Das Gift des Abolitionismus

Vor einiger Zeit habe ich im Rahmen unserer Kampagne gegen den Schweine-Vollspaltenboden von einer Stroh-Freilandhaltung von Schweinen berichtet, die eine veritable Alternative darstellt: https://martinballuch.com/zu-besuch-bei-einem-etwas-anderen-schweinebetrieb/. Friedrich Mülln, der als sogenannter Abolitionist sehr vehement gegen den Reformismus im Tierschutz auftritt, hat daraufhin offenbar in seiner Bubble einen Shitstorm gegen mich losgetreten. Inhaltlich bin ich darauf schon eingegangen: https://martinballuch.com/zur-abolitionistischen-kritik-an-meinem-positiven-bericht-von-einem-schweinebetrieb/ und https://martinballuch.com/die-balluch-kurve/. Ich möchte meine Reaktion nun zur Trilogie komplettieren.

Mülln war lange Zeit im Rechercheteam verschiedener Tierschutzorganisationen in Österreich, insbesondere der Vier Pfoten, tätig und hat dann in Deutschland den Verein „SOKO Tierschutz“ gegründet. Dabei machte er sich mit spektakulären und sehr verdienstvollen Aufdeckungen einen Namen, z.B. durch die Infiltration des Tierversuchslabors LPT mit entsprechenden undercover Aufnahmen, die sogar zur – wie ich höre temporären – Schließung dieses Labors geführt hat.

Das ist alles gut und schön und lobenswert. Als problematisch erachte ich aber, dass diese Aufdeckungen nicht mit reformistischen Kampagnen kombiniert werden, die zu echten, bleibenden Änderungen im Umgang mit Tieren in der Gesellschaft führen. Klingt ja wie ein Erfolg, wenn ein Tierversuchslabor schließt, aber gibt es deswegen weniger Tierversuche? Soll das Ende der Tierversuche dadurch erreicht werden, dass ein Tierversuchslabor nach dem anderen durch Aufdeckungen von Skandalen zum Schließen gezwungen wird? Offensichtlich nicht. Und in diesem Fall, so wurde mir behördlicherseits mitgeteilt, hat das Tierversuchslabor sogar wieder geöffnet. Aber selbst wenn nicht, würde das an meinem Argument nichts ändern. Klar ist, dass andere Labors die entsprechenden Tierversuche übernehmen. Weniger sind sie ja laut Statistik – vor allem deshalb – nicht geworden. Dasselbe gilt für die Schließung besonders skandalöser Tierfabriken oder Schlachthäuser. So wird die Fleischproduktion nie enden, ja nicht einmal weniger werden. Und der Weg über die zunehmende Veganisierung der Gesellschaft durch sukzessives Überzeugen einzelner Personen wird auch nicht erfolgreich sein, wie ich nach 35 Jahren Erfahrung im obigen Link zur Balluch-Kurve ausgeführt habe.

Faktum ist, dass die Wirkung von der Aufdeckung eines skandalösen Umgangs mit Tieren nur sehr kurz anhält. Wenige Tage später gehen alle zur Tagesordnung über und die Bilder sind vergessen. Selbst wenn Mülln jahrzehntelang einen Skandal nach dem anderen aufdeckt, ist alles beim Alten, wenn er irgendwann in Pension geht. Die ganze Arbeit im Wesentlichen umsonst, die Gesellschaft so, als wäre Mülln nie aktiv gewesen. Ist das nicht schade? Dabei hätte man mit diesen Aufdeckungen im Rahmen reformistischer Kampagnen echte Änderungen erreichen können, die bleiben. Eine echte Verbesserung, die noch da ist, wenn man selbst abtritt. Bemerkenswert, übrigens, dass Mülln radikal gegen Reformkampagnen für bessere Tierschutzgesetze eintritt, aber die vorhandenen Tierschutzgesetze für seine Skandalisierungen verwendet und auch immer Anzeige erstattet. Gut, dass er diesbezüglich auf den Schultern erfolgreicher Reformkampagnen steht, die er aber bekämpft.

Was haben Friedrich Mülln, Clemens Arvay (Corona Schwurbler) und Sebastian Bohrn-Mena (Narziss und Dampfplauderer) gemeinsam? Sie löschen rigoros jeden kritischen Kommentar in ihren Sozialen Medienkanälen. Warum? Weil sie sich auf diese Weise eine Bubble schaffen, die sie reiten können. Es reicht ihnen, ein Bubble-Guru zu sein. Ändert man so die Gesellschaft? Nein. Der Anspruch geht spätestens verloren, wenn man die öffentliche und offene Diskussion scheut. Hat Mülln also gar nicht diesen Anspruch?

Auf der letzten internationalen Tierrechtskonferenz in Luxemburg sprach Mülln zum Thema „The poison of reformism“, also das Gift des Reformismus. Zugegeben, ich habe mir das nicht angehört. Aber die zahlreichen Angriffe auf Organisationen, die reformistische Kampagnen führen, kulminierten laut Erzählungen in der Behauptung, sie würden die Tierbefreiung hinaus zögern. Das deshalb, weil diese laut Mülln unmittelbar bevor stünde. Kolportiert wurde mir, dass er davon ausgeht, dass 2030 die Gesellschaft vegan geworden sein soll.

Also für jeden Menschen, der mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität steht, ist diese Behauptung total absurd. Ein nahezu religiöses Endzeitszenario, das an die Zeugen Jehovas erinnert. Die Menschen werden aufgefordert, jetzt und hier in den „Endkampf“ einzutreten, weil der nicht mehr lange dauern werde. Das Ende der Tierausbeutung ist nahe. Nur leider, wie bei den Zeugen Jehovas, ist diese Utopie kompletter Unsinn. Welche Gesellschaft soll 2030 vegan geworden sein? Deutschland? Oder Österreich? Oder auch die osteuropäischen Länder? Oder auch China? Wer sich in Österreich im ländlichen Raum bewegt, wer in Tourismus Hotspots auf die Speisekarte schaut, oder wer in Kroatien in den Städten oder auf Schiffen veganes Essen sucht, wird sehr rasch erkennen, dass wir von einer veganen Gesellschaft momentan meilenweit (sprich Jahrhunderte) entfernt sind. Wie sollte sich das so rasch ändern?

In der einen oder anderen Großstadt gibt es vegane Lokale. Hurra! Wirklich schön, dass man dadurch in der veganen Nische ein leichteres Leben hat. Aber wieviele Lokale daneben gibt es, die nicht vegan sind? In Estland hat mir vor 10 Jahren etwa eine Person stolz erzählt, dass die vegane Revolution bevor stehe, das erste rein vegane Lokal habe eröffnet. Auf dem Weg dorthin sind wir an gezählten 50 Fleischlokalen vorbei gegangen. Die wurden aus dem Bewusstsein ausgeblendet.

Tierbefreiung ist möglich, ich setze mich seit Jahrzehnten dafür ein. Aber weder ist das Ende der Tierausbeutung vor der Tür, noch führt der Weg dorthin durch die Veganisierung einzelner Personen oder das reine Aufdecken von Skandalen im Umgang mit Tieren. Der einzige realistische Weg ist via Reformen. Das habe ich in den obigen Links ausführlich begründet.

Ich stelle dem Vortragstitel von Mülln den Titel dieses Blogeintrags entgegen: „Das Gift des Abolitionismus“. Mülln selbst hat uns schon gezeigt, wie giftig Abolitionismus sein kann. Nicht durch den Shitstorm gegen mich. Aber Mülln hat Sebastian Joy, dem Obmann von Pro-Veg, einer Organisation, die sich für die Veganisierung der Gesellschaft engagiert, bei dessen Vortrag auf einer Tierrechtskonferenz ein totes Huhn auf den Tisch geknallt. Joy sei für den Tod von Hühnern verantwortlich, weil er fleischverkaufende Firmen dazu bringe, vegane Produkte ins Sortiment aufzunehmen, und dadurch diese indirekt bewerbe und salonfähig mache. Der einzig erlaubte weg, laut Bubble-Guru Mülln, ist offenbar das Aufdecken von Skandalen und das Veganisieren einzelner Personen.

Ich denke, man sollte Mülln bei seinem nächsten Vortrag ein totes Schwein auf den Tisch knallen. Und zwar deswegen, weil er durch seine Weigerung, auf Basis seiner Aufdeckungen reformistische Kampagnen durchzuführen, für den Tod von Millionen Schweinen verantwortlich ist, die sonst nicht sterben würden. Die Haltung von Schweinen auf Stroh statt auf Vollspaltenboden, mit deutlich mehr Platz, reduziert nämlich die Mortalität der Tiere um das 3 bis 7 fache. Also ganz deutlich und langsam zum Mitdenken: In Österreich werden 5 Millionen Schweine pro Jahr im Schlachthof getötet und zu Fleisch verarbeitet. Davor sterben 700.000 Schweine an den schlechten Haltungsbedingungen, bevor sie zum Schlachthof kommen. Es werden also 5.700.000 Schweine pro Jahr eingestallt, um den jetzigen Schweinefleischkonsum zu befriedigen. Wenn die Haltung so viel besser ist, dass nur noch 100.000 Schweine pro Jahr an den Haltungsbedingungen sterben, dann müssen für dasselbe Fleischproduktionsvolumen nur mehr 5.100.000 pro Jahr eingestallt werden, also 600.000 weniger. Das heißt mit einer besseren Haltung leiden und sterben 600.000 Schweine allein in Österreich pro Jahr weniger. Auf Deutschland umgelegt sind das viele Millionen. Millionen von Schweinen, die jährlich leiden und sterben, weil Mülln keine Reformkampagnen macht. Auch Unterlassung macht mitschuldig. Mit den tollen Aufdeckungen der SOKO Tierschutz aus Tierfabriken könnte Mülln eine Reformkampagne in Deutschland auslösen, die letztlich erfolgreich ist, und die, ich wiederhole mich, Millionen von Schweinen jedes Jahr das Leben rettet. Aber er tut es nicht. Aus ideologischer Überzeugung. Das ist das Gift des Abolitionismus.

7 thoughts on “Das Gift des Abolitionismus

  1. Jkob Activist says:

    Hallo Martin, ich wollte nur mitteilen ich hab damals deinen Post kritisiert, weil er *für* eine Tierfabrik war, ich denke die anderen kritischen Kommentare kamen aus demselben Grund.

    Bitte unterlasse in Zukunft Unterstellungen jemand hätte „einen Shitstorm losgetreten“ wenn es einfach nur berechtigte Kritik gab dass du als Obmann des Vereins ‚gegen‘ Tierfabriken Werbung ‚für‘ eine Tierfabrik gemacht hast.

    Es gibt hier keine Verschwörung, Tierschützer*innen und Tierrechtler*innen haben einfach deinen Post inhaltlich kritisiert weil er absolut Anti-Tiere und Pro-Tierindustrie war.

  2. Jak VeganActivist says:

    Hallo Martin, ich wollte nur mitteilen ich hab damals deinen Post kritisiert, weil er *für* eine Tierfabrik war, ich denke die anderen kritischen Kommentare kamen aus demselben Grund.

    Bitte unterlasse in Zukunft Unterstellungen jemand hätte „einen Shitstorm losgetreten“ wenn es einfach nur berechtigte Kritik gab dass du als Obmann des Vereins ‚gegen‘ Tierfabriken Werbung ‚für‘ eine Tierfabrik gemacht hast.

    Es gibt hier keine Verschwörung, Tierschützer*innen und Tierrechtler*innen haben einfach deinen Post inhaltlich kritisiert weil er absolut Anti-Tiere und Pro-Tierindustrie war.

    Und ich gehe jetzt einfach mal nicht darauf ein wie schrecklich ich es finde dass du Abolutionismus als „Gift“ bezeichnest. Ich dachte wirklich einmal, du wärst für die Befreiung der Tiere.

  3. @Jak VeganActivist
    Erstens lösche ich nie Beiträge, wie Du offenbar glaubst, außer sie enthalten nur Beleidigungen und keinen Inhalt. Ich bin allerdings in Karenz zur Kinderbetreuung und daher nur sporadisch auf der Seite hier, um Beiträge zu schreiben oder Kommentare online zu stellen und zu beantworten. Du wirst hier viele Kommentare finden, in denen ich beleidigt werde, die stehen bleiben, solange es dazu auch einen Inhalt gibt.
    Zweitens habe ich in meinen Augen einen total rationalen Artikel geschrieben, ohne Verschwörungstheorie oder Unterstellung. Ein Shitstorm kann ja auch berechtigte Kritik sein. Ich finde die Diskussion interessant und wichtig, fühle keinerlei Animositäten und habe dazu – nach 36 Jahren Aktivismus – eine sehr gefestigte Meinung.
    Es gibt viele Gründe, warum ich diese Form des ideologisch verbohrten Abolitionismus a la Gary Francione als Gift bezeichne. Ich denke nach meinen Beiträgen ist das nachvollziehbar.
    Dass mein Zugang in meinen Augen weder Anti-Tiere noch Pro-Tierindustrie ist, sondern der einzige realistische Weg zur Tierbefreiung, habe ich, denke ich, detailliert argumentiert. Ich sehe keine Alternative.

  4. Peter says:

    Hallo Jakob, ich finde, wir sollten hier keine Worte umdrehen. Martin Balluch ist gegen den Abolitionismus, wie er momentan daherkommt, natürlich ist er nicht für die Abschaffung der Tierausbeutung=Tierbefreiung.

  5. klaus says:

    toller artikel! so einer wie sollte umweltminister werden.

  6. Hermann Kastner says:

    Lieber Herr Balluch,

    warum setzen Sie sich nicht einmal mit Friedrich Mülln zusammen und erklären ihm das?

    Wenn man immer nur gegenseitig übereinander herzieht, verhärten sich die Fronten nur und der Veganismus wird als etwas Negatives wahrgenommen.

    Ein offenes Gespräch zu organisieren kann doch nicht so schwer sein und dem Veganismus wäre ein großer Dienst erwiesen.

    Mit hoffnungsvollen Grüßen
    Hermann Kastner

  7. Lieber Herr Kastner,

    danke für Ihre verbindenden Worte. Falls es so scheint, als ob ich Friedrich Müllns Arbeit schlecht finde oder ihn gar bekämpfen wolle, so ist das falsch. Ich habe gar nichts gegen ihn und seine Arbeit, ich bin sehr froh darüber, dass es diese Aufdeckungen gibt, auch wenn sie seit seinem Wechsel nach Deutschland nur das Ausland betreffen und uns daher in unserer Arbeit in Österreich nicht viel helfen. Ich habe Mülln sogar als Experten für ein Hearing in der Bundestierversuchskommission beantragt. Das wurde allerdings abgelehnt.

    Ich kenne Friedrich Mülln seitdem er mit geschätzten 16 als Kampagnenleiter der deutschen Organisation Animal Peace mit uns in Österreich eine Katzenfellfabrik in Salzburg besetzt hat. Er ist zweifellos sehr idealistisch und engagiert, und weiss von vielen Dingen betreffend Tierausbeutung wie kein Zweiter. Ich habe lediglich auf die Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Shitstorm gegen mich reagiert, versucht, rational mit guter Begründung zu antworten, und erklärt, dass seine „Tote-Huhn-Aktion“ genauso gegen ihn gerichtet werden könnte. Mein Credo ist: niemand weiss wirklich, was der beste Weg ist, also lassen wir die anderen einfach nach ihrer besten Überzeugung vorgehen. Attackieren sollten wir nur Pseudo-Tierschützer:innen, die es leider auch gibt, und die einfach Spendengelder abzocken wollen, aber in Wahrheit nichts für Tiere übrig haben. Von denen gibt es leider auch einige. Friedrich Mülln gehört definitiv nicht dazu.

    Es gibt also keine Notwendigkeit für mich, mit Friedrich Mülln zusammen zu sitzen. Das machen sowieso einige aus dem VGT. Ein jeder soll seiner Wege gehen.

    Danke für Ihr Bemühen, mit freundlichen Grüßen,

    Martin Balluch

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Die Balluch-Kurve

Wer kennt sie nicht, die Ausrede der Tierindustrie bis hinauf zur Landwirtschaftsministerin: Wenn die Menschen wirklich Stroh für Schweine wollen...

Zur abolitionistischen Kritik an meinem positiven Bericht von einem Schweinebetrieb

Diese Diskussion zwischen Abolitionismus und Reformismus in der Tierrechtsbewegung ist schon sehr alt. Jahrzehnte alt, genau genommen. Aber sie flammt...

Zu Besuch bei einem etwas anderen Schweinebetrieb

Mehrmals wurde ich angerufen, ich solle mich doch für einen gewissen Schweinebetrieb interessieren, das sei eine echte Alternative. Zunächst wollte...

Schließen