, dass sie endlich die Verfolgung von uns einstellen solle. Das rechne ich ihm hoch an. Heli Dungler hatte Rückgrat. Bei all den Würdigungen, die ihm der Staat letztlich zuteil werden ließ, so auch 2013 und 2018, blieb er unbestechlich auf Seiten der Tiere. Ich bin mir sicher, er hätte lieber mehr gesetzliche Fortschritte im Tierschutz gesehen, als solche Ehrungen zu empfangen. Die Politik ist aber leider ein sehr scheinheiliges Metier, in dem man rasch salbungsvolle Worte findet, aber dann für die Schwachen und Ausgebeuteten keine Taten setzt, weil sie Geld kosten und die Wirtschaft beeinträchtigen könnten.

Zwischen dem VGT, dem Wiener Tierschutzverein und Heli Dungler bei den Vier Pfoten blieb die Zusammenarbeit über die Jahrzehnte aufrecht. Bis heute führen die drei Organisationen gemeinsam die Kontrollstelle für artgemäße Nutztierhaltung. Und bei vielen Themen, wie Pelz oder Fiaker, aber auch in der Fair Ferkel Koalition gegen die betäubungslose Kastration, trat man gemeinsam auf. Helis überraschender Tod reißt da eine große Lücke auf. Ich bin mir nicht sicher, wie es jetzt weitergehen wird.

Heli Dungler hat wie kaum ein anderer die moderne Tierschutzbewegung der 1980er Jahre bis heute geprägt. Er hat den Aktivismus mit Zivilem Ungehorsam auch bei Tierschutzthemen eingeführt und das Spiel mit den Medien perfekt zu beherrschen gelernt. Er hat praktisch im Alleingang die Vier Pfoten zu einer Institution gemacht und dabei ist er immer bescheiden im Hintergrund geblieben und hat sich nie laut in Szene gesetzt. Eine Seltenheit in der Politik.

Es mag viele Differenzen zwischen uns gegeben haben, aber den Respekt voreinander haben wir nie verloren. Ich hatte immer die größte Hochachtung vor ihm. Sein Tod beendet 3 Jahrzehnte mehr oder weniger gemeinsamer Tierschutzarbeit.

RIP, lieber Heli.

Charlotte Probst, Grande Dame der Tierschutzszene, ist gestorben

Es gibt nur wenige Menschen, die die innere Kraft haben, den Kampf um die Rechte der Tiere über Jahrzehnte hinweg zu führen. Charlotte Probst war eine von ihnen. „Tierschutz ist eine schwierige und traurige Schwerarbeit. Man wird kein froher Mensch, sieht so viel, was Menschen mit Tieren anstellen“, sagte sie einmal. Wie wahr! Doch Charlotte Probst hat durchgehalten, in gewissem Sinn ein Leben lang, jedenfalls seit den 1970er Jahren, bis sie nun am 29. Dezember 2019, wenige Tage vor ihrem 89. Geburtstag, friedlich verstorben ist.

Geboren 1931, wuchs sie in einer kleinbäuerlichen Familie auf, wo auch Tiere getötet wurden. Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern, ließ sie sich aber dadurch ihre Tierliebe und ihren Respekt vor den Tieren nicht austreiben. Aufgrund eines Sterbefalls in der Familie durch Pflegeaufgaben gebunden, konnte sie erst mit 35 ihre Ausbildung als Volksschullehrerin abschließen und in die Praxis gehen. Dort machte sie es sich zur Aufgabe, den Kindern den Tierschutz nahe zu bringen. Das sollte später zu ihrer Berufung werden.

Im November 1987 gründete Charlotte Probst den Bundesverband der Tierbefreier in Graz. Im Nachhinein muss ich lächeln. Unsere „Animal Liberation Workshops“ hat die SOKO Tierschutz allein aufgrund des Namens als staatsgefährdend eingestuft. Wie wir, verstand Charlotte Probst aber den Begriff „Tierbefreiung“ im übertragenen Sinn, als eine Befreiung vom Joch der Unterdrückung durch den Menschen, und nicht als Aufruf zu Straftaten. Dennoch änderte sie im März 2006 sicherheitshalber den Namen ihres Vereins wieder, aber nicht bevor sie schon 1988 einen großen Erfolg eingefahren hatte: das Parlament fügte in das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch einen neuen Paragraphen ein, § 285a, dass Tiere keine Sachen sind. Allerdings wird diese so wichtige Feststellung im folgenden Satz relativiert. Letztlich sind Tiere in Österreich seither keine Sachen, die aber wie Sachen behandelt werden. Ein für wache Geister schmerzender Widerspruch, der das Parlament heute aber in keiner Weise motiviert, die logischen Konsequenzen zu ziehen und Tiere aus dem Sachenrecht zu nehmen.

Doch Charlotte Probsts größtes Verdienst im Tierschutz ist sicherlich, das Projekt „Tierschutz im Unterricht“ ins Leben gerufen zu haben. Von Anfang an war das ein Schwerpunkt ihres Vereins, der 1990 durch ein jährliches, zweiwöchiges Seminar zur Ausbildung von Pädagog_innen zu Tierschutzlehrer_innen erweitert wurde. In diesem Zusammenhang habe ich Charlotte Probst 1997 persönlich kennen gelernt.

Ich war aus England, wo ich schon Jahre davor in Wochenendworkshops in den Tierschutzunterricht an Schulen eingeführt worden war, nach Österreich zurück gekehrt und wollte auch hier Kindern den Tierschutzgedanken präsentieren. Was lag also näher, als zur Tierschutzlehrerausbildung bei Charlotte Probst an die Pädagogische Hochschule in Graz zu gehen? Zwei Wochen hindurch übten wir Schulvorträge und lernten die Fakten zur Tiernutzung in Österreich kennen. Dann begann ich für den VGT zum Tierschutzunterricht an Schulen zu gehen.

Charlotte Probst lud mich wenig später ein, ihr bei der Ausbildung von Tierschutzlehrer_innen beizustehen, was ich bis zuletzt gerne getan habe. Zwei Tage lang konnte ich jedes Jahr die Teilnehmer_innen über die neuesten Entwicklungen im Tierschutz unterrichten. Da wir ja beim VGT ständig an der Frontlinie dieser Entwicklung standen, war ich dafür prädestiniert. Charlotte Probst bedankte sich dafür, in dem sie mir jedes Mal am Ende meiner Vorträge einen Liter Kürbiskernöl schenkte – was für einen besseren Lohn könnte man sich wünschen!

Berühmt wurden die Webpelzmodeschauen von Charlotte Probst, bei denen auch Kritik an Pelztierfarmen geübt wurde. Ein Kürschner aus Graz nahm daran Anstoß und klagte die Tierschützerin auf Basis von Gesetzen zum Wettbewerb konkurrierender Unternehmen. Weil Charlotte Probst gleichzeitig Webpelze zum Verkauf angeboten und Tierpelz kritisiert hat, wurde das als Antiwerbung gegen einen Mitbewerber interpretiert, und sie verlor diesen Prozess und musste Aussagen wie „Jeder Tierpelz bedeutet Tierqual“ zurücknehmen und dem Kürschner die horrende Summe von 500.000 Schilling als Schadenersatz zahlen. Meinem Eindruck nach war das eines der größten Fehlurteile in der langen Geschichte von Gerichtsprozessen zum Tierschutz.

Auch gegen die Jagd engagierte sich Charlotte Probst und war daran beteiligt, dass letztlich der Fallenfang mit Tellereisen in Österreich verboten wurde. Es gab kein Thema bei der Tiernutzung, bei dem sie nicht voll und ganz auf Seiten der Tiere stand.

Finanziert wurde die Tierschutztätigkeit ihres Vereins zumindest zu einem wesentlichen Teil durch ein Kaffeehaus ihres Mannes. Obwohl sie selbst Langzeitvegetarierin und seit vielen Jahren auch Veganerin war, konnten wir sie nicht überzeugen, dieses Lokal auf vegetarische Kost umzustellen. Dafür blieb es die zentrale Geldquelle für den Tierschutzunterricht an den Schulen.

Am 2. Oktober 2006, mit 75 Jahren, gründete Charlotte Probst die Akademie für Tier-Mensch-Beziehungen (man beachte die Reihenfolge im Namen! – sonst wird typischer Weise immer der Mensch als erstes genannt, um seine Höherwertigkeit zu unterstreichen). Dafür konnte sie einige namhafte Wissenschafter gewinnen, u.a. meinen Doktorvater und meinen Zweitbetreuer für meine Dissertation an der Uni Wien in Philosophie zu Tierrechten, Franz Wuketits und Johannes Götschl. Diese Akademie hat nicht nur die Ausbildung der Tierschutzlehrer_innen übernommen, sondern organisiert auch regelmäßig Vortragsreihen zu Tierschutz und Tierrechten.

In den letzten Jahren, im hohen Alter, hat sich Charlotte Probst zunehmend – und schweren Herzens – aus der Tierschutzarbeit zurück gezogen. Wir verdanken ihr viel. Eine soziale Bewegung, die nicht ihrer wesentlichen Protagonist_innen gedenkt, hat keine Geschichte – und keine Zukunft!

Nachruf auf Julia Eva Wannenmacher

Es gibt zwar einige, aber wenige laute Theolog_innen, die sich für Tierrechte engagieren. Julia Wannenmacher war eine von ihnen. Mit aller Schärfe. Dabei war es ihr ein großes Anliegen zu betonen, dass es innerhalb des Christentums immer Menschen gegeben hat, die sich für Tiere eingesetzt haben. Nicht zuletzt Franz von Assisi. Es sei falsch, das Christentum mit Tierfeindlichkeit gleich zu setzen, meinte sie. Ebenso, wie es falsch ist, den Heiligen Hubertus als Schutzheiligen für die Jagd zu missbrauchen. Das jedenfalls erläuterte sie uns, als wir sie im Herbst 2012 zu einem der Hauptvorträge für unseren Tierrechtskongress nach Wien geladen hatten.

Kennengelernt habe ich Julia schon früher. Sie hatte nicht mit Kritik an meinen Blogeinträgen gespart, war dabei aber immer dem Tierrechtsgedanken treu geblieben. Und sie unterstützte mich, wo sie konnte. Über viele Jahre hinweg organisierte sie für mich Lesungen meiner Bücher in Deutschland und ließ mich dabei voller Gastfreundschaft in ihrer großen Wohnung übernachten. War ich aus irgendwelchen Gründen in Berlin, konnte ich immer darauf vertrauen, dass sie mir Unterkunft gewähren würde. Leider war es mir nie möglich, mich dafür zu revanchieren.

Julia Wannenmacher hat Theologie, Latein und Philosophie in Berlin studiert und ihr Doktorat in Kirchengeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg im Jahr 2002 abgeschlossen. Anschließend unterrichtete sie Geschichte des Mittelalters, Kirchengeschichte und Systematische Theologie an den Universitäten von Berlin und Erlangen-Nürnberg. Schon seit jungen Jahren Vegetarierin, war sie bald vegan geworden und begann, den Tierrechtsgedanken in ihre Lehrtätigkeit einzubringen. Insbesondere im Rahmen des Projekts AKUT, Aktion Kirche und Tiere, engagierte sie sich. Dabei erzählte sie mir auch immer wieder von Demos und Aktionen, an denen sie sich beteiligt hatte, nicht zuletzt zusammen mit ihren Kindern. Bei der Human Animal Studies Ringvorlesung in Innsbruck waren wir beide Vortragende.

Nach einem Seminar von ihr zu Tierrechten, gründete sie mit anderen Personen die „Tierrechtstheorie Berlin“, im Rahmen derer sie sich bis zuletzt als Autorin einbrachte. Sie schrieb auch Rezensionen zu meinen Büchern, die nicht immer nur positiv ausfielen. Zu meiner sehr wissenschaftsbasierten Tierrechtsarbeit behielt sie ein gespanntes Verhältnis.

Ohne es mir oder vielen anderen zu sagen, kämpfte sie seit 2016 mit einem Lungenkrebs, obwohl sie nie Raucherin gewesen war. Dennoch organisierte sie noch heuer im Februar für mich Lesungen meines neuen Buches in der Schweiz und in Berlin, und ließ mich wieder bei ihr übernachten. Mir fiel ihre Krankheit nicht auf, auch wenn sie sehr schlank war und plötzlich kurze Haare hatte. Im Nachhinein deute ich ihre wiederholt vorgebrachte Bemerkung, dass sie dies oder das nicht machen werde, weil ihr dafür die Zeit zu schade sei, davon habe sie zu wenig, als Hinweis auf ihre Erkrankung. Offenbar war sie sich bewusst, dass es mit ihr zuende gehen werde.

Am 26. Oktober 2019 starb sie im Spital im Kreis ihrer Familie. Die Nachricht davon überraschte und erschütterte mich total. Wir haben damit nicht nur einen sehr wertvollen Menschen, sondern auch eine langjährige Kämpferin für Tierrechte verloren. Warum muss es immer die Falschen erwischen? Gerade in der Theologie war ihre Stimme so notwendig! Ist das nur mein fortschreitendes Alter, oder sterben in letzter Zeit immer mehr Menschen aus der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung? Erschreckend, wie viele Personen, die sich voll und ganz den Tieren verschrieben haben, ich schon kommen und gehen gesehen habe. Ich hoffe, Julias Glaube hat ihr das Sterben erleichtert.

Sie hinterlässt einen 27 jährigen Sohn und zwei Töchter, 13 und 16 Jahre alt. Ihnen gilt mein besonderes Mitgefühl.

8 Jahre mit Stephen Hawking, dem genialen Physiker, in Cambridge

Was mich an Isaak Newton fasziniert, ist, dass er die Mathematik, mit der er seine physikalischen Erkenntnisse formuliert und belegt hat, vorher selbst entwickeln musste. 300 Jahre später nahm ein anderer genialer Physiker denselben Lehrstuhl wie Isaak Newton ein, den Lucasian Professor of Mathematics an der Uni Cambridge in England. Und für seine fundamentalen Erkenntnisse musste er auch die entsprechende Mathematik erst entwickeln. Während es bei Isaak Newton um die Schwerkraft und die dafür notwendige Differentialmathematik ging, entwickelte Hawking die Mathematik der „closed trapped surfaces“, um zu beweisen, dass es einen Urknall gegeben hat. Jedenfalls dann, wenn man innerhalb Einsteins Relativitätstheorie bleibt.

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In Memoriam Elisabeth Kleinfercher

Die Tierschutzbewegung hat eine immer längere Geschichte, ich selbst bin auch schon 35 Jahre  dabei. Dass man sich also immer öfter von Personen verabschieden muss, die sich selbstlos für die Tiere engagiert haben, ist daher leider zu erwarten. Unsere Lisi ist von uns gegangen. Zwar schon vor einiger Zeit, aber die Nachricht ist erst kürzlich gesichert bis zu uns durchgedrungen. Sie war über 10 Jahre lang eine sehr treue Aktivistin des VGT, ruhig und besonnen bei ihren Aktionen, vernünftig und weise, aber dennoch erfrischend radikal und konsequent. Wir vermissen sie sehr.

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Tom Regan, Pionier der Tierrechtsphilosophie, ist gestorben

Die Tierrechtsbewegung kommt in die Jahre. Einer ihrer großen Mitbegründer, Tom Regan, Universitätsprofessor für Philosophie an der North Carolina State Universität in den USA, starb in den frühen Morgenstunden des 17. Februar 2017 im Alter von 78 Jahren. Sein Studium finanzierte er sich noch als Fleischhauer, doch die Lektüre von Mahatma Gandhis Schriften und seine große Trauer über einen geliebten Hundefreund, der verstorben ist, ließen ihn umdenken. Wenn er gegen unnötige Gewalt ist, so sprach Gandhi zu ihm aus dem Buch „My Experiment with Truth“, was macht dann der tote Körper auf seinem Teller? Tom Regan wurde Vegetarier.

Als er in den frühen 1970er Jahren an der Uni Oxford als Gastprofessor tätig war, traf er auf Peter Singer und die dort aktive Gruppe von PhilosophInnen, die gerade die moderne Tierbefreiungsphilosophie entwickelte. Daraus entstand 1976 zunächst eine Anthologie und danach 1983 sein großes Standardwerk „The Case for Animal Rights“, eine Gegenthese zu Peter Singers Utilitarismus analog zur Menschenrechtsdoktrin. Tom Regan war damit der erste Denker, der Tierrechte auf akademischem Niveau ausformulierte und forderte.

Es war 1987, als ich dieses Buch erstmals in den Händen hielt und begeistert verschlang. Damals studierte ich gerade Astrophysik an der Uni Heidelberg und gestaltete als Doktorand die sogenannte Alternative Sommer- und Herbstuni mit, eine Serie von Vorträgen und Seminaren im Uni-Gelände, von Studierenden in den Uniferien organisiert. Mein Beitrag war ein Seminar über Tom Regans Buch, das wir gemeinsam lasen und zu dem wir Zugänge aus verschiedenen Blickwinkeln präsentierten.

Im Jahr 2001 traf ich Tom Regan erstmals persönlich auf der großen Tierrechtskonferenz in Washington DC in den USA. Sein Vortragsstil war sehr inspirierend, im Gegensatz zu den oft emotionslosen Vorlesungen, wie sie an der Philosophie üblich sind. Zuletzt nahm er sogar eine Gitarre zur Hand und sang tierrechtlerische Widerstandslieder. Kurz davor war er Teil einer Besetzung eines Uni-Labors wegen der dortigen Tierversuche gewesen, mit etwa 100 TeilnehmerInnen. Über 24 Stunden hatten sie die Stellung gehalten.

Diese Erfahrung in den USA importierte ich nach Österreich und wir begannen mit unseren großen Tierrechtskongressen hierzulande. Einer unserer ersten Vortragsgäste: Tom Regan. Besonders ist mir in Erinnerung, dass er auf die Frage, wo er die Grenze ziehe zwischen jenen Wesen, die als „Subjekte eines Lebens“ durch Tierrechte geschützt sind, und jenen, für die das nicht gilt, antwortete, wo man auch immer diese Grenze ziehe, sie müsse mit Beistift gezogen werden, sodass man sie jederzeit ausradieren und korrigieren könne.

Zweimal war er in Österreich zu Besuch, soweit ich mich erinnern kann. Die Erfolge unserer Tierschutzkampagnen hatten sich da schon bis zu ihm durchgesprochen. So brachte er mir sein Buch „Defending Animal Rights“ mit einer eigenen Widmung für mich mit. Ich halte es bis heute in Ehren, obwohl ich das Buch zu dem Zeitpunkt bereits längst gekauft und gelesen hatte.

Als wir 2008 von einer SOKO-Tierschutz überfallen und in Untersuchungshaft gesperrt wurden, war Tom Regan entsetzt. Fern aus den USA schickte er von sich aus ein Schreiben an den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten von Österreich und forderte, dass wir umgehend freigelassen werden müssen. Der Text lässt etwas von seinem unnachahmlichen Vortragsstil anklingen:

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Er war zweifellos ein Mensch mit viel Herz und Hirn, ein wichtiger Motor für die Bewegung für Tiere weltweit. Er war voller Emotion, wenn es um Tierleid ging, und gleichzeitig sachlich und rational in seinen Argumenten. Er war einer jener wenigen Philosophen, die nicht nur im Elfenbeinturm theoretisieren, sondern sich auch praktisch engagieren. Im Jahr 2002 verfasste er eine Liste der 11 wichtigsten nächsten Ziele in der Tierschutzarbeit:

– Wildtierverbot im Zirkus
– Verbot von Delphinarien
– Verbot der Gatterjagd
– Verbot von Hunderennen
– Verbot von Pelzfarmen
– Ende der Seehundmassaker
– Ende der verpflichtenden Dissektion in Schulklassen
– Verbot von Tierversuchen an Hunden
– Verbot von Toxizitätstests an Tieren
– Ende der Tötung von Streunerhunden
– Ende des Verkaufs von Streunerhunden und -katzen an Tierversuchslabors

Mit einigem Stolz kann ich sagen, dass wir nach vielen Jahrzehnten mühevoller Kampagnenarbeit in Österreich die meisten dieser Forderungen tatsächlich erreicht haben. Nur bei Tierversuchen haben wir bisher versagt, da herrschen noch immer Willkür und Narrenfreiheit für die Tierversuchsindustrie. Visionär von Regan, solche kleinen Schritte vorzuschlagen, und damit zu unterstreichen, dass unser Weg zu Tierrechten über pragmatische Reformen geht. Ich sehe das auch so.

Als Vermächtnis bleiben uns seine inspirierenden Auftritte, seine praktischen Ideen zum Schutz von Tieren, seine detailliert und äußerst differenziert ausgearbeitete Philosophie von Tierrechten analog zu Menschenrechten und seine zahlreichen Schriften, die es immer wert sind, erneut gelesen zu werden. „Make no mistake“, hatte er eindringlich gesagt, „by supporting the animal rights movement, you are supporting the most important social cause for humanity today“. Ich hoffe ihn haben die 41 Jahre Entwicklung der Tierrechtsbewegung seit seinem ersten Buch mit einigem Stolz erfüllt, wenn er vor seinem Tod darauf zurückgeblickt hat.

Die englische Tierrechtsaktivistin Joan Court ist tot – ein Nachruf

„Granarchists“ nannten wir in England jene älteren Damen mit klassisch englisch aristokratischem „upper class“ accent, die sich mit solcher Vehemenz und Radikalität für Tiere einsetzten, dass man nur staunen konnte. „Granny“ für „ältere Dame“ und „anarchists“ für den radikalen Aktivismus. Sie ketteten sich an, blockierten mit ihrem Körper Kälbertransporte, gingen in wochenlangen Hungerstreik, entblößten ihre Brüste aus Protest und unterstützten andere AktivistInnen mit allem, was sie hatten, bis zur Selbstaufgabe. So habe ich sie jedenfalls in meiner Zeit in England von 1989-1997 erlebt, und so gibt es sie sicherlich heute noch.

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