Christlich-konservativer Extremismus

20130828_stitten-butter2kleinDer Attentäter von letzter Woche, mit Buttersäure gegen TierschützerInnen, stammt aus einem extremistischen christlich-konservativen Milieu. An und für sich halte ich die Bezeichnungen „radikal“ oder „extremistisch“ für nicht sehr sinnvoll, sie sind meist nur als Beleidigung gedacht. Wenn die christlich-konservative Presse z.B. vom Tierschutz berichtet, der über Tierschutzarbeit hinausgeht und politische Ansprüche stellt, hängt sie am liebsten ein „radikal“ oder „extremistisch“ an, um gleich klar zu stellen, was von diesem Tierschutz zu halten ist. Doch bei „extremistisch christlich-konservativ“ will ich eine Ausnahme machen. Das deshalb, weil sich christlich-konservative Personen selbst nie als radikal oder extremistisch sehen würden, ja, eigentlich überzeugt sind, dass das ein Widerspruch sei. Konservativ sei gemäßigt, christlich wiederum sei grundsätzlich gut und daher mit den negativ behafteten Eigenschaftsworten „radikal“ und „extremistisch“ nicht zu bezeichnen. Die reservieren wir lieber für den Islam. Es gibt ja auch kein Kapitel für christlich-konservativen Extremismus im Verfassungsschutzbericht. Christlich-konservativ ist eben die bürgerliche Elite, die Bewahrerin des Wahren, Schönen und Guten. Oder doch nicht?

Kürzlich war ich in der Basilika in Mariazell, um aus historischen Gründen die Holzstatue der Maria mit ihrem Kind – angeblich aus dem 12. Jahrhundert – zu betrachten. Zur gleichen Zeit wurde eine Messe gelesen und der Priester hielt eine Predigt. Der größte Massenmord der Geschichte, wurde in die heiligen Hallen gebrüllt, sei die Abtreibung. Viel schlimmer noch als jeder Krieg, jeder Genozid. Mord an Unschuldigen durch die eigene Mutter! Diese unerträgliche Grausamkeit werde sich noch rächen und auf unsere Gesellschaft zurückfallen usw. Die Kirche war voll mit andächtig lauschenden Gläubigen. Nennt man so etwas nicht eine Hasspredigt? Werden da nicht Menschen aufgehustet, mit Gewalt einzuschreiten? Ist das kein christlich-konservativer Extremismus?

Vor einiger Zeit beschwerten sich Eltern darüber, dass ihre Kinder in der Volksschule dem christlichen Kreuz an der Wand ausgesetzt werden, obwohl sie nicht an diesen Christengott glauben und ihre Kinder vor diesem Glauben schützen wollen. Der Attentäter, so wird mit Fotos belegt, hat an Demos gegen dieses doch völlig harmlose und nachvollziehbare Ansinnen teilgenommen. Sollen also „Nichtgläubige“ mit Gewalt dem Kreuz ausgesetzt werden? Der Attentäter hat im Rahmen solcher und ähnlicher Demos kritische Personen, die sich für die Trennung von Staat und Kirche engagieren, sogar tätlich angegriffen.

Wie weit das bürgerliche, christlich-konservative Missfallen gegen Proteste an sich geht, konnte man anhand der Medienberichte zum Attentat verfolgen. Der ORF saß einer vermutlich vorsätzlich lancierten Falschmeldung auf, die wackeren Angestellten von Kleider Bauer, als die anständigen VertreterInnen von Bürgertum und Wirtschaft bei diesem Vorfall, hätten die TierschützerInnen gerettet und den Attentäter unschädlich gemacht. Wer sonst, fragt sich das bürgerliche Hirn. Und die Tageszeitung „Die Presse“ berichtete überhaupt gleich: Bei einer neuerlichen Attacke von Aktivisten des VGT – vermutlich mit Buttersäure – auf eine Kleider Bauer Filiale in Wien-Mariahilf sind am Mittwoch nach Polizeiangaben 10 Personen verletzt worden. Die protestierenden TierschützerInnen sind die ExtremistInnen, also müssen auch sie die Gewalt ausgeübt haben. Christlich-konservativen Extremismus gibt es ja nicht.

Oder doch? Es ist das christlich-konservative Eck, zumindest in Österreich, das sämtlichen Tiermissbrauch politisch absichert und verbreitet. Es ist dieses Eck, das die gesamte Tierschutzcausa lanciert hat. Es ist dieses Eck, das den Mafiaparagraphen instrumentalisiert, um seine Pfründe abzusichern, und den Tatbestand der Nötigung uminterpretiert, um vernünftige Proteste gegen das Primat des Brutalkapitalismus‘ zu kriminalisieren. Und es ist dieses Eck, das die Attentäter schickt, um TierschützerInnen zu verletzen und zu terrorisieren.

Es wird Zeit für ein neues Kapitel im Verfassungsschutzbericht: „christlich-konservativer Extremismus“!

6 thoughts on “Christlich-konservativer Extremismus

  1. Grand Blanc says:

    @ ‚Info‘

    Danke für die Klarstellung!

    Das Ziel, rechtsextremes Treiben zu bagatellisieren, wurde so oder so angepeilt. Offensichtlich wollte die ÖVP auch nach der klaren Abwahl der schwarz/orangen Regierung 2005 (?) das braune Lager als Koalitionsreserve warm halten.

  2. susanne v. says:

    Extremistische Christen gibt es derzeit vor allem in den USA. Bei uns haben sie derzeit wenig zu melden, weil die „Schäfchen“ sich nicht beeinflussen lassen und deshalb sind sie (noch) „gemäßigt“.

    http://kirchensite.de/aktuelles/bistum-aktuell/bistum-aktuell-news/datum/2010/02/21/kock-es-gibt-auch-christliche-extremisten/

    http://www.zeit.de/2013/21/gloria-tv-internetsender

  3. Martin Balluch says:

    @Lilly: Warum soll es keinen christlich-konservativen Extremismus geben? Linksextremismus gibts, und Rechtsextremismus, warum nicht auch christlich-konservativen Extremismus? Ist die politische Ideologie des Austrofaschismus nicht extremistisch? Das war eine faschistische Diktatur der Christlich-Sozialen, mit radikalem Katholizismus, Kreuzen bei jeder Führerrede und Kardinal Innitzer als zentraler Säule der Staatsregierung.

  4. Lilly says:

    Was ist das für ein Schmarren? Christlich-konservativer Extremismus, neuer Modegag um weiter hinter falschen Fassaden Unruhe zu stiften? Der Verfassungs“schutz“ (Neusprech, alles verdreht) steht in Deutschland unter Kritik wegen Mittäterschaft bzw. Unterlassung an Verbrechensaufklärung, das mit Rechts „extremismus“ etkettiert wurde.
    Wer sich vom Kreuz bedroht fühlt hat einen beengten Horziont.

  5. Info says:

    „Nach einem Kuhhandel in der FPBZÖVP-Regierung wurde nach meinem Verständnis das Kapitel “Rechtsextremismus” aus dem Verfassungsschutzbericht gestrichen.“

    Ganz so ist es nicht. Ein diesbezügliches Kapitel existiert, wenn auch grob verharmlosend berichtet wird. Dafür werden angebliche „linksextremistische“ Straftaten (tatsächlich ist es, wie bei Polizeistatistiken üblich, eine Anzeigen- und keine Verurteilungsstatistik, d.h. sie bildet 1:1 die ungeprüfte Meinung der Polizei ab) auf wundersame Weise aufgebaucht und vervielfacht, vom Kapitel über „militatenTierrechtsaktivismus“ ganz zu schweigen.

    Was du aber gemeint haben könntest:
    1. Im Jahr 2001 wurde zum letzten Mal der Rechtsextremismusbericht (d.h. ein eigener Bericht zum Thema) veröffentlicht, für 2002 wurde der Bericht anscheinend erstellt, verblieb aber in der Schublade.
    2. Ebenso wird seit dieser Zeit im Kapitel „Rechtsextremismus“ des Verfassungsschutzberichtes nicht mehr über Burschenschaften berichtet, explizite Erwähnungen werden peinlichst vermieden.

    Weil da schwarz auf weiß die Verankerung der FPÖ zu großen Teilen im rechtsextremen Milieu dokumentiert wurde, was dem Regierungspartner nicht gefiel. Seitdem ist es bei diesem amtlichen Zudrücken des rechten Auges geblieben. S. z.B. http://www.stopptdierechten.at/2013/04/14/warum-gibt-es-keinen-rechtsextremismusbericht/

    Speaking of: Der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2012 ist bereits überfällig – erscheint normalerweise im Juli, spätestens August. Mensch darft gespannt sein, wie in punkto Tierrechtsaktivismus die eigenen Denunziationen gerechtfertigt werden, ohne allzu offensichtlich dem rechtskräftigen gerichtlichen Freispruch zum 278a-Vorwurf zu widersprechen.

  6. Grand Blanc says:

    Nach einem Kuhhandel in der FPBZÖVP-Regierung wurde nach meinem Verständnis das Kapitel „Rechtsextremismus“ aus dem Verfassungsschutzbericht gestrichen.

    Kann ich eine Rückkehr zu der alten Schriftart (Arial?), die wesentlich lesbarer ist, anregen?

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