Die Einstellung von Kindern zu Natur, Tieren und Gewalt

Es ist für mich sehr spannend, meine Tochter aufwachsen und ihre Meinungen bilden zu sehen. Zwar habe ich nicht den Eindruck, dass ein Kind in seiner Einstellung zur Welt sozusagen am Anfang eine Tabula rasa wäre, also ohne jede eigene Persönlichkeit, wie ein leeres Blatt, bereit, vollständig von außen beschrieben zu werden. Aber zweifellos sind Kinder sehr offen und wissbegierig. Sie wollen über ihre Umgebung alles lernen und sie achten genau darauf, wie man ihnen diese Umgebung näher bringt und welche Perspektiven man bietet.

In meiner Tierschutzarbeit begegnen mir immer wieder völlig eiskalte Menschen. Menschen, die scheinbar weder Mitgefühl noch einen Sinn für Gerechtigkeit kennen, und schon gar kein Verständnis für die Natur haben. Wie ist es dazu gekommen? Was ist da in der Kindheit falsch gelaufen? Kürzlich war ich im Schloss Artstetten in der Ausstellung über den ehemaligen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand. Unfassbar, wie dieser Mensch völlig rücksichtslos auf alle Tiere geschossen hat, die er nur zu sehen bekam, am liebsten im Gatter oder in Massen aus der Zucht. Bei einer Fahrt mit einem Kriegsschiff sah er Wale und versuchte mit der Bordkanone auf sie zu ballern. Völlig sinnlos und ohne jede Vernunft. In der Ausstellung lernt man auch viel über seine Kindheit und die Kindheit zahlreicher anderer Hochadeliger. Und tatsächlich, von denen ist einer fanatischer als der andere mit ihrer absolut rücksichtslosen Brutalität Tieren gegenüber. Achtung vor der Natur oder vor Menschenrechten sind auch nicht gerade auszunehmen.

Diejenigen, die sich für adelig halten, sind auch heute noch anfällig für diesen vollkommen ungebremsten Jagdfanatismus. Wenn man im Buch „Tolle Zeiten & Große Jäger“ liest, wird man da vielfach fündig. Darunter auch Maximilian Mayr-Melnhof. Das ist jener Mann, der während einer Gatterjagd derart von seinen Emotionen übermannt wurde, dass er mit seinem Auto aus dem Gatter fuhr und den nächstbesten Tierschützer angriff. Das Landesverwaltungsgericht Salzburg hat festgestellt, dass Mayr-Melnhof diesen Mann an der Hand verletzte, um ihm mit Gewalt die Kamera zu entreißen. Und das rechtswidrig, selbstverständlich. Aber nicht nur das. Vor Gericht hat Mayr-Melnhof dann die ärgsten Geschichten erzählt, sodass seine Schuld vertuscht wurde. Das Landesverwaltungsgericht Salzburg hat ihn sogar wegen Falschaussage vor Gericht als Zeuge strafrechtlich angezeigt. Die Gänsehaut läuft einem über den Rücken, wenn man den Filmclip sieht, den Mayr-Melnhof als Versuch gedreht hat, um Beweismittel zu fingieren, wie das Landesverwaltungsgericht festgestellt hat. Er tut in dem Film so, als würde er eine Kamera suchen, dabei hatte er sie zu diesem Zeitpunkt bereits entwendet und in seinem Auto liegen.

Also, dieser Mann, der zu solchen Taten fähig ist, ballert in seinem Jagdgatter jedes Jahr massenweise gefangene und gezüchtete Wildschweine und Damhirsche ab. Aber nicht nur das. Im obengenannten Buch kann man nachlesen, dass er die Jagd seit seinem 16. Lebensjahr praktiziert und dabei bereits in fast jedem Kontinent war, um Tiere zu töten. Wo kommt so ein für Außenstehende völlig seltsamer Fanatismus her?

Vielleicht gibt darüber auch der Schluss des Kapitels in Mayr-Melnhofs Buch Aufschluss. Dort steht, dass er seine Kinder extra nach Südamerika zur Jagd gebracht hat, weil man dort, im Gegensatz zu Österreich, schon mit 12 Jahren jagen darf. Und mit einem gewissen Stolz wird vermerkt, dass die 10 Jährige Tochter gerne einen Hasen töten würde. Kommt das wirklich aus den Kindern selbst, also würden sie so agieren, auch wenn sie meine Kinder wären, oder ist das eher von ihrem Vater bzw. den Erwachsenen ihrer Umgebung abgeschaut?

Ein anderes Beispiel. Nicolas Vanier erzählt in seinem Buch „Schneekind“, wie er mit seiner Frau und seiner 1 1/2 Jährigen Tochter etwa 1 Jahr lang durch die Wildnis von British Columbia zieht. Irgendwann dabei schießt er einen Elch und freut sich, dass seine kleine Tochter bis zu den Knöcheln im Blut des Elchs steht, ohne sich zu grausen. Ist das wirklich gut? Soll das eine erfreuliche Leistung sein? Wollen wir, dass Kinder nichts dabei empfinden, wenn vor ihnen Tiere sterben?

Mich erschreckt dieser Zugang. Als Vater, der gerade in Kinderbetreuungskarenz mit seiner etwa so alten Tochter ist, habe ich den Eindruck, man könnte das Kind so oder so beeinflussen. Entweder ich präsentiere diese Tötungen als völlig normal und Mitgefühl als lächerlich, oder ich erzähle ihnen von den Gefühlen der Tiere, beobachte mit ihnen deren Gefühlsregungen, lasse sie mit Tieren aufwachsen, mit denen sie eine Beziehung eingehen können, und lebe ihnen den vollen Respekt vor allen Tieren und der Natur vor. Dass weder die Tiere noch die Natur für uns da sind, dass Tiere ihren eigenen Willen haben, und dass sie leben wollen und Schmerzen wie wir empfinden können. Wie wird das Kind reagieren?

Im Bild oben sieht man mein Töchterchen mit einem Osternest. Darin befinden sich nicht zwei Eier, sondern zwei Avocados. Nicht nur, dass sie Avocados wirklich gerne mag. Aber mit Hühnereiern ist in der Tierindustrie immer Leid verbunden. Ich lebe ihr vor, dass es auch ohne dieses Leid geht.

Ich mag mich irren, aber ich bin mir sicher, dass meine Tochter die Natur respektieren und schätzen wird. Ich vermute, dass sie sehr bald versteht, dass Tiere ohne Notfall zu töten nicht nur einem wundervollen Wesen das Einzige raubt, das es besitzt, sondern auch in uns selbst etwas tötet, uns brutalisiert und uns das lebensbejahende Mitgefühl und die Liebe nimmt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mir mit 10 Jahren erklärt, dass sie gerne einen Hasen töten würde. Ich wäre total entsetzt und würde sie fragen, wieso und was ihr der Hase getan hat und wie sie anstelle des Hasen fühlen würde. Dann würde ich mit ihr Hasen beobachten, würde sie fragen, welche Emotionen sie bei den Tieren erkennen kann, und ob sie nicht eine Ähnlichkeit zu ihr selbst sieht. Und ich würde besprechen wollen, wie sie glaubt, dass der Hase empfindet, wenn er merkt, dass sie ihn töten will, und ob er mit seinem Leben nicht alles verliert, was er in dieser Welt hat, und wie seine Familie empfinden würde, wenn er plötzlich tot ist. Ich würde mit meiner Tochter in ein Wildtierspital gehen und ihr die aufopfernde Hilfe der Menschen dort zeigen, die meinen, dass jedes noch so unscheinbare und als unnütz oder gar schädlich geltende Tier auch fühlen und sich fürchten und Schmerz und insbesondere Todesangst empfinden kann, und dass es viele Menschen gibt, die auch solchen Tieren helfen, wenn sie in Not geraten. Könnte es wirklich sein, dass ein Kind dann noch immer zum Geburtstag einen Hasen töten will?

Bei meinem letzten Prozess gegen Mayr-Melnhof habe ich an diese Dinge gedacht. Mayr-Melnhof und ich leben in völlig anderen Welten, es könnte gegensetzlicher nicht sein. Erstaunlich, dass er sich als im christlichen Sinne guten Menschen betrachtet, mit seiner Gewalt gegenüber friedlichen Tierschützern, seinen Unwahrheiten vor Gericht, und insbesondere seinen Tiermassakern und seinen Kindern mit ihren Tiermordgelüsten. Kann man sich Jesus Christus als Schlächter oder als Jäger vorstellen? „Lasst die Kinder zu mir kommen, damit ich ihnen das Töten von Tieren lehre?“ Wohl kaum. Man kann sich Jesus in seiner Bergpredigt heute nicht mehr anders als vegan denken. Wie sonst wäre allumfassende Liebe sogar den Feinden gegenüber möglich? Obwohl das nicht überliefert ist, ist aber eine andere Aussage von ihm in der Bibel zu finden: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein reicher Mann ins Himmelreich kommt.“ Kann er damit auf die Brutalität und den Jagdfanatismus dieser Gesellschaftskreise angespielt haben?

Die Welt wäre ein viel lebenswerterer und schönerer Platz, wenn wir unseren Kindern Gewaltfreiheit und Naturliebe nahebrächten statt Gleichgültigkeit gegenüber Tierleid und Naturzerstörung.

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