Depression und Technik

Ist diese technische Entwicklung nicht großartig? Von schnellen Autos, warmen Häusern, superdünnen Fernsehern und App gefüllten Handys, bis zu High-Tech Spitälern, Computern, dem Internet, Flugzeugen und, genau, der Gentechnik. Bereichert und verlängert das alles nicht großartig unser Leben? Müssen wir nicht alle uns äußerst glücklich schätzen, heute statt in früheren Zeiten zu leben, sei es im weltkriegschwangeren 20. Jahrhundert, dem tiefen Mittelalter oder gar der Steinzeit? Klingt überzeugend. Bis man erfährt, dass heute in England der Selbstmord die Todesursache Nummer 1 bei Männern unter 40 ist, und laut WHO die Depression Menschen in noch nie geahntem Ausmaß weltweit heimsucht. Überall, wo die Technik Einzug hält, ist die Depression auch nicht weit. Das gilt nicht nur für Menschen. Viele unserer Haustiere werden ebenso depressiv, insbesondere Hunde und Katzen, Anti-Depressiva sind laut New Scientist bei Hunden eine der häufigsten Medikamentationen in England, und der Wiener Tierschutzverein hatte in seinem letzten Vereinsheft einen Artikel darüber, wie man depressive Katzen behandeln kann. Was läuft da falsch?

In den letzten 4 Tagen war ich wieder einmal mit einer kleinen Gruppe von Personen verschiedener Spezies in den heimischen Bergen unterwegs, abseits von Wegen auf der Suche nach ursprünglichen Wäldern. Wir haben nie irgendwelche Menschen getroffen, das weglose Gehen war oft mühsam, Wildnis gibt es heute in Österreich nur noch im Steilgelände. Doch hat mir dieses Erlebnis wieder einen Außenblick auf die Depression eröffnet, sozusagen vom Berg runter auf die depressiven Wesen im Tal in der Stadt. Eine Depression, die mich, wieder in der Zivilisation angekommen, von Neuem befällt.

Es gibt meinem Eindruck nach eine Reihe von Aspekten, die in der Wildnis keine Depression aufkommen lassen. Da ist einmal der Umstand, dass man nicht ständig fremden Menschen ausgesetzt ist, die einen weiter schieben, wenn man stehen bleibt, die geschäftig um einen herum hetzen und die hupen oder schreien, wird man langsam und nachdenklich. In der Wildnis fehlt dieser Stress. Um einen herum sind nur vertraute Personen, käme eine Gruppe anderer Menschen, wäre das ein besonderes Ereignis, man begrüßt sich, es kommt zu einer echten Begegnung. In der Stadt dagegen rauscht die anonyme Masse vorbei, man tut so, als würde man niemanden sehen und ignoriert einander. Man befindet sich unter sehr vielen Menschen, ist aber dennoch kollektiv einsam.

In der Steinzeitgruppe in der Wildnis ist man voneinander abhängig. Durch die gemeinsame Problemlösung wächst man zusammen. Die Leute sind nicht mehr austauschbar, man muss miteinander auskommen. In der technisierten Großstadt dagegen genügt eine kleine Missstimmung, und man geht zum nächsten Menschen oder in die nächste Stadt weiter. Das Gras ist am anderen Ufer immer grüner. Also flüchtet man von einer in die nächste Beziehung und sieht überhaupt keinen Grund zu viel Energie in die gegebene Situation zu investieren, um sie zu erhalten. Dasselbe trifft auf die Landschaft zu, gefällt sie nicht, ziehe ich weiter zur nächsten. Bald erkennt man aber, dass man so emotional nie in die Tiefe geht. Mit den abgeflachten Beziehungen, sowohl zu anderen Wesen als auch zur Landschaft, bleibt das Leben oberflächlich und leer.

In der Wildnis herrscht chaotische Vielfalt, die uns tief berührt und bewegt. Ein Urwald mit zahlreichen Baumarten jeder Altersstufe, mit Pflanzen und Tieren im selbstorganisierten Ökosystem, gibt uns ein ganz anderes Gefühl, als die monotonen Fichtenkulturen des heutigen Wirtschaftswaldes, alle paar Meter durch unterschotterte Forststraßen durchbrochen. Ja, man kommt rasch und bequem von einem zum anderen Ort, aber man will nirgends mehr hin, so ermüdet die Einheit das Auge, von der ebenen, leblosen Fahrbahn bis zu den gleichaltrigen Bäumen derselben Art mit geradem Stamm und in Reih und Glied. Unwillkürlich lässt uns dieses Künstliche erschrecken. Einheit statt Vielfalt macht depressiv.

Und die körperliche Bewegung, das Überwinden von Hindernissen, die Probleme der Wildnis, wie Nahrung, Schlafplatz, Essen, Trinken, Blitzgefahr, Steinschlag. Sie alle gibt es in der technisierten Zivilisation nicht mehr. Auf den ersten Blick großartig, deshalb lockt die Stadt zur Landflucht. Doch was bleibt ist ein völlig unerfülltes Leben. Wenn das Wasser aus der Leitung und das Essen vom Fast Food Restaurant gegenüber kommt, jederzeit und in beliebiger Menge, wenn man sich nicht mehr bewegen muss, keine Hindernisse überwinden, dann fehlt der Genuss des Erreichten, das Glücksgefühl nach dem Entkommen der Gefahr, das Körpergefühl nach großer Anstrengung. Das Leben verflacht und bietet nichts mehr. Ohne Mühe keine Befriedigung. Der nicht geforderte Geist fragt, wozu das alles? Ja, das Leben wird bequem, aber was bringt es überhaupt? In England sind 3 Millionen Menschen alkoholsüchtig, meldet das New Scientist. Wenn der aufmüpfige Geist zu laut fragt, muss man ihn ertränken. Wieviele Menschen betäuben regelmäßig hierzulande ihre Sinne, weil diese nicht mehr angewandt werden müssen?

Ich glaube nicht, dass noch mehr Technik den Ausweg aus dieser Misere bietet. Im Gegenteil. Wir brauchen weniger Technik, mehr Ursprünglichkeit und vor allem eine drastische Reduktion der Anzahl der Menschen auf diesem Planeten. Anders wird es nicht gehen.

11 thoughts on “Depression und Technik

  1. Martin Balluch says:

    @Gonzessa

    Die Preventative Services Task Force in den USA hat jetzt der Regierung vorgeschlagen, ausnahmslos alle Menschen einer Untersuchung zu unterziehen, ob sie depressiv sind. Das deshalb, weil die Depression mittlerweile die häufigste Krankheit ist und weil sie, wenn unbehandelt, oft zum Tod führt und daher früh erkannt werden sollte. Was mich bei Ihrer Begeisterung für Zivilisation und Technik interessieren würde: was ist Ihrer Ansicht nach dafür die Ursache? Glauben Sie, dass Menschen als JägerInnen und SammlerInnen vor jeder Zivilisation dieses Problem hatten? Offensichtlich nicht, also ist es erst durch Technik und Zivilisation entstanden. Und zwar deshalb, weil eine technisierte Zivilisation – und das ist meine These – für die psychische Gesundheit bei Menschen (und anderen Primaten) ganz zentrale Punkte vermissen lässt, die aber notwendig wären, um Depression zu vermeiden. Diese Punkte habe ich in meinem Text angesprochen.

    Das ist natürlich kein naturalistischer Fehlschluss, sondern ein naturwissenschaftliches Statement über Fakten in der Welt, ohne jede Bewertung.

    Übrigens habe ich nie irgendwas darüber entschieden, ob ich mit Technik und Zivilisation leben will oder nicht. Ich will nicht, muss aber. De facto hat die technisierte Menschheit bereits die Wildnis des gesamten Planeten vernichtet und daher ist dafür praktisch für kein Lebewesen mehr Platz. Wir sind in das schrecklichste aller Zeitalter, das des Anthropozän, eingetreten. Nirgends mehr kann man dem Dauereinfluss der technisierten Zivilisation entkommen.

    Und „mehr“ wollte auch kein Mensch, wie er die technische Zivilisation entwickelt hat, sondern weniger. Er wollte weniger Gefahren, weniger Mühen, weniger Aufregung. Und ist damit direkt in die Falle gegangen, in der wir uns jetzt befinden. Die technisierte Zivilisation ist wesentlich uninteressanter und reizärmer als jede Wildnis.

  2. xv15 says:

    Vielleicht hat es nicht so sehr mit der Technik selbst als mit den Erwartungen, die in sie gesetzt werden zu tun: Die Erwartung, soziale Probleme mit Technik lösen zu können, ist ja häufig anzutreffen. Genauso oft wird sie auch enttäuscht, und wenn dann die sozialen Probleme trotz (untauglichen) Lösungsversuchs bestehen bleiben, ist die Depression nicht fern …

  3. Ina says:

    Aber bekannt ist schon dass viel Bewegung in freier Natur Depressionen bekämpft. Also weg von der Technik, raus in die Natur – Bewegung im Wald – ein guter Weg zu versuchen der Depression zu entkommen.

  4. Gonzessa says:

    Und Ihre persönlichen, etwas ausgefallenen Vorlieben soll jetzt ein Genesungsrezept für alle Menschen sein? Die Mehrheit der Menschen findet „die Probleme der Wildnis, wie Nahrung, Schlafplatz, Essen, Trinken, Blitzgefahr, Steinschlag“ wohl absolut nicht „stressfrei“ und sehnt sich ganz und gar nicht nach so einem Lebensstil, nicht einmal als Hobby. Die Mehrheit erholt sich auch hervorragend in einem „monotonen Wirtschaftswald“. Und das mit dem Alkohol ist doch eher umgekehrt, oder? Nirgens wird so viel gesoffen wie am Land. Den Leuten scheint dort recht fad zu sein.

  5. Gonzessa says:

    Außerdem stellen Sie hier die Intelligenz und Kreativität der gesamten Menschheit in Frage. Wenn man ihre Verteufelung des Fortschritts und Verherrlichung des Steinzeitlebens im Wald liest so kann man daraus nur eines schließen: Das menschliche Gehirn hätte wohl nie wachsen dürfen.

  6. Michael says:

    Ich glaub schon, dass er recht hat. Alleine die Verlustängste in der materiellen Welt und der „Stress“ immer das Neueste zu haben. Die Gallensäfte schießen hier und da auch mal hoch, wenn ein Gegenstand im Alltag den Dienst verweigert (e.g. Waschmaschine – jetzt ist des Drecksteil scho wieder hin – Stress).

    Was ich dem Artikel aber entnehme ist, dass hier zwischen Stadt (ein extrem des Spektrums) und ursprüngliche Natur (anderes Ende des Spektrums) unterschieden wird. Aber es gibt dazwischen auch noch etwas: Wenn ich e.g. in Sulz im Walde lebe, kann ich mein Leben auch entschleunigen 😉

    @Gonzessa: Ich glaube es geht drum, dass der Mensch immer Beschäftigung braucht … Und eben die angeführten Tätigkeiten gibt’s nicht mehr, daher verstecken wir uns hinter „Scheinbeschäftigungen“ wie einem Smartphone, Kino gehen, Tiere in Schönbrunn suchen, … Des Weiteren sind unsere Urinstinkte sowas von abgestumpft, dass uns im Alltag auch vieles schon schwer fällt (e.g. von Durchhaltevermögen bis Zivilisationskrankheiten durch Essensverzicht).

    Super Artikel!!

    PS: Ich nehme mich nicht aus der Gleichung raus – bin auch infiziert 😉

  7. Gonzessa says:

    @Michael: wiso sind das „Scheinbeschäftigungen“? So gesehen kann man alles als Scheinbeschäftigung sehen. Wozu überhaupt irgendetwas tun? Das ganze Leben ist eine Scheinbeschäftigung, und jeder Einzelne muss selber seinen Sinn darin finden. Jedenfalls hat sich der Mensch freiwillig dazu entschieden aus dem Wald herauszukommen und mehr zu tun als nur nach Futter und Schlafplatz zu suchen. Unsere Vorfahren hatten anscheinend Lust nach mehr. So Scheinbeschäftigungen wie Kunst, Musik und Technik haben ihnen anscheinend mehr Spaß gemacht als die Eintönigkeit des reinen Überlebens. Uns jetzt einreden zu wollen dass das das was unsere Vorfahren schon vor langer Zeit hinter sich gelassen haben das Beste für uns ist erscheint mir daher ein naturalistischer Fehlschluss.

  8. Michael says:

    Najo – “Irgendwas tun” musste man damals um zu überleben 😉 Der Mensch ist aber eine Spezies die ein Problem hat: Sie tendiert dazu zu übertreiben. Aus heutiger Sicht (ja – damals kannte man sie nicht daher kann man mit vollen Hosen gut stinken) würde ich (zeitlich) nicht zurück wollen – stimmt … Aber trotzdem haben wir (so finde ich) verlernt, in Symbiose mit der Natur zu leben … Und daher ist Fortschritt nicht immer gut … Und dieser vermeintliche Fortschritt macht aus meiner Sicht eben krank weil er uns treibt und abstumpfen lässt … Und das von Dir erwähnte Schlagwort „Technik“ ist eben facettenreich und höchst komplex … Also: im richtigen Maß ist Technik gut – im Falschen nicht …

  9. Konrad says:

    Leider kann ich das nachträglich nicht korrigieren: „Axtmörder“ war natürlich gemeint. Und leider habe ich auch noch andere Tippfehler eingebaut …

  10. Konrad says:

    Wie kommst Du eigentlich zur Idee, dass Depression irgendeine Querverbindung zur Technik hätte? Aus meiner Sicht hat der gesellschaftliche Stress genau gar nichts mit Technik aber alles mit unserem zwischenmenschlichen Umgang mit einander bzw. noch grundlegender mit unserer persönlichen Einstellung zu tun. Ähnlich wie bei einem Aktmörder ist nicht die Axt das Problem. Sie ist durchaus ein praktisches Werkzeug. Wer sie als Waffe missbraucht, kann dennoch verheerendes mit ihr anstellen …

  11. Niko says:

    Sehr schöner Text! Ich seh das als Informatik Student ebenso, und sogar unsere Uni Ausbildung (TU Wien) ist dank dem sehr coolen Prof. Steinhardt auch so ausgerichtet, dass wir gerade diese Thematiken ausführlich diskuttieren.
    Ich denk Technik und Technologie sind ein Segen der auch ohnehin immer von selbst früher oder später zustande kommt sobald Bedarf besteht.
    In diesem Sinne seh ich aber eine Technik für die derzeit gigantischer Bedarf da ist jene Technik in unserer Lebenseinstellung und Technologiegestaltung die es uns ermöglicht wieder zur Technologie in sinnvollen Abstand zu kommen. Technologie sollte begleiten, nicht leiten. Und man soll sie loslassen können. Ich find man sollte in der Schule zB jedenfalls mehr in den Wald gehen, lernen wie man mit primitiven Mitteln lebt. Sonst verliert man sich in der technisierten Welt.
    Ich würde sagen die Menschheit ist gerade dabei zu lernen, diesen Abstand wieder zu finden. Oder aber jedenfalls ist es höchste Zeit!

    Das Lustige oder Traurige ist ja dass oft gerade jene Leute die sich viel mit Technologie befassen gerade am besten gelernt hat diesen gesunden Abstand zu wahren. Das ist quasi etwas was wir lernen müssen, und was wir auch in der Schule vlt. unseren Kindern lehren sollten.

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