Zu Besuch in Tübingen, Deutschland: Diskussion über Tierversuche

P1460447Ich habe mich schon gewundert, warum ich aus Österreich von der Gruppe „SchülerMitVerantwortung“ nach Tübingen in Deutschland anlässlich des Weltversuchstiertages zu einer Podiumsdiskussion über Tierversuche eingeladen werde. Wären nicht deutsche TierversuchsgegnerInnen dazu besser geeignet, die mit der Situation in Deutschland näher vertraut sind? Auf meine Frage wurde mir erklärt, dass sowohl die lokalen als auch die bundesweiten TierversuchsgegnerInnen die Anfrage zur Teilnahme abgelehnt hätten. So habe man eben auf einen Tierschützer im Ausland zurückgreifen müssen.

Für die Organisation der Veranstaltung scheute man keine Mühen. Ich war nicht nur in einem noblen Hotel untergebracht, die Lokalzeitung „Tagblatt-Anzeiger“ kündigte den Event sogar mit Foto auf der Titelseite an. Und für die bereits stark vertretene Tierversuchssache (3 von 5 DiskutantInnen) wurde Verstärkung aus Berlin herangekarrt.

Die Diskussion selbst war von Vorurteilen und Ausgrenzungsversuchen der TierexperimentatorInnen mir bzw. dem Tierschutz gegenüber geprägt. Obwohl ich lediglich aus einer in dieser Sache eher tierversuchslastigen Fachzeitschrift die komplette Liste der in der neuesten Ausgabe angeführten 11 besten Tierversuche wiedergab, wurde mir gleich vorgehalten, ich hätte ja nur aus propagandistischen Gründen die 11 grauslichsten Tierversuche ausgewählt, die Praxis sei anders. Dem Fachargument, laut einer Metastudie über alle 749 in den 10 Jahren von 1995-2004 durchgeführten Tierversuchsreihen an Schimpansen habe keine einzige zu einem Heilungsverfahren für Menschen geführt, wurde entgegen gehalten, irgendwann vor 30 Jahren habe es schon einmal einen sinnvollen Tierversuch an Schimpansen gegeben. Und das Faktum, dass 92% aller in Tierversuchen erfolgreichen Medikamente bei Menschen keine oder eine gegenteilige Wirkung zeigen, wurde versucht mit einem Gegenbeispiel zu widerlegen, obwohl das bei einer statistischen Aussage dieser Art ja grundsätzlich unmöglich ist. Da die Tierversuchsseite also gegen diese Argumente nicht weiterkam, behauptete man einfach, ich hätte dies oder jenes gesagt, das ich gar nicht gesagt hatte, um es dann zu widerlegen, eine bekannte rhetorische Technik, das „Strohmann-Argument“.

Zuletzt wich man in irrationale Bereiche aus. Ein Tierexperimentator griff auf die Bibel zurück und meinte, die Menschen wären in Gottes Ebenbild, die Tiere, Pflanzen, Steine und anderen Naturentitäten aber nur für den Menschen da. Auf die Frage, ob ihm wenigstens ein einziger Tierversuch einfiele, den er für unethisch hält, sagte er zunächst, er habe noch nie darüber nachgedacht, obwohl er viele Jahrzehnte Tierversuche durchgeführt hatte, um dann letztlich zu verneinen. Ein anderer meinte – und das nach Jahrhunderten von Tierversuchen in der Schmerzforschung, in der das Schmerzverhalten der Versuchstiere auf Menschen extrapoliert wird – man wisse noch viel zu wenig über Leid und Schmerz bei Tieren und könne daher nicht wirklich beurteilen, wie schlimm Tierversuche seien. Daher dürfe man sie offenbar (noch) nicht einschränken, bis dieses Wissen vorhanden sei. Natürlich wurde ich wiederholt als fundamentalistisch bezeichnet, obwohl ich nur Fakten geliefert und Fragen gestellt hatte, nie aber meine eigene Meinung kundgetan. Es war bezeichnender Weise die Tierversuchsseite, die einer filmischen Aufzeichnung dieser Diskussion und einer Veröffentlichung im Internet durch die VeranstalterInnen nicht zustimmte. Ich hätte mich darüber gefreut.

Bei so wenig Diskussionskultur und so viel Vorurteil ja Hass gegenüber dem Tierschutz, verwundert mich im Nachhinein nicht mehr, warum niemand von Tierschutzseite in Deutschland sich der Diskussion stellen wollte. Obwohl ich selbst der Meinung bin, man darf auch unter diesen Bedingungen nicht weichen und muss für die Versuchstiere eine Lanze brechen. Ich jedenfalls bin jederzeit wieder bereit, mit der Tierversuchsseite zu diskutieren, auch wenn es am Podium 4:1 steht und die Gegenseite ins Irrationale und Beleidigende abrutscht. Tatsächlich sprechen die Fakten alleine schon für sich, weshalb jede Diskussion zum Thema Tierversuche letztlich den Versuchstieren nützt. Die große Mehrheit der ZuhörerInnen im Saal sah das offenbar ähnlich.

Siehe auch: https://vgt.at/presse/news/2013/news20130430y.php

3 thoughts on “Zu Besuch in Tübingen, Deutschland: Diskussion über Tierversuche

  1. veganella says:

    ” man wisse noch viel zu wenig über Leid und Schmerz bei Tieren und könne daher nicht wirklich beurteilen, wie schlimm Tierversuche seien” aber trotzdem macht man Versuche beim Tier und misst derenSchmerz der dann Aufschluss über den Schmerz am Menschen geben sollte.?! Man geht also davon aus Ergebnisse die beim Tierversuch über Schmerz gewonnen werden auf den Menschen übertragen zu können obwohl man ja gar nicht weiß ob man davon ausgehen kann weil man ja beim Tier nichts über seine Schmerzidentität weiß!!? Den Widerspruch erkennen diese Hirnis nicht mal selber, sie denken ja nicht mal drüber nach. Warum denn auch wenn sie fürs Handeln ohne Denken bezahlt werden und sie keine logische Methode kennen um dumme Projekte finanziert zu bekommen?! Ei.fach schön der Wirtschaft nachjagen und damit abkassieren!

  2. Jimmy says:

    Lieber Dr. Dr. Balluch!

    Danke, dass Sie sich das antun. Es ist so sehr notwendig, dass die Seite der Tierversuchsgegner stichhaltige Argumente gut verständlich vorbringt.

    Hier wurde seitens der Tierversuchsbefürworter voll und ganz in die Trickkiste gegriffen: Ausgrenzung („Fundamentalist“), Abstreiten von Tatsachen („die 11 besten Tierversuche“), Strohmannargument, Irrationalität. Mich wundert ja, dass nicht, wie üblich, die übliche Tränendrüse bemüht wurde. Traditionsgemäß werden dafür allerdings Tierexperimentatorinnen „verwendet“ und es war ja dieses Mal keine Frau anwesend.

    Dass die Tierversuchsbefürworter irrational und emotional argumentieren ist doch der beste Beweis für ein völliges Fehlen rationaler Argumente. Diesem Fehlen von rationalen Argumenten auf der TV-Seite einerseits stehen zahlreiche rationale Argumente der TV-Gegner andererseits (mangelnde Übertragbarkeit, gegen Null gehende Erfolgswahrscheinlichkeit , Schädlichkeit von nach TV freigegebenen Medikamenten,…) spricht Bände.

    Ich bin davon überzeugt, dass die Tierversuchbefürworter die Tierversuche genauso unwissenschaftlich durchführen, wie sie argumentieren. Solche wissenschaftliche Dilettanten gehören aus ihren Jobs geworfen und Tierversuche gehören abgeschafft!

    Viel Erfolg für Ihren weiteren Einsatz gegen Tierversuche.

  3. chris says:

    “ man wisse noch viel zu wenig über Leid und Schmerz bei Tieren und könne daher nicht wirklich beurteilen, wie schlimm Tierversuche seien“

    Also da brauchst du Nerven – DANKE für den Einsatz.

Leave a Comment

Your email address will not be published.

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Tierschutz in der Verfassung oder nicht? – noch 7 Tage bis zur Entscheidung!

Wir sind in der Zielgeraden! Dem Vernehmen nach hat die ÖVP ihre Blockadepolitik insofern beendet, als dass die jetzt nicht...

Alptraumhafte Polizeigewalt: Überfall auf die Diaz Schule, Juli 2001, Genua, Italien

Bevor ich von dem Film „Black Block“ berichte, der ebenfalls auf der Globale in Berlin zu sehen war, eine Klarstellung:...

Einige interessante Termine der nächsten Tage, die ich wahrnehmen werde:

Heute, Montag 22. April 2013, 19 Uhr, in der Bruschette, Schönbrunnerstraße 235, 1120 Wien: Klaus Petrus spricht über die Frage...

Schließen