Abolitionismus

Das Gift des Abolitionismus

Vor einiger Zeit habe ich im Rahmen unserer Kampagne gegen den Schweine-Vollspaltenboden von einer Stroh-Freilandhaltung von Schweinen berichtet, die eine veritable Alternative darstellt: https://martinballuch.com/zu-besuch-bei-einem-etwas-anderen-schweinebetrieb/. Friedrich Mülln, der als sogenannter Abolitionist sehr vehement gegen den Reformismus im Tierschutz auftritt, hat daraufhin offenbar in seiner Bubble einen Shitstorm gegen mich losgetreten. Inhaltlich bin ich darauf schon eingegangen: https://martinballuch.com/zur-abolitionistischen-kritik-an-meinem-positiven-bericht-von-einem-schweinebetrieb/ und https://martinballuch.com/die-balluch-kurve/. Ich möchte meine Reaktion nun zur Trilogie komplettieren.

Mülln war lange Zeit im Rechercheteam verschiedener Tierschutzorganisationen in Österreich, insbesondere der Vier Pfoten, tätig und hat dann in Deutschland den Verein „SOKO Tierschutz“ gegründet. Dabei machte er sich mit spektakulären und sehr verdienstvollen Aufdeckungen einen Namen, z.B. durch die Infiltration des Tierversuchslabors LPT mit entsprechenden undercover Aufnahmen, die sogar zur – wie ich höre temporären – Schließung dieses Labors geführt hat.

Das ist alles gut und schön und lobenswert. Als problematisch erachte ich aber, dass diese Aufdeckungen nicht mit reformistischen Kampagnen kombiniert werden, die zu echten, bleibenden Änderungen im Umgang mit Tieren in der Gesellschaft führen. Klingt ja wie ein Erfolg, wenn ein Tierversuchslabor schließt, aber gibt es deswegen weniger Tierversuche? Soll das Ende der Tierversuche dadurch erreicht werden, dass ein Tierversuchslabor nach dem anderen durch Aufdeckungen von Skandalen zum Schließen gezwungen wird? Offensichtlich nicht. Und in diesem Fall, so wurde mir behördlicherseits mitgeteilt, hat das Tierversuchslabor sogar wieder geöffnet. Aber selbst wenn nicht, würde das an meinem Argument nichts ändern. Klar ist, dass andere Labors die entsprechenden Tierversuche übernehmen. Weniger sind sie ja laut Statistik – vor allem deshalb – nicht geworden. Dasselbe gilt für die Schließung besonders skandalöser Tierfabriken oder Schlachthäuser. So wird die Fleischproduktion nie enden, ja nicht einmal weniger werden. Und der Weg über die zunehmende Veganisierung der Gesellschaft durch sukzessives Überzeugen einzelner Personen wird auch nicht erfolgreich sein, wie ich nach 35 Jahren Erfahrung im obigen Link zur Balluch-Kurve ausgeführt habe.

Faktum ist, dass die Wirkung von der Aufdeckung eines skandalösen Umgangs mit Tieren nur sehr kurz anhält. Wenige Tage später gehen alle zur Tagesordnung über und die Bilder sind vergessen. Selbst wenn Mülln jahrzehntelang einen Skandal nach dem anderen aufdeckt, ist alles beim Alten, wenn er irgendwann in Pension geht. Die ganze Arbeit im Wesentlichen umsonst, die Gesellschaft so, als wäre Mülln nie aktiv gewesen. Ist das nicht schade? Dabei hätte man mit diesen Aufdeckungen im Rahmen reformistischer Kampagnen echte Änderungen erreichen können, die bleiben. Eine echte Verbesserung, die noch da ist, wenn man selbst abtritt. Bemerkenswert, übrigens, dass Mülln radikal gegen Reformkampagnen für bessere Tierschutzgesetze eintritt, aber die vorhandenen Tierschutzgesetze für seine Skandalisierungen verwendet und auch immer Anzeige erstattet. Gut, dass er diesbezüglich auf den Schultern erfolgreicher Reformkampagnen steht, die er aber bekämpft.

Was haben Friedrich Mülln, Clemens Arvay (Corona Schwurbler) und Sebastian Bohrn-Mena (Narziss und Dampfplauderer) gemeinsam? Sie löschen rigoros jeden kritischen Kommentar in ihren Sozialen Medienkanälen. Warum? Weil sie sich auf diese Weise eine Bubble schaffen, die sie reiten können. Es reicht ihnen, ein Bubble-Guru zu sein. Ändert man so die Gesellschaft? Nein. Der Anspruch geht spätestens verloren, wenn man die öffentliche und offene Diskussion scheut. Hat Mülln also gar nicht diesen Anspruch?

Auf der letzten internationalen Tierrechtskonferenz in Luxemburg sprach Mülln zum Thema „The poison of reformism“, also das Gift des Reformismus. Zugegeben, ich habe mir das nicht angehört. Aber die zahlreichen Angriffe auf Organisationen, die reformistische Kampagnen führen, kulminierten laut Erzählungen in der Behauptung, sie würden die Tierbefreiung hinaus zögern. Das deshalb, weil diese laut Mülln unmittelbar bevor stünde. Kolportiert wurde mir, dass er davon ausgeht, dass 2030 die Gesellschaft vegan geworden sein soll.

Also für jeden Menschen, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht, ist diese Behauptung total absurd. Ein nahezu religiöses Endzeitszenario, das an die Zeugen Jehovas erinnert. Die Menschen werden aufgefordert, jetzt und hier in den „Endkampf“ einzutreten, weil der nicht mehr lange dauern werde. Das Ende der Tierausbeutung ist nahe. Nur leider, wie bei den Zeugen Jehovas, ist diese Utopie kompletter Unsinn. Welche Gesellschaft soll 2030 vegan geworden sein? Deutschland? Oder Österreich? Oder auch die osteuropäischen Länder? Oder auch China? Wer sich in Österreich im ländlichen Raum bewegt, wer in Tourismus Hotspots auf die Speisekarte schaut, oder wer in Kroatien in den Städten oder auf Schiffen veganes Essen sucht, wird sehr rasch erkennen, dass wir von einer veganen Gesellschaft momentan meilenweit (sprich Jahrhunderte) entfernt sind. Wie sollte sich das so rasch ändern?

In der einen oder anderen Großstadt gibt es vegane Lokale. Hurra! Wirklich schön, dass man dadurch in der veganen Nische ein leichteres Leben hat. Aber wieviele Lokale daneben gibt es, die nicht vegan sind? In Estland hat mir vor 10 Jahren etwa eine Person stolz erzählt, dass die vegane Revolution bevor stehe, das erste rein vegane Lokal habe eröffnet. Auf dem Weg dorthin sind wir an gezählten 50 Fleischlokalen vorbei gegangen. Die wurden aus dem Bewusstsein ausgeblendet.

Tierbefreiung ist möglich, ich setze mich seit Jahrzehnten dafür ein. Aber weder ist das Ende der Tierausbeutung vor der Tür, noch führt der Weg dorthin durch die Veganisierung einzelner Personen oder das reine Aufdecken von Skandalen im Umgang mit Tieren. Der einzige realistische Weg ist via Reformen. Das habe ich in den obigen Links ausführlich begründet.

Ich stelle dem Vortragstitel von Mülln den Titel dieses Blogeintrags entgegen: „Das Gift des Abolitionismus“. Mülln selbst hat uns schon gezeigt, wie giftig Abolitionismus sein kann. Nicht durch den Shitstorm gegen mich. Aber Mülln hat Sebastian Joy, dem Obmann von Pro-Veg, einer Organisation, die sich für die Veganisierung der Gesellschaft engagiert, bei dessen Vortrag auf einer Tierrechtskonferenz ein totes Huhn auf den Tisch geknallt. Joy sei für den Tod von Hühnern verantwortlich, weil er fleischverkaufende Firmen dazu bringe, vegane Produkte ins Sortiment aufzunehmen, und dadurch diese indirekt bewerbe und salonfähig mache. Der einzig erlaubte weg, laut Bubble-Guru Mülln, ist offenbar das Aufdecken von Skandalen und das Veganisieren einzelner Personen.

Ich denke, man sollte Mülln bei seinem nächsten Vortrag ein totes Schwein auf den Tisch knallen. Und zwar deswegen, weil er durch seine Weigerung, auf Basis seiner Aufdeckungen reformistische Kampagnen durchzuführen, für den Tod von Millionen Schweinen verantwortlich ist, die sonst nicht sterben würden. Die Haltung von Schweinen auf Stroh statt auf Vollspaltenboden, mit deutlich mehr Platz, reduziert nämlich die Mortalität der Tiere um das 3 bis 7 fache. Also ganz deutlich und langsam zum Mitdenken: In Österreich werden 5 Millionen Schweine pro Jahr im Schlachthof getötet und zu Fleisch verarbeitet. Davor sterben 700.000 Schweine an den schlechten Haltungsbedingungen, bevor sie zum Schlachthof kommen. Es werden also 5.700.000 Schweine pro Jahr eingestallt, um den jetzigen Schweinefleischkonsum zu befriedigen. Wenn die Haltung so viel besser ist, dass nur noch 100.000 Schweine pro Jahr an den Haltungsbedingungen sterben, dann müssen für dasselbe Fleischproduktionsvolumen nur mehr 5.100.000 pro Jahr eingestallt werden, also 600.000 weniger. Das heißt mit einer besseren Haltung leiden und sterben 600.000 Schweine allein in Österreich pro Jahr weniger. Auf Deutschland umgelegt sind das viele Millionen. Millionen von Schweinen, die jährlich leiden und sterben, weil Mülln keine Reformkampagnen macht. Auch Unterlassung macht mitschuldig. Mit den tollen Aufdeckungen der SOKO Tierschutz aus Tierfabriken könnte Mülln eine Reformkampagne in Deutschland auslösen, die letztlich erfolgreich ist, und die, ich wiederhole mich, Millionen von Schweinen jedes Jahr das Leben rettet. Aber er tut es nicht. Aus ideologischer Überzeugung. Das ist das Gift des Abolitionismus.

Die Balluch-Kurve

Wer kennt sie nicht, die Ausrede der Tierindustrie bis hinauf zur Landwirtschaftsministerin: Wenn die Menschen wirklich Stroh für Schweine wollen würden, dann würden sie doch nur Fleisch von Strohschweinen kaufen! Da aber das Bio-Schweinefleisch – immer mit Stroh – bei wenigen Prozent Marktanteil grundelt, wollen die Menschen laut Landwirtschaftsministerin das gar nicht, egal was Umfragen sagen. Die sprechen nämlich eine ganz andere Sprache: 96 % wollen laut einer Gallup-Umfrage vom August 2019 nämlich Stroh für Schweine. Also was ist da los?

Dass die Dinge so einfach nicht liegen, wie uns Frau Köstinger das verklickern will, zeigt ein Blick auf die Geschwindigkeitsbegrenzung im Ortsbereich. Man stelle sich vor, es gäbe keine. Wie lange fährt man mit 50 km/h dahin, während die anderen an einem vorbei brausen? Ohne Gesetz würde sich niemand an diese Beschränkung halten. Heißt das, die Menschen wollen keine Geschwindigkeitsbegrenzung im Ortsbereich? Sicher nicht. Sie wollen eine, an die sich die anderen halten. Dann und nur dann sind sie auch dazu bereit.

Auch unsere IFES-Umfrage zu Beginn der Kampagne für ein Verbot der Legebatterien im Jahr 2002 hat ein ähnliches Bild gezeigt: 86 % der Menschen wollten ein Legebatterieverbot, aber 80 % der Menschen kauften Käfigeier. Nun, als das Verbot kam, hat sich niemand aufgeregt. Heute gibt es keine Käfigeier mehr im Handel, und das seit 14 Jahren. Kaum war das Gesetz da, waren alle bereit auf Käfigeier zu verzichten, solange die anderen das auch mussten. Es hat also ein Gesetz gebraucht, um das Verhalten der Menschen zu ändern, obwohl dieselben Menschen schon vor dem Verbot angaben, eigentlich keine Käfigeier zu wollen. Man könnte es auch so formulieren: wenn man vor dem Legebatterieverbot Käfigeier boykottiert hat, dann änderte das gar nichts. Die anderen kauften noch immer die Käfigeier und die Legebatterien blieben bestehen. Das frustriert, und bald greift man auch wieder zu den Billigeiern.

Nein, die Menschen sind nicht schizophren. Sie sind einfach mehr sozial als rational. Sie wollen nicht gerne aus der Menge heraus stechen. Ja, und sie fühlen sich schnell von anderen übervorteilt, denen alles egal zu sein scheint. Aber jetzt der Reihe nach.

Der Übergang in einer Gesellschaft von kompletter Willkür gegenüber Tieren, also einem Verhalten ohne jede Rücksichtnahme, bis zum totalen Respekt gegenüber Tieren, ihnen also keine Gewalt anzutun, ist fließend. Tatsächlich mag es philosophisch grundsätzliche Unterschiede zwischen Tierschutz und Tierrecht geben, politisch und psychologisch dagegen gehen die beiden kontinuierlich ineinander über. Ja, man kann den Respekt gegenüber Tieren Schritt für Schritt erhöhen, wie das auch in der Geschichte geschehen ist. Und der Übergang zu Grundrechten stellt dabei auch keine Hürde dar. Mary Midgely z.B. hat sogenannte „schwache“ Tierrechte vorgeschlagen, die so lange gelten, so lange sie nicht mit Grundrechten von Menschen kollidieren. Man könnte manchen Tieren den Personenstatus nach dem AGBG verleihen ohne neue Grundrechte. Diese Tiere könnten dann anwaltlich vor Gericht vertreten sein, Geschäfte tätigen, etwas besitzen und nicht mehr besessen werden, und die Umsetzung des Tierschutzgesetzes erzwingen. Sie sind dann keine Objekte sondern Subjekte im Sinne des Rechtssystems, sie haben aber dennoch keine Grundrechte.

Wir haben also ein Kontinuum von brutalster Tiernutzung zu totaler Befreiung von menschlichem Zwang. Die Kurve oben, die „Balluch-Kurve“, stellt jetzt ein solches Kontinuum von links – brutale Tiernutzung (z.B. Hundekämpfe) – bis nach rechts – totale Gewaltfreiheit (z.B. Veganismus) – dar. Das ist kein quantitativer Graph, sondern eine qualitative Veranschaulichung. Deshalb gibt es auch keine y-Achse (hinauf). Wir stellen uns nun vor, dass die Menschen in der Gesellschaft kleine Kügelchen auf dieser Kurve sind, die frei nach links und rechts rollen können. Die Kurve ist dann eher wie eine Tischplatte auf der Erde zu sehen, die Kügelchen rollen immer nach unten.

Nun, das, was ich als das System in der Gesellschaft bezeichnen würde, gibt die Struktur dieser Kurve vor. Momentan ist sie in etwa so, wie gezeigt. Wie ist das zu verstehen?

Legen wir ein Kügelchen zunächst ganz nach links hinauf, zur brutalen Tierfolter aus Spaß. Dieses Kügelchen repräsentiert also einen Menschen, der z.B. Hundekämpfe veranstaltet. Dort ist die Kurve sehr steil, d.h. das Kügelchen wird durch das System zu mehr Tierfreundlichkeit nach rechts getrieben. Man muss schon sehr viel Energie aufwenden, um dort oben zu bleiben. Tatsächlich sind Hundekämpfe verboten und sozial geächtet. Wer sie betreibt, muss das also so ziemlich überall geheim halten, muss sich verstellen, vielleicht sogar die eigene Familie anlügen. Aber diese Person muss sich auch ständig über die Schulter schauen, ob nicht die Polizei kommt, ob es nicht undercover Tierschützer:innen gibt, die sie heimlich filmen, oder ob den Nachbar:innen irgendetwas aufgefallen ist. Das System, bestehend aus Gesetzen und deren Exekution, aber auch der moralischen Haltung in der Gesellschaft und der Erhältlichkeit von Produkten und deren Preis, verhindert Hundekämpfe weitgehend. Es dauert nicht lange, und das Kügelchen, das diese Person repräsentiert, rollt nach rechts. Und zwar rollt es bis zum tiefsten Punkt. Dort bleibt es liegen.

Dieser Punkt repräsentiert jenes Verhalten in der Gesellschaft, das einem das System nahelegt, das keinen Energieaufwand bedeutet, an dem man einfach mit dem Strom mitschwimmt. Man quält dann Tiere zwar nicht zum Spaß, aber man nimmt in Kauflaune und ohne viel nachzudenken einfach die Produkte in Kopfhöhe im Regal, die Billigsten, die alle anderen nehmen. Man macht einfach bei allem mit, was in der Gesellschaft so gemacht wird. Ob in Restaurants, bei Grillfesten oder an der Würstelbude. Heute ist dieser Punkt durch den Kauf und Konsum von Massentierhaltungsprodukten definiert. Da braucht man nicht nachzudenken, keine Inhaltsstoffe lesen, keine Fragen stellen, nicht heraus stechen. Man ist und isst wie alle anderen, wie es die Werbung nahelegt.

Sagen wir, die Person, deren Kügelchen hier in der tiefsten Senke liegt, stößt jetzt auf die Filme aus einer Tierfabrik und ist entsetzt. Ab sofort will sie nur mehr Biofleisch essen. Das Kügelchen springt rechts steil hinauf. Und steil ist es dort, weil es sich als gar nicht so leicht herausstellt, nur Biofleisch zu konsumieren. Man wird nach links Richtung Konsum von Massentierhaltungsprodukten gezogen. Im Supermarkt gehts ja vielleicht noch, Biofleisch zu finden, obwohl sich das Angebot in Grenzen hält. Aber, sagen wir, diese Person geht mit Freund:innen auf den Fußballplatz und danach zur Würstelbude essen. Bei der Würstelbude gibts im Allgemeinen kein Biofleisch, da muss man gar nicht fragen. Gibts einen Salat? Nein. Also nur Pommes Frites, oder hungern. „Warum bist Du so kompliziert?“, sagen die Freund:innen und beißen schmatzend in die Burenwurst. Nein, kompliziert sein will man nicht. Also auch Burenwurst essen? Das System beginnt seine gnadenlose Arbeit, die Menschen dazu zu bringen, gegen ihre Überzeugung zu handeln.

Sagen wir, unsere Person blieb standhaft. Jetzt heißt es immer nachfragen, die meisten Restaurants zu meiden und wenn sie mit Freund:innen ausgeht, beim Essen zu passen, auch wenn die ständigen Witzchen an den Nerven zehren. Vielleicht ist die Person durch die Aufdeckungen über den Tiermissbrauch in Tierfabriken und Schlachthöfen sogar vegetarisch oder vegan geworden. Das Leben wird damit zunehmend komplizierter. Ja, und dann kommt ein Ereignis, das unsere Person aus der Bahn wirft. Vielleicht verliert sie den Job, vielleicht wird sie von einer Partner:in verlassen, vielleicht stirbt jemand in ihrer Nähe, vielleicht bekommt sie aber auch einfach nur Kinder und hat andere Lebensschwerpunkte. Und schon ist nicht mehr genug Energie da, um den Kampf gegen die Strömung durchzuhalten, und das Kügelchen rollt wieder zurück in die Senke.

Wir wissen von vegan und vegetarisch lebenden Menschen, dass die allermeisten wieder in die Senke zurück fallen. Das System ist stärker. Nur eine vielleicht 5 % große Gruppe mit ausreichend Pioniergeist hält sich da rechts oben. Mit anderen Worten: der vegan outreach und die Aufdeckungen z.B. des VGT schaufeln ständig Menschen rechts die Kurve hinauf, aber sie rollen früher oder später wieder zurück. Eine Sisyphusarbeit. Das System zwingt die Menschen gegen ihre moralische Einstellung zu leben. Sie sind moralisch für ein Legebatterieverbot/Stroh für Schweine, kaufen und konsumieren aber Käfigeier/Schweinefleisch vom Vollspaltenboden.

Wie könnte man die Menschen unterstützen, dass sie rechts oben bleiben können? Durch eine Erleichterung des vegetarischen/veganen Lebens. Und dafür habe ich mit meinem Bruder und meiner damaligen Partnerin 1999 die Vegane Gesellschaft Österreich gegründet. Sie vergibt ein Vegansiegel, sodass die tierfreien Produkte leicht erkennbar sind, sie organisiert vegane Kochkurse für angehende Köch:innen, sie verbreitet Informationen über Gesundheitsaspekte, vermittelt veganfreundliche Ärzt:innen usw. Diese Tätigkeit kann man als kleine oder größere Delle in der Kurve veranschaulichen. Eine zweite Senke beim Vegetarismus oder Veganismus, die zwar bei weitem nicht so weit hinunter reicht, wie die tiefste Senke, aber immerhin etwas zum Anhalten bietet, einen gewissen Schutz gegen den Absturz in die Hauptsenke. Dann wird es leichter für Menschen, nach ihrer Überzeugung zu leben, doch die Erfahrung zeigt, dass doch irgendwann das Ereignis kommen kann, das sie aus der Bahn wirft und wieder zur tiefsten Senke nach links reißt.

Wir kommen also nicht wirklich weiter, solange wir nicht das System ändern. Stellen wir uns vor, wir verschieben die Senke nach rechts! Wenn das gelingt, dann verhalten sich plötzlich alle Menschen tierfreundlicher, dann zwingt sie das System dazu, selbst wenn das nicht ihre Überzeugung ist. Aber ist das nicht utopisch, das System zu verändern? Ist es nicht. Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es keinerlei Tierschutzgesetze und stattdessen ein Hetztheater in Wien, wo man Tiere aufeinander gehetzt, oder Tiere von Hunderudeln und Menschen hat hetzen lassen. Das „eine Hetz haben“ im Wienerischen für Spaß haben, kommt davon. Die Senke war also ganz links. Und jetzt ist sie das nicht mehr, Hetztheater gibts nicht mehr, der Status von Tieren ist wenigstens so weit angestiegen, dass die Quälerei aus Spaß geächtet wurde. Die Senke ist also bereits nach rechts gewandert.

Aber nicht nur in grauer Vorzeit! Ich erinnere an die Kampagne für ein Legebatterieverbot. War anfangs die Senke bei den Käfigeiern, so ist sie heute bei Bodenhaltungseiern, also weiter rechts. Ebenso beim Zirkus. Bis 2005 gab es etwa ein Dutzend Zirkusse mit Wildtieren in Österreich, mit Elefanten, Löwen, Bären, Tigern usw. Dann wurde es verboten. Heute kann niemand mehr in einen solchen Zirkus gehen, weil es bei uns keinen mehr gibt. Wer unbedingt Elefanten im Zirkus sehen will, muss sich den Aufwand antun, ins Ausland zu reisen. Also mit dem Kügelchen links aus der Senke hinauf.

Das ist daher unsere Aufgabe, wenn wir den Status von Tieren erhöhen, und erreichen wollen, dass ihnen keine Gewalt mehr angetan wird: wir müssen das System verändern, nicht die einzelnen Menschen. Ja, wir müssen zuerst die Menschen überzeugen, aber wenn das erreicht ist – und bei Stroh für Schweine ist es erreicht! – dann müssen wir mit Hilfe dieser öffentlichen Meinung das System verändern, den Vollspaltenboden verbieten und die verpflichtende Stroheinstreu einführen. Und dann müssen wir noch sicherstellen, dass diese Haltungsanforderungen nicht durch Auslandsimporte von Vollspalten-Schweinefleisch unterlaufen werden. Die Kampagne gegen die Legebatterien hat gezeigt, wie das geht. Und es geht.

Der politische Kampf gegen ein System statt gegen Menschen hat auch den großen Vorteil, dass man sich selbst bei aggressiven Gegner:innen immer klar machen kann, dass sie zumindest auch ein Opfer des Systems sind. Zugegeben, die Eiseskälte, die mir von manchen dieser Menschen entgegenschlägt, und die Brutalität, mit der sie auch gegen Tierschützer:innen vorgehen, macht es mir manchmal schwer, nicht an das Böse zu glauben. Aber Faktum bleibt, das System ist schlecht, nicht die Menschen. Mit einem verbesserten System können wir sie alle gewinnen. Fast alle.

Noch nie hatte ein autoritäres System Schwierigkeiten, seine Folterknechte und Geheimpolizist:innen zu finden, wie z.B. in Belarus. Selbst wenn man Polizeigewalt in Österreich kennt, wird man zugeben müssen, dass sie wesentlich geringer ist, als dort. Das ist aber nicht deshalb so, weil die Österreicher:innen bessere Menschen sind, sondern weil das System hier eine derartige Brutalität verhindert.

Ein weiteres, vielleicht ein bisschen politisch heikles, aber dennoch wahres Beispiel betrifft die Ureinwohner:innen von Amerika. George Catlin ging 1831 in die Prärie in den USA, um die dortigen Indianer:innen, die noch kaum Kontakt zu Weißen hatten, zu malen. Für seine Porträts warfen sich die männlichen Modelle in Schale. Und das war unweigerlich ein Gewand, an dem zahlreiche Skalpe flatterten, wie man an seinen Bildern erkennen kann. Das System dieser Gesellschaft damals hat also solche Gewaltakte nicht sozial geächtet sondern gefördert, und sofort treten sie viel häufiger auf.

Unser Ziel muss also sein, ein System der Gewaltfreiheit gegenüber Tieren zu installieren. Und dazu müssen wir die Senke Schritt für Schritt nach rechts verschieben. Und das heißt einfach nur, den Status von Tieren in der Gesellschaft sukzessive zu erhöhen. Je mehr sie respektiert und geschützt werden, desto weniger Gewalt wird ihnen angetan. Das System bedingt das Handeln der Menschen, nicht die Einstellung der Menschen das System. Deshalb ist vegan outreach allein kein Rezept für eine „vegane Revolution“. Wir brauchen auch reformistische Kampagnen, die am System arbeiten.

Aus der Erfahrung lernen: das Verbot des Fasanaussetzens und Reformismus versus Abolitionismus

Jede soziale Befreiungsbewegung, wie die Tierrechtsbewegung, führt dieselbe Diskussion über ihr taktisches Vorgehen und die Grundsatzpositionen: Reformismus versus Abolitionismus, also sollen wir bereit sein, über Reformen zu verhandeln und Kompromisse einzugehen, oder sollen wir das nicht. Auch bei den Grünen in Deutschland war diese Diskussion einmal virulent, nämlich Realos versus Fundis. Wie überhaupt in Deutschland derartige Diskussionen viel virulenter zu sein pflegen, als in Österreich. Die Reformismus-Abolitionismus Diskussion hat aber weltweit an Fahrt gewonnen, als Gary Francione seine Thesen zu verbreiten begann. Lustig, weil er selbst vormals ein Legebatterieverbot z.B. als sehr positiv bewertet hatte. Dann plötzlich der dramatische Wechsel: wer auch nur die geringste Reform im Tierschutz will, sei ein „new welfarist“, der in Wahrheit die Totalausbeutung der Tiere fördere. Als US-amerikanischer Universitätsprofessor im Elfenbeinturm seines Instituts, suchte er sich ausgerechnet den VGT aufgrund unserer erfolgreichen Reformkampagnen als punching ball aus und nannte uns das größte Hindernis in der Umsetzung von Tierrechten.

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