Forststraßen: ein Krebsgeschwür in der Natur!

Seit 13 Jahren beobachte ich einen mir lieb gewordenen Teil unserer heimischen Bergwelt. Ein einsames, wegloses Kar über der Baumgrenze, am Fuß einer großen Felswand. Davor ein bewaldeter Graben mit wunderschönen alten Bäumen. Am Kammende des Grabens ein alter Mischwald, große Bäume, die Hälfte davon am hohen Alter gestorben, stehen sie noch als stumme Zeugen ihrer Vergangenheit und bilden jetzt Refugien für zahlreiche Tiere. Ein wunderschönes Kleinod von Wildnis, einige Quadratkilometer groß, umgeben von menschengenutzter Natur, im dicht besiedelten Mitteleuropa.

Doch in diesen 13 Jahren haben sich 14 neue Forststraßen in die bis dato unberührte Natur gegraben. Aber nicht wie in der alten Zeit, nur ein Fahrzeug breit, nach wenigen Jahren schon zugewachsen. Nein, die neuen Forststraßen sind mehr als 5 m breit und so stark befestigt, dass sie von der Natur in absehbarer Zeit nicht mehr zurückerobert werden können. Kein Grashalm wächst mehr auf diesen Autobahnen, ganze 3 Fahrzeuge würden nebeneinander passen.

Zuerst, unmerklich, bohrte sich die erste Forststraße in den bewaldeten Graben. Die Baumriesen wurden dafür umgemäht, als wären sie Streichhölzer. Viele stille Orte meiner Wildnis waren plötzlich am Rand einer breiten Straße. Nur wenige Jahre später stieß die nächste Forststraße in einen Sattel am Kamm vor, auf dem ich schon viele wunderschöne Stunden verbracht hatte. Jetzt war er entweiht, statt in einer unberührten Naturwildnis hätte ich neben einer Forststraße sitzen müssen. Als nächstes baute man eine Forststraße in das Kar oberhalb der Baumgrenze, wie ich eines Tages mit blankem Entsetzen feststellen musste. Vorbei war es mit der stillen Natur, schon stand dort eine Steinhütte als Garage für Fahrzeuge und mit großen Plastikplanen wurden zwei künstliche Teiche ausgehoben, die fortan für Kühe als Wasserstelle dienen sollten: mein Kar wurde zur Alm. Und jetzt, vor einer Woche, hat die 14te Forststraße auch noch das letzte Kammende erreicht, die Hälfte der alten Bäume wurden bereits gefällt, die toten Baumriesen entfernt.

Zuerst kommen die Forststraßen. Dann die großen Forstmaschinen, mit denen der Wald in einen Kahlschlag verwandelt wird. Doch damit nicht genug. Unweigerlich folgt auf die Entwaldung der Jäger. Auf jeder einzelnen neu geschaffenen Lichtung wird ein Jagdstand gebaut, ihre Anzahl ist mittlerweile unübersehbar. Und darüber hinaus stehen in meinem Refugium nun bereits 3 Reh- und Rotwildfütterungen, mit denen diese Paarhufer aufgepäppelt werden sollen, um eine möglichst hohe Kopfzahl für den Abschussplan zu liefern. Dazwischen wurde ein elendslanger Jagdzaun quer durch den Wald errichtet, damit die mit kostbarem Kraftfutter gemästeten Tiere nicht in das Nachbarrevier entweichen. Und so fährt heute täglich ein Jäger mit seinem Geländefahrzeug in dieses Gebiet, auf den eigens dafür vom Schnee geräumten Forststraßen. Der heutige Jäger ist auf Forststraßen angewiesen, nur wo er hinfahren kann, wird er Jagdstände errichten und den Tieren auflauern. Was mit der Forststraße beginnt, endet mit Kahlschlag und Tod.

Und die Forststraßen breiten sich immer weiter aus. Praktisch kein Ort im Wald ist mehr weiter als 100 m von der nächsten Forststraße entfernt. Kein Wunder, dass bei uns die letzten 30 Bären der Jägerschaft zum Opfer fielen. Nirgends mehr ist Platz für sie, gezwungen, alle paar Meter eine Forststraße zu überqueren oder einen Kahlschlag zu betreten, geben sie für die mit dem Auto angereisten Jäger auf ihren Hochständen ein leichtes Ziel ab.

Der alte Wald ist bald nicht mehr. Mindestens 300 Jahre wird er unberührt sich selbst überlassen gewesen sein. Jetzt würde es weitere 300 Jahre dauern, um dieses Ökosystem wieder herzustellen. Doch die neuen Forststraßen sind gebaut, um zu bleiben. Selbst wenn der gesamte Wald abgeholzt sein wird, werden die JägerInnen trachten, die Forststraßen in bestem Zustand zu erhalten.

Forststraßen sind wie ein Krebsgeschwür in der Natur. Sie breiten sich unaufhaltsam aus, bilden überall Metastasen. Und in ihrem Kielwasser folgt Tod und Verderben.

Ich bin zutiefst erschüttert.

12 thoughts on “Forststraßen: ein Krebsgeschwür in der Natur!

  1. Karl says:

    Tja, leider muss ich dem Artikel zustimmen.
    Überall nur mehr Forststraßen, immer mehr Natur Zerstörung :-(.

    Wie kann man das verhindern?

    LG karl

  2. Georg says:

    Stimmt, enorme Förderungen, streichen wir sie und überweisen das Geld an Tschechen und Saudis, die können es für Temelin und für die Gasförderung nutzen oder legen wir die rosa Brille ab und denken einmal darüber nach das in Österreich der Holzzuwachs höher ist als die Holznutzung in fm und Strom und Wärme in Form von Hackschnitzel und Pellets nicht mit Idealismus erzeugt werden kann.
    Ein wenig mehr Sachlichkeit wäre nett…

  3. Michael H. says:

    Sehr geehrter Herr Balluch,

    Jetzt abgesehen von der Jagd, sind Forststraßen aber nicht auch ein wichtiger Teil um das Holz aus dem Wald zu bekommen? Ich meine bevor ich nicht aufgehört habe einen fossilen Brennstoff zu fördern, fördere ich lieber den Wegebau und nutze dadurch das Holz als Werkstoff und Brennstoff?
    Mfg Michael

  4. Gerhard says:

    Hab heute eine interessante Seite entdeckt, die Förderungen sind ja enorm!
    http://www.agrar.steiermark.at/cms/ziel/44042495/DE/
    Da werden Steuergelder für Forststraßen fahlässig verwendet, damit die Jägerschaft darauf lässig fahren kann… Ups, ein Wortspiel!

    LG, Gerhard

  5. Administrator says:

    Herr Rieder und alle anderen, denen das ein Anliegen ist: ein erster Schritt wäre, sich bei den Bezirkshauptmannschaften zu beschweren. Die sollen etwas dagegen unternehmen, dass so viele Forststraßen gebaut werden! Und dann einen Protest an das Landwirtschaftsministerium, das nicht einfach unsere Steuergelder auf eine naturfeindliche Weise einsetzen soll! Beides mache ich sofort, wenn ich am Montag zurück bin!

  6. Martin C. says:

    Das Naturelebnis bleibt auf der Strecke, wenn manche Gegenden nur noch aus Forststraßen, Viehweiden – wobei die Weidezäune selbst den Wald durchschneiden-, Jagdständen und Waldinseln bestehen. Solche zerstörte Landschaften werden einem dann unter „Kulturlandschaft“ verkauft. Erholungsuchende werden als Eindringlinge gesehen und sind nicht erwünscht. Ein Schulterschluss zwischen Viehbauern und Jägerschaft.

    Passt zwar nicht ganz zum obigen Thema, aber spätestens seit dem „Tierschützerprozess“ weiß jede/r Interessierte wie Polizei und Justiz in Österreich funktionieren. Wer es noch von kompetenter Seite bestätigt haben will, der/m sei dieses Buch empfohlen (es findet auch der „Tierschützerprozess Erwähnung):
    Rechtsanwalt Werner Tomanek – „Die Zwei Klassen Justiz“
    http://www.tomanek.co.at/9783990010433.php

  7. adolf rieder says:

    im Bereich Hocheck passiert dies gerade extrem und der Verantwortliche ist Sachverständiger der NÖ-Landesreg.für
    Forstwirtschaft ,Verwalter und Jäger und zukünftiger Erbe!!!
    Der LKW und die Hackschnitzelmaschine fährt bis zum Baum! bis vor kurzem gab es hier noch Auerhähne -jetzt Kahlschlag und Bagger für die endlosen Forststrassen!
    Wer stoppt das?

  8. julia says:

    Solche Forstraßen, die echte Mordspisten sind, sind eine österreichische Spezialität, oder?
    Zumindest hatte ich den EIndruck, sie nur bei Wanderungen in Österreich, nicht aber in Deutschland oder der Schweiz gesehen zu haben.
    Aber der Zusammenhang mit der Jagd erschließt natürlich den Grund – und die Jagdlobby ist in Österreich schließlich auch am stärksten.
    Schade um den Wald. Und seine Bewohner.

  9. miss viwi says:

    1….happy new~vegan year…
    2….schrecklicher Tatsachenbericht…
    3…wie so oft schreibst du über diese schrecklichen Tatsachen auf eine wunderbare Art und Weise, eine Art und Weise, die einen erreicht und berührt…
    …danke…

    vegan l♥ve&peace, miss viwi

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