Gespräche mit politischen GegnerInnen

Eine tschechische Vortragende an einer Konferenz kürzlich forderte die TierschutzaktivistInnen auf, mit den politischen GegnerInnen das Gespräch zu suchen. Ihr schwebte dabei eine gemeinsame Konferenz zwischen TierschützerInnen und TierexperimentatorInnen vor, in der man Standpunkte abgleicht und mögliche Übereinstimmungen findet. Manche unter den ZuhörerInnen wiesen diese Idee erbost zurück: man dürfe keinesfalls mit diesen Personen reden, es dürfe keinesfalls Kompromisse geben, es sei undenkbar, diesen Personen zu signalisieren, dass diese oder jene Tierversuche akzeptabel wären.

Ich habe tatsächlich einige Erfahrung mit Diskussionen oder eher Verhandlungen mit den politischen GegnerInnen. Ich bin jemand, der diese Gespräche sucht. Meine Erfahrung ist, umgekehrt, dass die GegnerInnen keine Bereitschaft zeigen, mit mir bzw. uns zu reden oder zu verhandeln. Nicht von ungefähr habe ich noch immer ein de facto Redeverbot an der Uni Wien, angeblich weil meine Redebeiträge die Leute gegen Tierversuche aufbrächten und daher ein Sicherheitsrisiko darstellen würden (https://martinballuch.com/?p=1737).

Vor Beginn unserer Kampagne gegen Tierversuche luden wir WissenschaftlerInnen, die Tierversuche durchführen, zu unseren Workshops ein. Dabei ging es darum von diesen Personen zu erfahren, was sie für sinnvoll und unabdingbar halten, und wo sie Verbesserungsmöglichkeiten sehen. Das Ziel war aber nicht, mit ihnen einen Kompromiss auszuhandeln, sondern uns selbst klar zu werden, was wir mit unserer Tierversuchskampagne erreichen wollten. Heraus kam die Forderung nach einem Kriterienkatalog für die Schaden/Nutzen Abwägung von Tierversuchen. Sie wurde erfolgreich umgesetzt, die Arbeiten an dem Katalog gehen gut voran, bis Juni 2014 soll eine Probeversion stehen, die dann für 1 Jahr evaluiert wird und ab 1. Jänner 2016 gesetzlich bindend für alle Tierversuchsanträge in Österreich gilt.

Doch für den politischen Dialog würde ich eine von der Politik organisierte Plattform begrüßen, in der sich SprecherInnen von Tierindustrie, Handel und Tierschutz treffen könnten. In der Tierversuchskommission und im Tierschutzrat gibt es sowas in gewisser Weise schon, allerdings geht es da um die Beratung der Ministerien. Ich würde eine viel informellere Plattform vorziehen, mit deren Hilfe man vielleicht die größten Eskalationen bei Kampagnen verhindern könnte. Mein Idealbild einer Demokratie ist ja der konstruktive Konflikt, der letztlich zum Aushandeln eines Kompromisses und damit zu einem neuen dynamischen Gleichgewicht in der Gesellschaft führt, mit dem (für den Moment) alle leben können, siehe mein Buch „Widerstand in der Demokratie“. Das würde die Demokratie wesentlich lebendiger machen und für die Zivilgesellschaft einen direkteren Einfluss ermöglichen. Vermutlich deshalb will man davon momentan von Seiten der Tierindustrie und der Politik nichts wissen. Diese Plattform müsste Kompromisse aushandeln, die wir mittragen, und die sich aus der öffentlichen Stimmung und dem Stand des Konflikts ergeben. Das ist etwas ganz Anderes als Kommissionen und Räte in Ministerien.

Und trotzdem sind solche Gespräche ein emotionales Minenfeld. Plötzlich streitet man über Zentimeter Bodenfläche, oder über gewisse Haltungsformen und deren Aspekte – also nur Symptome –, als ob die Nutzung von Tieren als Sachen zur Profitmaximierung völlig akzeptabel wäre. Man fühlt sich mitschuldig, ja, man fühlt sich völlig fehl am Platz. Danach muss man erst richtig duschen, bevor man sich unter „normale“ Menschen wagen kann.

Nur wer das miterlebt hat, kann abschätzen, was es bedeutet, im Sumpf der Realpolitik zu stehen. Es ist unmöglich, dabei nicht völlig dreckig zu werden. Und sofort steht man unter Druck, sich vom System kaufen zu lassen, d.h. hier, für das Stillhalten und Mittragen des Status Quo eine anerkannte Rolle im System zu bekommen. Doch bei aller Grauslichkeit sehe ich keine Alternative: kein Widerstand ohne Anpassung (Zitat Friedrich Heer)!

6 thoughts on “Gespräche mit politischen GegnerInnen

  1. @Konrad. Warum klammerst du dich so an die Aussagen: “Die Menschheit vermehrt sich explosionsartig, aufgrund der medizinischen Versorgung …”?

    Nochmal – das ist nur einer von mehreren Aspekten. Es gibt nie nur eine Ursache für Ereignisse.

    Die medizinische Versorgung ergibt sich aus der medizinischen Forschung und diese bedeutet einen qualvollen Tod für unzählige Tiere, für zig- zig Milliarden. Sind wir das wert?

    Ein anderer Aspekt ist der technische Fortschritt, der erst Tierfabriken möglich macht und die Entwicklung von Giften die man in der Landwirtschaft einsetzt. Vordergründig erscheint das alles als ein Segen, hintergründig erkennt man, dass auf Dauer gesehen der Nachteil den Vorteil bei weitem überwiegt.

    Auch in den Entwicklungsländern wirkt das was wir hier machen.

    Man bekommt dort aber eben Kinder, die man nicht ernähren kann. Aus verschiedenen Gründen.

    In Gesellschaften in denen Frauen mitreden können, gibt es immer auch Geburtenkontrolle. Bei uns eben auch und deshalb gibt es weniger Geburten. Patriarchale Gesellschaften wollen Geburtenüberschüsse. Religionsgemeinschaften wie Christentum und Islam, verhindern Geburtenkontrolle. Es sei denn man bringt die weiblichen Föten um und lässt die männlichen leben, wie das in einigen islamischen Ländern der Fall ist. Aber es ist nicht der Wohlstand, der die Bevölkerungszahlen sinken lässt, sondern die Freiheit der Frau zu bestimmen wie viele Kinder sie zur Welt bringt. Das kostet natürlich Geld und dieses Geld hat nicht jeder, schon gar nicht in einem Entwicklungsland.

    Gesundheit kostet auch Geld, deshalb leben bei uns die Menschen länger – noch. Das hat auch mit ausreichender Ernährung zu tun. Wenn der Reichtum versiegt sein wird, kehrt sich das wieder um. In England werden Menschen ab 60 schon jetzt nicht mehr operiert. Es wird nicht mehr, sondern weniger Wohlstand in Zukunft geben.

  2. Konrad says:

    „Die Menschheit vermehrt sich explosionsartig, aufgrund der medizinischen Versorgung …“ Dieser Aussage kann ich nicht zustimmen. Eine Überbevölkerung wird nur dort diagnostiziert, wo Armut herrscht. Wohstand reduziert darüber hinaus allem Anschein nach die Nachkommenschaft. In Gegenden mit dem größten Wohlstand, gibt es meist eine große Bevölkerungsdichte, aber trotzdem deutlich weniger Nachkommen. Eine zuverlässige medizinische Versorgung ist Teil unseres Wohlstandes.

    Ich kann Deine Annahmen nachvollziehen, weil sie auf den ersten Blick plausibel erscheinen, aber wenn Du etwas recherchierst, wirst auch Du feststellen, dass die ganze Sache anscheinend etwas anders läuft: Überbevölkerung meint nicht zu viele Menschen, sondern eine völlig verrückte Ressourcenverteilung. In allen beobachteten Fällen hat meiner Kenntnis nach eine deutliche Erhöhung des Wohlstandes zu weniger Nachkommen in der jeweiligen Gesellschaft geführt. Wenn wir also unsere Vermehrungsraten begrenzen wollen, dann ist es diesen Fakten nach die beste Maßnahme den Wohlstand möglichst überall auf ein hohes Niveau zu heben. Freilich geht das nicht mit solch einem wahnwitzig hohen Anteil an Tierprodukten (und unter Nutzung hauptsächlich fossiler Energieträger), da so zu viele Ressourcen verbraucht werden und die Umwelt vergiftet wird …

    Es gibt zum Beispiel viele spannende Vorträge zu diesen Themen auf http://www.ted.com

  3. @Konrad Ich habe nicht behauptet eines hätte mit dem anderen zu tun, sondern beides hätte – unter anderem – mit der medizinischen Forschung zu tun, für die Tiere leiden müssen.

    Man kann weder Krankheit noch Tod abschaffen. Was diese „Forscher“ machen ist, dass sie die Menschheit, ja sogar alles Leben auf dieser Welt, eigentlich an den Rand der Ausrottung bringen. Nur sehen sie das nicht. Was wir an Medikamenten essen, kommt ja unten wieder heraus. Dasselbe gilt für die Tiere, die vom Menschen abhängig leben müssen. Die Menschheit vermehrt sich explosionsartig, aufgrund der medizinischen Versorgung und schädigt den eigenen Lebensraum, weil man mehr Platz und mehr Ressourcen braucht. Zusätzlich werden die Menschen älter. Auch das führt zu einer Vermehrung der Bevölkerung, oder nicht? Irgendwann wird man die vielen Menschen nicht mehr versorgen können. Es wird mehr Hunger geben, mehr Elend, mehr Krankheiten, mehr Kriege – nicht weniger. Es wird niemand gerettet. Irgendwann sterben wir alle. Wir erhalten nur mehr Lebenszeit die wir nützen, um zu leiden.

  4. Konrad says:

    @Susanne: Naja, die Bevölkerungsexplosion hat kaum etwas mit verlängerter Lebenserwartung zu tun. Abgesehen davon ist ja niemand gezwungen sein Leben verlängern zu lassen. Und wer soll die Autorität bekommen zu entscheiden, wann genug versucht wurde? Wann es besser wäre nicht mehr das Möglichste zu tun, um Individuen zu retten? Diese Machtposition schaffen wir besser gar nicht erst.

  5. Sebastian Ortner says:

    Welche Alternative gibt es ausser Reden. Soll der stärkste Fleischfresser sich mit dem besten Vegetarier im Kugelstossen messen und der Gewinner sagt wies weitergeht???
    Stummer Protest ist sicher ein Weg, aber reden ist schon wichtig, will man nicht in einer Trotzhaltung versteinern. Dort wo Worte aufhören, kommt oft nur schlechtes nach. Besser reden oder. Deswegen kann man ja bei seiner Position bleiben, aber man erklärt sich und Gedanken wandern halt mit der Sprache durch den Raum . So ist das mit der Informationsübertragung….

  6. Ich kann sehr gut verstehen weshalb diese Leute nicht mit Tierschützern reden können.

    Sie haben unzählige, abscheuliche Verbrechen an Tieren begangen und sich dabei noch als Helden gefühlt. Sie haben geglaubt, sie würden damit die Menschheit retten. Nun kommen plötzlich Leute daher und sagen ihnen: „Was ihr tut ist Unrecht!“ Da bricht eine ganze Welt zusammen. Wer will sich schon eingestehen ein Verbrecher zu sein, obwohl er es ja nur gut meinte.

    Mit mir würden sie noch weniger reden, weil ich ihnen zusätzlich vorhalten würde, der Menschheit als Ganzes sogar zu schaden. Immerhin tragen (auch) sie Schuld daran, dass die Menschheit zahlenmäßig explodiert, was noch viele Probleme mit sich bringen wird. Und wenn man sich sieht, dass sie indirekt zig- Millionen Alzheimerpatienten erschaffen, die weder glücklich noch schmerzfrei sind, kommt man ins Grübeln und man sagt: „Nein, danke, lieber sterbe ich rechtzeitig!“. Es werden keine Probleme gelöst, sondern noch gewaltigere geschaffen. Statt mal darüber nachzudenken wie sinnvoll, oder wie unsinnig es ist, das Leben unnötig zu verlängern, versucht man die neu geschaffenen Probleme wieder damit zu lösen, dass man Tiere zu Tode foltert. Ein Teufelskreis.

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