Die bewegte Geschichte des größten Jagdgatters Österreichs: Der Lainzer Tiergarten

100 Jahre ist er 2019 alt, der Lainzer Tiergarten, dieses einerseits beliebte Ausfliegsziel der Wiener_innen, dessen liebliche Landschaft aber andererseits die düstere Geschichte von Massenabschüssen eines Jagdgatters überdeckt. Aus Anlass des Jubiläums hat die Stadt Wien nun ein Buch mit dem Titel „Der Lainzer Tiergarten einst und jetzt“ herausgegeben. Eigentlich ist es eine Neuauflage, weil ein Buch mit demselben Titel bereits 1923 erstmals erschienen ist. Und eigentlich ist es kein Jubiläum, weil der Lainzer Tiergarten unter dem Namen „kaiserlicher Tiergarten“ eine viel längere Geschichte hat. Das Buch ist aber äußerst spannend und allen zu empfehlen, die sich auch ein bisschen für die Grätzelgeschichten der Friedensstadt und der Gegend um die Kirche St. Hubertus interessieren. Ein bisschen ist es auch eine Geschichte der Jagd in Österreich und eine Geschichte des Verhältnisses der Menschen zur Natur. Auch der VGT wird im Buch als Teil der Geschichte des Lainzer Tiergartens erwähnt.

Die Gegend des heutigen Lainzer Tiergartens war nie von Menschen bewohnt. Das älteste nachgewiesene Haus ist das Teichhaus, das 1740 erbaut wurde. Die Kaiserfamilie hat dort gejagt. Bis zur Revolution 1848 war das Jagdrecht ausschließlich dem Adel vorbehalten, egal wem das Land gehörte. Gejagt hat man seitens der Kaiser auch im Prater und im Augarten. Deshalb sind diese Gebiete bis heute nicht bebaut.

Kaiserin Maria Theresia wollte aus Rücksicht auf die Bauern und Bäuerinnen die Wildschweine ausrotten lassen. So empfahl sie dem Adel, sich Jagdgatter zu errichten, um dort Wildschweine zu züchten und als Jagdbeute zu erhalten. 1772 wurde deshalb der Lainzer Tiergarten als kaiserlicher Tiergarten erstmals mit einem Holzzaun umgeben. Es gab ein absolutes Betretungsverbot für alle Menschen außer für von der Kaiserfamilie geladene Gäste. An den Toren wurden diese Verbote überwacht. Seit 1777 sind Fütterungen für die Wildtiere nachgewiesen, damit möglichst viele von ihnen für die Jagd zur Verfügung stehen. Sämtliche Angehörigen der Kaiserfamilie waren fanatische Jäger_innen, wie das im Adel offenbar bis heute der Fall ist. Das Bild oben zeigt den Fanatischten von allen, Thronfolger Franz Ferdinand, beim Abschuss seines 5000. Rothirschs im kaiserlichen Tiergarten.

Angestellte sogenannte Hofjäger übernahmen die Hege der Tiere und halfen den Jagdgästen beim Abschuss. Für die Jäger wurden Häuser in den Tiergarten gebaut, die heute als Gaststätten dienen, wie im Hirschgstemm und das Rohrhaus. Diese Hofjäger im kaiserlichen Tiergarten durften übrigens nur mit Erlaubnis des Kaisers heiraten und nur unter der Voraussetzung eines „Moralitätszeugnisses“ der Braut und bei ausreichender „Brautausstattung“, d.h. Reichtum ihres Vaters, damit die Hofjäger dem Kaiser nicht zur Schande gereichten.

Weil aber zu viele Wilderer den Holzzaun überstiegen und offenbar auch Wildtiere immer wieder durchbrachen, ließ Kaiser Josef II in den Jahren 1782-1787 die heute denkmalgeschützte Tiergartenmauer bauen. Baumeister war Philipp Schlucker, der so wenig Geld dafür bekam, dass bis heute im gesamten deutschen Sprachraum vom „armen Schlucker“ die Rede ist, wenn man jemanden bemitleidet.

Im Juni 1801 ist die erste Zählung der Wildtiere verbürgt: 1254 Wildschweine. Im Sommer 1825 hat es bereits 2242 Wildschweine, 1263 Rothirsche und 453 Damhirsche gegeben, die man als Jagdbeute dort ausgesetzt hatte. Nach Drängen des damals 10 jährigen späteren Kaisers Franz-Joseph, auch ein fanatischer Jäger, wurden 1840 insgesamt 19 Mufflons ausgesetzt. Die unnatürlich hohen Wilddichten haben den Wald stark geschädigt. Deshalb wurde 1856 erstmals in der Geschichte Österreichs ein Aufforstungsplan entwickelt. Man wollte jeweils Teile des Tiergartens einzäunen, in der Umzäunung sämtliche Tiere töten und diese jeweils 30 Jahre bestehen lassen, sodass Jungbäume nachwachsen können. Der Plan von 1856 sah Umzäunungen dieser Art bis 1976 vor. Dann wäre der gesamte Tiergarten aufgeforstet gewesen.

In den Jahren 1841-1902 hat es im Übrigen einige weitere Einbürgerungsversuche von exotischen Wildtieren zur Erhöhung des Jagdspasses gegeben, nämlich weiße Rothirsche, Wapiti Hirsche, Steinböcke, Weißwedelhirsche und Mähnenschafe. Kaiser Franz hat davor, nämlich 1814, schon flandrische Ziegen zur Jagd aussetzen lassen. Aber alle diese Tiere konnten sich nicht etablieren und sind wieder ausgestorben. Der Vater von Kaiser Franz-Joseph ließ sogar Füchse in Ungarn kaufen und zur Treibjagd im Tiergarten aussetzen. Diese haben sich vermutlich in die vorhandene Population integriert.

Auch die Kaiserin Sissi war jagdverrückt. Als Pferdenärrin begann sie in Ungarn bei Graf Esterhazy mit der Hundehetzjagd. Ihr Mann ließ ihr dafür extra ein Rudel Staghounds, also extra für die Hetzjagd auf Hirsche gezüchtete Hunde, in England ankaufen und nach Ungarn bringen. 1875 wurden dafür erstmals Hirsche im kaiserlichen Tiergarten eingefangen und in die Jagdreviere Esterhazy nach Ungarn gebracht, damit sie dort von Sissi hoch zu Ross gehetzt werden konnten. Diese Hirschlieferungen wurden Jahr für Jahr fortgesetzt, doch sind viele beim Einfangen und beim Transport elendiglich gestorben sein. Nach Ende der Jagdsaison hat man die überlebenden Hirsche bei Esterhazy wieder eingefangen und in den Tiergarten zurück gebracht. Die wenigsten haben diesen Rücktransport überlebt. Sissi ging dann ab 1881 nach England und Irland zur Hetzjagd mit Hunderudeln auf Hirsche, Füchse und Hasen.

Die Jagdbesessenheit des Adels zeigt sich u.a. daran, dass der letzte Kaiser Karl mitten während des 1. Weltkriegs ständig im kaiserlichen Tiergarten jagen war und noch am Tag der Kapitulation, dem 4. November 1918, dort bei einer Treibjagd höchstpersönlich 10 Hirsche erschossen hat. Dass er wegen dieser Jagd nicht erreichbar war, soll der Grund dafür gewesen sein, dass es zum Missverständnis kam und die österreichische Armee 24 Stunden zu früh das Feuer einstellte, sodass in Südtirol sämtliche Soldaten in italienische Gefangenschaft gerieten.

Nach dem 1. Weltkrieg kam der Tiergarten nun als Lainzer Tiergarten in den Besitz des Kriegsgeschädigten Fonds. Er sollte Geld erwirtschaften, das den Invaliden und Kriegsversehrten zugute kommt. Aufgrund des Brennstoffmangels wurde der Bevölkerung erstmals erlaubt, zweimal pro Woche den Tiergarten zu betreten und Holz zu klauben. An der Tiergartenmauer entstanden zahlreiche selbstgebaute Unterkünfte Obdachloser. Die Stadt Wien forderte den Lainzer Tiergarten aus Baugrund gegen die Wohnungsnot. Am 19. September 1919 nahmen die Menschen das selbst in die Hand, drangen am Ostrand des Tiergartens über die Mauer ein und besetzten das Gelände. Sie bauten sich einen Unterstand und blieben vorort. Als die Polizei nicht reagierte, begannen sie 1 ½ Jahre nach Besetzungsbeginn, am 4. Jänner 1921, mit der Rodung und ab März mit dem Häuserbau. Ende 1921 waren 3 Häuser fertig und 22 weitere in Bau. Die Behörden schritten nicht ein, weil die Bevölkerung Verständnis für die Besetzer_innen hatte. Aus den USA flossen große Geldspenden. Bei Verhandlungen wurde den Besetzer_innen 30 ha als Baugrund geboten. Sie lehnten ab und besetzten ein 130 ha großes Gelände. Das Grätzel wurde „Friedensstadt“ genannt und ist bis heute bewohnt. Der südlich anschließende Leitenwald wurde etwas später auch bebaut und zu einer Siedlung. Selbst die Polizeigenossenschaft hat sich dort eingekauft. Bald gab es die erste Busverbindung des öffentlichen Verkehrs. 1935 wurde eine katholische Siedlungskirche gebaut, St. Hubertus, in der ich übrigens Ministrant war und meine Erstkommunion hatte. Der Kriegsgeschädigtenfonds ließ 1934 eine neue Mauer zwischen diesen Siedlungen und dem Rest des Lainzer Tiergartens errichten und die äußere Mauer verfallen.

Das Forsthaus, das ursprünglich innerhalb des Lainzer Tiergartens gelegen ist, wurde zur Volksschule, die ich 4 Jahre lang besucht habe. Das ehemalige Pförtnerhaus steht heute noch. Direkt daran schließt der Hörndlwald an, der letzte Rest des Lainzer Tiergartens in der Friedensstadt. Teile der alten Mauer von Schlucker finden sich sowohl in diesem Wald, als auch in den Gärten insbesondere der Leitenwaldsiedlung. Als die Stadt Wien Teile des Hörndlwaldes in den letzten Jahren verbauen wollte, leisteten die Nachkommen der seinerzeitigen Besetzer_innen heftigen Widerstand.

In der Zwischenkriegszeit wurden die Wildtiere im Lainzer Tiergarten nicht so massiv aufgefüttert, wie zuvor. Am 18. Jänner 1920 hat man sogar explizit den Abschuss von Fuchs, Dachs, Marder und Bussard aus Naturschutzgründen untersagt. Ab Herbst 1920 verkaufte man aber wieder Abschüsse von Wildschwein, Rothirsch, Damhirsch und Mufflon an reiche Jagdgäste. Da gab es bereits erstmals Kritik in der Presse. Mit „republikanischer Aufmachung“ sei der Tiergarten neu eröffnet worden, würde aber als „reservierte Vergnügungsstätte einiger weniger bevorzugter Herrschaften“ benützt. Ab Herbst 1920 begannen damit folgerichtig auch die Fütterungen erneut – trotz Hungersnot in der Bevölkerung. Man baute extra Kukuruz, Rosskastanien und gelbe Rüben dafür an. Die erste Zählung der Zwischenkriegszeit im Jahr 1927 ergab 76 Rothirsche, 83 Damhirsche, 82 Wildschweine und 66 Mufflons, also sehr viel weniger als zur Kaiserzeit.

Ein reicher Bürger Wiens bot der Verwaltung des Lainzer Tiergartens 300 Millionen Kronen (heute 84.000 Euro), um exklusiv das Jagdrecht zu übernehmen und eine „rationelle Wildschweinzucht“ aufzuziehen. Das Angebot wurde abgelehnt. 1925 wurden mit der Einführung des Schilling als Währung die Abschusstaxen noch deutlich angehoben und ein Golfplatz für die reichen Gäste eingerichtet. Gegen das Clubhaus dieses Golfplatzes gab es einige Jahre später einen Bombenanschlag. Mufflons wurden für teures Geld an andere Jagdgatter verkauft. Bürgermeister Marek von der Stadt Wien suchte um verbilligte Abschussmöglichkeiten an. Im Jänner 1938 kaufte die Stadt Wien den Lainzer Tiergarten schließlich zum Preis von 6 Groschen (heute 17,5 Cent) pro m² auf.

Nach dem Anschluss an Hitlerdeutschland übernahm der Bruder des neu eingesetzten Nazibürgermeisters den Lainzer Tiergarten und baute ihn zu einem „Repräsentationsjagdgebiet“ für die Parteibonzen aus. Es begann da wieder erstmals seit der Kaiserzeit die massive Fütterung. Besuchen durfte man den Lainzer Tiergarten als Normalbürger_in nur noch sonntags, weil unter der Woche lediglich Schmarotzer und Arbeitsverweigerer für so etwas Zeit hätten. Reichsjägermeister Hermann Göring war nur ein einziges Mal zur Jagd zu Gast, nämlich am Tag der Reichskristallnacht. Auf Bitten des Betreibers erklärte Göring schließlich 1941 den Lainzer Tiergarten zum Naturschutzgebiet, wobei aber Jagd, Forstwirtschaft und Fischerei ausgenommen waren. Dieser „Schutz“ diente eigentlich nur der ungestörten Jagdausübung.

Die Rote Armee stieß mit ihren Panzern bei ihrer Zangenbewegung um Wien 1945 durch die Mauer des Lainzer Tiergartens vor und griff die Stadt von Westen aus an. Dadurch entstanden letztlich 160 jeweils 10-15 m breite Löcher in der Mauer, durch die die aufgezüchteten Wildtiere natürlich entkommen konnten. Der Lainzer Tiergarten blieb die nächsten 10 Jahre bis 1955 Truppenübungsplatz und Jagdrevier der Sowjetarmee. 1951 zählte man 159 Wildschweine, 10 Damhirsche, keine Rothirsche und 17 Mufflons. Zur Blutauffrischung lieferte man Damhirsche aus dem Zoo Schönbrunn und aus dem Jagdgatter Pöggstall nach. Mufflons kamen 1956 aus dem Jagdgatter Pax bei Schwarzau, Rothirsche als Wildfänge von der Rax. 1966 brachte man 9 Rothirsche im Tausch gegen 27 Mufflons aus den rumänischen Karpaten in den Tiergarten. Da diese viel größere Geweihe hatten als die Hirsche aus der Rax, und man wieder Abschüsse vergab, diesmal an die Parteibonzen der SPÖ und die Manager_innen der verstaatlichten Industrie, begann man gezielt die Rax-Hirsche wieder auszurotten, um eine Zucht auf möglichst große Trophäen zu ermöglichen. Die Fütterungen wurden massiv verstärkt, der Wald entsprechend geschädigt.

Nach 1955 war der Lainzer Tiergarten wieder durch Rodungen bedroht: man wollte einen großen Friedhof errichten und die Westautobahn mitten durch legen. Beides konnte abgewendet werden. Allerdings baute man eine Starkstromleitung quer durch den Tiergarten mit einer 30 m breiten Waldschneise zum Umspannwerk an der Wien.

Zu dieser Zeit dürfte der mittlerweile verstorbene Erstautor des Buches im Lainzer Tiergarten eine leitende Funktion angenommen haben. Hatte er bisher distanziert kritisch über die Jagdnutzung berichtet, lamentiert er in seinem Text ab da plötzlich über Jugendliche, die sich „fanatisch für Tier- und Naturschutz einsetzten“, und damit gegen die Nutzung des Lainzer Tiergartens als Jagdgatter auftraten. 1973 wollte man das Entlaubungsgift Tormona gegen die Hainbuchen im Lainzer Tiergarten einsetzen, doch heftige Proteste konnten das bald beenden. 1975 seien auch die Proteste gegen die Gatterjagd aufgeflammt, eine Ende derselben sei aber nie in Betracht gezogen worden, schreibt der Autor. 1993 sind 4 Millionen Schilling als Jagdeinnahmen verbucht. Zur Fütterung habe man im selben Jahr 400 Ballen Grassilage, 400 m³ Maissilage, 100 Tonnen Mais, 30 Tonnen Rüben und 1,5 Tonnen Salz verwendet.

Der Naturschutzstatus, den Göring dem Lainzer Tiergarten gegeben hatte, blieb bis 1998 bestehen, als das Wiener Naturschutzgesetz erlassen wurde. Dieses sollte die rein wirtschaftliche Nutzung des Lainzer Tiergartens unterbinden, sondern von der Erhaltung der „Eigenart des Schutzgebietes“ abhängig machen. 2007 wurde der Lainzer Tiergarten zum Europaschutzgebiet erklärt und 2008 dafür ein Managementplan entwickelt, der aber immer noch die Nutzung als Jagdgatter nicht einschränkte. Auf Seite 143 des Buches steht dann tatsächlich, dass es zu regelmäßigen Diskussionen über den Umgang mit der Jagd im Lainzer Tiergarten kam und „zugleich protestierte der Verein Gegen Tierfabriken (VGT) gegen die unzeitgemäße Jagd im Schutzgebiet“. Ab 2015 wurde deshalb eine „Arbeitsgruppe Lainzer Tiergarten“ unter Beteiligung des VGT eingerichtet, die schließlich den bekannten neuen Managementplan erstellte, der eine Auflösung des Jagdgatters bis 2021 vorsieht. Der Rest ist Geschichte.

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