Urwald

Österreich reines Kulturland? Nein!

Ja, ich weiß. Ich gehe oft genug durch Fichtenmonokulturen in Österreich, wo sich eine Forststraße ständig mit der nächsten kreuzt. Einige Mitmenschen nutzen diesen Umstand als Argument, um völlig das Wilde in der Natur hierzulande aufzugeben. Alles wäre Kulturland, so die Ausrede, und deshalb könnten wir doch gleich Kahlschläge durchführen und künstlich neu Aufforsten, den Bau von Forststraßen unter dem Vorwand der Förderung unterentwickelter Regionen steuerlich finanzieren und, natürlich, Luchs, Bär und Wolf draußen halten, während Rehe und Hirsche ohne Unterlass für die Jagd gefüttert und aufgemästet werden.

Nein, so einfach ist das nicht. Kulturland zeichnet sich dadurch aus, vom Menschen aus dem ökologischen Gleichgewicht gebracht worden zu sein, sodass unbedingt menschliche Hilfe nötig wäre, um das Ökosystem am Laufen zu halten. Das ist glücklicherweise in weiten Teilen unserer Bergwelt nicht der Fall.

Ich bin gerade aus dem westlichen Teil des Toten Gebirges zurück, wo ich 10 Tage verbracht habe. Dort fand ich einen weiten alpinen Urwald vor. Ich sah einen Hirsch – aber weder Futterstellen noch Jagdstände. Dort gibt es keine einzige Forststraße. In den Randzonen mögen sich eine handvoll Almen befinden, aber die Natur ist weitgehend unberührt. Und das nicht nur auf wenigen 100 ha, sondern so weit das Auge reicht:

Urwaldwildnis im Toten Gebirge

Nur zwei Tage davor habe ich den Schiffwald im Hochschwab besucht. Das ist ein riesiges Waldgebiet, das der Stadt Wien gehört, und das vollständig außer Nutzung gestellt worden ist. Auch hier keine Forststraßen, keine Jagdstände und keine Fütterungen. Der Wald strahlt eine außergewöhnliche Ruhe und Harmonie aus. Eine wundervolle Gegend!

Der Schiffwald im Hochschwab ist außer Nutzung gestellt

Aber damit noch lange nicht genug. Nur eine Woche davor habe ich den größten verbrieften Urwald Mitteleuropas besucht, den Rothwald am Dürrenstein. Er ist nach außen durch Wälder gebuffert, die man erst in guten 3 Stunden durchwandern muss, um bis zu seinem Rand vorzudringen. Und dann breitet sich eine unberührte Wildnis aus, ebenfalls ohne Forststraßen oder jagdliche Einrichtungen. Überall liegen riesige alte Baumstämme herum, während der Jungwuchs gute 5 m hoch ist. Auch dieser Wald ist beruhigend groß, auf diesem Bild reicht er die Hänge bis zur Baumgrenze hinauf:

Der Rothwald ist der größte Urwald Mitteleuropas

Und nur wenige Wochen davor habe ich wieder einmal den kleinen aber feinen Urwald bei Dürradmer besucht. Auch da müssen erst 4 Stunden Anmarschzeit eingeplant werden. Doch dann wird man für alle Mühen entschädigt! Bis 1400 m reicht dieses unter dem höchsten IUCN-Schutz stehende Waldgebiet hinauf. Ein Stück Natur, das hoffentlich auch noch für unsere Nachkommen im Urzustand erhalten bleiben wird.

Eine wunderschöne Urlandschaft bis 1400 m

Ja, es gibt sie noch, wunderschöne Wildnisgebiete. Auch bei uns in Österreich. Keine Rede von Kulturlandschaft, keine Notwendigkeit irgendwie einzugreifen. Daraus schließe ich zweierlei. Erstens müssen wir diese Kleinode unbedingt erhalten. Unter keinen Umständen dürfen die irgendeinem Nutzungswahn zum Opfer fallen. Diese Landschaften sind gerade deshalb so schön, weil sie wild und unberührt sind. Sie kommen am allerbesten ohne Menschen aus.

Und zweitens sei den Gegner_innen der Wölfe, insbesondere der Jägerschaft und den Unverbesserlichen unter den Nutztierhalter_innen, ins Stammbuch geschrieben, dass es sehr wohl unberührte Wildnis in Österreich gibt, von der sie offenbar keine Ahnung haben. Und die ist bei weitem groß genug, um den großen Beutegreifern Luchs, Bär und Wolf Platz zu bieten. Also lassen wir diese Tiere einfach in Frieden bis dorthin einwandern. Den Rest regelt die Natur von selbst.

Endlich wieder im Urwald zu Besuch!

Im Wissenschaftsmagazin New Scientist wurde vor einigen Monaten eine Studie über die Bevölkerungsdichte in Europa in der Steinzeit vorgestellt. 400 Ausgrabungen hat man analysiert. Über die Zeitperiode zwischen vor 40.000 und 33.000 Jahren soll es demnach zwischen Spanien und Polen im Mittel etwa 35 Gruppen von Homo Sapiens zu je 42 Individuen gegeben haben. Insgesamt also 1500 Menschen in einer Region, in der heute mehrere 100 Millionen Menschen leben. Wie frei man damals atmen konnte! Unvorstellbar, irgendwie, so eine geringe Bevölkerungsdichte. Wir haben das Pech, in einer Zeit zu leben, in der die höchste Bevölkerungsdichte aller Zeiten herrscht. Mit all ihren immensen Problemen.

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Im Wald

Schlaf, mein Kind, an den großen Wurzeln der 600 jährigen Tanne. Der alte Baum hat so viel gesehen, in seinem Leben! Die Jahrhunderte sind gekommen und wieder gegangen, er hat allem Unbill getrotzt. Jetzt gibt er uns ab, von seiner Weisheit und Ruhe. Nirgendwo schlafe ich besser, als draußen zwischen diesen Bäumen. Die Riesen geben mir Sicherheit. Ich fühle mich geborgen. Meiner Waldfee soll es ähnlich gehen.

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Ökomodernismus oder Mensch statt Natur – eine beängstigende Perspektive

Als Anthropozän soll jene erdgeschichtliche Epoche bezeichnet werden, in der der menschliche Einfluss die Natur zu bestimmen beginnt. Meinem Gefühl nach der Anfang vom Ende. Natur, das ist Wildnis, Urwald, Selbstorganisation für mich. Sie gilt es zu erhalten. Als Tier unter Tieren sollten wir schauen, die Ressourcen schonungsvoll und nachhaltig zu nutzen, uns einzugliedern, Arten zu erhalten, Ökosysteme zu stabilisieren, den anthropogenen Einfluss zu minimieren und keine unkontrollierbaren Technologien, die das gesamte Gefüge bedrohen, wie Nuklearenergie oder Gentechnik, einzusetzen. Das ist Umweltschutz für mich.
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