Autonomie der primäre Wert: das theoretische Argument

In letzter Zeit ist es immer öfter zu hören, obwohl ich es schon längst für völlig diskreditiert halte: der primäre Wert in der Ethik sei Leidvermeidung bzw. Leidminimierung. Wirklich seltsam, dass das so vielen Menschen so leicht über die Lippen kommt. Vielleicht minimieren gewisse Tierversuche das Gesamtleid aller Wesen auf der Erde, aber ist das den benutzten Tieren gegenüber gerecht? Warum schließen wir dann Menschenversuche zum Vorteil der Menschheit aus? Tierrechte schützen genau davor, unschuldig für den Vorteil anderer herhalten zu müssen. Tierrechte und Leidminimierung schließen sich also gegenseitig aus. Gar nicht zu reden von Tierbefreiung, d.i. die soziale Befreiung von menschlicher Dominanz und menschlichem Paternalismus. Nun, was soll es sein, Leidvermeidung oder Tierrechte bzw. Tierbefreiung? Ist das einfach Sache der persönlichen Vorliebe?

Nein, ist es nicht. Es gibt ein sehr gutes theoretisches Argument dafür, die Autonomie als den primären ethischen Wert zu sehen, und die Leidvermeidung nur bedingt als dessen Konsequenz. Und ein voller Respekt vor der Autonomie der Tiere käme der Tierbefreiung gleich.

Werte sind zunächst immer subjektiv, es gibt keine objektiven Werte, die sozusagen allen subjektiven Werten übergeordnet wären, denen sich diese anpassen müssten. Aber jedes Wesen, das etwas wollen kann, muss zwingend wollen, dass es wollen darf. Es ist sozusagen dem Wollen an sich immanent, das Wollen selbst für gut zu befinden. Kant würde das kategorisch nennen, ich spreche deshalb von einem kategorischen Wert, den Willen zu respektieren. Das ist ähnlich wie der kategorische Imperativ. Kant argumentiert, dass jedes Wesen, das sich vernünftig für eine Ethik entscheidet, mindestens diesen kategorischen Imperativ anerkennen muss. Das ist eine zwingend logische Bedingung, überhaupt eine vernünftige Ethik zu entwickeln. Genauso ist es eine zwingend logische Bedingung, zu wollen, dass man wollen darf, wenn man überhaupt in der Lage ist, irgendetwas zu wollen.

Aber vielleicht will sich jemand versklaven, wird argumentiert, und dieser Jemand will dann seinen Willen nicht respektiert haben. Falsch. Das ist zu kurz gedacht. Zuerst will er sich unterordnen, und zu diesem Schritt, seinen eigenen Willen aufgeben zu wollen, muss er dennoch wollen, dass sein Wille – nämlich sich unterzuordnen – respektiert wird. Man muss einen Willen erst haben, um ihn aufgeben zu können.

Ähnlich, wenn argumentiert wird, dass ein Selbstmörder seinen Willen offenbar nicht schätzt, weil er sich ja die Möglichkeit nimmt, etwas wollen zu können, indem er sich tötet. Aber auch das ist zu kurz gedacht. Zuerst muss er leben und den Willen entwickeln, sich zu töten. Und in diesem Augenblick muss er wollen, dass sein Wille respektiert wird, um ihn sich nehmen zu können. Wie man es dreht und wendet, ein jedes Wesen, das überhaupt einen Willen hat, muss kategorisch zwingend, und auch ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein, wollen, dass sein Wille respektiert wird. Das Respektieren des Willens ist also für alle Lebewesen, die einen Willen haben, ein immanenter, gemeinsamer Wert. Jene Wesen, die ausreichend rational reflektieren können, fordern also, dass ihr Wille respektiert wird, weil sie einen haben, und müssen daher dasselbe für alle Wesen fordern, die einen Willen haben. Auf diese Weise wird die Autonomie zum primären Wert, ohne dass das von der persönlichen Einstellung abhängen würde.

Aus diesem primären Wert lassen sich nun sekundäre Werte ableiten, wie z.B. der Wert des Lebens, weil ohne das Leben auch die Autonomie verschwindet, d.h. Autonomie setzt Leben zwingend voraus. Jörg Luy z.B. argumentiert nun mit Epikur, dass niemand an sich Schaden nimmt, wenn ein Leben genommen wird, weil solange das Wesen noch lebt, ist nichts geschehen, und ist es einmal tot, ist es inexistent, und kann daher auch nichts verloren haben. In diesem – konsequentialistischen – Ethikbild bedeutet der Tod also schlimmstenfalls einen indirekten Schaden für jene, die noch leben und um das gestorbene Wesen trauern. Das ist aber falsch. Mit der Autonomie als primärem, kategorischem Wert, folgt ein sekundärer Wert des Lebens an sich, unabhängig von den Konsequenzen. Kategorische Werte sind nicht von Konsequenzen abhängig. Das Argument von Epikur zieht also nicht mehr.

Es ist schon klar, abstrakte Argumente haben nur für jene Wesen Überzeugungskraft, die sich dem abstrakten Denken verschreiben. Aber das abstrakte Denken ist dafür relativ einfach auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfbar. Von rationalen Wesen, die sich über Ethik Gedanken machen, würde ich also erwarten, dass sie diesem abstrakten Gedankengang folgen und ihn entweder widerlegen oder als richtig anerkennen. Einfach so weiterhin von Leidminimierung zu reden, sollte jedenfalls rationalen Menschen nicht mehr möglich sein.

7 thoughts on “Autonomie der primäre Wert: das theoretische Argument

  1. Hugo says:

    Natürlich war es hilfreich, dass einige Männer dachten: „ich bin so viel gescheiter und besser als Frauen, eigentlich sollte ich sie schützen und steuern, die sind ja leidensfähig“. Die eigentliche Wende kam aber als Männer und Frauen beide gelernt haben sich in einander zu sehen, zu realisieren dass es mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede gibt, man eigentlich equal ist.
    .
    Autonomy = Equality
    .
    So wie Männer es Jahrtausende mit Frauen gemacht haben, züchten wir eine unnatürliche Unterrasse heran die gehorchen (oder rebellieren) muss, nicht denken und entscheiden. Nicht weil das Geschlecht.. eh.. Spezie nicht anders kann, sondern weil wir Männer… ehh.. Menschen es so (sehen) wollen.
    .
    Erzieht man einen Hund so dass er gehorcht und nicht versteht, gibt man Essen als Belohnung für Gehorchen statt Freiheit für Verstehen, so ist die Natur des Hundes und die der Beziehung gebrochen. Ein völlige Dimension des Gehirns, der Entwicklung und des natürlichen Daseins geht verloren.

  2. Konrad says:

    >der Mensch wertet seine Autonomie („will Tierprodukte“) möglicherweise höher als die der Tiere.

    Das scheint mir sehr trivial: Wenn wir davon ausgehen, dass alle gleichberechtigt sind, dann zählen auch gleichberechtigte Interessen gleich stark: Ich kann niemanden töten um meine Freiheit auszuleben weil dessen Überleben relevanter als meine Lustbefriedigung ist. Wir dürfen meiner Meinung nach die Interessen anderer lediglich dann übergehen, wenn grundlegendere Eigeninteressen davon gefährdet wären. Notwehr ist o.k., Lustmord nicht.

  3. Markus says:

    Hmm, aber wenn, wie hier diskutiert, Autonomie den „höchsten Wert“ zugewiesen bekommt, dann tritt auch das Prinzip gleicher Interessen genau wie bspw. das Prinzip der Leidminimierung vor der Autonomieforderung in den Hintergrund bzw. es entsteht jedenfalls eine Verkomplizierung. Maximale Autonomie auf alle Wesen verteilt wäre nach solch einer Ethik ja das anzustrebende Ziel, nicht Leidvermeidung und explizit nicht einmal Gleichheit als Wert an sich..

    Maximale Autonomie führt für mich an einigen Stellen nicht zu einer intuitiv als richtig empfundenen Ethik bzw. zu unerwünschten Handlungskonsequenzen. Andererseits ist Autonomie wie im Artikel schön ausgeführt ein unterschätzter und vielleicht sogar (zumindest häufig) höher zu gewichtendes Ziel als bspw. Leidminimierung. Ideal wäre, wenn eine „Autonomie Ethik“ ähnlich einfach wäre wie das Konzept der Leidminimierung. Denn die Ergebnisse bzw. Ableitungen einer „Autonomie Ethik“ führen zu direkter Tierbefreiung ohne die Notwendigkeit der müßigen Diskussion wann Leid (bspw. für ein „Nutztier“ in Gefangenschaft) beginnt usw. – aber sobald Autonomie „nur“ ein Wert unter vielen wird, welcher in der Summe mit anderen Interessen berücksichtigt werden muss, dann ist man doch wieder bei der Leidminimierung (wenig Autonomie = größeres Leid). Autonomie soll aber ja DER Wert an sich sein aus dem sich alles andere ergibt, wodurch für mich aber zwangsläufig auch das getötet-werden bzw. die Leidzufügung im Konfliktfall der Autonomieforderung zwangsläufig unterliegt (?).

    Vielleicht hab ich irgendwo einen grundsätzlichen Denkfehler und liege falsch darin, dass der (über)lebenswille nicht Teil schützenswerter Autonomie darstellt? Zumindest bei nichtmenschlichen Tieren gehe ich davon aus, da es sowas wie den Freitod dort nicht gibt, es also keinen bewussten Willen für etwas geben kann was völlig alternativlos bzw. rein instinktgesteuert ist (ohne Wahl keine Möglichkeit für einen Willen und ohne etwas wollen zu können wird diese „etwas“ auch nicht Teil erstrebenswerter und schützenswerter Autonomie).

  4. Konrad says:

    Mir ist nicht klar wieso Autonomie nicht unterschiedlich ausgeprägt sein können soll. Was ist das Problem bei dem Gedanken Autonomie nur so weit auszuleben wie sie die Autonomie anderer nicht weitreichender verletzt als ich meine Autonomie selbst beschränken muss, damit eben alle gleich autonom sein können? Da ist Kants kategorischer Imperativ (aka die goldene Regel) ja problemlos anwendbar.

  5. Markus says:

    Meine Aussage ist: Töten verletzt nicht die Autonomie an sich, Maximierung der Autonomie verhindert Unfreiheit aber falls der (über)lebenswille nicht in den Bereich des freien Willens und damit der Autonomie fällt wird das getötete Wesen nicht in seiner Autonomie verletzt und der „Töter“ hat gleichwohl seine Autonomie maximiert – falls Autonomie der höchste und „Ur“-Wert ist wäre das innerhalb der Ethik dann eine ethisch richtige Handlung (=intuitiv falsches Ergebnis). Wo liegt mein Denkfehler?

  6. Konrad says:

    Wie Martin schon ausführt, gibt es keine Autonomie ohne Leben. Dem entsprechend funktioniert es in der Praxis nicht den Autonomiebegriff vom Überleben zu lösen. Ein Mord entzieht letztlich dem Opfer seine Möglichkeit autonom zu leben.

  7. Markus says:

    Danke für den inspirierenden Artikel!

    Eine Frage bleibt bei mir aber noch, verkompliziert das Konzept der Autonomie nicht an vielen Stellen die Ethik (im Vergleich zur Leidminimierung)? Besonders tricky wird es doch häufig bei Konflikten, folgende Szenarien als Beispiel:

    1) Mensch will Tierprodukte aus „Nutztier“-Haltung
    2) Mensch will töten um Tiere zu essen oder um Spaß zu haben

    Bei (1) ist es klar beim Konzept der Leidminimierung: für Mensch und Tier wäre es insgesamt weniger Leid auf „Nutztier“-Haltung zu verzichten. Dasselbe gilt für Autonomie als primärer Wert, jegliche „Nutztier“-Haltung wäre zunächst unvereinbar mit Autonomie als primärem Wert. Demgegenüber steht jetzt dann aber verkomplizierend noch die Autonomieeinschränkung des Menschen, der Mensch wertet seine Autonomie („will Tierprodukte“) möglicherweise höher als die der Tiere. Das ist ja der heutige Zustand und auch wenn Autonomie der höchste Wert ist muss es zu einer Wertung kommen weshalb eine (natürlich sehr kleine) Autonomieeinschränkung des Menschen weniger Wert besitzt als das Stehlen der gesamten Autonomie eines Tieres. Wie geht man mit solchen Fragen um?

    Noch schwieriger verhält es sich für mich mit Bsp. 2, man denke an Tiere die in Freiheit im Wald leben und vom Jäger zum Spaß bzw. für eine Mahlzeit (für die es Alternativen gäbe) getötet werden. Bis zum Zeitpunkt des getötet-werdens leben diese Tiere in vollständiger Autonomie, der Jäger lebt nun seine eigene Autonomie („höchster Wert“) aus indem er von seinen Möglichkeiten Gebrauch macht.

    Bei der Leidminimierung wäre der Konfliktfall für mich einfacher aufzulösen oder zu bewerten:
    Das „Leid“ eines Menschen nicht jagen oder töten zu dürfen ist trivial einsehbar dem Leid unterzuordnen getötet-zu-werden bzw. auch für den Ausfall für den Sozialverbund in dem das Tier eine wichtige Rolle eingenommen hat.

    Wie geht man mit konkurrierenden Freiheits-Forderungen um, warum bzw. wann ist die Autonomie eines Menschen in manchen Fällen weniger Wert als das Leben oder „nicht-Leiden“ in der Tierwelt?
    Wie kann man diese Fragen einfach und sinnvoll beantworten und wie lassen sich verschiedene Autonomieforderungen sinnvoll gegeneinander abwägen?

    Würde mich über deine Einschätzung darüber sehr freuen, das Konzept der Autonomie leuchtet mir nämlich bis auf die (noch größeren) Schwierigkeiten bei Abwägungsfragen grundsätzlich ein.

    VG, Markus

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