18 Stunden 15 Minuten auf der Königsetappe des Niedere Tauern Höhenwegs

Vor ziemlich genau 31 Jahren war es, als ich mit einer Gruppe von Personen über den „02“-Weitwanderweg die gesamten Niederen Tauern überschreiten wollte. Das Buch, das den Weg beschrieb, warnte vor der „Königsetappe“ von der Edelrautehütte zur Planneralm. Diese Überschreitung dauere 14 Stunden reine Gehzeit, es gebe dazwischen keine Übernachtungsmöglichkeit. Als auch der Wirt auf der Edelrautehütte die gleichen Töne anschlug, beschloss die Gruppe diese Tour mit Fahrzeugen außen herum gute 70 km über die Straßen im Tal zurückzulegen.

Nur meine Freundin und ich wagten das Unternehmen. Aber aus einer Mischung aus Unsicherheit und mangelnder Fitness seitens meiner Partnerin drehten wir nach einem Teil der Strecke um und ließen uns abends wieder von der Edelrautehütte abholen. Auf der Planneralm war man wenig überrascht. Das sei die Norm, nicht die Ausnahme, wenn die Leute umkehren. Ich beschloss irgendwann einmal wieder zu kommen.

Ein Jahr später kehrte ich wieder und kam diesmal von der anderen Seite, von Südwesten, genauer von Oberwölz und dem Greimberg, und zog mit einem Zelt in mehreren Tagen durch die „Königsetappe“ letztlich bis zum Ötscher. Doch die Etappe in einem durch zu gehen, blieb ein Wunschtraum.

Und der hat sich letzten Sonntag erfüllt. Noch im Dunkeln verließen wir zu zweit um 4:30 Uhr früh die Edelrautehütte. 22 benannte Gipfel und 3600 Höhenmeter verteilt über rund 25 km lagen vor uns. Am Großen Hengst begann es im Osten zu dämmern. Am höchsten Punkt der Tour, am Kleinen Bösenstein in 2400 m Höhe, war die Sicht völlig klar und es versprach, ein schöner Tag zu werden.

Doch dann begannen die Berge zu brodeln und zu kochen. Über die nächsten paar Gipfel kamen wir noch unbehelligt, bis der Nebel plötzlich aus dem Tal bis zu uns herauf vorstieß. Und mit ihm kam ein heftiger Sturm und ein Nieselregen, der sich durch den Wind besonders unangenehm ausmachte. Es war bereits nach kurzer Zeit nicht mehr möglich, trocken zu bleiben. An umzudrehen war auch nicht mehr zu denken, dafür waren wir zu tief in die Etappe vorgedrungen. Also blieb nur im dichten Nebel vorsichtig nach dem Weg zu suchen, und der Wetterunbill zu trotzen.

Den Großen Geierkogel Nordostgrad mussten wir durch waschelnasses Gras und feuchte Felsen senkrecht hinauf klettern, ohne viel zu sehen. Nach dem übernächsten Gipfel verloren wir den Weg. Da diese Tour offenbar doch sehr selten begangen wird, gibt es kaum Trittspuren. Systematisch und mit Kompasshilfe suchten wir die Hochebene ab, bis wir endlich wieder auf Markierungen stießen. Vor 31 Jahren hat es diese hier im Mittelteil der Etappe noch nicht gegeben. Jetzt halfen sie uns aus der Misere.

Doch Wind, Nebel und Regen hielten an. Es blieb schwierig, nicht nur am Weg zu bleiben, sondern auch nicht umgeblasen zu werden. Nach 14 Stunden und 3000 Höhenmetern überschritten wir mit der Breiteckkoppe unseren 19. Gipfel. Da begann die Nebeldecke aufzureißen. Wir konnten gerade noch 2 Stunden den Fernblick genießen, bevor die Sonne tiefrot am westlichen Horizont unterging. Und wir blieben im Stockdunkeln zurück.

Der Weg hier war wenig ausgeprägt markiert und prompt haben wir ihn verloren. Da war guter Rat teuer. Sollten wir uns hier zwischen die Latschen legen, um die Nacht ohne Schlafsacke und Matte zu verbringen? Der klare Himmel mit den unendlich vielen Sternen und einem aufgehenden Mond ließ uns aber anhand der Bergkonturen erahnen, wohin wir gehen müssten. Und so zogen wir quer weglos über einen Bergrücken in den nächsten Sattel und fanden dort tatsächlich den Weg wieder. Ein letzter Gipfel noch, und um 22 Uhr sahen wir erstmals wieder die Lichter menschlicher Behausungen tief unter uns. Das musste die Planneralm sein, unser Ziel. Wenig später, nach genau 18 Stunden und 15 Minuten Gehzeit, trafen wir dort ein.

Schlafplatz gab es aber keinen mehr, sämtliche Gastwirtschaften hatten geschlossen. Ebenso die Plannerhütte. Mittlerweile war es fast Mitternacht. Da zeigte sich überraschend die Türe in die JUFA Jugendherberge offen. In der Rezeption war niemand mehr, aber endlich konnten wir aus den Schuhen raus. Sollten wir uns nun hier auf den Boden legen? Nein, zufällig war eines der Gastzimmer offen und nicht besetzt. In dieser Notsituation legten wir uns einfach so dort in das Bett. Den Rest würden wir am nächsten Morgen klären.

Am nächsten Tag war die Wirtin durch unsere Eigeninitiative keinesfalls verärgert, sondern belustigt. Normalerweise, so erklärte sie, sei sowohl die Eingangstür als auch jedes nicht bezogene Zimmer abgesperrt. Wie durch ein Wunder hatten wir also doppelt Glück gehabt.

Im Rückblick ist klar, dass diese Etappe des Niedere Tauern Höhenwegs eine ernste Tour ist. Bei besserem Wetter wird man sicher schneller durch kommen, allerdings ist dann die Blitzgefahr nicht zu unterschätzen. Jedenfalls ist die Gegend sehr einsam und wild. Wir haben keinen Menschen, aber dafür Steinböcke getroffen, die allerdings keinerlei Angst vor uns zeigten. Nirgendwo war eine Alm oder stießen wir auf Kühe, Schafe oder andere Nutztiere. Wäre das nicht auch eine gute Gegend für den Wolf?

Österreich ist landschaftlich wunderschön. Umso wichtiger, dass wir diese Natur erhalten und nicht zerstören, dass wir sie nicht zu Tode nutzen, sondern einen Gutteil den Wildtieren überlassen, die genau so das Recht haben, hier zu wohnen, wie wir.

Sonnenaufgang
Unerschrockene Steinböcke
Die Berge beginnen zu kochen
Nebel fällt ein
Nach kurzer Zeit waschelnass
Nach 11 Stunden Sturm, Nebel und Regen taucht die Sonne auf
… und geht gleich wieder unter!

One thought on “18 Stunden 15 Minuten auf der Königsetappe des Niedere Tauern Höhenwegs

  1. Anonymous says:

    Wunderbare Schilderung! Auch schön, dass nirgendwo Kühe bzw. Almhüttten waren/sind! Hab aktuell keine Chance mehr mit meinen beiden Hunden in Gegenwart von Kühen zu Wandern, da ich sie nicht in Gefahr bringen kann. Ich weiss, dass beide NICHT weglaufen, wenn Kühe angreifen sollten, da sie zu fixiert auf meine Person sind und mir nachlaufen, stehen bleiben vor Schreck oder die Kühe wegt treiben wollen (Bordercollie) Total frustrierend, neben der Tatsache, dass die Almweiden mit Gülle verdreckt sind und meine Hunde sehr oft Durchfall bekommen, wenn sie Wasser aus den Bäche trinken…

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