Bewusstsein, Autonomie und Werte von Anthropozentrismus bereinigt

 

Herwig Grimm vom Wiener Messerli Institut drückt sich bei seinen Vorträgen über Tierethik jedes Mal um die Frage, ob es denn, rational gesehen, noch ethisch vertretbar sein könne, Fleisch zu essen. Der axiologische Anthropozentrismus, also jene Weltanschauung, nach der alles nur in Bezug auf Menschen einen Wert haben könne, sei zwar überwindbar, so Grimm, nicht aber der epistemische. Alles, was der Mensch in diesem Kosmos zu erfassen versuche, könne er nur auf Basis seines Anthropozentrismus. Und deshalb sei es offenbar vertretbar, die Präferenzen der eigenen Art zu verabsolutieren und andere Tiere für sich zu nutzen. Einen epistemischen Anthropozentrismus kann man aber nur vertreten, wenn man sich nie mit Mathematik und Naturwissenschaft ernsthaft auseinandergesetzt hat. Dort wird nämlich genau dieser Schritt von der menschlichen Begrifflichkeit weg vollzogen. Wie könnten sonst Elementarteilchen in unendlich dimensionalen Räumen existieren, grundsätzlich komplexwertig sein (i=Wurzel-1) und eine Eigendrehung (Spin) besitzen, die genau der kleinsten irreduziblen Darstellung der 3-dimensionalen Drehgruppe entspricht. Keine dieser Eigenschaften entspricht einer menschlichen Begrifflichkeit auch nur im weitesten Sinne sondern ist nur rein mathematisch begreifbar!

Und es ist dieser epistemische Anthropozentrismus, der auch die Definition von Bewusstsein zu verwirren versucht. Bewusstsein benennt für AnthropozentrikerInnen offenbar den Zustand des (menschlichen) Geistes nach Jahren von Meditation. Deshalb, so die Logik, könne ein Wolf z.B. kein Bewusstsein haben, jedenfalls keines, das qualitativ mit dem menschlichen zu vergleichen wäre und daher diese Bezeichnung verdiene. Das erinnert mich an meinen Zellengenossen Helmut Elsner während meiner U-Haft. Er war sehr begeistert von Opernarien, ich mehr von Wolfsgeheul. Für ihn war es schon eine Beleidung, Wolfsgeheul und Opernarien in einem Atemzug zu nennen, so qualitativ verschieden seien diese beiden Lautäußerungen.

Wenn ein Wolf eine Forststraße sieht, assoziiert er damit vermutlich das einfachere Fortkommen und die Gefahr, auf Menschen zu treffen. Ich assoziiere dazu noch die Zerstörung der Natur, die Probleme der Jagd, dass die Zivilisation immer weiter fortschreitet usw. Man könnte also sagen, durch mein zusätzliches Wissen in diesen Bereichen habe ich ein im Verhältnis zum Wolf erweitertes Bewusstsein. Aber das ist nur eine quantitative Erweiterung, nicht qualitativ. Der qualitative Sprung findet zwischen einem Wesen statt, das kein Bewusstsein hat, und einem, dem zumindest die elementarste Form eines Gefühls bewusst wird, z.B. ich habe Hunger. Und von diesem bewusst erlebten Gefühl, das bereits auf sich selbst reflektiert und daher Selbstbewusstsein ist, zu einem erweiterten Bewusstsein geschieht nichts Essenzielles mehr.

Ähnlich bei der Autonomie. Für Kant bedeutete Autonomie die Fähigkeit, sich selbst Gesetze zu geben, sodass das eigene Handeln Regeln folgt, die als allgemeines Gesetz gelten können. Tatsächlich kann das kein Mensch unabhängig von unbewussten Antrieben, in Essenz nicht anders, als andere Tiere. Der qualitative Sprung geschieht wieder dort, wo ein Wesen auf elementarste Weise bewusst entscheiden kann: ich fühle Hunger als suche ich etwas zu essen. Nur AnthropozentrikerInnen überhöhen Autonomie zu etwas qualitativ Anderem.

Und genauso bei Werten. Für AnthropozentrikerInnen sind Werte z.B. die Heiligkeit der Familie. So etwas könne ein Wolf doch nicht haben! Wieder belegen AnthropozentrikerInnen damit nur, nicht über den eigenen Tellerrand zu schauen befähigt zu sein. In Essenz bedeutet der Wert, die Familie als heilig zu sehen, nichts anderes, als die Familie gegenüber anderen Lebensformen zu präferieren, genauso, wie man ein Essen (z.B. Heidelbeeren) einem anderen (z.B. Erdbeeren) geschmacklich vorzieht. Der qualitative Sprung geschieht dort, wo ein Wesen bewusst wahrnimmt, irgendetwas etwas Anderem vorzuziehen, z.B. Heidelbeeren eben Erdbeeren. Die Erweiterung auf die Heiligkeit der Familie ist lediglich quantitativ, nicht qualitativ, in Essenz bringt sie nichts Neues.

Und so hilft uns die Naturwissenschaft auch in der Ethik, den Anthropozentrismus zu überwinden und der menschenunabhängigen Realität zu begegnen. Bewusstsein, damit verbunden Autonomie und damit verbunden Werte sind sich gegenseitig bedingende Entitäten, die nicht nur völlig menschenunabhängig sind, sondern bereits in ihrer einfachsten Form ihre gesamte Essenz besitzen. Bei ethischen Überlegungen mit rational-objektivem Anspruch sind also diese elementaren Begriffe von Bewusstsein, Autonomie und Werten die wesentlichen, gereinigt von anthropozentrischer Überhöhung.

5 thoughts on “Bewusstsein, Autonomie und Werte von Anthropozentrismus bereinigt

  1. Martin Balluch says:

    @ Robert:

    Die Antwort gibt uns z.B. Kurt Kotrschal im Buch „Bindung zu Tieren“, Hogrefe Verlag. Darin steht, dass die soziale Werkzeugkiste aller sozialen Tiere evolutionär so alt ist, dass sie im Wesentlichen übereinstimmt und es daher möglich ist, spezies- und sogar gattungsübergreifend zu verstehen, was andere Wesen empfinden. Ich leide also mit, wenn ein anderes leidensfähiges Wesen leidet. Das kann sich zwar von anderen, drängenderen Gefühlen überlagern, aber grundsätzlich bin ich dazu fähig und ist es auch die Katze angesichts einer leidenden Maus. Das wäre ein Antrieb, Leid zu vermeiden. Und da gibt es tatsächlich viele anekdotische Beispiele von Tieren in der Wildnis, die Individuen ganz anderer Gattungen und Arten unter gewissen Umständen geholfen haben, sogar von Arten, die normalerweise zu ihrer Beute gehören.

    Die moralische Frage, wie ich handeln soll, hängt zwar insofern damit zusammen, dass mich Mitgefühl zum moralisch Handeln bewegen kann, aber insofern nicht, als dass moralische Handlungsimperative durchaus unabhängig von Mitgefühl sein können.

  2. Robert says:

    Ernst gemeinte Frage: Aus welchem biologischen Grund sollte das Leid eines Lebewesens einer anderen Gattung, das in keiner irgendwie für mich wichtigen Beziehung zu mir steht, für mich relevant sein? Das Leid der Maus ist der Katze ja auch auch ziemlich wurscht …

  3. Konrad says:

    Ethische Werte sind immer eine intersubjektive Übereinkunft. Dem entsprechend kann es jenseits einer konkreten Gemeischaft keine absoluten Rechte oder Pflichten geben. Es ist immer nur eine Gemeisnchaft, die sich auf Verhaltensregeln einigen kann.

    Das mag Anhängern der Moraltheologie nicht gefallen, aber es ist eine sehr banale Realität.

    Dennoch gibt es Verhaltensregeln, die besser oder schlechter funktionieren. Wenn wir uns auf eine Art und Weise verhalten, die andere in Bedrängnis bringt, brauchen wir uns nicht darüber zu wundern, dass diese anderen den Eindruck haben, dass sie es sich nicht mehr „leisten“ können auf unser Wohlergehen Rücksicht zu nehmen. Ebenso ist es wenig hilfreich die Grundlagen unseres eigenen Überlebens zu zerstören.

    Ungeachtet dieser simplen Zusammenhänge haben wir aber auch Empfindungen, die es sogar angenehmer für uns machen uns kooperativ zu verhalten. Die uns angeborene Empathie ist kein von Gott weiser Weise eingefügter ethischer Wert, sondern lediglich eine Mutation, die sich beim Bilden von Gemeinschaften als nützlich erwiesen hat. Und dass es für das Individuum hilfreich ist sich in einer solidarischen Gruppe zu befinden, ist auch keine überraschende Neuigkeit.

    Leider beschäftigen sich viele von uns nicht sehr oft mit den banalen Grundlagen unseres Daseins.

    Wenn wir das alles nüchtern betrachten, brauchen wir keine hehren Ideale, sondern die bloße praktische Vernunft zeigt uns, dass uns ein wohlwollender Stil besser nützt, als das Faustrecht. Es ist durchaus hilfreich, dass unsere angeborene Empathie uns ein Wohlbefinden bereitet, wenn wir im Einklang mit unserer Umgebung leben.

    Leider befinden sich die meisten von uns fast dauernd in Alarmbereitschaft und fühlen sich bedroht. Sie wenden sozusagen das Kriegsrecht an. Sie sind fast permanent überzeugt, dass es wichtig ist zu aller erst für das eigene Wohlergehen zu sorgen, da sie andernfalls unmittelbar untergehen würden.

    Ich sehe also weniger mangelnde ethische Werte als Problem, sondern eher die weit verbreitete irrationale Angst vor dem Untergang, die vielerorts leider auch gezielt geschürt wird.

    Es sind in meinen Augen also meist nicht die Umstände, die uns bedrohen, sondern es ist unsere Angst, die uns zu einem Verhalten motiviert, das nicht wirklich gesellschaftsfähig ist. Wir brauchen keine Religion, sondern die Einsicht, dass wir nicht wirklich bedroht sind und es uns daher leisten können auf einander Rücksicht zu nehmen. Das fühlt sich nicht nur gut an, sondern es funktioniert auch noch wesentlich besser als ein Lebensstil, bei dem jeder gegen jeden kämpft.

  4. susanne v. says:

    Meine Welt ist viel einfacher. Ich denke es ist im Prinzip egal ob man ein Mensch, oder ein Tier ist. Leid und Freude, Glück und Unglück, Schmerz, Angst, Angehmes, empfinden zumindest alle Wesen gleich die über die nötigen biologischen „Verbindungen“ verfügen. Also über Nerven, Gehirn, usw. Jedes Lebewesen hat den Wunsch zu leben und zu überleben und den Wunsch so zu leben wie es die Natur vorgesehen hat. Kann es das nicht empfindet es Schmerz und Kummer. Wer Tieren diese Empfindungen abspricht ist ein Idiot, oder ein Ignorant. Denn um das zu erkennen brauche ich nur Augen, Ohren und ein funktionierendes Gehirn. Natürlich tut mir selbst mein Schmerz weh und den anderer spüre ich nicht, ich kann ihn nur nachempfinden. Deshalb und weil jedes Lebewesen über einen Selbsterhaltungstrieb verfügt, halte ich meinen Schmerz für bedeutungsvoller.

    Rechte, Pflichten, Ethik, Werte und ähnliches gibt es nicht. Wir Menschen machen Gesetze und versuchen diese auch zu vollstrecken, weil wir sonst zugrunde gehen würden. Es würde sonst Chaos in der menschlichen Gesellschaft herrschen. Das ist alles. Das versuchen wir zu begründen indem wir Argumente am laufenden Band aus dem Hut zaubern, die keine wirklichen sind, Diese Gesetze denken wir Menschen uns aus, sie gelten deshalb auch nur zeitweise, genauso wie die sogenannten „Werte“.

    Auch Menschen wurden gegessen, nicht nur von Tieren, sondern auch von Menschen; man foltert Menschen, tötet sie, behandelt sie genauso wie Tiere. Um das zu erkennen braucht man auch kein Philosophiestudium.

    Wenn Serienmörder zuerst Tiere foltern und töten, dann tun sie das nicht weil sie den Tieren weniger Rechte einräumen, sondern weil es leichter geht. Es gibt immer einen gewissen Prozentsatz Menschen die Psychopathen sind und Lust verspüren wenn sie quälen und töten. Haben solche Leute in einer Gesellschaft das Sagen, werden sie Gesetze machen die Quälereien erlauben. Es gibt auch einen bestimmten Prozentsatz an Menschen die gegen Quälereien sind. Wenn diese sich durchsetzen weden sie Gesetze machen die Quälereien verbieten.

    Leider regieren oft die Psychopathen und sie finden für alles was sie tun „gute“ Argumente. In Wahrheit geht es ihnen darum Geld zu verdienen, Macht auszuüben, sich wichtig zu machen und wenn man sie läßt gehen sie über Leichen – über die von Tieren genauso wie über die von Menschen. Was einer einem Tier antut, tut er auch einem Menschen an wenn er die Möglichkeit dazu hat. Ein Bauer der nichts verspürt wenn er seine Schweine in enge Käfige sperrt, macht dasselbe mit einem Menschen wenn er daran verdient und nicht bestraft wird. Denn eigentlich geht es nur um eines: entweder man hat Mitgefühl, oder nicht.

    Etwas objektiv „Heiliges“ gibt es nicht, da hast du sicher Recht. Es gibt nur etwas „Naturgemäßes“. Das ist bei der menschlichen Gesellschaft zum Teil abhängig von der Größe der Population, aber auch von anderen Faktoren. Bei den Eskimos kann z. B. eine Familie aus zwei Männern und einer Frau bestehen, oder aus zwei Frauen und einem Mann. Es gibt Völker die überhaupt keine „Familie“ kennen. Da leben die Männer mit den Männern und die Frauen mit den Frauen. Die Männer schleichen sich zu den Frauen, zeugen Kinder und wenn es Buben werden, kommen diese mit drei, oder vier Jahren in die Männergruppe. Wenn jemand also mit der „Heiligkeit“ der Familie argumentiert ist er kein Philosoph, sondern ein Pfarrer. Familie dient in erster LInie dem Schutz der Nachkommen.

    Philosophen und Priester aller Religionen (ich würde sagen die Philosophen sind die Priester der Atheisten) sind diejenigen, die den Menschen Argumente dafür liefern, mit gutem Gewissen andere massakrieren zu können – egal ob es sich um Tiere, oder um Menschen handelt. Aber sie liefern auch Argumente dafür es nicht zu tun.

    Ich glaube nicht an „Tierrechte“, aber auch nicht an „Menschenrechte“. Das ist nichts Reales. Aber wenn viele Menschen daran glauben können sie real werden.

  5. julia says:

    Der epistemische Anthropozentrismus ist zumindest für Menschen unüberwindbar, alles andere ist Augenwischerei. Es ist allerdings hilfreich, wenn man sich dessen bewußt bleibt, weil man sonst unweigerlich bei einem Begründungs- oder utilitaristischen Anthropozentrismus landet, ohne es zu wissen oder zu wollen.
    Bei Deinem Beispiel hieße dass, dass Du zwar *glaubst*, dass Du anders als Herr Elsner rational und nüchtern den Wolf dem Menschen und das Wolfsgeheul dem Operngesang gleichsetzt – aber in Wirklichkeit ziehst Du das Wolfsgeheul nur vor, weil Du keinen Sinn für Opern hast, sprich lässt einfach Deinen persönlichen Geschmack als Wert agieren. Das ist die wahre anthropozentiesche Überhöhiung, der gerade der zum Opfer fällt der meint frei davon zu sein.

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