Tiertransporte

Vor 25 Jahren starb Jill Phipps unter einem Tiertransporter

25 Jahre ist es nun her. Auf den Tag genau. Ich habe in meinem Buch „Im Untergrund“ davon erzählt. Jill Phipps wurde am 1. Februar 1995 bei einem Protest gegen Tiertransporte vor dem Flughafen von Coventry in England mitten unter Polizist_innen von einem Tiertransporter, der bis zum Bersten mit männlichen Kälbern aus der Milchindustrie geladen war, überrollt.

Sie stammte aus einer Familie von Tierrechtler_innen. Ihre Mutter Nancy und ihre Schwester waren in den 1980er Jahren sogar wegen einem Run-In und einer begleitenden Tierbefreiung in einem Tierversuchslabor von Unilever für 6 Monate (!) ins Gefängnis gewandert. Jill Phipps war so alt wie ich. Auf verschiedenen Demos und Aktionen vor 1995 habe ich sie immer wieder mit ihrem Sohn Luke gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen. Mit ihrem Bruder hatte ich mehr zu tun und ihre Mutter kannte ich auch. Jill versorgte ihren Sohn seit den späten 1980er Jahren allein. Da ich jetzt eine ganz kleine Tochter habe, kann ich verstehen, dass man da ein bisschen leiser tritt und nicht mehr an vorderster Front aktiv ist.

Tja, bis die Fähren in Dover von einem auf den anderen Tag die Mitnahme der ganz jungen männlichen Kälber aus der Milchindustrie aufgrund unserer Proteste beendeten. Plötzlich erschienen wie aus dem Nichts 8 Firmen englandweit, die diesen Transport übernahmen. Diese Leute haben nur die Möglichkeit gesehen, Geld zu machen. Ekelhaft.

Aus diesem Ekel und dem Mitgefühl mit den Kälbern entstand eine breite neue Bewegung 1995. Die großen LKWs mit je 250 Kälbern und mehr rollten plötzlich jede Früh durch kleine Ortschaften, wie Breitlingsea, zum Hafen, um ihre lebende Fracht nach Europa zu bringen. Die verschlafensten Nester wurden aktiv. Die Menschen ertrugen es nicht, den Tieren in ihre großen Augen zu schauen. Jeden Tag. Und die Schreie. Das Muhen. Die Kälber waren nicht nur verzweifelt, weil sie ihrer Mutter weggenommen worden waren. Sie hatten auch Hunger. Hunger nach der Muttermilch, die man ihnen vorenthielt, um sie an Menschen zu verkaufen. Deshalb mussten sie weg.

In den 7 Häfen, die für diese Exporte genutzt wurden, gab es überall täglich Proteste. Dort wohnten Menschen, die das jeden Tag mitansehen mussten. Die waren motiviert. Die 8te Firma allerdings verfrachtete die Kälber nicht in ein Schiff, sondern auf ein Flugzeug, am Flughafen von Coventry. Dort wohnte niemand, deshalb gab es auch keine lokalen Proteste durch Anrainer_innen, wie in den Häfen. Aber in Coventry war eine starke Tierrechtsgruppe, und ebenso in den benachbarten Städten. Auch Jill Phipps wohnte dort mit ihrem Sohn. Und sie ließ der Anblick der Kälber und ihre Hilfeschreie nach ihren Müttern nicht mehr los. Sie war ja selbst Mutter und konnte nachvollziehen, wie schrecklich das für die beteiligten Tiere war.

Deshalb stellte sie ein Zelt neben dem Flughafen auf, sodass sie jede Früh vor Ort war, wenn die Tiertransporter ankamen. Und sie war nicht allein. Bald hatte sich dort ein Protestcamp gebildet und jeden Tag wurde protestiert. Jeden Tag stellten sich die Aktivist_innen auf die Straße, wurden von einer Hundertschaft von Polizist_innen weggestoßen und zurückgedrängt. Und jeden Tag weinten sie den Kälbern nach. Und das den ganzen Winter hindurch.

Am 1. Februar 1995 waren 35 Personen im Camp. Da wurde die Ankunft der Tiertransporter gemeldet. Wie jeden Tag stellte sich auch Jill Phipps wieder auf die Straße. Gut 100 Polizist_innen waren da. Sie bildeten am Straßenrand ein Spalier und forderten den Fahrer auf, den Transporter weiter zu fahren, nur ja nicht stehen zu bleiben. Wie jeden Tag stellte sich Jill auf die Fahrbahn und breitete die Hände aus. Doch diesmal rollte der Transporter einfach über sie drüber.

Noch 25 Jahre später füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Vorstellung. Ihr Sohn war gerade einmal 8 Jahre alt gewesen.

Und was geschah dem Fahrer? Was der Polizei, die nichts unternommen hatte, ja sogar den Fahrer angetrieben? Einfach nichts. Gar nichts. Das ist leider der Normalfall, wenn es gegen Tierschützer_innen geht. Ich könnte Seiten mit solchen Fällen füllen. Beim Tierschutz versagt der Rechtsstaat auf der gesamten Linie.

Ich nahm an Jill’s Begräbnis teil. Tausende Menschen waren da. Ein starkes Zeichen. Überall die purpurnen Ribbons, die Schleifen, die damals zum Symbol des Protests gegen Tiertransporte geworden waren.

25 Jahre sind ins Land gezogen. Nancy Phipps, Jill’s Mutter, ist mittlerweile auch schon tot. Mit ihrem Bruder hatte ich noch lange Kontakt. Jetzt aber auch nicht mehr. Nach dem Vorfall waren die Kälbertransporte zunächst nur temporär, später dann völlig eingestellt worden, auf allen 7 Häfen und dem Flughafen. Doch heute rollen sie wieder. Überall in Europa. Wir als Menschen haben nichts dazu gelernt. Wie oft bin ich diesen Transportern mit den kleinen Kälbern aus Österreich bis nach Spanien und Andorra nachgefahren, hab ihre Schreie gehört. Es ist, als wäre nichts gewesen, als hätte es nie Proteste gegeben. Jill Phipps kann noch immer nicht ihren Frieden finden.

Unfassbar: Die FPÖ hält Zuchtrinderexporte für gut!

Tiertransporte sind ein dankbares Thema für Parteien, die so tun wollen, als wären ihnen Tiere ein Anliegen. Das sage ich zunächst ganz wertfrei und allgemein. Wenn Parteien gegen Tiertransporte wettern, dann wettern sie meistens gegen die EU, wo schließlich die Gesetzgebungskompetenz für Tiertransporte liegt. Die FPÖ hat einen Entschließungsantrag zu Tiertransporten im Parlament eingebracht. Ein Entschließungsantrag ist ein Antrag ans Parlament, es möge die Regierung auffordern, etwas zu tun. In diesem Fall will die FPÖ vom Parlament, dass es die Regierung auffordert – 4 Tage vor ihrer Auflösung! – die EU aufzufordern, etwas zu tun. Ein Paradebeispiel von Heuchelei!

Dabei wäre es so einfach. Wie immer sollten wir zuerst vor der eigenen Haustiere kehren. Es gibt sehr viele Tiertransporte, die in Österreich beginnen und wahnsinniges Tierleid verursachen. Da gibts zunächst einmal die Schlachttiertransporte. Sie betreffen Rinder, die aus Österreich in ausländische Schlachthöfe gehen. Das kritisiert die FPÖ immerhin, allerdings ohne den wichtigen Schritt zu setzen, Schlachttiertransporte nur bis zum nächsten geeigneten Schlachthof zu erlauben. Wir hatten dieses Gesetz bereits 1995. Es wurde leider 1998 durch die EU aufgehoben. Aber warum nicht wieder einführen?

Ja, und dann gibt es noch die Zuchtrinderexporte. Im Jahr 2017 betraf das 50.000 Milchkühe, 71 % davon über die EU-Außengrenze hinaus. Österreich ist gemessen an seiner Rinderzahl der größte Exporteur von Zuchtrindern in Europa! Die Milchkühe sind alle beim Transport hoch schwanger und haben volle Euter. Die FPÖ hat auf eine Anfrage dazu folgendes zu sagen:

Und das ist tatsächlich unfassbar! In Österreich haben wir eine ganz große Überproduktion an Rindern und an Milchprodukten, etwa 160 %! Wohin werden diese Tiere transportiert?

Hauptsächlich gehts also in die Türkei, nach Aserbaidschan, und einige sogar nach Usbekistan. Neu ist, dass nun bald auch Zuchtrinder nach Ägypten und nach Turkmenistan exportiert werden sollen. Die Rinderindustrie frohlockt, ein neuer Markt tut sich auf. Aber für die Tiere ist das eine entsetzliche Perspektive.

In keinem dieser Länder gibt es Zuchtlinien österreichischer Rinder. Nein, sie werden nämlich in Wahrheit nach einem tagelangen Transport brutal geschlachtet, und zwar geschächtet. Ohne Betäubung, ohne jede Tierschutzmaßnahme. Zuerst gebären sie ihre Kinder und man nimmt die Milch, dann gehts auf die Schlachtbank. In Ägypten wurde dabei heimlich mitgefilmt: den Tieren hat man die Sehnen an den Beinen zerschnitten, sodass sie nicht mehr gehen können, und danach in die Augen gestochen. Dann erst rammte man ihnen das Messer in die Kehle – alles bei vollem Bewusstsein.

Aber auch der Transport alleine ist die Hölle. Bei unmenschlichen Temperaturen wurden Zuchtrinder in einem Tiertransport aus Österreich an der türkischen Grenze beobachtet. Tagelang standen sie dort, Tag für Tag verstarb eines der Tiere am Transporter.

Wenn also Zuchtrinderexporte für die FPÖ kein Problem darstellen, dann hat man dort entweder keine Ahnung von Tiertransporten, oder man schert sich genau gar nicht um Tierleid, wenn es um Profite geht.

Übrigens trennt die EU in Tiertransporte für Schlachtung, Zucht und „Produktion“. Letzteres sind die 80.000 männlichen Milchkälber, die Österreich Jahr für Jahr in den Süden bis nach Spanien schickt. Auch sie gehen oft nach wenigen Monaten mit dem Schiff weiter in den Nahen Osten, ebenfalls nach Ägypten, die Türkei oder den Libanon. Auch da könnte der österreichische Gesetzgeber einschreiten. Tut es aber nicht. Seit 20 Jahren dokumentieren wir diese Zustände, aber nichts, einfach gar nichts geschieht.

Es braucht einen echten Tierschützer im Parlament!