4. Oktober 2022

Wenn Polizeispitzel die Polizei klagen

Mark-Robinson-grave
Das Grab eines jener Kinder, deren Identität von der Polizei für ihre Spitzel missbraucht wurde

Kurz nach meiner Freilassung aus der Untersuchungshaft vor einigen Jahren flog ich nach Neuseeland. Ich wollte so weit weg, wie möglich, aus diesem verrückten Österreich, und so nahm ich eine Einladung der dortigen Tierrechtsbewegung an, auf ihrer Konferenz in Wellington einen Vortrag zu halten. In Neuseeland angekommen, fand ich die gesamte Szene in Aufruhr. Gerade eben war ein Polizeispitzel aufgeflogen, der über 10 Jahre lang in den verschiedensten Aktivismusgruppen aktiv war und mit insgesamt 4 verschiedenen Langzeitpartnerinnen aus dem Tierschutz eine sexuelle Beziehung begonnen hatte, ja sogar zusammen wohnte. Es war die letzte dieser Frauen, die seine Machenschaften aufdeckte, weil sie auf seinem Computer die Berichte fand, die er regelmäßig an seine Polizeiführer geschickt hatte. Sein Name war Rob Gilchrist.

Jetzt drang an die Öffentlichkeit, siehe http://www.stuff.co.nz/dominion-post/news/8341716/Spys-claim-A-decade-of-deception, dass dieser Rob Gilchrist die Polizei auf NZ-$ 500.000 Schadenersatz klagen will. Er sei durch diese Arbeit erniedrigt worden und habe seine öffentliche Reputation verloren. Zusätzlich habe er Veganer, Anarchist und Tierrechtsaktivist werden müssen. Um ihn bei der Stange zu halten sei er sogar während seiner Spitzeltätigkeit von der neuseeländischen Bundeskanzlerin belobigt worden.

Auch in England rumort es, nachdem dort in kurzer Folge 11 (!) Polizeispitzel in der Tierrechts- und Friedensbewegung enttarnt wurden, alle, im Übrigen, lange nachdem sie ihre Spitzeltätigkeit schon beendet hatten. In den letzten Wochen haben 4 Frauen vor einem Untersuchungsausschuss des englischen Parlaments über ihre Zeit als Partnerinnen von undercover Polizeispitzeln, die sie für Aktivisten hielten, ausgesagt, siehe http://www.guardian.co.uk/uk/2013/mar/01/police-spy-fictional-character. Von den 11 Polizeispitzeln, die in der Öffentlichkeit bekannt wurden, hatten 9 sexuelle Beziehungen zu den Aktivistinnen, die sie zu bespitzeln hatten. 2 zeugten dabei sogar Kinder, den Sorgepflichten dafür konnten sie mit Staatshilfe entkommen, als sie ihre Spitzelarbeit beendeten und sich ihre Identität für die Frauen überraschend in nichts auflöste. In einem weiteren Artikel, http://www.guardian.co.uk/uk/2013/feb/21/anatomy-of-betrayal-undercover-police?INTCMP=SRCH, beschreibt der Guardian, wie diese Spitzel die Identität von Kindern annahmen, die davor verstorben waren. Laut dieser Zeitung wurden insgesamt über 100 Identitäten toter Kinder ohne Zustimmung von deren Eltern für derartige Spitzeltätigkeiten missbraucht, http://www.guardian.co.uk/uk/2013/feb/04/police-inform-parents-children-spies.

Auch in England klagt ein Spitzel, Mark Kennedy, nun die Polizei. Seine Forderung: 100.000 Pfund. Seine Vorgesetzten hätten ihn einer großen psychischen Belastung ausgesetzt, indem sie nicht verhindert hatten, dass er sich in Aktivistinnen verliebte und mit ihnen sexuelle Verhältnisse einging. Kennedy war aufgedeckt worden, als ein Gerichtsprozess gegen AktivistInnen wegen einer Besetzung geführt wurde, ähnlich wie im österreichischen Tierschutzprozess. Der Spitzel hatte der Polizei gegenüber in einer Weise ausgesagt, die die Unschuld der AktivistInnen im Sinne der Anklage bewiesen hätte, doch weder Polizei noch Staatsanwalt informierten davon die Verteidigung, http://www.dailymail.co.uk/news/article-2237892/Mark-Kennedy-Undercover-PC-sue-Scotland-Yard-100k.html.

In den USA, allerdings, gehen die Uhren anders. Dort wurde ein Polizeispitzel mit dem Codenamen „Anna“ in die Umweltschutzszene eingeschleust. Ein junger Mann verliebte sich in sie und wollte sie beeindrucken. Also ging er mit ihr und einem anderen Aktivistenpärchen in eine versteckte Berghütte in den Rocky Mountains, und testete dort verschiedene Substanzen für mögliche Brandanschläge. Das FBI hatte dafür im Namen von Anna nicht nur die Hütte gemietet und das Auto für die Anreise zur Verfügung gestellt, sondern auch die Substanzen, die für die Experimente der AktivistInnen benutzt wurden, Anna mitgegeben. Sowohl die Hütte als auch das Auto und Anna selbst waren verwanzt, sodass das FBI, das in der Nähe der Hütte lauerte, alle Gespräche mithören konnte. Zuletzt wurden die 3 AktivistInnen verhaftet und Eric McDavid, der sich in Anna verschaut hatte, erhielt 20 (!) Jahre Gefängnis als Ökoterrorist. Anna gibt sich stolz auf ihren Erfolg, habe sie doch die Gesellschaft vor einem bösen Terroristen bewahrt – der aber keinen einzigen Anschlag je durchgeführt geschweige denn konkret geplant hatte. Thoughtcrime nannten KritikerInnen das Delikt bei seiner Verurteilung. Eric McDavid war damals nur 28 Jahre alt. Sein Leben wurde komplett zerstört, http://www.greenisthenewred.com/blog/elle_anna/421/.

7 Gedanken zu “Wenn Polizeispitzel die Polizei klagen

  1. Hut ab.
    Liebe, beziehung, kind.
    Partner futsch und stellt fest das es diesen partner so nie gab.
    Truman show war scho top aber des is outer limits.
    Lg

  2. “agent provocateur”

    Das macht man in den USA gerne, nicht nur bei Tierschützern. Man provoziert kriminelle Handlungen, die ohne diese Provokationen niemals stattgefunden hätten. Also “macht” man Kriminelle. Das ist nicht nur Unrecht, sondern auch Idiotie. Man könnte es auch Arbeitsbeschaffung nennen. Ich habe den Verdacht man tut das, um zu tun als täte man etwas. In Wahrheit tut man nichts; man macht nur Propaganda für sich selbst und für die eigene, angebliche “Tätigkeit”. Schließlich ist es nun einmal leichter einen Fall aufzuklären den man selbst verursacht hat, als einen den jemand verursacht, den man aber nicht kennt.

  3. Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

    In einem Rechtsstaat ist der Widerstand nicht nötig und in einem Unrechtsstaat ist der Widerstand nicht möglich … aufgrund des uneingeschränkten Gewaltmonopols des Staates.

  4. Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

    Der Zweck heiligt nicht die Mittel, denn der Weg ist das Ziel. Immerhin gibt es kein Ziel, das wir jemals als statischen Endpunkt erreichen könnten – zumindest so lange wir nicht unseren eigenen Tod als unser Ziel betrachten.

    Das gilt für alle: Ermittlungsbehörden und Zivilgesellschaft.

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