Offener Brief an den Tierschutzminister bzgl. der geplanten Besatzdichtenerhöhung bei Mastgeflügel

An Alois Stöger
alois.stoeger@bmg.gv.at

Sehr geehrter Herr Tierschutzminister,

Ende Februar 2014 wurde von einem Beamten Ihres Hauses vor VertreterInnen von NGOs ein sogenanntes „Gesundheitsprogramm im Geflügelsektor“ präsentiert. Darin ging es im Wesentlichen darum, das Fleisch von Hühnern und Puten aus den schrecklichen Mastfabriken für die KonsumentInnen weniger gesundheitsgefährdend zu machen, insbesondere durch Impfprogramme. Nach 37 Seiten und viel Schönfärberei war dann der eigentliche Grund der gesamten Ausführungen im Kleingedruckten zu lesen: Jene Betriebe, die an dem umfassenden Programm teilnehmen und den Mehraufwand annehmen, dürfen zum Ende der Mastperiode eine erhöhte Anzahl an Tieren halten. Damit war die sprichwörtliche Katze aus dem Sack.

Sehr geehrter Herr Minister, als altgedienter Tierschützer habe ich den Anfang der 1990er Jahre noch sehr gut in Erinnerung, wie der Grenzwert für die Besatzdichte in den Masthühnerfabriken mit 30 kg/m² festgelegt wurde. Damals noch auf Ebene der Gesetze und Verordnungen der Bundesländer. Das ist nun 20 Jahre her. Als 2004 das neue Bundestierschutzgesetz verhandelt wurde, trat die Geflügelindustrie erstmals mit ihrer Forderung auf, die Besatzdichten drastisch zu erhöhen. Es wurde vorgerechnet, dass man sich bei einer Steigerung von 30% mehr Hühnern auf derselben Fläche 4-5% Produktionskosten ersparen würde. Doch die Öffentlichkeit votierte in einer Umfrage mit 91% (!) gegen diese Änderung und die 30 kg Lebendgewicht der Hühner pro m² wurden als Verordnung Teil des Bundestierschutzgesetzes.

Seitdem ist die Geflügelindustrie mit immer neuen Ausreden ständig mit derselben Forderung vorstellig geworden. Anfang 2009 haben Sie selbst sogar eine Verordnung zur Erhöhung der Besatzdichten von Masthühnern um 30% in Begutachtung gegeben. Die Reaktionen darauf waren so negativ, dass diese Verordnung nie erlassen wurde. Also ließ sich die Geflügelindustrie wieder etwas Neues einfallen. In einer Eingabe von Oktober 2012 wurde die geplante Besatzdichtenerhöhung erstmals als Teil eines „Tiergesundheitsprogramms“ verkauft. Ihre BeamtInnen scheinen das nun aufgegriffen zu haben – bzw. darauf hereingefallen zu sein – und so planen Sie jetzt erneut, die Besatzdichten zu erhöhen.

Das uns präsentierte „Gesundheitsprogramm“ hat jedenfalls mit Tierschutz absolut nichts zu tun. Ihr Beamter hat das auch gar nicht behauptet. In seiner letzten Folie führte er die Gründe für die Umsetzung dieses Programms an. Da ist von „Verbesserung des Verbraucherschutzes“ und von „Transparenz beim Antibiotikaeinsatz“ die Rede, da soll es eine „Informationsplattform für verbraucherrelevante Themen“ geben und den „Tierhaltern […] große Wettbewerbsnachteile auszugleichen“ versucht werden. Schön und gut, aber für diese löblichen Vorhaben wollen Sie die Masthühner noch mehr leiden lassen, indem sie in noch engere Verhältnisse gepresst werden?

Sehr geehrter Herr Minister, Sie sind Tierschutzminister, die Ihnen zugedachte Aufgabe ist die Verbesserung des Tierschutzes, nicht dessen Ausverkauf für Verbraucherschutz, Transparenz, Information und den Ausgleich von Wettbewerbsnachteilen! Das Tierschutzgesetz verpflichtet Sie dazu, und ebenso das Staatsziel Tierschutz, das seit letztem Jahr in der Verfassung festgeschrieben ist. Nach 20 (!) Jahren ist es Zeit die Haltung von Masthühnern im Sinne des Tierschutzes zu verbessern, nicht einen so zentralen Pfeiler eines Tierschutzstandards zu demontieren!

Ihr Haus beschwichtigt diese Kritik damit, dass man doch sogenannte „Tierschutzindikatoren“ im Schlachthof aufnehmen werde, und wenn ein Betrieb auffällig würde, dann müsste dieser sowieso wieder mit den alten Besatzdichten produzieren. Das ändert leider überhaupt nichts an unserem Einwand.

Erstens sind laut Seite 26 der Präsentation Ihres Beamten lediglich die Verletzungen an den Füssen und die Mortalitätsraten im Betrieb und beim Transport als Tierschutzindikatoren vorgesehen. Aus diesen Indikatoren allein lässt sich doch niemals ablesen, wie sehr die Tiere leiden. Wie Sie sicherlich wissen, gibt es in der Literatur 20 weitere Indikatoren, u.a. wie lebendig sich die Tiere bewegen, die z.B. darauf hinweisen könnten, ob die Hühner psychisch durch die Enge leiden. Niemand würde die zulässige Größe von Gefängniszellen bei Menschen dadurch festlegen wollen, dass man diese immer enger hält und dabei lediglich die Sterberate und die Fußverletzungen ins Auge fasst, um die maximale Besatzdichte festzulegen! Das wäre ein viel zu verengtes Bild der Wirklichkeit von Mensch- und Tierleid!

Zweitens leiden nach dem von Ihnen geplanten Schema die Hühner auf jeden Fall mehr als bisher. Selbst bei den allerschwersten Fußverletzungen und den allergrößten Todesraten wird lediglich auf das heute gültige Gesetz rückgestuft. Eine Verbesserung ist weit und breit nicht in Sicht. Und das war ja, drittens, niemals das Vorhaben, wie die Begründung für dieses „Gesundheitsprogramm“ ja verrät. Wenn Sie Tierschutz gegen Verbraucherschutz eintauschen, dann müssen unter dem Strich die Tiere mehr leiden, damit die VerbraucherInnen dieser erbärmlich drangsalierten Körper der Hühner besser vor Infektionen geschützt sind.

Und viertens gibt es solche Programme mit Tierschutzindikatoren bereits in anderen Ländern und die Erfahrungen sind vom Standpunkt des Tierschutzes aus katastrophal! In England z.B. wird erst dann zurückgestuft, wenn ein Betrieb mit seiner Verletzungs- und Sterberate unter jenes Promille der Betriebe fällt, die vom Durchschnitt am weitesten abweichen. D.h. der Durchschnitt der Betriebe bestimmt, welche Verletzungs- und Todesraten der Tiere als „Norm“ gilt. Eine Erhöhung der Besatzdichten verschlechtert natürlich diese Norm, von der eine Abweichung erst zur Besatzdichtenreduktion führt. Und dabei wurden die Kriterien so gesetzt, dass die Abweichung derart groß sein muss, dass in der Praxis nahezu kein Betrieb darunter fällt.

Ich möchte daher dringend an Sie appellieren, dieses Vorhaben wieder fallen zu lassen. Gerne können Sie den Verbraucherschutz verbessern und Impfprogramme einführen. Doch da gibt es keinen kausalen Zusammenhang zu erhöhten Besatzdichten in den Hühnerfabriken, im Gegenteil, je enger die Tiere miteinander leben müssen, desto mehr Chemie ist notwendig, um sie am Leben zu erhalten. Es darf unter keinen Umständen eine Erhöhung der Besatzdichten von Mastgeflügel geben, sondern wir brauchen eine deutliche Verbesserung der bisherigen Standards, z.B. durch erhöhte Sitzgitter, Beschäftigungsmaterial und eine Beschränkung der Wachstumsgeschwindigkeit. Bitte lassen Sie nicht die Ärmsten der Armen, die Hühner, die in diesen Tierfabriken bereits die Hölle auf Erden erleben, die Zeche für den verbesserten Verbraucherschutz bezahlen. Das wäre nicht nur höchst unmoralisch, sondern auch verfassungswidrig. Der Schutz dieser erbarmungswürdigen Wesen ist Ihre Aufgabe in der Regierung, bitte lassen Sie sie nicht im Stich!

Hochachtungsvoll,

DDr. Martin Balluch
Obmann des VGT

3 thoughts on “Offener Brief an den Tierschutzminister bzgl. der geplanten Besatzdichtenerhöhung bei Mastgeflügel

  1. Barbara says:

    Ich fordere die Politiker auf, endlich etwas für den Tierschutz zu tun und nicht immer alles auf die lange Bank zu schieben. Es ist uns Bürger bekannt, dass ihr inzwischen keine eigene Meinung mehr habt, sondern die Vorgaben der Industriellen leben. Dafür haben wir euch nicht gewählt.
    An den Bestechungsgelder, die ihr gerne nehmt, klebt viel Blut, damit kann man nicht glücklich und zufrieden leben.
    Ihr solltet euch schämen, unsere Mitgeschöpfe, die keine Stimme haben und sich nicht äussern können, so zu behandeln. Seht sie nicht als Nutztiere. Immerhin machen sie satt, so denkt ihr. Es heisst nicht, dass euer Amt euch die Macht gibt, über Leben und Tod zu entscheiden. Ändert etwas. Ihr seit noch aus der Steinzeit, es wird höchste Zeit junges, unbestechliches , zielorientiertes Personal , gegen euch alten verklemmten, nicht abweichenden Methoden, auszutauschen.

  2. RW1957 says:

    Sehr geschätzter Herr DDr. Balluch!
    Danke, dass Sie sich auch jetzt wieder für Hunderttausende wenn nicht gar Abermillionen ärmster Kreaturen einsetzen. Angesichts dessen, was in Ihrem Brief steht und wie es unter anderem auch in den Tierschutznachrichten des Aktiven Tierschutzes Steiermark zu lesen ist, ist es schon absurd, dass das Bundesministerium für Gesundheit ausgerechnet einen „Bundestierschutzpreis 2014“ ausgelobt hat und Minister Stöger dazu wie folgt zitiert wird:
    „Alle Tiere bedürfen unseres Schutzes sowie der Akzeptanz und Rücksichtnahme auf ihre speziellen Bedürfnisse und Verhaltensweisen.“
    http://bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Tiergesundheit/Tierschutz/Bundestierschutzpreis/

  3. Susanne Veronika says:

    Ich habe schon am 1. April einen Brief geschrieben:

    An den
    Herrn
    „Tierschutzminister“ Stöger!

    Jetzt weiß ich warum ich aus der SPÖ ausgetreten bin und diese Partei auch nicht mehr wähle.

    „Nun kündigte Tierschutzminister Alois Stöger, SPÖ, in der Sitzung der Tierschutzkommission im Parlament vom 28. März 2014 eine neue Verordnung zum Tierschutzgesetz an, die die Besatzdichte bei Masthühnern um 30% und bei Puten um 50% erhöhen würde. Bei der Anzahl der Vögel, die in eine Masthalle gestopft werden dürfen, handelt es sich aber um einen wesentlichen Tierschutzstandard, der in Österreich seit bereits 20 Jahren unverändert gilt.“
    Ich könnte genausogut die ÖVP wählen, da besteht wirklich absolut kein Unterschied mehr. Wie traurig dass diese Partei auch keinen Respekt vor dem Leben anderer Lebewesen hat. Dass ausgerechnet ein „Tierschutzminister“ sich als Tierquäler erweist – denn was da geschehen soll ist reine Tierquälerei – ist eine Ironie des Schicksals. Man hat den Bock zum Gärtner gemacht.

    Leider bleibt uns Staatsbürgern keinerlei Mitspracherecht in unserer Parteiendiktatur. Man kann nur wählen zwischen Pest und Cholera, was ich nicht will und was allerdings nicht alleine den Tierschutz betrifft, sondern auch viele andere Aspekte der österreichischen Politik. Deshalb wähle ich gar nicht mehr. Es ist eine Schande wie die SPÖ immer mehr abwirtschaftet. Anscheinend kann man in diesem Land nichts Gutes mehr erwarten und muss immer mit dem Schlimmsten rechnen. Falls es wirklich wahr ist, was Tierschützer behaupten, bleibt als einziger Ausweg nur mehr Voodoo, wenn man etwas bewirken möchte, denn Protestaktionen sind ja theoretisch auch schon verboten worden.

    Bitte ersparen sie mir und sich selbst (wer immer für das Lesen und Beantworten von Briefen an die diversen Politiker zuständig ist) das übliche Blablabla als Antwort. So blöd wie man glaubt, sind die meisten Leute nicht.

    Mit sehr unfreundlichen Grüßen

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