Jagd

Ein Plädoyer für den Fuchs

Offensichtlich sehr tierfreundliche Menschen haben mir geschrieben, dass ein Jäger auf ihrem Grund gegen ihren Willen einen Hochstand errichtet hat, und sie wüssten gerne, wie sie dagegen vorgehen könnten. Jedenfalls waren sie daran interessiert, ihren Grund jagdfrei stellen zu lassen. Das geht ja momentan noch nicht in Österreich, aber unser Antrag zur Jagdfreistellung liegt gerade beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf. Doch dann sprachen sie mit dem Jäger und der erklärte ihnen, er würde dort bloß Füchse schießen wollen und das sei ja gelebter Tierschutz, weil Füchse auf sehr grausame Weise Rehe töten würden.

Deshalb habe ich dieses Plädoyer für den Fuchs verfasst und diesen mitfühlenden Menschen geschickt:

Ich setze mich seit Jahrzehnten auch für den Schutz von Füchsen ein. In England gibt es Fuchsjagden mit Hundemeute, die von der hochadeligen Jägerschaft hoch zu Ross begleitet werden. Ich war 8 Jahre lang 2 Mal pro Woche unterwegs, um Füchse vor diesen Jäger:innen und ihren Hunden zu retten. Man jagt dort den Fuchs nicht, weil er Schaden oder Leid anrichtet, sondern weil sein Geruch so stark ist, dass die Hundemeuten die Fuchsspur bei der Jagd nicht verlieren. Da der Fuchs keine direkten natürlichen Feinde hat und auch nie hatte, bestand evolutionär keine Notwendigkeit, seinen Geruch zu kaschieren. Diese Fuchsjagden sind eine viele hundert Jahre alte Tradition des Adels. Ich habe in diesen Jahren sehr viel Fuchsleid gesehen, Füchse, die von Hunden zerrissen wurden, Füchse, die aus einem Sack vor Hunden ausgelassen wurden, Füchse, die aus ihrem Bau gegraben wurden und die mit letzter Kraft ihre Kinder verteidigt haben. Ich habe damals zahlreiche Füchse gerettet und ins Wildtierspital gebracht und ihnen dort ein Gehege gebaut.

Auch das vom VGT unterstützte Tierparadies Schabenreith rettet regelmäßig Füchse, oftmals auch Fuchskinder, nachdem ihre Eltern von Jägern und Jägerinnen getötet worden sind. Jetzt momentan sind 3 Fuchsbabies und 2 erwachsene Füchse dort. Die Babies dürfen sogar im Bett der Betreiberin schlafen und werden täglich mit der Flasche ernährt. Ich war letztes Wochenende dort und habe die entzückenden kleinen Tiere streicheln und liebkosen dürfen. Das Foto oben ist dabei entstanden.

Der Betreiber des Tierparadieses Schabenreith war als Kind mit seinem Vater, der Jäger war, bei Baujagden auf Füchse dabei. Er hat mir erzählt, dass sie damals Terrier in die Fuchsbauten haben hinein laufen lassen. Diese sollten die Füchse unter der Erde stellen und aus dem Bau jagen, wo man sie dann töten kann. Doch insbesondere wenn ganze Fuchsfamilien mit Kindern unter der Erde wohnen, dann verteidigt die Mutter ihre Kleinen bis zum Ende. Es kommt zu einem Kampf mit dem Terrier. Der Mann hat erzählt, dass sie damals oft viele Meter tief unter die Erde graben mussten, um die Terrier wieder heraus zu bekommen. Die Fuchskinder, die dabei zutage befördert wurden, hat man eiskalt mit der Schaufel erschlagen. Ein entsetzliches Verhalten!

Ich muss daher sagen, auch wenn das pathetisch klingt, ich liebe Füchse sehr und habe eine jahrzehntelange besondere Beziehung zu ihnen.

Ist das Verhalten der Füchse ethisch verwerflich? Beutegreifer müssen Tiere töten, um zu überleben. Das ist natürlich für sie, es bleibt ihnen keine andere Wahl. Man kann ihnen daraus keinen ethischen Vorwurf machen. Das beginnt beim kleinen Mauswiesel und geht bis zum Wolf. Es gibt einiges an wissenschaftlicher Literatur zu Füchsen. Füchse vermehren sich nicht ungebremst, sondern sie leben territorial. Wenn eine Familie – oft bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, zuweilen auch mit Onkeln und Tanten – ein Territorium besetzt, dann kommen dort keine neuen Füchse hinein. Die Fuchsdichte hängt also nur von der Territoriumsgröße der Fuchsfamilien ab, und die wiederum von der Verfügbarkeit von Nahrung. In der Stadt Wien z.B. ist die Fuchsdichte am höchsten in Österreich, weil die Füchse dort mehr Nahrung finden. Und zwar nicht etwa in den Waldgürteln am Stadtrand, sondern mitten im voll verbauten Stadtbereich. Die Füchse zeigen sich dabei intelligent genug, den Straßenverkehr zu verstehen.

Füchse essen in der Sommerzeit sehr viele Regenwürmer. Das ist zeitweise, besonders in feuchten Monaten, ihre Hauptnahrung. Zusätzlich isst ein Fuchs im Mittel 7000 Mäuse pro Jahr. Wo also Füchse erbarmungslos verfolgt werden, explodiert oft die Mäusepopulation. Natürlich ist der Tod von den Mäusen in gewissem Sinn brutal – obwohl ich glaube, dass sie aufgrund des Stresses und ihres Adrenalinpegels beim Fang durch den Fuchs nicht oder nicht lange leiden. Aber davon unabhängig ist dieses Fuchs-Maus Verhältnis Teil des Ökosystems. Gäbe es nicht Beutegreifer, die Mäuse fangen, dann würde die Mäusepopulation rasch überhand nehmen, weil Mäuse vermehren sich schnell und leben nicht territorial. Füchse essen aber auch Obst wie Zwetschgen und Kirschen, und auch Aas. Sie sind keine reinen Karnivoren, wie die Katzen.

Füchse spielen im Ökosystem eine wichtige Rolle. Ja, manchmal gelingt es Füchsen, Rauhfusshühner wie Auerhühner oder Schneehühner zu fangen, oder Hasen. Dass Füchse ausgewachsene Rehe töten, halte ich für ein Märchen. Beim Rehkitz mag es manchmal anders sein, aber ich habe Rehmütter gesehen, die Füchse aktiv vertrieben haben. Doch warum sich mehr um das Rehkitz sorgen, als um den Fuchs und dessen Kinder, die auch ernährt werden müssen? Hasen, ob Feld- oder Schneehasen, sind auch freudig bei der Vermehrung und können große Schäden in der Landwirtschaft anrichten. Ist es da in gewissem Sinn nicht gut, dass der Fuchs als Hasenjäger für ein gewisses ökologisches Gleichgewicht sorgt?

Neben dem Fuchs gibt es noch einige andere Beutegreifer, die z.B. Hasen und Rehkitze jagen, darunter vor allem die Greifvögel bis zum Steinadler. Aus mir unerfindlichen Gründen ist es zwar richtigerweise verboten, Greifvögel zu töten, aber Füchse werden in Österreich fast überall wie besessen verfolgt und vernichtet. Wussten Sie, dass die Jägerschaft hierzulande mehr Füchse als Hirsche tötet? Es gibt einen regelrechten Hass auf die Füchse unter den Jägern und Jägerinnen, und das ist mir vollkommen unbegreiflich. Der Fuchs ist ein ganz wesentlicher Teil des Ökosystems und für eine intakte Natur wertvoll und unersetzbar. Wenn nun jemand behauptet, man müsse die Fuchspopulation kontrollieren, weil sie sonst zu groß wird, so ist das, wie gesagt, falsch. Erstens hat die Stadt Wien im Jahr 2015 beschlossen, auf ihren 58.000 ha Grund, ein Gutteil davon in der Obersteiermark am Hochschwab und in NÖ an der Rax (Quellenschutzgebiete), keine Füchse mehr zu bejagen. Das ist jetzt 6 Jahre her und es zeigt sich, dass das Ökosystem besser funktioniert und die Fuchspopulation nicht überhand nimmt. Zweitens leben Füchse eben territorial, woraus sich dieses Ergebnis erklärt. Und drittens sind Füchse in der Lage, zur Not Ausfälle von 70 % in einem Jahr durch mehr Nachwuchs zu ersetzen. Verfolgt man also Füchse, dann reproduzieren sie mehr. Ich bin sehr froh, dass Füchse so reagieren, weil sonst wären sie in Österreich längst ausgerottet worden – wie Wolf, Bär und Luchs.

Ich hatte einmal eine enge Freundschaft mit einem durch einen Jäger verletzten Fuchs, der in einem Wildtierspital untergekommen ist. Durch seine schwere Verletzung konnte er sich nur im Rollstuhl bewegen. Außer im Wasser, da war er nicht mehr behindert. Der Fuchs namens Eddy war sehr liebevoll und anhänglich, und liebte es, zu kuscheln. Faktum ist, dass Füchse ähnlich wie Hunde reagieren und mit ihnen eine zweiseitige Beziehung möglich ist. Ein Buch über Füchse, das mich sehr begeistert hat, ist jenes von David MacDonald „Running with the Fox“. Ich halte gerade ein weiteres instruktives Buch aus dem Bayrischen Nationalpark über den Fuchs in der Hand, das „Rotfuchs und Dachs“ heißt. Ich bin überzeugt, dass Sie auch die Füchse liebgewinnen würden, wenn sie sich mit ihnen beschäftigen. Auf der Fölzalm am Hochschwab hat ein „Hausfuchs“ gelebt, der völlig frei war, aber jeden Tag mitten durch den Schankraum in die Küche gewandert ist und dort Essen bekommen hat.

Die Gewalt, die Füchse ihren Beutetieren gegenüber ausüben, relativiert sich rasch, wenn wir uns anschauen, was wir Menschen den Tieren antun. Wie brutal lebt und stirbt das typische Tier, dessen Fleisch hierzulande gegessen wird? Stichworte Tierfabrik, Tiertransport, Massenschlachthof. Sehr grausam. Aber selbst wenn Menschen vegan leben, sind sie für deutlich mehr Gewalt gegen Tiere verantwortlich, als jeder Fuchs. Alleine ein Windrad zur Energieproduktion tötet pro Tag 32 Vögel. Der Strom, den wir nutzen, bringt in Wahrheit maßloses Leid über die Tierwelt, ob kalorisch, Wasser- oder eben Windkraft. Wenn wir mit dem Auto fahren, töten wir nicht nur versehentlich Tiere, sondern allein schon durch den Straßenbau wurden zahlreiche Tiere getötet. Wenn Nahrung angebaut wird, werden Tiere getötet, nicht zuletzt durch den Einsatz von Pestiziden. In jeder Stadt werden Ratten und Mäuse vom Kammerjäger zu Millionen vergiftet. Die Liste ist endlos. Wir Menschen, selbst wenn wir sehr vorsichtig sind, bringen viel mehr Leid über die Tierwelt, als jeder Fuchs das je könnte. Wir sollten daher zuerst vor der eigenen Türe kehren. Wer im Glashaus sitzt, sollte keine Steine werfen.

Ich würde Sie daher sehr bitten, den Fuchs auch aus seinen Augen zu betrachten. Dass er überleben will, dass er seine Kinder füttern will. Er hat es meiner Meinung nach verdient, von uns Menschen in Ruhe und Frieden gelassen zu werden.

Illegaler Mord an Bär Arthur in Rumänien

Arthur war ein großer Bär. Es heißt, der größte in Rumänien und vielleicht sogar in der EU. Er hatte das für einen Bären in freier Wildbahn stattliche Alter von 17 Jahren. Woher man das weiß? Weil Arthur seit Jahren beobachtet und betreut wird. Und zwar von der Naturschutzorganisation Agent Green, die sich auch gegen die illegale Abholzung der letzten Urwälder in den Karpaten Rumäniens einsetzt. Von Agent Green stammt auch das Foto von Arthur oben.

Arthur lebte im Natura 2000 Schutzgebiet Oituz-Ojdula nordöstlich von Brasov, früher Kronstadt, abseits von menschlichen Behausungen. Ein Bär seiner Größe hat ein fixes Revier, man weiß also, wo man ihn antreffen kann. Aber nicht nur Agent Green war der Aufenthaltsort von Arthur bekannt. Auch eine andere Organisation hatte es auf Arthur abgesehen. Nur eine weniger bärenfreundliche. Ein Jagdreisenorganisator. Man wollte eine fette Prämie von einem reichen westeuropäischen Schnösel für seinen Abschuss.

Der Plan dürfte in etwa so gelautet haben. Zuerst beschwert sich ein Bauer über einen Bären, der bei ihm einen landwirtschaftlichen Schaden anrichtet. Tatsächlich sagt der Bürgermeister von Ojdula, das am Rande der Wälder der Karpaten liegt, dass im Sommer 2020 einige Beschwerden über eine kleine Bärin mit Jungtieren eingegangen seien. Nichts Aufregendes, es wurde auch nie ein Schadenersatz bezahlt. Ende Jänner 2021 dann forderte ein Bauer von Ojdula, dass diese Bärin abgeschossen werden soll, weil sie störe. Dazu verfasst er einen handschriftlichen Brief an das zuständige Ministerium:

Agent Green hat diesen Bauern besucht. Er meinte, als ihm sein Brief vorgelegt wurde, dass er das wohl geschrieben haben müsse. Im weiteren Gespräch stellte sich aber heraus, dass er gar nicht lesen kann. Hat man ihn einfach als Ausrede benutzt, um eine Abschussgenehmigung zu erhalten? Tatsächlich stellt das Ministerium Mitte Februar 2021 eine solche aus:

Emanuel Liechtenstein, der sich Prinz von und zu nennt und aus der Monarchenfamilie des Fürstentums Liechtenstein stammt, aber in der Steiermark in der Riegersburg wohnt, erhält diese Genehmigung. Es wird ihm erlaubt zwischen 12. und 16. März 2021 diese „Problembärin“, die ja sogar Kinder führt, zu töten.

Schon am 13. März ist es soweit. Emanuel Liechtenstein hat einen Bären erschossen. Nur war es Arthur:

Wie ist das möglich, in nur zwei Tagen den Bären zu lokalisieren und vor die Flinte zu bekommen? Ganz einfach. Ich war selbst in den Südkarpaten und habe gesehen, wie das läuft. Das ist gar nicht romantisch, da sitzen tapfere Jäger:innen nicht monatelang auf ihrem Ansitz und warten auf den einen Moment. Da wird einfach angefüttert. Dazu wird ein Jagdstand auf eine Lichtung gestellt, der nur ein kleines Fenster zum Schießen hat und sonst völlig verschlossen ist. Das sieht so aus:

In sicherer Schussdistanz werden tote Schweine an den Boden gekettet. In der Dämmerung tauchen dann Bären auf und essen daran. Jetzt kann man sie bequem abknallen.

So ähnlich muss es auch mit Arthur abgelaufen sein. Er wurde mit einer kleinen Bärin mit Jungtier „verwechselt“. Emanuel Liechtenstein ließ den toten Arthur als Trophäe nach den Standards der internationalen Jagdorganisation CIC bewerten:

Arthur erhielt 592,80 von 600 CIC Punkten. Der stolze Schütze lässt ihn ausstopfen und wartet auf seiner steirischen Riegersburg auf die Lieferung. Doch die dürfte sich verzögern. Agent Green hat zusammen mit dem VGT den Fall an die Öffentlichkeit gebracht. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft in Rumänien und Arthurs Leiche wird hoffentlich beschlagnahmt.

Herr Liechtenstein war tagelang für die Medien nicht erreichbar. Dann ließ er verlauten, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Mitnichten. Das Gegenteil ist der Fall, wenn auch die Unschuldsvermutung gilt.

Die Trophäenjagd ist ein echtes Krebsgeschwür im Naturschutz. Um das Jahr 2000 gab es in meiner Region in der Obersteiermark etwa 30 Bären. Ausgelöst durch den „Ötscherbären“, der bereits in den 1970er Jahren an die Südseite des Ötschers gewandert war und sich dort niedergelassen hatte, etablierte sich durch Aussetzen von mehreren weiblichen Tieren eine kleine Population. Die Hoffnung war groß, dass endlich wieder wilde Bären bei uns leben können, statt der armseligen gefangenen Tiere, wie z.B. in der Mittelstation der Gemeindealpe mitten im Bärengebiet. Dort musste ein Bär nämlich in einer Grube leben, um sich von Tourist:innen angaffen zu lassen. Er wurde schließlich von Tierschützer:innen gerettet und in einen Lebenshof gebracht.

Im Juni 1997 sah ich meinen ersten Bären am Hochschwab. Ich war total begeistert und folgte noch lange seinen Spuren. Später fuhr ich über viele Jahre zum Wandern mit Zelt in die Südkarpaten und traf dort mehr als 20 Mal wilde Braunbären von Angesicht zu Angesicht. Doch zu Hause sollte es keine Begegnung mehr geben. Alle 30 Bären wurden von Jäger:innen illegal abgeknallt. Einer nach dem anderen. Diesen Menschen gehen die Sicherungen durch, wenn sie eine wandelnde „kapitale Trophäe“ sehen. So auch offenbar Herrn Liechtenstein beim Anblick von Arthur.

Das einzige, was wir in Österreich dagegen tun können, ist die Trophäenjagd zu ächten, Verbote zu erwirken und die Einfuhr von Jagdtrophäen nach Österreich grundsätzlich zu verbieten. Dazu haben wir eine Petition eingerichtet: https://vgt.at/trophaenjagd

Ekelhafter Wolfshass in Deutscher Jagdzeitung

In der Deutschen Jagdzeitung erschien am 15. Februar 2021 ein Artikel mit dem Titel „Notwehr gegen Wolf – Handlungsempfehlungen“. Der Autor, ein Jurist dieser Zeitung und natürlich Jäger, hasst den Wolf so abgrundtief, dass ich mich wirklich fragen muss, wie das zustande kommt. Woher stammt dieser unbändige Hass? Ich dachte Jäger:innen lieben doch die Natur und da gehören die Beutegreifer dazu. Wie kann man ein Tier so hassen, das mit unseren Hunden ganz eng verwandt ist und jederzeit fruchtbare Nachkommen zeugen könnte?

Der Autor lässt im Text durchblicken, warum er Wölfe so hasst. Er nennt die Tiere „jagdliche Mitesser“ und schreibt, dass die Jagdstrecke wegen der Wölfe immer dürftiger würde. Ist das nicht natürlich? Seit wann ist natürlich doch nicht mehr gut im Sinne der Jagd? Argumentieren die Jäger:innen nicht immer, sie müssten „leider“ Rehe und Hirsche töten, weil es keine Beutegreifer mehr gibt und sie müssten diese ersetzen? Kaum gibt es sie, werden sie als „jagdliche Mitesser“ und Jagdstreckenreduzierer zutiefst gehasst und vernichtet. Einmal mehr wird klar: Argumente für die Jagd sind immer vorgeschoben, in Wahrheit geht es um die Freude am Töten und sonst gar nichts.

Der wirklich abartige Artikel beginnt mit einem Vergleich zwischen pornografischen Videos und Videos, in denen Wölfe erschossen werden. Beides erregt den Autor offenbar ähnlich, zumindest anfangs:

Dieser seltsam veranlagte Autor lässt dann seinem Hass auf Wölfe freien Lauf. Er sagt sogar, dass er sich freut, wenn Wölfe Opfer von Verkehrsunfällen werden:

Genau so über Menschen gesprochen, wäre das als Hetze strafbar. Warum ist das dann bei Tieren ok? Noch dazu, wenn das dahingehend real ist, dass dieser Mensch für Menschen schreibt, die tatsächlich Wölfe lynchen?

Dann versucht der Autor Szenarien zu finden, in denen er den Jäger:innen empfehlen kann, Wölfe zu töten. Da fällt ihm Notwehr ein. Das ist für ihn gegeben, wenn jemand einen Wolf trifft, der nicht gleich wegläuft. In seinen Augen reicht es, wenn eine Situation jederzeit „in Schaden umschlagen“ kann. Und das sei bei der Präsenz von Wölfen der Fall.

Ich war 15 Jahre in den rumänischen Südkarpaten wandern. Natürlich immer ohne Waffe. Immer wieder bin ich Bären begegnet, die nicht unbedingt gleich weggelaufen sind. Und einmal Wölfen. Nie ist mir etwas passiert oder war ich gefährdet, auch wenn ich alleine und mit dem Zelt unterwegs war. Eine Notwehrsituation in der beschriebenen Form ließe sich ganz leicht konstruieren.

Doch weil die Wölfe dafür vermutlich dem Menschen nicht nahe genug kommen, schlägt der Autor zusätzlich vor, den Wolf zu töten, weil er den eigenen Hund gefährden würde:

Er selbst würde jedenfalls einen Wolf in diesem Fall sofort töten. Aber ganz traut er der Rechtslage nicht. Also kommt die Empfehlung, den Wolf zu töten und dann tief zu vergraben und es niemandem zu erzählen:

Ich bin in den Karpaten auch mit meinem Hund Wölfen begegnet. Sie waren 70 m entfernt und sind nicht davon gelaufen. In der Nacht umkreisten sie im 50 m Abstand unser Zeit, wie ich durch die Spuren sehen konnte. Nie fühlte ich mich in Gefahr, niemand hat meinem Hund etwas zuleide getan. Aber diese „Notwehrsituation“ zu konstruieren und absichtlich herbei zu führen, wäre ganz einfach. Solche Menschen sollten keine Waffen trafen dürfen!

Diese Vorschläge stehen in einem offiziellen Jagdmagazin! Da darf ein Mensch gegen Wölfe hetzen, sich über ihre Leiden freuen und ihre rechtswidrige Ermordung empfehlen! Unfassbar!

Geschichte der Kampagne gegen die Jagd in Österreich 1980-1999

Leider ist es immer noch ziemlich selten, dass jemand eine akademische Arbeit über Tierrechte oder die Tierrechtsbewegung schreibt. Mit meiner Dissertation über Tierrechte im Jahr 2004 wollte ich für dieses Thema das Tor in die akademische Welt aufstoßen, obwohl es natürlich Vorgänger gab, wie Helmut Kaplan sogar bereits 1988. Doch nicht viele sind gefolgt. Deshalb freut mich die Masterarbeit von Stella Kubek in Geschichte mit dem etwas sperrigen Titel „Die Praxis der österreichischen Tierbewegung als neue soziale Bewegung in den 1980er und 90er Jahren am Beispiel des Kampfes gegen die Jagd“ umso mehr. Für einiges davon bin ich ja Zeitzeuge und wurde für die Arbeit auch interviewt.

In den 1980er Jahren war die Jagd noch felsenfest im Sattel. Der Jäger als Held in den Bergsagas stand außerhalb jeder Kritikmöglichkeit und hatte aufgrund des ausnahmslos positiven Images auch ein unendlich großes Selbstbewusstsein, das rasch in Gewalt umschlug. Ich erinnere mich noch an viele Vorfälle, bei denen ich am hellichten Tag mitten auf markierten Wanderwegen von Jäger_innen massiv angepöbelt und mit dem Erschießen bedroht worden bin, weil sie sich bei der Jagd gestört fühlten. Heute ist das ganz anders.

Spannend also, dass der Tieraktivismus (um Tierschutz und Tierrechte zu einem Begriff zusammen zu fassen, wie das die Autorin vorschlägt) in dieser Masterarbeit genau in den Jahrzehnten des Umbruchs im Jagdimage analysiert wird. Quellen für die Arbeit waren neben Interviews mit Zeitzeug_innen, 14 Zeitschriften von Tierschutzorganisationen, dem Archiv des Wiener Tierschutzvereins, dem TATblatt, dem Archiv der Sozialen Bewegungen Wien, dem Lauffeuer und der Zeitschrift HOWL insbesondere die mediale Berichterstattung. Letztere konnte auf der Basis von 4 Archiven einbezogen werden. Dort fanden sich 261 einschlägige Zeitungsartikel im fraglichen Zeitraum zum Thema.

Die Jagd war anfangs kein zentrales Thema der Tierbewegung in Österreich. 1981 unterschrieben 163.000 Personen eine Petition mit dem Titel „Auch Nutztiere sind Schutztiere“. 1982 entstand in Österreich die Initiative gegen Tierversuche und 1983 das Österreichische Komitee zum Schutz der Pelz- und Wildtiere. 1985 sind die ersten Tierbefreiungen aus Tierversuchslabors in Österreich verbürgt, nämlich Hunde aus den Instituten für Pharmakologie und Medizinische Physiologie der Uni Wien.

Und dennoch musste sich bereits 1983 „die Jägerschaft […] mit einzeln oder in Gruppen auftretenden Tierfreunden herumschlagen“, berichtete Rudolph Wojta am 29. 11. in der Wochenpresse. 1987 war der Umgang mit der Jagd eines der Themen am Österreichischen Tierschutzkongress. 1988 wurden der steirischen Landesregierung 10.000 Unterschriften gegen den Fallenfang übergeben. Neben 19 in den Quellen genannten Demos gegen die Jagd fand im November 1990 erstmals eine Jagdstörung statt. 15 Personen der Gruppe „Free Them – Recht für Tiere“ schritten in Vitis im Waldviertel gegen die Jagd auf ausgesetzte Zuchtfasane aktiv ein und stellten sich vor die Opfer. Die Jäger_innen attackierten die Tieraktivist_innen daraufhin und eine Frau wurde von einer Schrotkugel im Bauch getroffen. Der Schütze gab später an, er habe sie mit einem Fasan verwechselt. Wie üblich bei solchen Vorfällen, leider bis heute, gab es für den Gewalttäter kein gerichtliches Nachspiel.

Insgesamt sind in den Quellen 11 Berichte von Jagdstörungen im Zeitraum 1980-1999 zu finden. Darunter eine durch die Vier Pfoten im November 1995, bei der sich die Aktivist_innen mit Handschellen an Bäume ketteten, um der Festnahme durch die Polizei zu entgehen. 40 (!) Personen hatten an der Aktion teilgenommen. Im Herbst 1996 brachte wiederum der VGT eine Fasanjagd zum Abbruch. Weiters fanden sich in den Quellen 2 Blockadeaktionen gegen die Jagd, u.a. Anfang 1996 durch die Vier Pfoten im Eingang der Jagdmesse „Die Hohe Jagd“ in Salzburg.

Interessant ist, dass es in den 1990er Jahren, vermutlich aus schierer Verzweiflung gegen die scheinbare Unantastbarkeit der Jägerschaft, zu sehr vielen Straftaten gegen die Jagd kam. Zweimal wurden die Scheiben von Restaurants mit Wildwochen im Angebot, einmal die eines Jagdwaffengeschäfts und einmal die eines Jagdgeschäfts zerschlagen. Einmal wurde „Jagd ist Mord“ auf ein Jagdgeschäft gesprayt. 14 Mal kam es im Untersuchungszeitraum zur Zerstörung von Jagdständen, wobei bei jeder dieser Aktionen gleich mehrere Jagdstände unbrauchbar gemacht wurden, einmal sogar 40 in einer Nacht. Zusätzlich wurden Schlösser von 3 Jagdfahrzeugen verklebt und 4 Mal Stinkbomben in jagdaffine Räumlichkeiten geworfen.

Laut dieser Arbeit waren im Zeitraum 1980-1999 insgesamt 71 % der Aktionen gegen die Jagd Demos, 9 % Ziviler Ungehorsam alias Jagdstörung und 20 % Straftaten. 32 % der Aktivitäten gegen die Jagd hatten eine Gesetzesänderung zum Ziel, 18 % die Durchsetzung bestehender Schutzbestimmungen, 9 % die direkte Rettung von Tieren, 20 % Bewusstseinsbildung und 20 % einen finanziellen Schaden für die Jägerschaft.

Wenn ich mir diese Statistiken von heute aus, dem Jahr 2020, ansehe, dann wird mir klar, dass das damals eine ganz andere Zeit war. Die Organisationen waren viel kleiner, aber dafür wilder, lauter und radikaler. Der Tierschutz wurde bei weitem nicht so ernst genommen und politisch bekämpft, wie heute. Dafür gab es kaum messbare Erfolge, wie gesetzliche Verbesserungen. Die Straftaten von damals sind heute völlig verschwunden, stattdessen beschädigt die Jägerschaft Tierschutzfahrzeuge. Auch Jagdstörungen gibt es nur mehr sehr selten. Der Schwerpunkt heute liegt an der Dokumentation der Tierquälereien bei der Jagd und dem öffentlichen Druck auf die Landesregierungen, dagegen etwas zu unternehmen. Und das oft mit durchschlagendem Erfolg! Statt Herrn Mensdorff-Pouilly bei seinen infantilen Entenabschießbelustigungen zu behindern, und dabei von der Jägerschaft attackiert und der Polizei verfolgt zu werden, haben wir heuer ein Verbot erreicht. Jetzt schicken wir ihm die Polizei.

Die Tierbewegung hat sich über die Jahrzehnte entwickelt. Vom Sturm und Drang zur Professionalität. Mit den entsprechenden Vor- und Nachteilen.

Die Murmeltierjagd hat begonnen!

Gerade von einer Woche im Wald zurück, wird mir bewusst: die Jagdzeit auf Murmeltiere hat begonnen. Zumindest bei uns in der Steiermark. In Tirol und anderswo dauerts noch bis Mitte August, aber dennoch bleiben überall 2 Monate für diese Billigjagd. Der Abschuss kostet nur € 500, mit € 100 Rabatt, wenn man nicht trifft. Der Abschuss einer Gemse ist 4 x so teuer.

Das Bild oben zeigt eine Begegnung mit einem Murmeltier auf der Wetterinalm. „Wunderschöne“ Almzubringerstraße, nicht wahr? Da merkt man gleich, hier ist Natur. Das Murmeltier lebt dort unbekümmert, schert sich nicht um Wanderer, und auch nicht um meinen Hundefreund, der dabei war. Er selbst ist sowieso total friedlich mit allen Tieren.

Im letzten Herbst war ich mit meiner Familie in den Hohen Tauern einige Tage auf einer Alm, nachdem die Kühe runtergebracht worden waren. Wir freundeten uns mit einer Murmeltierfamilie dort an. Und da kam ein Jäger mit seinem 14 jährigen Sohn und einem 17 jährigen Jagdführer aus dem Tal herauf. Der 14 jährige wollte zum Geburtstag ein Murmeltier erschießen. Nichts leichter, als auf diese fast handzahmen Murmeltiere zu ballern, die mit uns gespielt hatten. Während sich diese Jäger freuten, fühlte ich mich als Verräter. Wie kann man nett zu Tieren sein, wenn dann andere diese Annäherung ausnutzen, um zu töten? Ich habe von diesem Vorfall berichtet: https://martinballuch.com/eine-ganz-normale-murmeltierjagd/

Warum wollen Menschen eigentlich Murmeltiere erschießen? Diese Frage ist falsch gestellt. Es macht ihnen halt einfach Spaß, sonst würden sie nicht dafür bezahlen. Aber wie ist das gerechtfertigt? Erstaunlicherweise mit dem Schutz der Kühe auf der Alm, und weil sich die Almwiesen weniger gut mähen lassen würden, wenn dort Murmeltierbauten angelegt worden sind. Das wurde mir als Argument von vielen Seiten bestätigt, findet sich aber auch hier in diesem Artikel des deutschen Tagesspiegel, siehe https://m.tagesspiegel.de/gesellschaft/pauschalangebote-fuer-murmeltierjaeger-wie-das-geschaeft-mit-der-jagd-auf-die-nagetiere-laeuft/26054960.html?utm_referrer=http%3A%2F%2Fm.facebook.com%2F&fbclid=IwAR1tI6KOYRkiIPLKtM2twYi6ErR_tK3IY_YNhiocYfOcvCtb-ZbcMxyMNzs#layer

Tagesspiegel vom 1. August 2020

Dabei war das Murmeltier hierzulande bereits von der Jägerschaft ausgerottet. Lernen wir je dazu? Können wir irgendwann diese seltsame Tötungslust überwinden? Werden wir irgendwann die Totalnutzung der Natur zurückschrauben, eine Wildnis ermöglichen und diese dann den Wildtieren überlassen, die uns keinen Nutzen bringen?

Der Hass der Jäger_innen auf Wölfe

Vor einigen Jahren wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ein gewisser Herr Dieter Nagl, der offenbar Jäger ist und eine Jagdgruppe mit damals 12.000 Mitgliedern auf Facebook moderierte, mich auf tiefste Weise öffentlich beschimpft hatte, u.a. als Abschaum. Ich kontaktierte ihn höflich und er wurde äußerst ausfällig und aggressiv. Also reichte ich eine medienrechtliche Privatanklage ein. Zu seiner Verteidigung bestritt er die Beleidigungen nicht, sondern versuchte zu beweisen, dass ich Abschaum bin. Der Richter machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Letztlich musste er sich entschuldigen und mir die Gerichtskosten bezahlen. Der Richter notierte damals Folgendes zum Vergleich:

Das nahm Herr Nagl im Wesentlichen an. So viel jedenfalls dazu, was Herr Nagl für eine Art Mensch ist. Nagl hat übrigens noch andere Menschen beschimpft, z.B. nannte er Herrn Wrabetz vom ORF „blöd“. Und erst kürzlich äußerte er sich auf die folgende Weise abfällig über den Rücktritt der Kulturstaatssekretärin Lunacek:

Derselbe Nagl hat sich auch zu Wort gemeldet, als wir Treibjagden auf ausgesetzte Zuchtfasane und -enten und auf Gatterjagden von öffentlicher Straße aus dokumentiert haben:

Ein sehr netter und toleranter Mensch also. Da überrascht nicht, was er zum Wolf zu sagen hat:

Als dann ein Wolf illegal abgeschossen wurde, hatte er nur Hohn und Spott für das Opfer übrig:

Dieser Dieter Nagl hat jetzt ganz aktuell in dieser Facebook-Gruppe von Jäger_innen Folgendes zum Wolf gepostet:

Die Reaktionen der Jäger_innen sahen so aus:

Ein Sittenbild der Jägerschaft. So sind sie und so reden sie, wenn sie sich nicht beobachtet fühlen (diese Facebook-Gruppe ist geschlossen). So stehen sie zu Gesetzen (es ist verboten Wölfe zu erschießen) und so viel halten sie von einer ökologisch intakten Natur.

Wen wunderts eigentlich, dass die Jagd in der Öffentlichkeit so ein wahnsinnig schlechtes Image hat. Nicht ganz zu unrecht, würde ich sagen.

Anzeige gegen Jagdaufseher wegen Nötigung: droht Hund zu erschießen

Hundehalter_innen sind es leider gewohnt, dass Jäger_innen sie anpöbeln und sogar damit drohen, ihre Hunde zu erschießen. Die Ausrede: die Hunde würden Wildtiere bedrohen. Plötzlich tun die Jäger_innen so, als hätten sie mit genau jenen Wildtieren Mitleid, die sie selbst gerne über den Haufen schießen. Und so erschießen sie eben die Hunde – ohne jedes Mitgefühl.

Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, an denen ich beim ganz normalen Wandern auf markierten Wegen von Jäger_innen angeschrien oder sogar mit dem Erschießen bedroht wurde. In den 1970er und 1980e Jahren war das ganz normal. Doch die Zeiten haben sich etwas gewandelt, die Jagd ist deutlich mehr in die Defensive geraten, hat an Image verloren. Heute wird nur noch abseits von Wegen gepöbelt, oder eben wenn ein Hund dabei ist. Aber auch das müssen wir ihnen austreiben.

Beim Wandern in Tirol traf ich auf eine Tafel, die das Wandern abseits von Wegen und das Frei Laufen Lassen von Hunden jeweils mit dem Abschuss des Tieres bedroht. Dabei ist es unmittelbar neben dieser Tafel im Wald erlaubt, den Hund frei laufen zu lassen. Die Gemeinde Kirchdorf hat dazu Mitte 2018 eine eigene Verordnung erlassen und mit einem Plan versehen. Abgesehen davon erlaubt das Tiroler Jagdgesetz den Jäger_innen nicht einfach mir nichts dir nichts Hunde abzuknallen, wie es ihnen passt, auch wenn diese frei laufen.

Ich habe daher folgende Anzeige wegen Nötigung eingebracht:

Gefährdung der körperlichen Sicherheit? – Schuss auf Menschen!

Die öffentliche Diskussion über die Jagd ist eine sehr einseitige Geschichte. Seitens der Tierschützer_innen werden ständig Beweisvideos vorgelegt, von angeschossenen Wildschweinen im Gatter, von Rehen, die von Hundemeuten gegen den Gatterzaun gehetzt werden, von Jäger_innen, die hemmungslos auf Menschen einschlagen und jetzt eben auch von einem Jäger, der ohne zu zögern aus 150 m Entfernung genau in die Richtung von Tierschützer_innen schießt. Einfach so.

Das Video ist hier zu sehen: https://www.facebook.com/tierrechtedemokratie/videos/1205796379624717/

Der Jagdleiter von dieser Jagd am 7. November 2019 allerdings meint zu diesem Video, das sei mit einer „neuen Technik“ aufgenommen, die es erscheinen lasse, dass jemand der 1 km (!) entfernt ist, wirke, als sei er direkt vor der Kamera. Hier seine wörtlichen Aussagen in einem Interview mit der Burgenländischen Volkszeitung:

Im Gegenzug hier die Frames des obigen Films im Abstand von einer 1/25 Sekunde. Auf dem ersten Bild noch kein Schuss, 1/25 Sekunde danach raucht es aus dem direkt auf die Kamera gerichteten Lauf des Gewehrs:

Die Sachlage ist also ganz klar. Auch die Positionen des Schützen und des filmenden Tierschützers sind eindeutig, wie hier zu sehen (rotes Kreuz ist der Standort des Jägers, grüner Kreis jener des Tierschützers):

Der Tierschützer hat sich im Übrigen nicht auf einem gesperrten Gebiet befunden, auch wenn das völlig irrelevant ist.

Gut. Für mich bleiben damit folgende offenen Fragen:

  • Warum findet irgendjemand die Jägerschaft und ihre unwahre Propaganda noch immer irgendwie glaubhaft? Warum wird nicht endlich allen, von den Medien über die Öffentlichkeit bis zu den Politiker_innen, klar, dass man Jäger_innen kein Wort glauben kann, außer sie können es beweisen?
  • Und warum wird die Staatsanwaltschaft dieses Verfahren, wie alle anderen dieser Art, einfach einstellen? Sind Tierschützer_innen Menschen zweiter Klasse, auf die man einfach ungestraft schießen kann?

Antworten an einen gewissen Herrn Rudolf Gürtler, fanatischen Jäger

Grüss Sie, Herr Gürtler,

zunächst Gratulation zu Ihrer jagdlichen Pensionierung. Ich denke es ist sicher gut, wenn so fanatische Jäger_innen, wie Sie, nicht mehr auf die Tiere losgehen. Sie wissen schon, oder, dass Sie sogar in der Jägerschaft diesen Ruf haben, vornehm gesagt, ein bisschen radikal zu sein. Schon Thomas Kuhn hat festgestellt, dass Paradigmenwechsel oft erst durch das natürliche Absterben bestehender Platzhirsche möglich werden. Die neue Sprecherin des nö Landesjagdverbandes und die neue Leiterin des Wildökologischen Instituts wirken auch nicht mehr so verbohrt, wie ihre Vorgänger. Man hört die beiden Mayr-Melnhofs waren die einzigen der 9 Landesjägermeister, die das von WTV und ÖBF entwickelte Papier gegen die Paarhufer-Fütterungen nicht unterschreiben wollten. Auch da wäre das Freistellen der entsprechenden Posten für einen Paradigmenwechsel sicher positiv.

Zu Ihrem Seitenhieb auf den Veganismus. Es freut mich, dass Sie noch erleben dürfen, dass der Veganismus so boomt. Ich muss immer an den stramm rechten, seinerzeitigen Ministerpräsidenten von Bayern denken, den Herrn Strauß, der im Übrigen bei einer Jagd an einem Herzinfarkt gestorben ist. Er hat nicht nur gesagt, dass rechts von der CSU rein verfassungsrechtlich kein Platz für eine weitere Partei sein dürfe, sondern auch, dass die Grünen sicher bald der Vergangenheit angehören würden. Tja, und jetzt ist Herr Strauß tot und die Grünen sind in so vielen Regierungen, bald sogar auch in Österreich bundesweit. Ich wünsche Ihnen ein langes Leben, sodass Sie den Siegeszug des Veganismus noch miterleben können.

Konkret zu Ihrem Argument gegen Veganismus, dass beim Anbau pflanzlicher Nahrungsmittel auch Kleinstlebewesen sterben. Sie kennen sicher die Antworten. Erstens muss man Nutztieren im Mittel 7 Mal mehr pflanzliche Nahrung verfüttern, um daraus eine entsprechende Menge an Fleisch gewinnen zu können. D.h. jeder Happen Fleisch hat 7 Mal mehr Kleinstlebewesen das Leben gekostet, als ein entsprechender Happen pflanzlicher Nahrung. Ganz zu schweigen vom Tod des Nutztiers. Abgesehen davon kennen Sie als ehemaliger Anwalt sicher den Unterschied zwischen einer Tathandlung mit oder ohne Vorsatz. Das Töten des Nutztiers geschieht vorsätzlich, jenes der Kleinstlebewesen nicht. Die weiteren 37 Argumente finden Sie im Internet.

Lustig auch, dass Sie uns Religiosität vorhalten. Wer von uns geht in Hubertusmessen? Und wer beruft sich auf die Bibel, um das massenhafte Töten gezüchteter Tiere zu begründen? Letzteres macht ein gewisser Herr Maximilian Mayr Melnhof, seines Zeichens Gatterjägermeister. Wir im Tierschutz kommen ohne irgendwelche heiligen Rituale und göttliche Aufträge aus. Bei uns bestimmt die Vernunft.

Zur Fütterung. Der Unterschied zwischen unserer Ansicht beginnt schon bei unserer jeweiligen Auffassung von Jagd. Sie sehen die Jagd als Wildwirtschaft, analog zur Forst- und Landwirtschaft. Dabei gehören die Wildtiere doch niemandem. Also darf sie auch niemand bewirtschaften, würde ich meinen. Wir bewirtschaften doch eh schon alles, warum auch die Bewohner_innen der freien Natur? Die große Mehrheit der Menschen in Österreich will, dass Ökologie und Tierschutz Vorrang vor der „Bewirtschaftung“ und dem „Beutetrieb“ einiger weniger, seltsam veranlagter Mitmenschen haben. Und tatsächlich begründet die Jägerschaft ihre Tätigkeit nach außen hin mit Ökologie. Also schlage ich vor, Ökologie und Tierschutz zu den bestimmenden Prinzipien für die Jagd, die eigentlich Wildtiermanagement sein und daher auch heißen sollte, zu erheben. Es darf nur dann ein Wildtier erschossen werden, wenn das ökologisch notwendig ist und wenn alle anderen Maßnahmen versagt haben, und dann nur nach Tierschutzprinzipien, also ohne jagdlichem Trara, sondern so rasch, sicher und schonungsvoll wie möglich, unter voller Ausnutzung sämtlicher technischer Möglichkeiten. Wie im Kanton Genf.

Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Jagd zu 99,9 % diesen ethischen Vorgaben nicht genügt. Von der Gatterjagd, die Sie ja selbst betreiben – oder zumindest betrieben haben -, über die sogenannte Niederwildjagd auf hochgezüchtete oder ausgesetzte Tiere, bis zur fanatischen Vernichtung von Beutegreifern und zum Abschuss von Tieren aus Arten, die bereits hochgradig gefährdet sind. Haben Sie meinen Beitrag über eine ganz normale Murmeltierjagd gesehen? Siehe https://martinballuch.com/eine-ganz-normale-murmeltierjagd/. Wer das richtig findet, dem ist der Wertekompass ganz schön aus dem Ruder geraten.

Das angeblich gefundene verhungerte Rotwild ist Jägerlatein, Liechtenstein und Graubünden sind sehr gute Beispiele für vitale Hirsch- und Rehpopulationen ohne Winterfütterung. Wir wissen, dass die im letzten Jahr verbreiteten Fotos und Videos, ganz zu schweigen von jenem der angeblichen Beunruhigung von Gemsen durch Schitourengeher, das sich als das Gegenteil erwiesen hat, nur Fakes waren und zum Gutteil viele Jahre alt. Ich bin ununterbrochen im Wald unterwegs, nämlich 100 Tage im Jahr, lebe sogar im Wald, und ich finde immer wieder tote Tiere, vor allem nach der Schneeschmelze, wenn die Leichen ausapern. Jedes tote Tiere dieser Art sieht wie verhungert aus, auch wenn es einfach in einer Lawine gestorben ist. Aber was, bitte schön, stört Sie an einem natürlichen Tod? Warum dürfen die Wildtiere nicht eines natürlichen Todes sterben? Haben sie da nicht auch ein Recht darauf? Ich weiß schon, wer, wie Sie, meint, man müsse Wildtiere immer nutzen, der sieht in jedem natürlich gestorbenen Tier einen Verlust. Aber, wie gesagt, Wildtiere gehören niemandem, und anständige Jäger_innen, die ihre Tätigkeit ökologischen Prinzipien unterordnen, müssten den natürlichen Tod begrüßen, weil er ihnen erspart, Gewalt auszuüben.

Kennen Sie die Studie von Leitner in Kärnten? https://www.himmel.at/wp-content/uploads/2019/11/Leitner_Wildmanagement_Gailtaler_Alpen_II.pdf Muss man da noch mehr sagen? Haben Sie Studien parat, die diese Ergebnisse widerlegen? Ich zitiere: „Die Rotwildsterblichkeit nimmt ohne Fütterung in Normalwintern im Vergleich zu Gebieten mit Fütterung nicht zu“. „Ungestörtes Rotwild passt Raumverhalten rasch auf Verhältnisse ohne Fütterung an“. Und Faktum ist ebenfalls, wie Sie sicherlich wissen, dass Hirsche und Rehe (und Gemsen) am allermeisten durch die Präsenz von Jäger_innen gestört werden. In Genf z.B., wo nicht gejagt wird, fürchten sich die Wildtiere vor keinem Menschen, die Fluchtdistanz ist sehr gering. Das entspricht auch meiner Erfahrung. Ich kann mit meinem Hund auf einem der Gipfel im Hochschwab sitzen und keine 10 m neben mir grast eine Herde Steinböcke ohne jede Beunruhigung. Auch mitten im Winter.

Wenn Sie über das Verhältnis von Fütterung und Waldgesundheit etwas lernen wollen, dann empfehle ich Ihnen den Besuch der entsprechenden Symposien des Kuratoriums Wald. Da wären Sie erstaunt, wie man dort seitens der Waldbesitzer_innen die Fütterei und die konventionelle Jagd ablehnt.

Kennen Sie eigentlich diese ganz aktuelle Studie: https://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/presseinformationen/presseinformationen-2019/wie-rehen-das-winterfutter-auf-den-pansen-schlaegt/. Demnach ist es sehr ungesund für Paarhufer, im Winter gefüttert zu werden. Was sagen Sie dazu, dass Sie Ihr Leben lang den Paarhufern in Ihren Revieren durch die Winterfütterung so großes Leid zugefügt haben?

Zur Trophäenjagd: Sie wissen so gut wie ich, dass man im Mittel 70 Jungtiere braucht, um eines mit einer besonders großen Trophäe zu erhalten. Und dass daher die Jägerschaft gerne männliche Tiere, aber möglichst nie weibliche schießen will, damit es viele Jungtiere gibt. So hängt die Trophäenjagd ganz direkt mit der hohen Kopfzahl jagdlich aufgefütterter Populationen zusammen, ganz zu schweigen vom Futter, das laut Herstellerangaben ja das Trophäenwachstum beschleunigen soll. Die relativ geringe Anzahl kapitaler Trophäen, die Sie anführen, ist da kein Widerspruch.

Es freut mich auch, Ihnen mitteilen zu können, dass das Spendenvolumen für den VGT von Jahr zu Jahr ansteigt. Wir haben bereits 50 Angestellte und suchen momentan eine_n weitere_n Arbeitnehmer_in für die bereits dritte Stelle als Jurist_in im VGT, um die ganzen Anzeigen zu bearbeiten, die wir zumeist aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung legen. Anzeigen wegen Tierquälerei werden in ganz Österreich immer mehr. In diesem Zusammenhang darf ich Ihnen auch das Symposium der Tierschutzombudsschaft Wien morgen Donnerstag ans Herz legen. Da geht es, wie jedes Jahr, um Tierschutzrecht. Sie müssten allerdings zur Teilnahme 40 Euro an eine Greifvogelstation spenden, und wie ich Sie kenne, widerspricht das Konzept des Greifvogelschutzes, wie jenes eines Gnadenhofs, Ihrer Einstellung fundamental. Wenn ein Tier nichts nützt, am Ende sogar „Niederwild“ isst, dann wäre es zu töten, oder nicht? Immer mehr Menschen sehen das nicht so und widmen ihre gesamte Lebenszeit dem Schutz von „unnützen“ Tieren. Ich würde sagen, diese Einstellung ist in Österreich längst mehrheitsfähig, während Ihre Einstellung nur mehr von einer kleinen Minderheit vertreten wird und am Aussterben ist.

Weil Sie Maximilian Mayr-Melnhof erwähnen, der durch kritische Kommentare so in Mitleidenschaft gezogen worden sein soll. Ist Ihnen bekannt, dass das Landesverwaltungsgericht Salzburg – später bestätigt durch den Verwaltungsgerichtshof – geurteilt hat, dass Mayr-Melnhof einem Tierschützer rechtswidrig mit Gewalt eine Videokamera entwendet hat, dass er den Tierschützer dabei an der Hand verletzt hat, dass er vor Gericht als Zeuge die Unwahrheit gesagt hat und dass er versucht hat, ein Beweismittel zu fälschen? Was sagen Sie dazu? Ist in Ihren Augen ein Mensch, der so etwas getan hat, anständig? Ist so jemand ein Vorbild? Sollte so jemand Landesjägermeister sein? Kann sich so jemand christlich nennen? Und ist so jemand in der Position darüber zu jammern, dass er von anderen beleidigt wird? Ihre Meinung dazu würde mich interessieren.

Hoffentlich finden Sie in Ihrer jagdlichen Pension endlich eine anständige Art und Weise, sich die Zeit zu vertreiben.

Martin Balluch

Eine ganz normale Murmeltierjagd

Spätsommer, auf einer Alm in der Kreuzeckgruppe in den Hohen Tauern, Kärnten. Meine Familie und ich verbringen dort ein paar ruhige Tage. Das Wetter ist stabil, die Abende werden schon angenehm kühl, die Kühe sind bereits ins Tal gebracht worden. Nichts kann die paradiesische Ruhe stören – so dachten wir.

Um die Almhütte gab es einige sehr vertrauensselige Murmeltiere. Eines davon ist auf dem Bild oben zu sehen. Auch eine Familie, die die letzten Sonnenstrahlen vor der langen Winterruhe genoss. Man konnte sich ihnen auf wenige Meter nähern. Der Bau war vielleicht 30 m von der Hütte entfernt. Wunderschöne Begegnungen mit frei lebenden Tieren, die von sich aus die Nähe von Menschen zuließen. Großartig, insbesondere für meine Tochter, die sich immer mehr für Tiere zu interessieren beginnt.

Doch dann braute sich ein Unheil über der beschaulichen Ruhe und scheinbaren Geborgenheit zusammen. Eines Morgens kam ein Mann mit zwei jungen Burschen aus dem Tal herauf. Vielleicht 50 m von der Hütte entfernt blieb er stehen. Wir waren gerade einige hundert Meter weiter an einem Bach. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich die drei.

Der Mann packte ein Gewehr aus, lud es und gab es dem kleineren der beiden Burschen. Der kniete sich auf den Boden, legte das Gewehr auf einen Fels, zielte – und schoss! Ich konnte es gar nicht fassen, wunderte mich noch, warum diese Leute gerade hier zielschießen müssen.

Doch dann ging der Mann einige Meter weiter, hob etwas Schweres, Sackartiges vom Boden auf, zeigte es den Burschen und hängte es an seinen Rucksack. Da erkannte ich dieses etwas: es war eines unserer Murmeltierefreunde! Unfassbar!

Ich lief hinüber und stellte die drei zur Rede. Der Mann war aus Südtirol, ein Italiener. Der Schütze sein 14 jähriger Sohn, der sich zum Geburtstag den Abschuss eines Murmeltieres gewünscht hatte. Der zweite Bursche war 17 Jahre alt und der Jagdführer für diesen Tag, in Vertretung seines Großvaters, der dieses Jagdrevier gepachtet hatte.

Wozu, um alles in der Welt, wozu musste dieses harmlose Tier sterben? Mit dieser Frage ließen sie mich zurück. Für die drei war die Antwort selbstverständlich, wenn auch nicht artikulierbar. Eine undifferenzierte Lust. Für uns war der Frieden zerstört, das Paradies verloren. Wie kann uns die Murmeltierfamilie jemals verzeihen?

Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wieso solche Menschen zu keinerlei Mitgefühl mit ihren Opfern fähig sind. Mich reißen derartige Erlebnisse noch Wochen später schweißgebadet aus dem Schlaf. Ich höre den Schuss, sehe, wie sich das Murmeltier in Schmerzen windet, blicke in seine starren Augen. Ein so schönes Leben völlig sinnlos und brutal beendet. Eine Familie hat eines ihrer geliebten Mitglieder verloren. Wozu? Meine Frage verhallt im Nirgendwo.

Diese Jagd war ganz klar illegal. 14 Jährige sind für so etwas noch zu jung. Aber der Almbetreiber bat mich, von einer Anzeige Abstand zu nehmen. Das würde auf ihn zurückfallen. Und überhaupt – wer hält sich in Österreich schon an die Jagdgesetze? Ist ja meistens niemand dabei, der das überwacht.

Derselbe Jagdpächter ist übrigens gerade dabei, die Gemeinde dazu zu bringen, eine Forststraße bis zur Alm und weiter in den Talschluss bauen zu dürfen. Dann müssen seine Jagdgäste nicht mehr so weit gehen. Neben dem Mitgefühl für Tiere fehlt da auch die Wertschätzung für unberührte Natur. Alles muss genutzt und in Geld umgewandelt werden. Kein Tier und kein noch so kleines Fleckchen Bergwald ist davor sicher. Mir graut.