„Dem Braunbären auf der Spur“ – ein Buch von Michaela Skuban

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Von Bären sieht man meistens nur das Hinterteil, wenn sie reißaus nehmen

Nachdem 1932 in der Slowakei nur noch 20-30 Bären den Ausrottungsversuchen der Jägerschaft widerstanden hatten, mit wenig Aussicht auf einen längerfristigen Erfolg, wurde am 1. September 1932 ein totales Abschussverbot erlassen. Seit 1968 werden wieder einzelne Bären zum Abschuss freigegeben. Im Jahr 2009 geben Forstbehörde und Jägerschaft eine Population von 1940 Individuen an, von denen 26 erschossen wurden. Diese Bären zu erforschen ist das Ziel der Wissenschaftlerin Michaela Skuban, die mit ihrem Buch „Dem Braunbären auf der Spur“ aus dem Jahr 2011 im Leopold Stocker Verlag einen umfassenden Bericht vorlegt. Allerdings hält sie die Zahl von 1940 Bären für weit übertrieben, kommen die Bären in der Slowakei doch nur in der Tatraregion vor, einem vielleicht 200 x 120 km großen Areal.

Ich habe mich schon immer gefragt, was die Bären als großteils Vegetarier, für die ich sie hielt, in unseren Breiten eigentlich so essen können. In den Südkarpaten findet man zwar laufend ihren Kot, aber das charakteristischste daran ist, dass er keine typische Charakteristik hat: von dunkel bis hell, von flüssig bis hart, von einheitlich bis voller unverdauter Teile kann man alles finden. Skuban berichtet von einem Forschungsprojekt, für das seit 4 Jahren mehrere hundert Kotproben pro Jahr analysiert werden. Das Ergebnis: Im Sommer besteht die Nahrung der Bären zu 45 % aus Waldbeeren (Himbeere, Brombeere, Heidelbeere und Preiselbeere), zu 31% aus Insekten (fast ausschließlich Ameisen und Wespen!), zu 13% aus Pflanzen (Gräser, Kräuter, Buchecker, Eicheln und Vogelbeeren), zu 10% aus Kulturpflanzen von Feldern (Getreide und Mais) und lediglich zu 1% aus Wirbeltieren, hauptsächlich Mäuse. In den gesamten 4 Jahren fanden sich nur einmal Spuren eines Hirschs und einmal einer Ziege im Kot. Sind die Winter mild, dann sind die Bären auch in dieser Jahreszeit aktiv oder beschränken ihre Winterruhe auf 45 bis maximal 85 Tage. Dann essen sie zu 31% Pflanzen (Bucheckern, Vogelbeeren und Eicheln), zu 19% Wirbeltiere (Hirsch und Wildschwein, aber niemals Reh oder Gemse) und zu 50% Nahrung von den Winterfütterungen, die die Jägerschaft für Paarhufer ausbringt, um im Herbst möglichst viele dieser Tiere schießen zu können. Fotofallen zeigen dabei sogar die Bären in Eintracht mit Wildschweinen und Hirschen gleichzeitig an den Futterstellen. Auch hier wird deutlich, wie sehr diese massiven Wildtierfütterungen das natürliche Gefüge durcheinander bringen.

Für etwaige zukünftige österreichische Bärenpopulationen relevant ist natürlich der Schaden, den Bären an menschlichem Eigentum anrichten. In der Slowakei wurde dafür – trotz der hohen Populationsdichte – im Jahr 2010 staatlicherseits ausbezahlt: € 15.000 für getötete Nutztiere (198 Schafe und Ziegen sowie 9 Rinder), € 45.000 für beschädigte Bienenstöcke, € 20.000 für von Bären geerntete Feldfrüchte und € 10.000 für Schäden an Jagdeinrichtungen. Skuban betont, dass die vom Schalenwild verursachten Schäden um ein Vielfaches darüber liegen. Grundsätzlich ist ihre Ansicht, dass sich durch geeignete Schutzmaßnahmen, wie z.B. elektrisch gesicherte Bienenstöcke oder durch Herdenschutzhunde bewachte Nutztiere, der Schaden dramatisch reduzieren lässt. Zweifellos zeigt uns das Beispiel Slowakei einmal mehr, dass natürliche Bärenpopulationsdichten durchaus mit einer menschlichen Bevölkerungsdichte und Naturnutzung wie in Österreich verträglich sind. Bei uns ist leider nur wieder einmal die Jägerschaft zu unreif und zu mächtig, um eine Neubesiedlung durch diese Wildtiere zu ermöglichen.

Bleibt noch das Kapitel Angriffe auf den Menschen zu erwähnen. Tatsächlich sind in diesem Buch einige solche Angriffe angeführt, wobei in den allermeisten Fällen den Menschen keine offensichtliche Schuld trifft. Oftmals ruhen die Bären im Dickicht, vielleicht auch eine Bärin mit Kindern, ein Mensch geht ahnungslos vorbei und wird überraschend angegriffen. Die meisten dieser Angriffe über die letzten Jahrzehnte endeten aber lediglich mit Verletzungen, wenn es dem Menschen gelang, sich tot zu stellen, und er keine weiteren Verteidigungsschritte unternahm. Seit einigen Jahren werden staatlicherseits auch die Krankenhauskosten bei Bärenangriffen ersetzt und die Schadenssumme für 2008 in dieser Kategorie betrug € 80.000.

Wenn es aber auch einzelne Angriffe dieser Art pro Jahr geben mag, so ist das für die Gesamtpopulation sehr gering. Ich hatte bereits mehr als 20 Begegnungen mit Bären und noch nie war ich dabei auch nur gefährdet, obwohl die von Skuban angegebene Mindestdistanz von 30 m dabei häufig unterschritten war. Einmal lief ein Bär im vollen Galopp auf mich zu, um 5 m vor mir abzudrehen, als ob er mich dann erst gesehen hätte. In meiner Nähe hat sich auch noch nie ein Bär auf die Hinterbeine gestellt oder gebrüllt, was bei den Geschichten in Skubans Buch offenbar ein Zeichen für eine drohende Auseinandersetzung ist. Dabei habe ich auch Bärinnen mit Kindern getroffen oder Müllbären gesehen, die nur wenige Meter neben Menschen im Mistkübel wühlen. Laut Skuban gab es übrigens noch nie einen Angriff auf SchitourengeherInnen durch Bären.

Skuban rät ganz dringend davon ab, in Bärengebieten wild zu zelten, obwohl sie nur einen einzigen Bericht aus der Slowakei liefern kann, in dem ein Bär zeltende Wanderer verletzte. Die beiden hatten im Vorzelt ihr Essen offen stehen gelassen und als ein Bär in der Nacht daran schnüffelte, schrie die Frau im Zelt auf. Der Bär zerriss daraufhin die Zeltwand und schliff die Frau 150 m am Kopf durch den Wald, bevor er von ihr abließ. Ich verschließe in Bärengebieten meine Nahrung in einem luftdichten Behälter und hänge diesen 50 m entfernt in mindestens 8 m Höhe an einen Baum.

Skuban weiß sicherlich sehr viel von Bären durch ihre Forschung. Aber ob sie genauso viel von der Gefahr weiß, die von Bären Wanderern gegenüber ausgeht? Wie oft hat sie Bären in der freien Natur, z.B. in der Nacht, schon getroffen? Ich bin schon einmal in der Nacht durchs Dickicht gekrabbelt und dabei einem Bären begegnet, der sofort davonlief. Ich habe mittlerweile gut 50 Nächte im Zelt in Bärengebieten verbracht, am nächsten Tag Bärenspuren in Zeltnähe gesehen, und noch nie hat mich einer bedroht. Skuban sagt dagegen, wenn man eine Bärenspur trifft, soll man sofort in die Gegenrichtung davon gehen. In den Südkarpaten stoße ich fast täglich auf Bärenspuren. Müsste ich da jedes Mal umdrehen, käme ich nicht weit. Und Skuban meint, Hunde im Bärengebiet müssten immer an der Leine bleiben, weil sie die Bären provozieren könnten. Mein Hund ist schon mehrmals Bären begegnet und bisher verlief das entweder sehr ruhig oder der Bär ist, durch das wilde Gebell nur 15 m von unserem Zelt entfernt aufgeschreckt, davongelaufen.

Nein, ich halte Bären nicht für so gefährlich. Vielleicht hatte ich immer nur Glück, aber eher scheint mir Skuban selbst ist noch wenigen Bären in freier Wildbahn begegnet oder sie möchte durch ihre übertriebene Warnung den Bären die Begegnung mit weglos wandernden Menschen ersparen. Als eingefleischtes Wildtier werde ich mich aber dadurch nicht davon abbringen lassen, auch in Bärengebieten wild zu zelten und weglos zu wandern. Ich habe nur eine Bitte: sollte ich deshalb einmal zu Tode kommen, so bitte ich das nicht dem Bären anzulasten. Es war meine eigene, freie Entscheidung. ich klettere ja auch weiterhin in Felswänden und setze mich den Blitzen, Lawinen und Gletscherspalten aus. Das Leben in der Wildnis ist eben gefährlich.

3 thoughts on “„Dem Braunbären auf der Spur“ – ein Buch von Michaela Skuban

  1. Lieber Martin!
    ich würde sagen, dass die Bärencommunity sehr wohl wahrnimmt, mit WEM sie es hier zu tun hat. Die Bären werden vor Deinem Zelt innehalten, sich tief verneigen und sich dann auf leisen Tatzen entfernen. So wird es sein…

  2. caroline says:

    Über Braunbären in Slowenien und …

    http://taz.de/Baerenerwartungsland-Deutschland-/!115228/

    „Da kommen Länder wie Niederlande und Deutschland mit dicken Papieren, wie wir unsere Bären managen sollen“, erzürnt sich Jonozovic, „aber der Unterschied ist: Wir machen es seit hundert Jahren so und haben viele Bären. Und sie? Sie haben vor allem Papier, aber keinen einzigen Bären.“

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