Ein Wolf und ein Philosoph

Mark Rowlands, von walisischer Herkunft, hat mich zur Zeit meiner Dissertation als Philosoph aus Irland beeindruckt, der sogar im Rahmen des Kontraktionalismus eine Verteidigung der Tierrechte zustande brachte. Für Eingeweihte: er erweiterte John Rawls‘ Schleier des Ungewissen auch auf die Tierart, d.h. bevor die rationalen Wesen ihren Gesellschaftsvertrag schließen, der dann das moralisch Gute definiert, dürfen sie auch nicht wissen, zu welcher Tierart sie in der hypothetischen Gesellschaft gehören werden. Rowlands schloss messerscharf, dass rationale Wesen dann niemals einen speziesistischen Vertrag unterschreiben würden. So sah er mittels Kontraktionalismus – bis dahin das Flaggschiff der Anti-Tierrechtsposition – den Speziesismus widerlegt.

In seinem nun nicht nur auf Deutsch sondern auch als Taschenbuch erschienen Buch „Der Philosoph und der Wolf“ klärt er uns darüber auf, dass seine Tierrechtsideen im Zusammenleben mit einem Wolf entstanden sind. Seine gedanklichen Exkursionen über den Sinn des Lebens und das Zeitwesen Mensch, das nicht im Moment leben kann, sondern immer darauf fokussiert, woher es kommt und wohin es geht, und dadurch nie befriedigt wird und nie an ein Ziel gelangt, sind lesenswert. Doch mindestens ebenso spannend sind seine Ausführungen über die verschiedene psychosoziale evolutionäre Entwicklung der Caniden mit Wolf und Hund auf der einen und der Primaten bzw. Affen mit dem Menschen auf der anderen Seite.

Das Zusammenleben unter Wölfen und damit auch später unter Hunden in ihrer Gruppe, dem Rudel, sei, so Rowlands, durch Ehrlichkeit und Loyalität bestimmt. Wölfe und Hunde, meint Rowlands, könnten einfach nicht lügen. Primaten, und damit Affen bzw. auch Menschen, auf der anderen Seite, würden Gruppen bilden, in denen sich die Mitglieder durch Lüge und Täuschung an die Macht zu bringen versuchen. Primaten würden ihre KonkurrentInnen in der Gruppe nach ihren Schwächen abklopfen, um diese auszunutzen. Sie bilden Allianzen, um dominante Gruppenmitglieder zu übertölpeln, einem Mobbing auszusetzen und letztlich zu überwältigen. Nur Primaten aber nicht Caniden hätten Schadenfreude. Im Gegensatz zu Caniden seien Primaten daher sehr intrigante Wesen. Für sie gehe es um das Haben, für die Caniden um das Sein. So sei das moralisch Böse entstanden, das durch das Gegengewicht des moralischen Prinzips der Gerechtigkeit in Schach gehalten wird. Nach Rowlands sei Caniden die Loyalität wichtiger als die Gerechtigkeit, Loyalität um jeden Preis, die sprichwörtliche Treue, die Hunde auszeichnet.

Auch die Sexualität habe bei Caniden und Primaten eine entsprechend verschiedene Rolle. Bei Wölfen ist sie jedenfalls bei beiden Geschlechtern saisonal. Auch die männlichen Wölfe produzieren nicht das Jahr über einen hohen Sexualhormonspiegel, ihre Hoden haben Haselnussgröße, bis im Frühjahr die weiblichen Wölfe läufig werden und die Hoden der männlichen Tiere auf Taubeneigröße anwachsen. Bei Wölfen, so Rowlands, spiele daher der Sex sozial eine geringe Rolle, Einzeltieren würde es nicht schwer fallen, auch ein Leben lang abstinent zu bleiben. Bei Primaten hingegen würde der Sex zum Lebensinhalt, die Männer haben permanent einen hohen Testosteronspiegel, die Frauen sind das Jahr über empfängnisbereit. Täuschung, Lüge und Intrige würden bei Primaten das Ränkespiel um den Sex bestimmen.

Rowlands schreibt in seinem Buch, dass er das Zusammenleben mit seinem Wolf mit einem Überlegenheitsgefühl als Mensch gegenüber allen anderen Tieren begonnen habe, insbesondere wegen seiner hohen Intelligenz. Doch dann habe er von diesem Wolf so viel gelernt, so auch, dass Intelligenz zu Täuschung und Intrige benutzt werde, sodass er dieses Wertegefälle jetzt stark relativiere. Ich kann im Zusammenleben mit meinem Hund viele dieser Ansichten und Gefühle von Rowlands nachempfinden, obwohl Hunde meiner Erfahrung nach auch ein gewisses Verständnis sowohl für moralische Regeln als auch für Gerechtigkeit mitbringen. Aber Ehrlichkeit und Loyalität als die Grundregeln des Zusammenlebens zu sehen, das haben alle meine Hunde mit Rowlands‘ Wolf gemeinsam! Vielleicht sollten wir uns daher tatsächlich nicht so viel auf unsere Intelligenz einbilden.

3 thoughts on “Ein Wolf und ein Philosoph

  1. Lilly says:

    Der Satz klingt besonders nach:
    „Rowlands schreibt in seinem Buch, dass er das Zusammenleben mit seinem Wolf mit einem Überlegenheitsgefühl als Mensch gegenüber allen anderen Tieren begonnen habe, insbesondere wegen seiner hohen Intelligenz. Doch dann habe er von diesem Wolf so viel gelernt…“
    Diese Erfahrung in ein Buch komprimieren ist sicher nicht einfach. Die Qualität, eine Freundschaft mit einem Wolf aufzubauen und in der Interaktion, in der Wahrnehmung, mit diesem Wesen Ehrlichkeit und Loyalität zu erfahren muss großartig sein… ich mag bei diesem ausruhen und es nachklingen lassen… können wir vom Einzelnen jeweils auf alle schließen? Ich glaube nicht, ähnlich wie bei Don Carlos und seinem denkanregenden Wissen, das bei herangezogenen Studien „Charakter und Gruppenzwang – Beobachtungen des Menschen als (großstädtisches) Gruppentier“ nicht entfaltet, nicht gesehen und nicht aufgenommen werden könnte.

  2. susanne v. says:

    Dieser Theorie muss ich total widersprechen, nur geht das schwer, weil man dazu fast schon eine Abhandlung schreiben müsste. Das Thema ist jedenfalls nichts für Philosophen.

    Erstens ist Verhalten angeboren und somit wertfrei.

    Primaten – Orangs sind auch Primaten, aber Einzelgänger – und sie reagieren anders. Somit ist die Theorie schon einmal in dieser Beziehung eine unsachgemäße Verallgemeinerung.

    So viel ich weiß darf bei Wölfen nur das dominante Paar überhaupt Junge bekommen. Alle anderen ziehen diese Jungen mit groß. Sie bekommen auch nicht ein Junges, sondern gleich mehrere und das bis zu 2x pro Jahr. Wäre es nicht so wie du beschreibst, würden die Tiere einander zerfleischen.

    Bei Hunden ist das nicht so. Weibliche Hunde sind ja auch nicht gleichzeitg läufig, deshalb kann jeder Rüde jederzeit ein läufiges Weibchen decken.

    Hunde sind eifersüchtig, sie denken nach wie sie andere überrumpeln können. Mein Hund will anderen Hunden immer das Spielzeug wegnehmen. Die geben es natürlich nicht freiwllig her. Dann spielt er demonstrativ mit einem Stöckchen, wirft es in die Luft, bis der andere Hund sein Spielzeug liegen lässt und ihm das Stöckchen wegnimmt – und dann hat er das Spielzeug auch schon. Das hat ihm niemand beigebracht.

    Auch Hunde können „Allianzen“ bilden.

    Bei einem Abrichtekurs ging ein Hund auf alle anderen los – einzeln natürlich. Bis einer sich wehrte – dan fielen plötzlich alle über den „Bösen“ her.

    Krähen sind dafür bekannt dass sie andere täuschen, damit diese ihnen nicht das Futter wegnehmen.

    Schau mal hier. http://www.h-age.net/aktuelles/353-koennen-tiere-luegen-und-betruegen.html

    Man könnte das sicher fortsetzen.

  3. Uschi says:

    Dieses Essay spiegelt wunderbar die Geschichte des Menschen und warum er so ist wie er ist. Es wäre gut, wenn sich die breite Öffentlichkeit mehr für diese Dinge interessieren täte, um sich mit der eigenen Gier, dem Geiz und der Lüge zu konfrontieren. Vielleicht wäre dann die Welt nicht nur von Ausbeutung und Geld dominert..

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