Ökomodernismus oder Mensch statt Natur – eine beängstigende Perspektive

Als Anthropozän soll jene erdgeschichtliche Epoche bezeichnet werden, in der der menschliche Einfluss die Natur zu bestimmen beginnt. Meinem Gefühl nach der Anfang vom Ende. Natur, das ist Wildnis, Urwald, Selbstorganisation für mich. Sie gilt es zu erhalten. Als Tier unter Tieren sollten wir schauen, die Ressourcen schonungsvoll und nachhaltig zu nutzen, uns einzugliedern, Arten zu erhalten, Ökosysteme zu stabilisieren, den anthropogenen Einfluss zu minimieren und keine unkontrollierbaren Technologien, die das gesamte Gefüge bedrohen, wie Nuklearenergie oder Gentechnik, einzusetzen. Das ist Umweltschutz für mich.

Nicht so für den Ökomodernismus. Für ihn ist das Anthropozän positiv. Wir sollen die Natur „zum Besseren“ verändern. Atomkraftwerke und Gentechnik sind wichtig, sie optimieren die Energieausbeute. Möglichst viel intensive Nahrungsmittelproduktion, Tierfabriken und Aquakulturen, Kunstdünger und Pestizide. Der Planet habe keine fixe Kapazität für eine gewisse Anzahl von Menschen, je nach energieeffizienter Nutzung könne man noch viel mehr unterbringen und ungestraft den ökologischen Fußabdruck der Menschen vergrößern. Für das menschliche Leben gestalten wir uns Parks mit leicht zugänglicher Natur in einem urbanen Umfeld.

Durch Energieeffizienz ließe sich, so der Ökomodernismus, die Erde als Ressource bewahren. Letztlich ist das Aussterben von Arten kein Problem, so ist das Leben, so ist die Evolution. Für Steven Vogel („Thinking like a Mall“) ist die Erhaltung eines abgewrackten Shoppingcenters genauso wichtig, wie die der Natur eines Gebirges. Nur weil es von Menschen gemacht ist, und das Gebirge nicht, könne man hier nicht willkürlich trennen. Im Umkehrschluss ist die Erhaltung der Natur für sich selbst, ohne menschliche Ressource zu sein, von geringem Wert. Der Urwald ist eine ineffiziente, ungenutzte Ressource.

Diese neue und moderne Einstellung würde UmweltschützerInnen auf die Seite der Zukunft statt der Vergangenheit stellen, auf die Seite des Optimismus anstelle des Pessimismus, flötet Fred Pearce im New Scientist vom 20. Juni 2015. Die Natur heute sei sowieso nicht mehr natürlich. Die Arten, die sich halten, passen sich an die menschengemachte Welt an, der Rest geht eben unter. Das sei gut, es zeige, dass das Leben evolviert und sich weiterentwickelt. Es gäbe kein Zurück mehr. „As the world’s most successful species, we must take this path if we are to make the best of the age of humans“. Ohne mich.

Ich wüsste ja gerne, wohin das alles führen wird. 2030 soll eine menschliche Kolonie am Mars gebaut werden. Dort alles nur noch Hightech, rein künstliche Atmosphäre, die Natur, wie wir sie kennen, existiert überhaupt nicht mehr. Auf einer Diamantenmine im Norden Kanadas wird das gerade im großen Stil erprobt.

Ich bin ja froh, noch ein bisschen ursprüngliche Natur erlebt zu haben. Wenn diese Ideologien um sich greifen, wird bald nichts mehr davon übrig sein. Zeit für mich, zu gehen.

One thought on “Ökomodernismus oder Mensch statt Natur – eine beängstigende Perspektive

  1. Simon says:

    Bezüglich der Ansicht von Fred Pearce („Die Natur heute sei sowieso nicht mehr natürlich. Die Arten, die sich halten, passen sich an die menschengemachte Welt an, der Rest geht eben unter. Das sei gut, es zeige, dass das Leben evolviert und sich weiterentwickelt.“): Mich nervt das inzwischen ziemlich! Der Irrglaube, aus der Evolution ließe sich irgendeine Ethik ablesen, ist schlichtweg falsch. Sie ist eine Regel, der alles Leben (und viele andere Phänomene auch) unterworfen ist, nicht weniger, nicht mehr. Dass etwas sich evolutionär durchgesetzt hat, sagt _nichts_ darüber aus, ob es richtig oder falsch ist, sondern nur, dass es etwas Konkurrenzfähiges ist. Bloß weil es auf der Erde Raubiere gibt, folgt daraus nicht, dass Fleisch essen moralisch wäre.

    Dass Pearce das sechste Artensterben für gut befindet, weil das Leben danach (so wie nach den bisherigen fünf) „Entwicklungssprünge“ vollzieht, kann er doch unmöglich ernst meinen, wenn dabei der halbe Planet drauf geht und die Menschheit als ungezügelter Zauberlehrling in ihren verrückten Exzessen vielleicht sogar alles Leben vernichtet. Oder zumindest der Erde irreparablen Schaden zufügt. Ist es ihm dieses Risiko wirklich wert?

    Abgesehen davon ist eine solche Sichtweise finde ich einfach nur peinlich anthropozentrisch.

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