Geschichte

Geschichte der Kampagne gegen die Jagd in Österreich 1980-1999

Leider ist es immer noch ziemlich selten, dass jemand eine akademische Arbeit über Tierrechte oder die Tierrechtsbewegung schreibt. Mit meiner Dissertation über Tierrechte im Jahr 2004 wollte ich für dieses Thema das Tor in die akademische Welt aufstoßen, obwohl es natürlich Vorgänger gab, wie Helmut Kaplan sogar bereits 1988. Doch nicht viele sind gefolgt. Deshalb freut mich die Masterarbeit von Stella Kubek in Geschichte mit dem etwas sperrigen Titel „Die Praxis der österreichischen Tierbewegung als neue soziale Bewegung in den 1980er und 90er Jahren am Beispiel des Kampfes gegen die Jagd“ umso mehr. Für einiges davon bin ich ja Zeitzeuge und wurde für die Arbeit auch interviewt.

In den 1980er Jahren war die Jagd noch felsenfest im Sattel. Der Jäger als Held in den Bergsagas stand außerhalb jeder Kritikmöglichkeit und hatte aufgrund des ausnahmslos positiven Images auch ein unendlich großes Selbstbewusstsein, das rasch in Gewalt umschlug. Ich erinnere mich noch an viele Vorfälle, bei denen ich am hellichten Tag mitten auf markierten Wanderwegen von Jäger_innen massiv angepöbelt und mit dem Erschießen bedroht worden bin, weil sie sich bei der Jagd gestört fühlten. Heute ist das ganz anders.

Spannend also, dass der Tieraktivismus (um Tierschutz und Tierrechte zu einem Begriff zusammen zu fassen, wie das die Autorin vorschlägt) in dieser Masterarbeit genau in den Jahrzehnten des Umbruchs im Jagdimage analysiert wird. Quellen für die Arbeit waren neben Interviews mit Zeitzeug_innen, 14 Zeitschriften von Tierschutzorganisationen, dem Archiv des Wiener Tierschutzvereins, dem TATblatt, dem Archiv der Sozialen Bewegungen Wien, dem Lauffeuer und der Zeitschrift HOWL insbesondere die mediale Berichterstattung. Letztere konnte auf der Basis von 4 Archiven einbezogen werden. Dort fanden sich 261 einschlägige Zeitungsartikel im fraglichen Zeitraum zum Thema.

Die Jagd war anfangs kein zentrales Thema der Tierbewegung in Österreich. 1981 unterschrieben 163.000 Personen eine Petition mit dem Titel „Auch Nutztiere sind Schutztiere“. 1982 entstand in Österreich die Initiative gegen Tierversuche und 1983 das Österreichische Komitee zum Schutz der Pelz- und Wildtiere. 1985 sind die ersten Tierbefreiungen aus Tierversuchslabors in Österreich verbürgt, nämlich Hunde aus den Instituten für Pharmakologie und Medizinische Physiologie der Uni Wien.

Und dennoch musste sich bereits 1983 „die Jägerschaft […] mit einzeln oder in Gruppen auftretenden Tierfreunden herumschlagen“, berichtete Rudolph Wojta am 29. 11. in der Wochenpresse. 1987 war der Umgang mit der Jagd eines der Themen am Österreichischen Tierschutzkongress. 1988 wurden der steirischen Landesregierung 10.000 Unterschriften gegen den Fallenfang übergeben. Neben 19 in den Quellen genannten Demos gegen die Jagd fand im November 1990 erstmals eine Jagdstörung statt. 15 Personen der Gruppe „Free Them – Recht für Tiere“ schritten in Vitis im Waldviertel gegen die Jagd auf ausgesetzte Zuchtfasane aktiv ein und stellten sich vor die Opfer. Die Jäger_innen attackierten die Tieraktivist_innen daraufhin und eine Frau wurde von einer Schrotkugel im Bauch getroffen. Der Schütze gab später an, er habe sie mit einem Fasan verwechselt. Wie üblich bei solchen Vorfällen, leider bis heute, gab es für den Gewalttäter kein gerichtliches Nachspiel.

Insgesamt sind in den Quellen 11 Berichte von Jagdstörungen im Zeitraum 1980-1999 zu finden. Darunter eine durch die Vier Pfoten im November 1995, bei der sich die Aktivist_innen mit Handschellen an Bäume ketteten, um der Festnahme durch die Polizei zu entgehen. 40 (!) Personen hatten an der Aktion teilgenommen. Im Herbst 1996 brachte wiederum der VGT eine Fasanjagd zum Abbruch. Weiters fanden sich in den Quellen 2 Blockadeaktionen gegen die Jagd, u.a. Anfang 1996 durch die Vier Pfoten im Eingang der Jagdmesse „Die Hohe Jagd“ in Salzburg.

Interessant ist, dass es in den 1990er Jahren, vermutlich aus schierer Verzweiflung gegen die scheinbare Unantastbarkeit der Jägerschaft, zu sehr vielen Straftaten gegen die Jagd kam. Zweimal wurden die Scheiben von Restaurants mit Wildwochen im Angebot, einmal die eines Jagdwaffengeschäfts und einmal die eines Jagdgeschäfts zerschlagen. Einmal wurde „Jagd ist Mord“ auf ein Jagdgeschäft gesprayt. 14 Mal kam es im Untersuchungszeitraum zur Zerstörung von Jagdständen, wobei bei jeder dieser Aktionen gleich mehrere Jagdstände unbrauchbar gemacht wurden, einmal sogar 40 in einer Nacht. Zusätzlich wurden Schlösser von 3 Jagdfahrzeugen verklebt und 4 Mal Stinkbomben in jagdaffine Räumlichkeiten geworfen.

Laut dieser Arbeit waren im Zeitraum 1980-1999 insgesamt 71 % der Aktionen gegen die Jagd Demos, 9 % Ziviler Ungehorsam alias Jagdstörung und 20 % Straftaten. 32 % der Aktivitäten gegen die Jagd hatten eine Gesetzesänderung zum Ziel, 18 % die Durchsetzung bestehender Schutzbestimmungen, 9 % die direkte Rettung von Tieren, 20 % Bewusstseinsbildung und 20 % einen finanziellen Schaden für die Jägerschaft.

Wenn ich mir diese Statistiken von heute aus, dem Jahr 2020, ansehe, dann wird mir klar, dass das damals eine ganz andere Zeit war. Die Organisationen waren viel kleiner, aber dafür wilder, lauter und radikaler. Der Tierschutz wurde bei weitem nicht so ernst genommen und politisch bekämpft, wie heute. Dafür gab es kaum messbare Erfolge, wie gesetzliche Verbesserungen. Die Straftaten von damals sind heute völlig verschwunden, stattdessen beschädigt die Jägerschaft Tierschutzfahrzeuge. Auch Jagdstörungen gibt es nur mehr sehr selten. Der Schwerpunkt heute liegt an der Dokumentation der Tierquälereien bei der Jagd und dem öffentlichen Druck auf die Landesregierungen, dagegen etwas zu unternehmen. Und das oft mit durchschlagendem Erfolg! Statt Herrn Mensdorff-Pouilly bei seinen infantilen Entenabschießbelustigungen zu behindern, und dabei von der Jägerschaft attackiert und der Polizei verfolgt zu werden, haben wir heuer ein Verbot erreicht. Jetzt schicken wir ihm die Polizei.

Die Tierbewegung hat sich über die Jahrzehnte entwickelt. Vom Sturm und Drang zur Professionalität. Mit den entsprechenden Vor- und Nachteilen.

Die Partisanenhöhle im Hochschwab

Es gab meines Wissens 4 Regionen in Österreich, in denen Partisanenverbände, d.h. bewaffnete Gruppierungen, die aus den Wäldern der Berge heraus operierten, gegen das Dritte Reich agiert haben. Da sind einmal die Partisan_innen in den Karawanken in Südkärnten unter Tito, zweifellos die Bekanntesten, die auch bis über die Drau in das Gebiet der Saualpe vorgestoßen sind. Daneben gab es die Partisan_innen bei mir im Hochschwab in der Obersteiermark, die hauptsächlich in der Region vom Schoberpass und St. Michael bis nach Leoben, Eisenerz und Kapfenberg aktiv waren. Dann wären noch die Gruppen in den Ausseer Bergen und in den Ötztaler Alpen zu nennen. Aber nur die ersten beiden haben selbst aktiv Anschläge gegen die Militärmaschinerie der Nazis verübt, die letzteren beiden blieben defensiv, nahmen Deserteure auf und versteckten sich in den Bergen, und verteidigten sich mit Waffengewalt ohne aber selbst Anschläge zu verüben.

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Die bewegte Geschichte des größten Jagdgatters Österreichs: Der Lainzer Tiergarten

100 Jahre ist er 2019 alt, der Lainzer Tiergarten, dieses einerseits beliebte Ausfliegsziel der Wiener_innen, dessen liebliche Landschaft aber andererseits die düstere Geschichte von Massenabschüssen eines Jagdgatters überdeckt. Aus Anlass des Jubiläums hat die Stadt Wien nun ein Buch mit dem Titel „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“ herausgegeben. Eigentlich ist es eine Neuauflage, weil ein Buch mit demselben Titel bereits 1923 erstmals erschienen ist. Und eigentlich ist es kein Jubiläum, weil der Lainzer Tiergarten unter dem Namen „kaiserlicher Tiergarten“ eine viel längere Geschichte hat. Das Buch ist aber äußerst spannend und allen zu empfehlen, die sich auch ein bisschen für die Grätzelgeschichten der Friedensstadt und der Gegend um die Kirche St. Hubertus interessieren. Ein bisschen ist es auch eine Geschichte der Jagd in Österreich und eine Geschichte des Verhältnisses der Menschen zur Natur. Auch der VGT wird im Buch als Teil der Geschichte des Lainzer Tiergartens erwähnt.

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Mord an einem Jäger!

Wir schreiben das Jahr 1919, der Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen. Die Menschen leiden Hunger, auch mitten in den Bergen der Obersteiermark. 3 junge Burschen aus dem Knappengraben sind gesund vom Krieg zurück gekehrt. Um ihre Familien zu ernähren, gehen sie auf die Pirsch, mit rußgeschwärztem Gesicht. Wilderer.

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Die englische Tierrechtsaktivistin Joan Court ist tot – ein Nachruf

„Granarchists“ nannten wir in England jene älteren Damen mit klassisch englisch aristokratischem „upper class“ accent, die sich mit solcher Vehemenz und Radikalität für Tiere einsetzten, dass man nur staunen konnte. „Granny“ für „ältere Dame“ und „anarchists“ für den radikalen Aktivismus. Sie ketteten sich an, blockierten mit ihrem Körper Kälbertransporte, gingen in wochenlangen Hungerstreik, entblößten ihre Brüste aus Protest und unterstützten andere AktivistInnen mit allem, was sie hatten, bis zur Selbstaufgabe. So habe ich sie jedenfalls in meiner Zeit in England von 1989-1997 erlebt, und so gibt es sie sicherlich heute noch.

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Mein Onkel Rolli, der SS-Wächter im KZ

Einmal, vor ein paar Jahren, stöberte ich im Nachlass meiner Großtante. Eine Kiste voller alter Briefe, darunter ein Briefwechsel mit einer Frau aus Ljubljana, der sich über 7 Jahrzehnte hin zog. Der erste Brief war im Alter von 17 Jahren geschrieben, zu Silvester 1916, am Bahnhof in Wr. Neustadt. Er war der einzige fröhliche Brief. Ab dann wurde der Ton Jahr für Jahr melancholischer, trauriger, ja geradezu depressiv. Ein faszinierendes Dokument der Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert aus subjektiver Perspektive! Doch mitten unter dem Haufen von Briefen fand ich auch einige von Onkel Rolli. Mein Onkel, wohlgemerkt, für die Großtante war er ein Neffe. Seine Briefe sind in eher neutralem Ton verfasst, ohne viel Emotion. Nur manchmal, wenn er von der Zukunft spricht, wird er fröhlicher. Einige Briefe haben als Absendeadresse „Im Osten“ angegeben, offenbar von der Ostfront, in den Jahren 1941-1943. Bei manchen Briefen sagt er explizit dazu, dass er nicht angeben dürfe, wo er sei.

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