Legebatterien: wenn uns die Vergangenheit einholt

Anfang der 1990er Jahre, in den Kindertagen der modernen österreichischen Tierschutzbewegung, wurden praktisch ausnahmslos alle Legehühner in Käfigen gehalten. Diese Legebatterien waren geschlossene Fabrikshallen ohne Fenster, mit ausschließlich künstlichem Licht, das lange angeschalten blieb, um den Tieren einen Frühling – die Zeit des Eierlegens – vorzugaukeln. Käfig neben Käfig, oft in 5 langen Reihen übereinander, alles vollautomatisiert. Die BetreiberInnen legen nur einen Schalter um, dann fährt das Futter auf einem Förderband hinein, Eier und Kot kommen auf anderen Bändern wieder heraus. Man brauchte diese Betriebe über 12 Monate hindurch gar nicht zu betreten, automatisierte Eierfabriken eben. Oft fanden wir 3 cm tiefe Staubschichten auf den Gängen ohne menschliche Spuren. Nur die Eierproduktionsrate wurde akribisch verfolgt. Ging diese bergab war es Zeit die Häscher zu rufen, um die Tiere mit frischen Hühnern zu ersetzen. Aus den Käfigen gerissen, an deren Gitterböden die Tiere manchmal festgewachsen waren, weil ihre nie gestutzten Krallen die Drähte umschlossen, stopfte man sie in Transportkisten. Am Weg zum Schlachthof war die Ausfallsrate oft 30% und mehr. Die ausgelaugten Tierkörper konnten nur mehr als Suppenhühner gebraucht werden, ein so geringer Wert, dass sich ein tierfreundlicherer Transport finanziell nicht auszahlte.

Im Laufe der 1990er Jahre wurde diese Tierhölle publik und schließlich zum Paradebeispiel von Tierquälerei. Spätestens ab 2003 war es Zeit, dem einen Riegel vorzuschieben. Der VGT begann seine große Kampagne zum Verbot von Legebatterien. Am historischen 27. Mai 2004 war es dann soweit: das Parlament sprach sich einstimmig für ein absolutes Verbot aus, das auch die sogenannten ausgestalteten Legebatterien umfasst. Letztere bieten den Hühnern etwas mehr als 1 A4-Seite pro Tier Platz und in den Käfigen befinden sich eine Fußmatte, eine Sitzstange und ein Plastikvorhang als „Nest“. Das Verbot trat am 1. Jänner 2005 in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt waren Neubauten von Legebatterien verboten, die bestehenden konventionellen mussten bis Anfang 2009 gesperrt werden, die bestehenden ausgestalteten aber dürfen noch bis 2020 weiterlaufen. Aber genau in diesen 7 Monaten zwischen Mai 2004 und Jänner 2005 bauten 18 Personen rasch noch ausgestaltete Legebatterien, um diese Tierquälerei noch 11 Jahre länger beibehalten zu können. Unter diesen waren 3 große Betriebe. Der letzte, der heute davon noch existiert, ist die Legebatterie Latschenberger in Seitenstetten Dorf im Mostviertel in NÖ.

ÖVP-Bürgermeister Karl Latschenberger hielt seinerzeit schon die größte Anzahl von Batteriehennen aller österreichischen Betriebe, es waren etwa 400.000. Wie ich 2004 für die Zeitschrift NEWS mit ihm, dem Landwirtschaftsminister (damals Josef Pröll) und der SPÖ-Tierschutzsprecherin (damals Ulli Sima) diskutieren sollte, nannte er mich einen Terroristen, mit dem er nicht reden würde. Als das Verbot in Kraft trat, war es wieder Karl Latschenberger, der es ignorierte und erst durch eine VGT-Besetzungsaktion im Herbst 2009 zur Räson gebracht werden konnte. Als ein Strafbescheid aufgrund des Legebatterieverbots bis vor den Verfassungsgerichtshof beeinsprucht wurde, weil dadurch das Eigentumsrecht, mit den eigenen Hühnern beliebig umgehen zu können, eingeschränkt wäre, hielt das Höchstgericht am 24. März 2010 das Verbot aufrecht. Schließlich musste doch auf Bodenhaltung umgestellt werden.

Nur mit einem Betrieb gelang es Latschenberger, unter die Ausnahmeregelung zu rutschen. Angelegt für mehr als 76.000 Hühner, hätte das Bauprojekt in Seitenstetten Dorf eine Umweltverträglichkeitsprüfung bestehen müssen, mit allen Einspruchsrechten durch AnrainerInnen. Das hätte die Inbetriebnahme verzögern können, daher wurden kurzerhand so viele Hühner weniger eingestallt, dass man gerade unter dieser Grenze blieb.

Und so steht diese hässliche Monsterfabrik noch heute im Vollbetrieb in der Landschaft, wie ein Relikt vergangener Zeiten – doch weiterhin eine höllische Tierqual für die betroffenen Hühner. Bis 2020 wird uns dieser Schandfleck menschlicher Profitgier offenbar noch erhalten bleiben.

Aktuelle Bilder der letzten großen Legebatterie Österreichs:

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