Anschlag auf Veganz in Berlin – die Folgen pseudolinker Denunziation

Im Juni 1942 begann die Weiße Rose, eine studentische Widerstandsgruppierung aus dem christlich-humanistischen Milieu im Dritten Reich, Flugblätter gegen die Regierung Hitler und den Faschismus zu verbreiten. Ihre ProtagonistInnen, am bekanntesten die Geschwister Scholl, wurden nach mehreren Schnellverfahren vom Volksgerichtshof Anfang 1943 zum Tode verurteilt und mittels Guillotine exekutiert. Diese Widerstandsgruppe war Teil einer mehr oder weniger vernetzten Widerstandsbewegung in ganz Europa, getragen von KommunistInnen bis zu christlich Konservativen und ehemaligen NationalsozialistInnen. Ihr gemeinsames Ziel war das Ende des Dritten Reichs. Zusammen mit den alliierten Armeen gelang dies schließlich auch.

Ein Gedankenexperiment. Sagen wir, zur Zeit der Aktivitäten der Weißen Rose würden plötzlich Flugblätter erscheinen, die die Inhalte der Flugschriften der Weißen Rose einer „Kritik“ unterzögen. Sagen wir da stünde z.B., dass die Weiße Rose sexistisch wäre, weil sie durch ihre Formulierungen Geschlechterrollen zementiere. Oder sie wäre abzulehnen, weil sie nicht antikapitalistisch sei, und nicht die Macht des Kapitals als Zugpferd hinter dem Faschismus erkannt habe. Und sie sei esoterisch religiös rechts, weil sie von dämonischen Kräften schreibe, Hitler den Satan nenne und davon spreche, dass die Herrschaft Gottes sich im Staatsgebilde widerspiegeln müsse usw. Was würden wir von solchen Flugblättern halten, deren Ziel es offensichtlich ist, die Weiße Rose zu diffamieren, d.h. anonym zu denunzieren, und ihr Unterstützung zu rauben?

Die Wirkung solcher Anti-Weiße-Rose Schriften wäre auf jeden Fall eine Schwächung der Weißen Rose und damit eine Stärkung der nationalsozialistischen Diktatur. Sie hätte die AktivistInnen der Weißen Rose zusätzlich demotiviert. Wenn man schon so viel Zeit und Energie in altruistischer Weise für das Wohl der Allgemeinheit opfert, ist es besonders frustrierend, neben den Bütteln der Staatsmacht auch noch andere anonyme DenunziantInnen zu GegnerInnen zu haben. Wenn nun diese anonymen „KritikerInnen“ von sich sagen, sie würden das nur machen, um Gutes zu tun, d.h. um drohende weitere Unterdrückungsmechanismen abseits des Nationalsozialismus aufzudecken, dann würden wir uns an den Kopf greifen. So dumm kann wohl niemand sein, um nicht zu sehen, dass diese Art von Verhalten ausschließlich negative Konsequenzen hat.

Nun, bei der Weißen Rose ist das interessanter Weise niemandem eingefallen, sich so überaus dumm und destruktiv zu verhalten. Aber ganz anders im Tierschutz. Da finden sich immer wieder einzelne Gruppen und ganze Internetplattformen, deren ausschließliches Ziel es ist, Organisationen und Individuen, die sich im Tierschutz engagieren, auf diese Weise zu desavouieren. Wir kennen eine Myriade von Beispielen.

Aber Moment, was ist der Unterschied zur Weißen Rose? Hätten diese wackeren KämpferInnen für das Gute auch im Fall der Weißen Rose ihre dubiose Rolle gespielt? Nein, haben sie nicht. Warum also Tierschutzgruppen heute schon kritisieren, aber Widerstandsgruppen damals nicht? Der Grund ist keinesfalls darin zu finden, dass die damaligen Gruppen keinen Anlass für diese „Kritik“ geboten hätten. Man muss sich nur die Flugblätter der Weißen Rose anschauen und vorstellen, sie würden heute, aber nicht gegen den Nationalsozialismus, sondern gegen den Speziesismus verteilt. Kein Zweifel, die Weiße Rose stünde in der Schwarzen Liste der DenunziantInnen an oberster Stelle.

Die einzige Erklärung für diesen Unterschied kann nur sein, dass diese DenunziantInnen der Meinung sein müssen, dass der Nationalsozialismus eben ein ernsteres Problem, ein viel größeres Unrecht gewesen sei, als die Tierausbeutung heute, und daher damals viel mehr Toleranz gegenüber der verschiedenen Formen von Widerstand nötig war. Eine interessante Schlussfolgerung. Sie besagt nämlich, dass diese „KritikerInnen“ nicht für das Gute kämpfen, sondern einfach die Tierausbeutung als ein viel weniger bedeutendes oder gar vergleichsweise unbedeutendes Problem auffassen müssen. Diese „KritikerInnen“ sind also speziesistisch motiviert, kein Zweifel. Sie sind MittträgerInnen des Systems der Ausbeutung, weil es ist ihnen sicherlich bewusst, dass sie so den Widerstand gegen dieses System schwächen und damit das Ausbeutungssystem zu erhalten helfen.

Dieser messerscharfen Logik ist nicht zu entkommen. Wenn jemand eher seine Zeit darin aufwendet, eine Tierschutzgruppe zu denunzieren, anstatt sich selbst gegen die Tierausbeutung zu engagieren, dann muss man schließen, dass dieser Person die Schädigung dieser Tierschutzgruppe wichtiger ist, als die Bekämpfung der Tierausbeutung. Die Wertehierarchie muss also speziesistisch sein, die Tierausbeutung muss für vergleichsweise unbedeutend angesehen werden. Und das wird umso klarer, wenn die Denunziation handfeste Konsequenzen für die Denunzierten hat, wie z.B. kürzlich den Buttersäureanschlag gegen den veganen Supermarkt Veganz in Berlin oder vorher einige Anschläge gegen vegane Geschäfte des Universellen Lebens. AktivistInnen, die eher so etwas tun, als ihre Energie gegen Tierausbeutung zu richten, haben eine eindeutige Priorität. Und die ist nicht das Ende der Tierausbeutung, sondern im Gegenteil, sie nehmen willig und vermutlich mit Freude in Kauf, die Tierausbeutung zu perpetuieren.

6 thoughts on “Anschlag auf Veganz in Berlin – die Folgen pseudolinker Denunziation

  1. Anna says:

    Ganz besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang ja diesen Artikel: http://www.zeit.de/1998/10/Attacke_mit_Gestank

  2. Hugo says:

    Sehr gut argumentiert. Wer heutzutage lieber als Tier in einer Tierfarbik geboren wird, anstatt als „unterdrückter“ Atheist, Theist, Frau, Zwitter, Communist oder sonst was ist, hat die Realität der modernen Welt nicht annähernd verstanden. Oder er hat sie sprichwörtlich nicht alle.
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    Der Unterschied ist wie zwischen einem Kratzer und Stage IV Krebs, ein qualitativer und kein quantitativer Unterschied. Das einzige, das diese Movements heutzutage gemein haben, ist, dass sie an sich gute Absichten verfolgen. Wenn es um echtes Leiden und Oppression geht, gibt es aber keinen in Sprache formulierbaren Vergleich. Da sind nicht Welten sondern Universen dazwischen.
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    Unterdrückte Menschen könnten es, in Österreich zumindest, noch besser haben. Nur 20 Minuten von Wien entfernt „leben“ intelligente, emotionale Wesen die es sprichwörtlich nicht schlechter haben können. Sie leben an an anderen Tieren und Gitter klepend in ihrer eignen Scheiße, können sich nicht bewegen und sehen nie Tageslicht.
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    OMG die Merkel ist erst die erste Frau an der Spitze, ein Skandal. OMG Arbeitslosengeld werden auf zwei Jahre begrenzt, ein Skandal. OMG wir können nicht mehr bis 35 gratis studieren während HAckler seit dem sie 16 sind Steuer für uns zahlen müssen. OMG die Kirche glaubt noch immer an das Supernatürliche, ein Skandal. Ich musste unlängst 30 Minuten im AKH warten bis ich behandelt worden bin, ein Skandal. OMG, ein Veganer macht Geld mit veganen Produkten, ein Skandal.
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    Wie kann man bei solchen Argumenten eigentlich einem Tier noch in die Augen schauen, oder sich selbst? Mir scheint, um Bob Marley zu zitieren, „you don’t know what life is really worth“. Ich finde die verbale oder schriftliche Denunziation deswegen auch schlimmer (aka dümmer), als die Buttersäure selbst.

  3. Sebastian Ortner says:

    Halllo Martin, seit neuestem verlangt deine Wesite von mir sich immer mit name und passwort nzumelden. Ich weiss nicht ob dir das bewusst ist und warum dass so ist. geh dem mal nach…

  4. Sebastian Ortner says:

    Deine Website verlangt seit neuestem immer sich anzumelden mit name und einem passwort… Weiss nicht ob dir das bewusst ist.

    Danke sonst für die interessanten Blogs. Ich lese sie sehr gern

  5. Ein Diskutant says:

    Hey Martin,

    mal abgesehen davon, dass es reine Spekulationen sind, dass „linke“ Aktivist_innen für den Buttersäureanschlag verantwortlich sind (was zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht sehr wahrscheinlich ist, weil gerade bei den von dir angesprochenen Personen es üblich ist ein Bekenner_innenschreiben zu verfassen), bin ich auch weiters der Meinung, dass Leute/Vereine die mit rechtsoffenen/rechtsesoterischen/rechtsextremen Personen/Vereinen zusammenarbeiten der Tierrechtsbewegung mehr Schaden als Leute die solche Personen kritisieren. Und das ist jetzt weder auf Veganz noch auf sonst einen konkreten Fall oder eine konkrete Person bezogen, sondern eine ganz allgemeine Feststellung, so wie die deinige. Weil so etwas leider trotz allem auch passiert!

    Und auch von meiner Seite her ein kleines Gedankenexperiment, angenommen es gibt eine Person die in der Tierrechtsbewegung aktiv ist und aber mit der Polizei zusammenarbeitet, Lügen erfindet usw. um andere Tierrechtsaktivist_innen hinter Gitter zu bringen, darf man die Person dann auch nicht kritisieren/dennunzieren? Immerhin setzt sie sich ja für die Rechte der Tiere ein? Ist für Leute die eine solche Person dennunzieren die Tierrechtsarbeit weniger relevant als das Recht der anderen Tierrechtsaktivist_innen auf ein Leben in Freiheit? Und ja, es gibt auch durchaus Personen in der Tierrechtsbewegung die das so sehen, ich persönlich halte es für Blödsinn, genauso wie man nicht mit rechtsoffenen bis rechtsextremen Personen zusammenarbeitet!

    Liebe Grüße
    Ein Diskutant

  6. CR says:

    Ich habe leider bei vielen immer den Eindruck, dass es genauso ist. Und wer nicht mitspielt bei denen, wird automatisch zum Feind erklärt.

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