Nachruf

Kuksi – ein Nachruf

„Er ist der Letzte, der dich noch liebt“, sagte meine Partnerin vor vielen Jahren, als sie mich verließ, und deutete auf Kuksi. Und jetzt ist auch er nicht mehr da.

Ich kann es noch immer nicht fassen. Mein kleiner Kuksi ist tot. Nie wieder stupst mich seine feuchte Nase, nie wieder robbt er in der Früh unter der Decke zu mir her, um zu kuscheln. Nie wieder werde ich seinen milden Blick erwidern und seine lustigen Schlappohren streicheln.

Seine Lebensgeschichte begann Anfang Oktober 2007. Im Alter von nur 3 Monaten hängte ihn ein Mensch mit der Leine an einen Zaun und verschwand. Eine 90 jährige Passantin sah das, merkte sich die Autonummer und der Mann wurde wegen Tierquälerei verurteilt. Der noch winzig kleine Kuksi – damals unter dem Namen Titan – kam ins Tierheim Altmünster in OÖ und dann ins Tierparadies Schabenreith, wo er auf den Namen Haberkuk umgetauft wurde. Die Leiterin Doris rief mich gleich an. Da sei ein Hund, der würde ideal zu mir passen, ich solle ihn mir anschauen. Keine Ahnung, wie sie auf diese Idee gekommen ist. Aber ich reiste sofort an und es war Liebe auf den ersten Blick.

Zunächst gingen wir nur einen Spaziergang auf einen nahen Berg, zusammen mit anderen Hunden aus dem Tierheim, um uns kennen zu lernen. Kuksi war jung und ungestüm, aber er kommunizierte bereits intensiv mit mir. Also nahm ich ihn mit auf eine „Probewanderung“ über 5 Tage durch das Waldviertel. Meine damalige Partnerin und ein befreundetes Pärchen mit 2 Hunden begleiteten uns. Danach waren die Würfel gefallen. Wir wollten zusammen bleiben, in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet.

Auf in die Obersteiermark

Ich lebe in einem alten Blockhaus am Hochschwab in der Obersteiermark. Das sollte also Kuksis Revier werden. Mein Gefühl war, dass wir uns langsam seinem neuen Zuhause nähern sollten. Also wanderten meine damalige Partnerin und ich mit ihm quer über das steirische Gebirg in 5 Tagen nach Hause. Die Nächte verbrachten wir gemeinsam im Zelt. Am Teufelssee fiel mir auf, dass Kuksi in der Nacht fror, was mich erstaunte. Von meinen bisherigen Hunden war ich anderes gewöhnt. Doch er adaptierte rasch an die niedrigeren Temperaturen in der Gebirgswildnis und war ab dem nächsten Winter kälteresistent.

Er war damals noch sehr jung, und so machte ich mir Gedanken über seine Erziehung. Zwar hatte ich Erfahrungen mit zwei Hunden vor ihm, doch die waren ebenfalls aus Tierheimen und deshalb deutlich älter, als sie zu mir gekommen waren. Dass Hunde so jung ausgesetzt werden, wie Kuksi, ist die große Ausnahme. Ich dachte also an eine Hundeschule.

Ein Dominanzverhältnis zwischen uns wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Deshalb ging ich in eine Hundeschule, die mit positiver Verstärkung arbeitete. Doch auch da fühlte ich mich nicht wohl. Ich wollte nicht in seine Persönlichkeit eingreifen, um sein Verhalten meinen Bedürfnissen anzupassen. Ich wollte ihn nicht mit Leckerlis konditionieren. Also setzte ich darauf, seine soziale Kompetenz und seine Problemlösungsfähigkeit zu entwickeln, sodass wir uns in unserer Beziehung sozusagen gleichberechtigt zusammenraufen könnten. Und das geht am besten, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet: in der Wildnis.

Ich nahm mir also gleich die Zeit für ausgedehnte Wanderungen in die Niederen Tauern und in die rumänischen Südkarpaten. Dort lebten wir wochenlang im Zelt miteinander, ohne Leine, ja sogar ohne Halsband. Er konnte kommen und gehen, wann er wollte. Wir sollten uns völlig stressfrei kennenlernen können. Das Experiment gelang. Die Basis für eine tiefe Beziehung war gelegt.

Ein mysteriöser Autounfall

Kuksis Leben verlief nicht immer rosig und einfach. Ein erstes Trauma traf uns schon sehr früh. Wir waren bei meiner Partnerin im Weinviertel zu Besuch, er war etwa 1 Jahr alt. Kuksi begleitete mich beim Joggen durch die Nacht, auf Feldwegen zwischen den Äckern. Ich hatte eine Stirnlampe, in deren Kegel er neben mir her lief. Plötzlich, mir war gar nicht aufgefallen, dass Kuksi nicht mehr da war, hörte ich ein lautes Jaulen hinter mir. Ich hatte kein Licht gesehen und keinen Ton gehört, nur diesen herzzerreissenden Hundeschmerzensschrei. Sofort blickte ich mich nach Kuksi um, und als ich ihn nicht sah, lief ich etwa 50 m zurück. Dort lag er auf dem Boden. Ich hatte keine Vorstellung, was passiert sein konnte, und forderte ihn auf, mit mir weiter zu laufen. Was er dann auch versuchte, aber er lief geduckt, sodass sein Becken fast am Boden schliff. Ich nahm die Leine, fixierte ihn am nächsten Baum, lief nach Hause und holte ihn mit dem Auto ab.

In der Notfallambulanz sagte mir der Tierarzt nach der Röntgenaufnahme, dass Kuksis Hüfte gebrochen sei. Es dürfte sich um einen Autounfall handeln, mutmaßte er. Autounfall? Auf den dunklen Feldern? Ohne jedes Licht, ohne Motorenlärm?

Kuksi konnte kein Gips angelegt werden. Seine Knochen mussten ohne Hilfe zusammenwachsen, er durfte sich nur eine zeitlang nicht viel bewegen. Tatsächlich wurde alles wieder gut, aber so schnell wie vorher konnte Kuksi danach nie mehr wieder laufen. Immerhin wussten wir durch das Röntgenbild, dass Kuksi keine Hüftdysplasie entwickeln werde, wie so viele Schäferhunde und Schäferhundmischlinge, wie er einer war.

Straßenverkehr

Als Landhund war Kuksi den Straßenverkehr nicht gewohnt. Und obwohl dieser mysteriöse Autounfall mitten in den Feldern abseits jeder Straße passiert war, mussten wir uns überlegen, wie Kuksi geschützt werden konnte und trotzdem so frei wie möglich war.

Das erste Mal in einer großen Stadt von der Leine nahm ich ihn in einem Park in Graz. Rundherum rauschten die Autos vorbei. Als Kuksi frei war, lief er in einem großen Bogen davon, sodass mir das Herz stehen blieb. Doch er kurvte einmal um die Wiese und kam wieder zurück. Später entfernte ich die Leine auf dem Gehsteig neben der mehrspurigen Westausfahrt in Wien. Als die Autos von hinten heran brausten, wurde er nervös. Ich hockerlte mich zu ihm und beruhigte ihn.

So gewöhnten wir uns langsam an den Autoverkehr. Später konnte Kuksi ohne jedes Problem leinenlos durch den dichtesten Straßenverkehr gehen. Wenn ich mit dem Fahrrad in Wien ins Büro fuhr, dann lief er am Gehsteig einfach neben mir her, achtete auf die Ampeln und den Fußgängerübergang, und gefährdete sich nie. Er war im Straßenverkehr völlig kompetent geworden.

Ein unbekümmertes Leben in der Wildnis

Was brach jetzt für eine unbekümmerte Zeit an! Und Kuksi immer ohne Leine. Wir wanderten ein Drittel des Jahres miteinander, ob zu Hause in den Alpen, wo wir jede Woche unterwegs waren, oder in der Hohen Tatra, den Südkarpaten, oder sogar in den arktischen Nationalparks von Skandinavien. Hatte Kuksi, der offenbar ein Mischling von einer Bracke mit einem Schäferhund war, anfangs noch die starke Tendenz zu jagen, so hörte er bald damit auf. Und zwar vollständig. Ich vermittelte ihm, wie sehr mich das verletzt, wenn er andere Tiere hetzt. Und er nahm sich das zu Herzen. Ich habe ihn nie bestraft, nur ganz deutlich meine Emotionen gezeigt, von Freude und Liebe bis Trauer und Wut. Er gab das Jagen völlig auf. Wir konnten keine 20 m entfernt von einem Gemsenrudel lagern, und er machte keine Anstalten, die Tiere zu verfolgen.

Wie viel haben wir da erlebt! Am Hochschwab hat mich ein balzender Auerhahn angegriffen, und Kuksi hielt ihn in Schach. Umgekehrt beruhigte ich einen Steinbock, der sich von Kuksi provoziert fühlte und auf 1 m an uns heran gekommen war. Gemeinsam entkamen wir wildgewordenen Kühen auf einer einsamen Alm. Auch Bären und Wölfen begegneten wir, und hörten einen Luchsmann um Mitternacht maunzen. Auf Kuksi war immer Verlass. Sowohl, dass er mir half, wenn es notwendig war, als auch, dass er die Tiere nicht unnötig provozierte.

Besonders berührt hat mich Kuksis passiver Widerstand, wenn wir nach vielen Tagen in der Wildnis wieder zurück in die Zivilisation fahren mussten. Er wollte einfach nicht. Er weigerte sich, ins Auto einzusteigen. Meistens setzte ich mich dann zu ihm und wir besprachen das. Wenn mich ein Termin zum Ende unserer Tour zwang, dann musste ich ihn ins Auto tragen. Dabei erschlaffte er völlig, um seinen Protest zu zeigen und es mir schwer zu machen. Niemals war er aggressiv gegen mich.

Auch im Winter waren wir ständig zusammen unterwegs, ich mit Schneeschuhen oder, viel häufiger, mit Tourenschi, er auf allen Vieren mit seinen 34 kg Körpergewicht. Ich hatte für Kuksi ein eigenes Hunde-Lawinenpiepserl besorgt, um ihn gegebenenfalls ausgraben zu können. Umgekehrt musste ich auf seine Nase vertrauen. Einmal steckten wir mehrere Tage und Nächte im winterlichen Schneesturm und White Out im Toten Gebirge fest. Ein anderes Mal zog mich Kuksi am Pullover aus dem Tiefschnee unter einem umgestürzten Baum hervor. Wir waren nicht nur ein Herz und eine Seele, wir gaben auch sehr aufeinander acht.

Krebs!

Da brach das erste Mal unsere Welt zusammen. Ich entdeckte eines Tages feste, erhabene Körperstellen am Genick und in der Leiste von Kuksi. Die Untersuchung ergab: Lymphknotenkrebs. Laut Internetrecherche ein Todesurteil. Für Hunde im Alter von 4 Jahren, wie Kuksi gerade war, die häufigste Todesursache.

Unsere Tierärztin Birgit Angerer meinte aber, wir sollten eine Chemotherapie versuchen. Gerade bei Lymphknotenkrebs sei das vielversprechend. Die Hunde würden im Mittel 344 Tage überleben. 344 Tage? Nicht einmal ein ganzes Jahr? Meine Kehle schnürte sich zu, mein Herz setzte aus. Ich umarmte Kuksi mit aller Kraft und weinte hemmungslos. Sollten wir uns jetzt schon, in so jungen Jahren, verlieren? Wenn, ach wenn Kuksi wenigsten schon 10 Jahre alt wäre, dachte ich mir damals. Dann hätte er wenigstens ein Leben gehabt. Aber so?

14 Monate lang ertrug Kuksi stoisch die giftige Flüssigkeit, die jede Woche in seine Venen tropfte. Täglich gab es zusätzlich Kortison. Nebenwirkungen hatte er kaum. Vielleicht zwei- oder dreimal ging es ihm einen Tag lang sehr bescheiden, blieb er lieber liegen, als mit mir weg zu gehen. Aber sonst schien alles im grünen Bereich.

Gegen Ende seiner Chemotherapie fuhren wir sogar mit meiner damaligen Partnerin mit dem Auto nach Nordschweden und blieben 4 Wochen im Zelt in den dortigen Nationalparks. Kuksi war völlig fit und zeigte keinerlei Symptome. Ich dachte noch, dass das sein Abschied von einem wilden Leben sein würde, die 344 Tage waren vorbei. Doch Kuksi blieb fröhlich und gesund. Die Tierärztin entfernte einige seiner Lymphknoten und schickte sie ins Labor. Keine Spur von Krebszellen, kam von dort zurück. Kuksi war vollständig geheilt. Ein kleines Wunder.

Ein freies Leben

Wir trieben es nun wilder, als je zuvor. Was hatten wir zu verlieren? Wir wollten das neu gewonnene Leben auskosten. Ich kaufte Kuksi eine Kletterausrüstung und wir machten alpine Touren im ersten Grad. Er war sehr gewandt im Klettern, wusste gut einzuschätzen, was er sich zutrauen konnte, und genoss auch die Ausgesetztheit. Man konnte seine Vernunft daran erkennen, wie er schwierige Stellen anging. Wie ich stand er zunächst davor, betrachtete das Gelände, kletterte es offenbar im Geist einmal durch und nahm dann jene Route, die am leichtesten war. Mit großer Treffsicherheit. Auch vertraute er mir voll. In besonders gefährlichen Situationen ließ er sich von mir heben und tragen. Selbst Leitern konnten wir so auf Klettersteigen meistern.

Einmal waren wir untertags zwischen Felsen einen steilen Hang hinauf geklettert und hatten oben auf der Hochebene die Zeit vergessen. Beim Abstieg war es dunkel und für mich unmöglich, wieder den richtigen Durchstieg zu finden. Nicht aber für Kuksi. Er konnte erschnüffeln, welche Route wir gegangen waren. Und so brauchte ich nur mit meiner Taschenlampe hinunter zu leuchten, bis ich seine beiden Augen funkeln sah. Dann wusste ich, jetzt gerade hinunter muss ein möglicher Durchstieg sein. Und so war es auch. Mein kleiner Bergführer brachte mich sicher ins Tal.

Ging ich große alpine Klettertouren oder Eisklettereien mit anderen Menschen, dann wartete er einfach leinenfrei am Fuß der Wand. Das war nie ein Problem. Eine unserer Erstbesteigungen im Hochschwab ist nach Kuksi, dem wartenden Hund, benannt. Und einmal gingen wir in 30 ¾ Stunden ohne Pause über den gesamten Hochschwab von West nach Ost in einem durch. Solche Dauerbelastungen meisterte er ohne jede erkennbare Schwäche.

Wir suchten zusammen die Wildnis. Ob in Österreichs Urwäldern, in den Alpen, den Karpaten, den Abruzzen, den Pyrenäen, der Tatra, der Arktis, in Kroatien oder auch in Sibirien. Wir reisten zusammen ans Meer. Überall lief Kuksi völlig frei herum, nie gab es ein Problem. Niemals biss oder bedrohte er einen Menschen, niemals kämpfte er mit Hunden. Im Gegenteil, gerade anderen Hunden gegenüber, auch den Herdenschutzhunden in den Karpaten, trat er mit größter sozialer Kompetenz auf. Und Wildtieren folgte er nicht, er schnüffelte vielleicht an ihren Spuren und manchmal freundete er sich sogar an. Einmal traf er einen Fuchs, der sich aus unerklärlichen Gründen nicht fürchtete. Die beiden berührten sich kurz mit den Nasen und gingen dann ihres Weges. Nur mit einem Dachs lieferte er sich in der Nacht ein Bellduell, allerdings mag er angenommen haben, dass das Tier auch mich bedrohte.

Als Kuksi 7 Jahre alt war, schrieb ich ein Buch über unsere Beziehung, siehe https://vgt.at/publikationen/texte/buecher/Hund-Philosoph/index.php. Das machte ihn öffentlich bekannt. Vermutlich hat kein anderer Hund so großes Entgegenkommen genossen. Überall, wo eigentlich Hundeverbot herrscht, wurde für ihn eine Ausnahme gemacht. Ob in einem Linzer Casino, verschiedenen Universitäten, dem Parlament, der Hofburg, dem Naturhistorischen Museum in Wien oder dem Lainzer Tiergarten. Und immer erwies er sich als diesem Entgegenkommen würdig und machte keinerlei Schwierigkeiten.

Zu seinem 10. Geburtstag erstellte meine Partnerin über unseren Kuksi einen Film. Sie hatte viele seiner Freund:innen und Wegbegleiter:innen interviewt und ein Rundumporträt zustande gebracht. Ich habe es mir heute wieder angesehen. Wie schön es damals war!

Aber auch in meiner Tierrechtsarbeit half Kuksi mir. Er war bei jeder Demo dabei, saß neben mir bei meinen Vorträgen, lenkte sogar Wachhunde von Tierfabriken ab und recherchierte mit mir Jagdreviere.

Wir waren so eng zusammen gewachsen. Wir schliefen im selben Bett, aßen gemeinsam dieselben Speisen, hatten dieselben Freund:innen, dieselben Interessen, dieselben Vorlieben. Wir teilten einfach alles, das gesamte Leben. Bis plötzlich dunkle Wolken aufzogen. Und diesmal sollten sie bleiben.

Diabetes

10 Jahre und 3 Monate war Kuksi bereits alt geworden. Noch gab es keinerlei Anzeichen von Altersschwäche. Natürlich, so jung und dynamisch wie früher war er nicht mehr. Aber immer noch gingen wir große Bergtouren gemeinsam. Da merkte ich eines Tages, dass Kuksi sehr viel zu trinken begann. Ich erkundigte mich und wurde beruhigt. Das müsse noch nichts heißen, vielleicht geht es wieder weg? Ging es aber nicht. Nach einer Woche ließ ich ihn untersuchen und unsere Tierärztin diagnostizierte Diabetes. Von jetzt ab musste ich meinem lieben Kuksi lebenslang zweimal am Tag Insulin spritzen. Es dauerte Monate, bis er endlich eingestellt war, d.h. die richtige Insulinmenge der richtigen Art für seinen Zuckerspiegel bekam. Und in dieser Zeit potenzierte sich das Unglück.

Zunächst unmerklich, doch bald deutlich erkennbar, zog ein weißer Schleier über Kuksis Augen. Auf Anraten unserer Tierärztin vereinbarten wir einen Termin in der Augenklinik der Wiener Vet Uni. Doch noch vor diesem Termin verdunkelte sich Kuksis Welt. Ein Auge schob sich weit aus der Höhle heraus und war kalkweiß, das andere entzündet. Kuksi war erblindet. Als er absolut nichts mehr sah, wollte er nicht mehr aus dem Auto aussteigen, nachdem wir von einer Wanderung zurückgekommen waren. Am nächsten Tag hatten wir den Termin in der Augenklinik, also verbrachte er die Nacht im Auto, wo ich ihm das Essen und Trinken hin brachte. Was hatte ich für Sorgen um ihn, ich machte kein Auge zu, an Schlaf war nicht zu denken.

Am nächsten Tag in der Klinik war die Stromversorgung zusammengebrochen. Wir mussten also noch einen Tag warten. Dann die Hiobsbotschaft: das eine Auge war nicht mehr zu retten, es musste herausgeschnitten werden. Beim anderen konnte man die trübe Linse entfernen, aber keine künstliche Linse mehr einsetzen, weil der Linsensack gerissen war. Kuksi würde also für immer sehr sehr schlecht sehen, und täglich zweimal Tropfen und Creme ins Auge bekommen müssen.

Grauenhaft. Kuksi war zu Tode betrübt, und ich nicht minder. Sein geliebtes Stockiwerfen war nicht mehr möglich. Wie oft bat er mich noch, ihm ein Stocki zu werfen, aber er konnte es einfach nicht sehen, um es wieder zu bringen. Es dauerte lange, bis er schließlich aufgab. Im stehenden Gewässer ging es noch. Da warf ich das Stocki, er hörte das Platschgeräusch und sprang hinterher. Durch Steinwürfe konnte ich ihm die Richtung angeben, in die er schwimmen musste, um das Stocki zu finden.

Und trotzdem wanderten wir noch viel und weit. Kuksi fand sich irgendwie zurecht. Zwar streunte er nicht mehr so sehr, sondern blieb in meiner Nähe, aber er konnte immer noch frei stundenlang über die Berge ziehen, ohne mich zu verlieren oder nicht mehr zurück zu finden. Selbst vom wochenlangen Zelten ließen wir uns nicht abhalten. Ich musste eben seine Medikamente mitnehmen und vor der starken Sonne oder zu großer Kälte schützen.

Hörsturz

Das ging noch zwei Jahre gut, ohne nennenswerte Verschlechterungen. Doch eines Tages plötzlich konnte Kuksi nichts mehr hören. Oder nur mehr sehr wenig, und nur mehr auf einem Ohr. Es ist schwer mit jemandem zu kommunizieren, der weder hört noch sieht. Ich musste laut schreien, um mich bemerkbar zu machen, und trotzdem gelang es mir nur innerhalb von 10 m Distanz von ihm gehört zu werden.

Kuksi lebte nun in einer düsteren Stille. Doch er hatte seine Lebensfreude nicht vollständig verloren. Immer noch konnten wir ausgedehnte Wanderungen unternehmen. Es gab eben eine Reihe von Gefahren, auf die ich ihn aufmerksam machen musste, wie z.B. Löcher im Boden, oder Steilabstürze, oder heran nahende Kühe.

Es ist besser die schönen Erlebnisse mit einer geliebten Person in Erinnerung zu behalten, als die schlimme Zeit am Ende des Lebens. Es genügt also hier zu sagen, dass er einen Krebs am Ellbogen entwickelte, dessen Metastasen in die Milz ausstrahlten und wer weiß noch wohin. Dennoch hatte sein Leben über die nächsten 6 Monate ab Diagnose eine gute Qualität. Wir reisten sogar nach Kroatien ans Meer, wo er schwimmen ging.

Doch einen Tag vor Weihnachten 2021 war sein Leben ausgelebt. Der von Ludwig Hirsch besungene große schwarze Vogel hat ihn geholt. Für mich brach eine Welt zusammen. 14 Jahre und 3 Monate ist er alt geworden. Eine so lange Zeit, in der sich unsere Seelen untrennbar vereinten. 3 Partnerinnen von mir hat er überdauert und ist immer geblieben, und hat mich bis in die Unendlichkeit geliebt, wie das eine von ihnen ausdrückte. So war er, mein Kuksi. Die größte Liebe meines Lebens.

In der Nacht liege ich wach, spüre seine Schnauze, höre ihn durch das Zimmer tapsen. Wie oft habe ich mich an seinem warmen Körper ausgeweint, wenn es Probleme gab. Er war immer für mich da und hat mich getröstet. Mit was für einer stoischen Kraft er seine Schicksalsschläge überwunden hat! Alles haben wir gemeinsam gemeistert. Nur irgendwann ist es vorbei. Zurück bleibt ein großes Loch in meinem Leben, eine Leere, die niemals gefüllt werden kann.

Mein Kuksilein. Es wird schwer werden, ohne Dich, sehr schwer.

Im Gedenken an unseren geschätzten Aktivisten und lieben Freund Josef Reisinger

Seit vermutlich 2016 war er immer dabei. Damals zunächst für die Tiere, die in den unerträglichen Gatterjagden gehetzt und massakriert wurden. Den VGT hat er als Informant kontaktiert. Als Anrainer wusste er, wann die Gatterjagden stattfinden. In seinem Dorf hat er sich damit aber nicht beliebt gemacht, uns diese Information weiter zu geben. Doch der Schutz der Tiere war ihm wichtiger.

Bei unzähligen Aktivitäten hat er sich nachher im Rahmen des VGT engagiert, ob bei Demos gegen den Pelz oder bei Aktionen gegen den Vollspaltenboden. Da hat er sich schon einmal öffentlich mit einer Schweinefigur in ein Bett gelegt, um für weiches Stroh in der Schweinehaltung zu werben. Nichts war ihm zu mühsam oder zu peinlich. Im Gegenteil, mit seiner immer freundlichen und vernünftigen Art hat er jeder Tierschutzaktivität noch mehr Sinn gegeben.

Ich erinnere mich sehr gerne an ihn, an lange Fahrten zu Veganen Sommerfesten, zu Demos und Aktionen quer durchs Land. Es war immer spannend, ihm zuzuhören, wenn wir danach essen gegangen sind. Dabei erzählte er uns auch, dass er seine Behinderung durch einen Spitalsvirus bekommen hat. Wegen einer Nichtigkeit in Behandlung, hatte er sich infiziert und war seither lebenslang nicht mehr in der Lage, wie vorher normal zu gehen. Ein erschütterndes Schicksal, das er erstaunlich leicht genommen hat.

Besonders in Wr. Neustadt und St. Pölten hat man ihn oft bei den Infoständen des VGT gesehen. Trotz seiner Behinderung immer lächelnd und gut aufgelegt. Dabei sind Männer um die 60, wie er, die sich für Tiere engagieren, sehr selten gestreut. In dieser Generation wird Tierschutz eher belächelt. Nicht so für unseren Josef. Vielleicht hat die so enge Beziehung zu seinem Kater Timmi dazu beigetragen, dass er das Schicksal der Tiere ernst nahm wie jenes der Menschen. Er hat auch sein Facebook-Account nach Timmi benannt.

Plötzlich, Mitte November 2021, erreichte uns die Nachricht von ihm, dass er im Spital mit Corona infiziert worden ist. Und als ob das nicht reicht, schrieb er Ende November, dass er Krebs habe. Am 11. Dezember ist er dann für uns überraschend im Alter von 66 Jahren gestorben.

„Es ist nie der richtige Zeitpunkt, es ist nie der richtige Tag, es ist nie alles gesagt, es ist immer zu früh, und doch sind da Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, schöne Stunden, einfache Momente, die einzigartig und unvergessen bleiben“ schreibt seine Familie zu seinem Tod. Wie wahr! Als Tierschützer und Tierschützerinnen sind wir oft mit dem gewaltsamen Tod von Tieren konfrontiert. Jedes Mal reißt er ein Loch in unser Leben, zeigt uns, wie fragil unser Dasein ist. Doch niemals, niemals kann man sich damit abfinden, niemals kann man dabei zur Tagesordnung übergehen. Auch Josefs Tod reißt ein Loch in unsere Gemeinschaft. Es fehlen die Gespräche, sein herzliches Wesen, seine vernünftigen Gedanken, sein großes Engagement. Ein Loch ist entstanden, das sich nicht mehr schließen lässt.

Lieber Josef, wir werden Dich sehr vermissen!

Vor 25 Jahren starb Jill Phipps unter einem Tiertransporter

25 Jahre ist es nun her. Auf den Tag genau. Ich habe in meinem Buch „Im Untergrund“ davon erzählt. Jill Phipps wurde am 1. Februar 1995 bei einem Protest gegen Tiertransporte vor dem Flughafen von Coventry in England mitten unter Polizist_innen von einem Tiertransporter, der bis zum Bersten mit männlichen Kälbern aus der Milchindustrie geladen war, überrollt.

Sie stammte aus einer Familie von Tierrechtler_innen. Ihre Mutter Nancy und ihre Schwester waren in den 1980er Jahren sogar wegen einem Run-In und einer begleitenden Tierbefreiung in einem Tierversuchslabor von Unilever für 6 Monate (!) ins Gefängnis gewandert. Jill Phipps war so alt wie ich. Auf verschiedenen Demos und Aktionen vor 1995 habe ich sie immer wieder mit ihrem Sohn Luke gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen. Mit ihrem Bruder hatte ich mehr zu tun und ihre Mutter kannte ich auch. Jill versorgte ihren Sohn seit den späten 1980er Jahren allein. Da ich jetzt eine ganz kleine Tochter habe, kann ich verstehen, dass man da ein bisschen leiser tritt und nicht mehr an vorderster Front aktiv ist.

Tja, bis die Fähren in Dover von einem auf den anderen Tag die Mitnahme der ganz jungen männlichen Kälber aus der Milchindustrie aufgrund unserer Proteste beendeten. Plötzlich erschienen wie aus dem Nichts 8 Firmen englandweit, die diesen Transport übernahmen. Diese Leute haben nur die Möglichkeit gesehen, Geld zu machen. Ekelhaft.

Aus diesem Ekel und dem Mitgefühl mit den Kälbern entstand eine breite neue Bewegung 1995. Die großen LKWs mit je 250 Kälbern und mehr rollten plötzlich jede Früh durch kleine Ortschaften, wie Breitlingsea, zum Hafen, um ihre lebende Fracht nach Europa zu bringen. Die verschlafensten Nester wurden aktiv. Die Menschen ertrugen es nicht, den Tieren in ihre großen Augen zu schauen. Jeden Tag. Und die Schreie. Das Muhen. Die Kälber waren nicht nur verzweifelt, weil sie ihrer Mutter weggenommen worden waren. Sie hatten auch Hunger. Hunger nach der Muttermilch, die man ihnen vorenthielt, um sie an Menschen zu verkaufen. Deshalb mussten sie weg.

In den 7 Häfen, die für diese Exporte genutzt wurden, gab es überall täglich Proteste. Dort wohnten Menschen, die das jeden Tag mitansehen mussten. Die waren motiviert. Die 8te Firma allerdings verfrachtete die Kälber nicht in ein Schiff, sondern auf ein Flugzeug, am Flughafen von Coventry. Dort wohnte niemand, deshalb gab es auch keine lokalen Proteste durch Anrainer_innen, wie in den Häfen. Aber in Coventry war eine starke Tierrechtsgruppe, und ebenso in den benachbarten Städten. Auch Jill Phipps wohnte dort mit ihrem Sohn. Und sie ließ der Anblick der Kälber und ihre Hilfeschreie nach ihren Müttern nicht mehr los. Sie war ja selbst Mutter und konnte nachvollziehen, wie schrecklich das für die beteiligten Tiere war.

Deshalb stellte sie ein Zelt neben dem Flughafen auf, sodass sie jede Früh vor Ort war, wenn die Tiertransporter ankamen. Und sie war nicht allein. Bald hatte sich dort ein Protestcamp gebildet und jeden Tag wurde protestiert. Jeden Tag stellten sich die Aktivist_innen auf die Straße, wurden von einer Hundertschaft von Polizist_innen weggestoßen und zurückgedrängt. Und jeden Tag weinten sie den Kälbern nach. Und das den ganzen Winter hindurch.

Am 1. Februar 1995 waren 35 Personen im Camp. Da wurde die Ankunft der Tiertransporter gemeldet. Wie jeden Tag stellte sich auch Jill Phipps wieder auf die Straße. Gut 100 Polizist_innen waren da. Sie bildeten am Straßenrand ein Spalier und forderten den Fahrer auf, den Transporter weiter zu fahren, nur ja nicht stehen zu bleiben. Wie jeden Tag stellte sich Jill auf die Fahrbahn und breitete die Hände aus. Doch diesmal rollte der Transporter einfach über sie drüber.

Noch 25 Jahre später füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Vorstellung. Ihr Sohn war gerade einmal 8 Jahre alt gewesen.

Und was geschah dem Fahrer? Was der Polizei, die nichts unternommen hatte, ja sogar den Fahrer angetrieben? Einfach nichts. Gar nichts. Das ist leider der Normalfall, wenn es gegen Tierschützer_innen geht. Ich könnte Seiten mit solchen Fällen füllen. Beim Tierschutz versagt der Rechtsstaat auf der gesamten Linie.

Ich nahm an Jill’s Begräbnis teil. Tausende Menschen waren da. Ein starkes Zeichen. Überall die purpurnen Ribbons, die Schleifen, die damals zum Symbol des Protests gegen Tiertransporte geworden waren.

25 Jahre sind ins Land gezogen. Nancy Phipps, Jill’s Mutter, ist mittlerweile auch schon tot. Mit ihrem Bruder hatte ich noch lange Kontakt. Jetzt aber auch nicht mehr. Nach dem Vorfall waren die Kälbertransporte zunächst nur temporär, später dann völlig eingestellt worden, auf allen 7 Häfen und dem Flughafen. Doch heute rollen sie wieder. Überall in Europa. Wir als Menschen haben nichts dazu gelernt. Wie oft bin ich diesen Transportern mit den kleinen Kälbern aus Österreich bis nach Spanien und Andorra nachgefahren, hab ihre Schreie gehört. Es ist, als wäre nichts gewesen, als hätte es nie Proteste gegeben. Jill Phipps kann noch immer nicht ihren Frieden finden.

Vier Pfoten Gründer Heli Dungler ist tot!

Als ich heute die Nachricht von Heli Dunglers gestrigem Tod erhielt, musste ich mich entsetzt setzen. Schon wieder ein Tierschützer um die 50 (in seinem Fall: 56), der überraschend stirbt! Zuerst ging Michl Schwestka von uns, der Obmann der Internationalen Vegetarischen Initiative, dann Herta Supper, Birgit Mütherich, Georg Rennert, Hubert Hirscher, Andrea Stanzl, Claudia Cerny, Elisabeth Kleinfercher, Sabine Kückelmann, Julia Wannenmacher und jetzt Heli Dungler.

Heli Dungler war ein echtes Urgestein der modernen Tierschutzbewegung in Österreich. Wir hätten uns schon im Dezember 1984 bei der Besetzung der Hainburger Au treffen können, von der er mir später erzählt hat, dabei gewesen zu sein. Vielleicht haben wir uns auch gesehen, erinnern könnte ich mich nicht. Doch diese Besetzung hat uns beide geprägt und zum Tierschutz geführt. In den späten 1980er Jahren war Heli Dungler ein aus heutiger Sicht radikaler Tierschützer, keine Frage. Daran wollte er später nicht mehr erinnert werden, auch wenn ich das Wort „radikal“ hier überhaupt nicht negativ verwende. Radikal heißt eigentlich an die Wurzeln des Problems gehen, während beim Begriff „militant“ die Anwendung von Gewalt mitschwingt. Gewalttätig war Heli Dungler aber überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Er war immer durch und durch friedfertig und gewaltfrei.

Die Vier Pfoten wurden von ihm 1988 als, meinem Eindruck nach, eine Gruppe „junger Wilder“ im Tierschutz gegründet, die endlich die Aktionsformen des gewaltfreien Zivilen Ungehorsams auch im Tierschutz anwenden wollten. Und es gelang. Nicht nur, dass die Vier Pfoten rasch bekannt wurden, sie konnten auch für die Ausbeutung der Tiere ein breites Bewusstsein schaffen. Da gab es die Besetzung einer Pelzfarm, bei der der Farmer mit dem Gewehr über die Köpfe der Aktivist_innen schoss und einem deutschen TV-Team eine Leuchtrakete verpasste. Und da war die große Aktion in Padubice, in der Tschechoslowakei, wo damals ein sehr brutales Military Hindernisrennen für Pferde stattfand, bei dem regelmäßig einige Tiere verunglückten. Die Aktivist_innen unter Helis Leitung ketteten sich an die Hindernisse und wollten so das Rennen verhindern, doch die Polizei und auch einige Besucher_innen des Events übten unglaubliche Gewalt gegen die Tierschützer_innen aus, sodass das Rennen stattfinden konnte. Sehr viel friedlicher ging es bei einer Blockade der ÖVP-Zentrale in Wien zu, als Heli zusammen mit vielen Aktivist_innen einen Tiertransporter in den Eingang stellte und sich mittels Stahlrohren rundherum kettete. Der Polizei gelang es nicht, diese Blockade zu lösen.

Die Vier Pfoten begannen auch Anfang der 1990er Jahre mit Jagdstörungsaktionen, vor allem bei Treibjagden auf ausgesetzte Zuchtfasane. Ich war damals in England in der Redaktion der Zeitschrift HOWL, die von derartigen Aktionen weltweit berichtete, und wurde regelmäßig aus Österreich mit entsprechenden Storys von Helis Vier Pfoten versorgt.

Ja, bis dann die Vier Pfoten eines Tages so groß wurden, dass sie ihren Aktivismus von einem PR-Management abhängig zu machen begannen. Das war eine Grundsatzentscheidung von Heli Dungler, die den weiteren Weg vorzeichnen sollte. Schluss mit der Zeit der „jungen Wilden“. Es kam zum Umbruch bei den Vier Pfoten, viele Aktivist_innen gingen weg und gründeten eigene Vereine, Heli wollte seinen Verein, den er in eine Stiftung umwandelte, etablieren und den Zug durch die Instanzen antreten. Der VGT dagegen blieb dem Aktivismus und den konfrontativen Kampagnen treu.

Dennoch sind sich die beiden Vereine nicht in die Haare geraten. Warum auch? Heli Dungler war ein vernünftiger und pragmatischer Mensch. Die SOKO Tierschutz sollte in der Tierschutzcausa später feststellen, dass es „im Geheimen“ zwischen den Vier Pfoten und dem VGT eine Zusammenarbeit gegeben hatte, insbesondere bei unserer erfolgreichen gemeinsamen Kampagne für ein Verbot der Haltung von Kaninchen in Käfigen im Jahr 2007. Eine geschickte Strategie: der VGT mit lautem Tamtam auf der Straße, die Vier Pfoten seriös und etabliert im Verhandlungssaal. Sie ging auf. Für Heli Dungler hatte definitiv der Tierschutz die höchste Priorität, weshalb er schon sehr früh zum Vegetarier konvertiert war. Und er half dem VGT Anfang der 2000er Jahre sogar mit vielen Tipps zum Fundraising! Völlig selbstlos, wenn man bedenkt, dass die beiden Vereine denselben Personenpool um Spenden baten.

Aber die Meilensteine von Helis Engagement sind sicher die großen internationalen Projekte für Bären in Europa, Löwen in Südafrika und Orang Utans in Borneo. Da hat er sein ganzes Herzblut hinein gesteckt und wirklich Großartiges erreicht! Die Vier Pfoten sind damit zu einem der großen internationalen Player im Tierschutz geworden – von den kleinen radikalen Anfängen 20 Jahre davor!

Als die Tierschutzcausa über uns hereinbrach, und eine mächtige Clique im Staat praktisch die gesamte Tierschutzszene, allen voran den VGT, kriminalisieren wollte, reagierte Heli solidarisch. Obwohl er – während wir gerade aus der U-Haft kamen – die silberne Ehrennadel der Republik Österreich erhielt, ganz offensichtlich um einen Keil zwischen uns zu treiben und die Braven um Heli Dungler von den Schlimmen um mich zu trennen, half er uns weiterhin, indem er z.B. einen Appell an die Justizministerin unterschrieb, dass sie endlich die Verfolgung von uns einstellen solle. Das rechne ich ihm hoch an. Heli Dungler hatte Rückgrat. Bei all den Würdigungen, die ihm der Staat letztlich zuteil werden ließ, so auch 2013 und 2018, blieb er unbestechlich auf Seiten der Tiere. Ich bin mir sicher, er hätte lieber mehr gesetzliche Fortschritte im Tierschutz gesehen, als solche Ehrungen zu empfangen. Die Politik ist aber leider ein sehr scheinheiliges Metier, in dem man rasch salbungsvolle Worte findet, aber dann für die Schwachen und Ausgebeuteten keine Taten setzt, weil sie Geld kosten und die Wirtschaft beeinträchtigen könnten.

Zwischen dem VGT, dem Wiener Tierschutzverein und Heli Dungler bei den Vier Pfoten blieb die Zusammenarbeit über die Jahrzehnte aufrecht. Bis heute führen die drei Organisationen gemeinsam die Kontrollstelle für artgemäße Nutztierhaltung. Und bei vielen Themen, wie Pelz oder Fiaker, aber auch in der Fair Ferkel Koalition gegen die betäubungslose Kastration, trat man gemeinsam auf. Helis überraschender Tod reißt da eine große Lücke auf. Ich bin mir nicht sicher, wie es jetzt weitergehen wird.

Heli Dungler hat wie kaum ein anderer die moderne Tierschutzbewegung der 1980er Jahre bis heute geprägt. Er hat den Aktivismus mit Zivilem Ungehorsam auch bei Tierschutzthemen eingeführt und das Spiel mit den Medien perfekt zu beherrschen gelernt. Er hat praktisch im Alleingang die Vier Pfoten zu einer Institution gemacht und dabei ist er immer bescheiden im Hintergrund geblieben und hat sich nie laut in Szene gesetzt. Eine Seltenheit in der Politik.

Es mag viele Differenzen zwischen uns gegeben haben, aber den Respekt voreinander haben wir nie verloren. Ich hatte immer die größte Hochachtung vor ihm. Sein Tod beendet 3 Jahrzehnte mehr oder weniger gemeinsamer Tierschutzarbeit.

RIP, lieber Heli.

Charlotte Probst, Grande Dame der Tierschutzszene, ist gestorben

Es gibt nur wenige Menschen, die die innere Kraft haben, den Kampf um die Rechte der Tiere über Jahrzehnte hinweg zu führen. Charlotte Probst war eine von ihnen. „Tierschutz ist eine schwierige und traurige Schwerarbeit. Man wird kein froher Mensch, sieht so viel, was Menschen mit Tieren anstellen“, sagte sie einmal. Wie wahr! Doch Charlotte Probst hat durchgehalten, in gewissem Sinn ein Leben lang, jedenfalls seit den 1970er Jahren, bis sie nun am 29. Dezember 2019, wenige Tage vor ihrem 89. Geburtstag, friedlich verstorben ist.

Geboren 1931, wuchs sie in einer kleinbäuerlichen Familie auf, wo auch Tiere getötet wurden. Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern, ließ sie sich aber dadurch ihre Tierliebe und ihren Respekt vor den Tieren nicht austreiben. Aufgrund eines Sterbefalls in der Familie durch Pflegeaufgaben gebunden, konnte sie erst mit 35 ihre Ausbildung als Volksschullehrerin abschließen und in die Praxis gehen. Dort machte sie es sich zur Aufgabe, den Kindern den Tierschutz nahe zu bringen. Das sollte später zu ihrer Berufung werden.

Im November 1987 gründete Charlotte Probst den Bundesverband der Tierbefreier in Graz. Im Nachhinein muss ich lächeln. Unsere „Animal Liberation Workshops“ hat die SOKO Tierschutz allein aufgrund des Namens als staatsgefährdend eingestuft. Wie wir, verstand Charlotte Probst aber den Begriff „Tierbefreiung“ im übertragenen Sinn, als eine Befreiung vom Joch der Unterdrückung durch den Menschen, und nicht als Aufruf zu Straftaten. Dennoch änderte sie im März 2006 sicherheitshalber den Namen ihres Vereins wieder, aber nicht bevor sie schon 1988 einen großen Erfolg eingefahren hatte: das Parlament fügte in das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch einen neuen Paragraphen ein, § 285a, dass Tiere keine Sachen sind. Allerdings wird diese so wichtige Feststellung im folgenden Satz relativiert. Letztlich sind Tiere in Österreich seither keine Sachen, die aber wie Sachen behandelt werden. Ein für wache Geister schmerzender Widerspruch, der das Parlament heute aber in keiner Weise motiviert, die logischen Konsequenzen zu ziehen und Tiere aus dem Sachenrecht zu nehmen.

Doch Charlotte Probsts größtes Verdienst im Tierschutz ist sicherlich, das Projekt „Tierschutz im Unterricht“ ins Leben gerufen zu haben. Von Anfang an war das ein Schwerpunkt ihres Vereins, der 1990 durch ein jährliches, zweiwöchiges Seminar zur Ausbildung von Pädagog_innen zu Tierschutzlehrer_innen erweitert wurde. In diesem Zusammenhang habe ich Charlotte Probst 1997 persönlich kennen gelernt.

Ich war aus England, wo ich schon Jahre davor in Wochenendworkshops in den Tierschutzunterricht an Schulen eingeführt worden war, nach Österreich zurück gekehrt und wollte auch hier Kindern den Tierschutzgedanken präsentieren. Was lag also näher, als zur Tierschutzlehrerausbildung bei Charlotte Probst an die Pädagogische Hochschule in Graz zu gehen? Zwei Wochen hindurch übten wir Schulvorträge und lernten die Fakten zur Tiernutzung in Österreich kennen. Dann begann ich für den VGT zum Tierschutzunterricht an Schulen zu gehen.

Charlotte Probst lud mich wenig später ein, ihr bei der Ausbildung von Tierschutzlehrer_innen beizustehen, was ich bis zuletzt gerne getan habe. Zwei Tage lang konnte ich jedes Jahr die Teilnehmer_innen über die neuesten Entwicklungen im Tierschutz unterrichten. Da wir ja beim VGT ständig an der Frontlinie dieser Entwicklung standen, war ich dafür prädestiniert. Charlotte Probst bedankte sich dafür, in dem sie mir jedes Mal am Ende meiner Vorträge einen Liter Kürbiskernöl schenkte – was für einen besseren Lohn könnte man sich wünschen!

Berühmt wurden die Webpelzmodeschauen von Charlotte Probst, bei denen auch Kritik an Pelztierfarmen geübt wurde. Ein Kürschner aus Graz nahm daran Anstoß und klagte die Tierschützerin auf Basis von Gesetzen zum Wettbewerb konkurrierender Unternehmen. Weil Charlotte Probst gleichzeitig Webpelze zum Verkauf angeboten und Tierpelz kritisiert hat, wurde das als Antiwerbung gegen einen Mitbewerber interpretiert, und sie verlor diesen Prozess und musste Aussagen wie „Jeder Tierpelz bedeutet Tierqual“ zurücknehmen und dem Kürschner die horrende Summe von 500.000 Schilling als Schadenersatz zahlen. Meinem Eindruck nach war das eines der größten Fehlurteile in der langen Geschichte von Gerichtsprozessen zum Tierschutz.

Auch gegen die Jagd engagierte sich Charlotte Probst und war daran beteiligt, dass letztlich der Fallenfang mit Tellereisen in Österreich verboten wurde. Es gab kein Thema bei der Tiernutzung, bei dem sie nicht voll und ganz auf Seiten der Tiere stand.

Finanziert wurde die Tierschutztätigkeit ihres Vereins zumindest zu einem wesentlichen Teil durch ein Kaffeehaus ihres Mannes. Obwohl sie selbst Langzeitvegetarierin und seit vielen Jahren auch Veganerin war, konnten wir sie nicht überzeugen, dieses Lokal auf vegetarische Kost umzustellen. Dafür blieb es die zentrale Geldquelle für den Tierschutzunterricht an den Schulen.

Am 2. Oktober 2006, mit 75 Jahren, gründete Charlotte Probst die Akademie für Tier-Mensch-Beziehungen (man beachte die Reihenfolge im Namen! – sonst wird typischer Weise immer der Mensch als erstes genannt, um seine Höherwertigkeit zu unterstreichen). Dafür konnte sie einige namhafte Wissenschafter gewinnen, u.a. meinen Doktorvater und meinen Zweitbetreuer für meine Dissertation an der Uni Wien in Philosophie zu Tierrechten, Franz Wuketits und Johannes Götschl. Diese Akademie hat nicht nur die Ausbildung der Tierschutzlehrer_innen übernommen, sondern organisiert auch regelmäßig Vortragsreihen zu Tierschutz und Tierrechten.

In den letzten Jahren, im hohen Alter, hat sich Charlotte Probst zunehmend – und schweren Herzens – aus der Tierschutzarbeit zurück gezogen. Wir verdanken ihr viel. Eine soziale Bewegung, die nicht ihrer wesentlichen Protagonist_innen gedenkt, hat keine Geschichte – und keine Zukunft!

Nachruf auf Julia Eva Wannenmacher

Es gibt zwar einige, aber wenige laute Theolog_innen, die sich für Tierrechte engagieren. Julia Wannenmacher war eine von ihnen. Mit aller Schärfe. Dabei war es ihr ein großes Anliegen zu betonen, dass es innerhalb des Christentums immer Menschen gegeben hat, die sich für Tiere eingesetzt haben. Nicht zuletzt Franz von Assisi. Es sei falsch, das Christentum mit Tierfeindlichkeit gleich zu setzen, meinte sie. Ebenso, wie es falsch ist, den Heiligen Hubertus als Schutzheiligen für die Jagd zu missbrauchen. Das jedenfalls erläuterte sie uns, als wir sie im Herbst 2012 zu einem der Hauptvorträge für unseren Tierrechtskongress nach Wien geladen hatten.

Kennengelernt habe ich Julia schon früher. Sie hatte nicht mit Kritik an meinen Blogeinträgen gespart, war dabei aber immer dem Tierrechtsgedanken treu geblieben. Und sie unterstützte mich, wo sie konnte. Über viele Jahre hinweg organisierte sie für mich Lesungen meiner Bücher in Deutschland und ließ mich dabei voller Gastfreundschaft in ihrer großen Wohnung übernachten. War ich aus irgendwelchen Gründen in Berlin, konnte ich immer darauf vertrauen, dass sie mir Unterkunft gewähren würde. Leider war es mir nie möglich, mich dafür zu revanchieren.

Julia Wannenmacher hat Theologie, Latein und Philosophie in Berlin studiert und ihr Doktorat in Kirchengeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg im Jahr 2002 abgeschlossen. Anschließend unterrichtete sie Geschichte des Mittelalters, Kirchengeschichte und Systematische Theologie an den Universitäten von Berlin und Erlangen-Nürnberg. Schon seit jungen Jahren Vegetarierin, war sie bald vegan geworden und begann, den Tierrechtsgedanken in ihre Lehrtätigkeit einzubringen. Insbesondere im Rahmen des Projekts AKUT, Aktion Kirche und Tiere, engagierte sie sich. Dabei erzählte sie mir auch immer wieder von Demos und Aktionen, an denen sie sich beteiligt hatte, nicht zuletzt zusammen mit ihren Kindern. Bei der Human Animal Studies Ringvorlesung in Innsbruck waren wir beide Vortragende.

Nach einem Seminar von ihr zu Tierrechten, gründete sie mit anderen Personen die „Tierrechtstheorie Berlin“, im Rahmen derer sie sich bis zuletzt als Autorin einbrachte. Sie schrieb auch Rezensionen zu meinen Büchern, die nicht immer nur positiv ausfielen. Zu meiner sehr wissenschaftsbasierten Tierrechtsarbeit behielt sie ein gespanntes Verhältnis.

Ohne es mir oder vielen anderen zu sagen, kämpfte sie seit 2016 mit einem Lungenkrebs, obwohl sie nie Raucherin gewesen war. Dennoch organisierte sie noch heuer im Februar für mich Lesungen meines neuen Buches in der Schweiz und in Berlin, und ließ mich wieder bei ihr übernachten. Mir fiel ihre Krankheit nicht auf, auch wenn sie sehr schlank war und plötzlich kurze Haare hatte. Im Nachhinein deute ich ihre wiederholt vorgebrachte Bemerkung, dass sie dies oder das nicht machen werde, weil ihr dafür die Zeit zu schade sei, davon habe sie zu wenig, als Hinweis auf ihre Erkrankung. Offenbar war sie sich bewusst, dass es mit ihr zuende gehen werde.

Am 26. Oktober 2019 starb sie im Spital im Kreis ihrer Familie. Die Nachricht davon überraschte und erschütterte mich total. Wir haben damit nicht nur einen sehr wertvollen Menschen, sondern auch eine langjährige Kämpferin für Tierrechte verloren. Warum muss es immer die Falschen erwischen? Gerade in der Theologie war ihre Stimme so notwendig! Ist das nur mein fortschreitendes Alter, oder sterben in letzter Zeit immer mehr Menschen aus der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung? Erschreckend, wie viele Personen, die sich voll und ganz den Tieren verschrieben haben, ich schon kommen und gehen gesehen habe. Ich hoffe, Julias Glaube hat ihr das Sterben erleichtert.

Sie hinterlässt einen 27 jährigen Sohn und zwei Töchter, 13 und 16 Jahre alt. Ihnen gilt mein besonderes Mitgefühl.

8 Jahre mit Stephen Hawking, dem genialen Physiker, in Cambridge

Was mich an Isaak Newton fasziniert, ist, dass er die Mathematik, mit der er seine physikalischen Erkenntnisse formuliert und belegt hat, vorher selbst entwickeln musste. 300 Jahre später nahm ein anderer genialer Physiker denselben Lehrstuhl wie Isaak Newton ein, den Lucasian Professor of Mathematics an der Uni Cambridge in England. Und für seine fundamentalen Erkenntnisse musste er auch die entsprechende Mathematik erst entwickeln. Während es bei Isaak Newton um die Schwerkraft und die dafür notwendige Differentialmathematik ging, entwickelte Hawking die Mathematik der „closed trapped surfaces“, um zu beweisen, dass es einen Urknall gegeben hat. Jedenfalls dann, wenn man innerhalb Einsteins Relativitätstheorie bleibt.

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In Memoriam Elisabeth Kleinfercher

Die Tierschutzbewegung hat eine immer längere Geschichte, ich selbst bin auch schon 35 Jahre  dabei. Dass man sich also immer öfter von Personen verabschieden muss, die sich selbstlos für die Tiere engagiert haben, ist daher leider zu erwarten. Unsere Lisi ist von uns gegangen. Zwar schon vor einiger Zeit, aber die Nachricht ist erst kürzlich gesichert bis zu uns durchgedrungen. Sie war über 10 Jahre lang eine sehr treue Aktivistin des VGT, ruhig und besonnen bei ihren Aktionen, vernünftig und weise, aber dennoch erfrischend radikal und konsequent. Wir vermissen sie sehr.

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Tom Regan, Pionier der Tierrechtsphilosophie, ist gestorben

Die Tierrechtsbewegung kommt in die Jahre. Einer ihrer großen Mitbegründer, Tom Regan, Universitätsprofessor für Philosophie an der North Carolina State Universität in den USA, starb in den frühen Morgenstunden des 17. Februar 2017 im Alter von 78 Jahren. Sein Studium finanzierte er sich noch als Fleischhauer, doch die Lektüre von Mahatma Gandhis Schriften und seine große Trauer über einen geliebten Hundefreund, der verstorben ist, ließen ihn umdenken. Wenn er gegen unnötige Gewalt ist, so sprach Gandhi zu ihm aus dem Buch „My Experiment with Truth“, was macht dann der tote Körper auf seinem Teller? Tom Regan wurde Vegetarier.

Als er in den frühen 1970er Jahren an der Uni Oxford als Gastprofessor tätig war, traf er auf Peter Singer und die dort aktive Gruppe von PhilosophInnen, die gerade die moderne Tierbefreiungsphilosophie entwickelte. Daraus entstand 1976 zunächst eine Anthologie und danach 1983 sein großes Standardwerk „The Case for Animal Rights“, eine Gegenthese zu Peter Singers Utilitarismus analog zur Menschenrechtsdoktrin. Tom Regan war damit der erste Denker, der Tierrechte auf akademischem Niveau ausformulierte und forderte.

Es war 1987, als ich dieses Buch erstmals in den Händen hielt und begeistert verschlang. Damals studierte ich gerade Astrophysik an der Uni Heidelberg und gestaltete als Doktorand die sogenannte Alternative Sommer- und Herbstuni mit, eine Serie von Vorträgen und Seminaren im Uni-Gelände, von Studierenden in den Uniferien organisiert. Mein Beitrag war ein Seminar über Tom Regans Buch, das wir gemeinsam lasen und zu dem wir Zugänge aus verschiedenen Blickwinkeln präsentierten.

Im Jahr 2001 traf ich Tom Regan erstmals persönlich auf der großen Tierrechtskonferenz in Washington DC in den USA. Sein Vortragsstil war sehr inspirierend, im Gegensatz zu den oft emotionslosen Vorlesungen, wie sie an der Philosophie üblich sind. Zuletzt nahm er sogar eine Gitarre zur Hand und sang tierrechtlerische Widerstandslieder. Kurz davor war er Teil einer Besetzung eines Uni-Labors wegen der dortigen Tierversuche gewesen, mit etwa 100 TeilnehmerInnen. Über 24 Stunden hatten sie die Stellung gehalten.

Diese Erfahrung in den USA importierte ich nach Österreich und wir begannen mit unseren großen Tierrechtskongressen hierzulande. Einer unserer ersten Vortragsgäste: Tom Regan. Besonders ist mir in Erinnerung, dass er auf die Frage, wo er die Grenze ziehe zwischen jenen Wesen, die als „Subjekte eines Lebens“ durch Tierrechte geschützt sind, und jenen, für die das nicht gilt, antwortete, wo man auch immer diese Grenze ziehe, sie müsse mit Beistift gezogen werden, sodass man sie jederzeit ausradieren und korrigieren könne.

Zweimal war er in Österreich zu Besuch, soweit ich mich erinnern kann. Die Erfolge unserer Tierschutzkampagnen hatten sich da schon bis zu ihm durchgesprochen. So brachte er mir sein Buch „Defending Animal Rights“ mit einer eigenen Widmung für mich mit. Ich halte es bis heute in Ehren, obwohl ich das Buch zu dem Zeitpunkt bereits längst gekauft und gelesen hatte.

Als wir 2008 von einer SOKO-Tierschutz überfallen und in Untersuchungshaft gesperrt wurden, war Tom Regan entsetzt. Fern aus den USA schickte er von sich aus ein Schreiben an den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten von Österreich und forderte, dass wir umgehend freigelassen werden müssen. Der Text lässt etwas von seinem unnachahmlichen Vortragsstil anklingen:

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Er war zweifellos ein Mensch mit viel Herz und Hirn, ein wichtiger Motor für die Bewegung für Tiere weltweit. Er war voller Emotion, wenn es um Tierleid ging, und gleichzeitig sachlich und rational in seinen Argumenten. Er war einer jener wenigen Philosophen, die nicht nur im Elfenbeinturm theoretisieren, sondern sich auch praktisch engagieren. Im Jahr 2002 verfasste er eine Liste der 11 wichtigsten nächsten Ziele in der Tierschutzarbeit:

– Wildtierverbot im Zirkus
– Verbot von Delphinarien
– Verbot der Gatterjagd
– Verbot von Hunderennen
– Verbot von Pelzfarmen
– Ende der Seehundmassaker
– Ende der verpflichtenden Dissektion in Schulklassen
– Verbot von Tierversuchen an Hunden
– Verbot von Toxizitätstests an Tieren
– Ende der Tötung von Streunerhunden
– Ende des Verkaufs von Streunerhunden und -katzen an Tierversuchslabors

Mit einigem Stolz kann ich sagen, dass wir nach vielen Jahrzehnten mühevoller Kampagnenarbeit in Österreich die meisten dieser Forderungen tatsächlich erreicht haben. Nur bei Tierversuchen haben wir bisher versagt, da herrschen noch immer Willkür und Narrenfreiheit für die Tierversuchsindustrie. Visionär von Regan, solche kleinen Schritte vorzuschlagen, und damit zu unterstreichen, dass unser Weg zu Tierrechten über pragmatische Reformen geht. Ich sehe das auch so.

Als Vermächtnis bleiben uns seine inspirierenden Auftritte, seine praktischen Ideen zum Schutz von Tieren, seine detailliert und äußerst differenziert ausgearbeitete Philosophie von Tierrechten analog zu Menschenrechten und seine zahlreichen Schriften, die es immer wert sind, erneut gelesen zu werden. „Make no mistake“, hatte er eindringlich gesagt, „by supporting the animal rights movement, you are supporting the most important social cause for humanity today“. Ich hoffe ihn haben die 41 Jahre Entwicklung der Tierrechtsbewegung seit seinem ersten Buch mit einigem Stolz erfüllt, wenn er vor seinem Tod darauf zurückgeblickt hat.