An einen Vortragenden an der Vet Uni Wien, der für die Erhöhung der Besatzdichten bei Puten plädierte

Sehr geehrter Herr XXX,

Sie sprachen davon, dass die Entscheidung, ob die Besatzdichte bei Puten erhöht wird oder nicht, auf Basis wissenschaftlicher Argumente zu fällen wäre, und dabei bezogen Sie sich eigentlich nur auf wirtschaftliche Bedenken. Aber diese Entscheidung ist eine politische. Die Wissenschaft kann nicht werten, wie wir seit Hume wissen, die Wissenschaft kann nur Fakten liefern, auf deren Basis dann mit Werten politische Entscheidungen gefällt werden. Wir leben in einer Demokratie. Wir haben ein Meinungsforschungsinstitut beauftragt, die Menschen zu fragen, ob sie für diese Besatzdichtenerhöhung sind. 91% waren dagegen. Das sollte eigentlich das Ende dieser Diskussion sein oder sind Sie nicht Demokrat?

Ich halte aber auch die Präsentation, die Sie gemacht haben, für tendenziös und propagandistisch, und nicht wissenschaftlich objektiv, wie Sie behaupten. Meine Argumente in Kürze:

– Sie haben so getan, als ob der Selbstversorgungsgrad ständig zurückginge. Aus den Daten bei Statistik Austria ist aber zu folgern, dass er seit über 20 Jahren immer zwischen 40-50 % liegt. Das haben Sie vorsätzlich verheimlicht. Damit zeigt sich aber ein ganz anderes Bild, das gar nicht so bedrohlich ist.

– Im Jahr 2009 wurden 21070 Tonnen Putenfleisch in Österreich erzeugt und der Selbstversorgungsgrad lag bei 40%. Im Jahr 2013 waren es 22480 Tonnen und der Selbstversorgungsgrad war 45%. Das haben Sie einfach verschwiegen. Es stellt Ihr Argument auf den Kopf.

– Sie haben verschwiegen, dass dieses Gesetz seit deutlich über 20 Jahren existiert und nicht erklären können, warum dann ausgerechnet jetzt ein wirtschaftliches Problem entstehen soll. Was ist neu? Darauf sagten Sie, dass die Nachfrage anstiege. Aber das verbessert doch nur die Produktionsbedingungen, verschlechtert sie nicht. Wenn ein Selbstversorgungsgrad aufgrund steigender Nachfrage sinkt, dann ist das kein Problem für diesen Wirtschaftszweig, weil konkret kein produzierender Betrieb in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommt, sondern sich nur nicht genügend Neue finden.

– Sie haben ein Propagandafoto eines Putenmastbetriebes gezeigt, mit Einstreu und erhöhten Sitzflächen. Ich habe viele solche Betriebe in Österreich gesehen, aber niemals hat es so ausgeschaut, wie auf Ihrem Foto. Ich lege ein paar aktuelle Fotos aus Österreich bei.

Image01 – Was sagen Sie dazu, dass die Puten in den letzten Wochen vor der Schlachtung kaum gehen können, und dass die Vermehrung rein künstlich und mit Gewalt erfolgen muss, weil diese Tiere so verzüchtet sind? Kein Grund, etwas zu ändern? Laut Tierschutzgesetz ist das eindeutig Tierquälerei und verboten. Qualzuchten sind nämlich ohne wenn und aber verboten, ohne Ausnahme für sogenannte Nutztiere.

– Sie haben verschwiegen, dass die Putenindustrie seit 2004 ständig mit diesem Anliegen der Erhöhung der Besatzdichten daherkommt und immer das gleiche Argument der Wirtschaftlichkeit bringt. Seit 2004! Ich war damals schon längst Obmann des VGT und habe das alles miterlebt. Damals kam es zu keinem wirtschaftlichen Kollaps, war alles nur heiße Luft. Warum sollte das jetzt anders sein? Noch dazu gibt es regelmäßig alle 2 Jahre dasselbe Theater.

– Sie verhamlosen Ihre „Lösung“ auch wissentlich, indem Sie davon sprechen, dass es nur um eine Erhöhung der Besatzdichten in der „Endmast“ ginge. Ihre Kollegen behaupten sogar, diese sei „moderat“. Beides vorsätzliche Falschdarstellungen. An 50% mehr Tieren in der Halle ist nichts moderat. Und die 50% mehr Tiere sind vom Anfang der Mastperiode an in der Halle, die werden doch nicht erst zur Endmast dazugegeben. Ihre „Lösung“ bedeutet für die Tiere also das gesamte Leben hindurch um 50% mehr Tiere in derselben Halle. Von wegen Endmast.

Das wichtigste Argument für mich ist aber die politische Perspektive Tierschutz. Wir haben traurige Altlasten zu tragen, aus einer Zeit, in der es noch keinen Tierschutz gegeben hat. Das ist die intensive Tierhaltung. Die große Mehrheit der Menschen ist heute dagegen, aber wie lässt sich so ein etabliertes System abschaffen? Langsam, Schritt für Schritt. Jedes Jahr muss es eine weitere Verschärfung der Tierschutzbestimmungen geben, Jahr für Jahr muss wieder eine Verbesserung her. Vielleicht gibt es dann in 20 Jahren keine intensive Nutztierhaltung mehr. Würde man jetzt die Besatzdichten, eine so wichtige Errungenschaft in dieser Entwicklung, einfach nach oben setzen, dann würde man ja die Zeit umdrehen. Dann würde man ja diese Entwicklung völlig behindern. Wie sieht denn Ihre Perspektive für die Langzeitentwicklung der Tierschutzgesetzgebung aus?

Image08Hand aufs Herz: Tierschutz ist Ihnen vollkommen egal. Das ist nämlich das Problem. Tierschutz kann man Putenmastbetrieben nur aufzwingen, von sich aus würden sie die Tiere auch lebendig kreuzigen, wenn das mehr Geld brächte. Oder kaufen Sie persönlich nur Produkte aus Freilandhaltung? Wenn nein, warum nicht? Sind Sie allen Ernstes der Ansicht, den Puten in so einer Halle geht es wirklich gut, die sind glücklich? Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten so leben. Nein, wir wissen alle, was für eine moralische Katastrophe diese Betriebe sind. Der Unterschied zwischen uns ist nur, dass ich mein Leben dafür einsetze, den Puten zu helfen, weil ich extrem darunter leide, wie es diesen Tieren geht, während Ihnen das einfach völlig egal ist, Sie lässt vermutlich das Schicksal dieser Tiere einfach kalt.

Für uns im Tierschutz wäre eine Besatzdichtenerhöhung eine totale Bankrotterklärung, eine Kriegserklärung. Das würde heißen, dass unsere Arbeit der letzten 30 Jahre zunichte gemacht würde. Und das werde ich nicht zulassen. Nur über meine Leiche.

MfG,

Martin Balluch

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