Gestern und heute hielt ich Vorträge in Neuseeland und den USA

Stichwort: Skype. Einige Monate nach meiner Freilassung aus der U-Haft in 2008 wurde ich nach Neuseeland eingeladen, um dort in 9 verschiedenen Städten Vorträge über die Tierschutz- und Tierrechtsaktivitäten in Österreich und die Tierschutzcausa hierzulande zu halten. Ich habe damals die Einladung angenommen, es war auch eine Gelegenheit die U-Haft-Erlebnisse zu verarbeiten und ein wunderschönes Land kennen zu lernen.

An diesem Wochenende ist wieder eine Tierrechtskonferenz in Neuseeland. Natürlich konnte ich nicht gleich wieder dorthin fahren, also wurde ich eingeladen, mittels Skype einen Abendvortrag an dieser Konferenz zu halten. Dafür stellt man einen Laptop auf das Rednerpult und überträgt die Daten von der Kamera an meinem Laptop in Österreich mittels Videobeamer auf eine Leinwand. Ich sehe also meine ZuhörerInnen auf meinem Bildschirm und die TeilnehmerInnen der Konferenz sehen und hören mich auf einer Leinwand. So konnte ich gerade eben in Neuseeland – sie sind uns in den Zeitzonen 10 Stunden voraus – einen Vortrag vor 200 KonferenzteilnehmerInnen halten, während ich eigentlich ganz alleine in meinem Büro in Wien saß.

Gestern Nachmittag eine ähnliche Situation, ich hielt einen Vortrag im Rahmen einer Tierrechtskonferenz in Los Angeles mit 1200 TeilnehmerInnen über den Tierschutzprozess in Österreich, wiederum von meinem Büro aus.

In die USA wollte ich allein schon deswegen nicht reisen, weil ich vor dem dortigen Terrorhype Angst habe. Wenn ein Land Anhaltelager wie Guantanamo einrichtet und Häftlinge foltert, möchte man eigentlich nicht dorthin gehen, insbesondere als bekannter politischer Aktivist. Und an der Grenze muss man auch noch einen Fingerabdruck abgeben.

Damit komme ich zu meinen Bedenken bzgl. der Vorträge mittels Skype, die ich gerade gehalten habe. Wenn sich Skype einbürgert, braucht die Polizei keine Spitzel mehr in diese Konferenzen setzen, sie kann bequem die Skypeprotokolle abfangen und abspeichern. Im Tierschutzprozess sind einige Skypegesprächsprotokolle als Beweis für subversive Gedanken von der Polizei vorgelegt worden.

Das Internet bietet uns, wenn wir uns politisch organisieren und unsere Demokratie mitgestalten wollen, viele ungeahnte Möglichkeiten, wir können fast kostenlos über weite Strecken kommunizieren und Vorträge halten, mittels Facebook erreichen wir in Kürze zig Tausende Menschen und auf Emaillisten diskutieren wir wichtige Themen, ohne uns persönlich zu treffen oder vielleicht ohne uns überhaupt zu kennen. Aber alle diese elektronisch ausgedrückten Gedanken sind für immer festgeschrieben und abgespeichert, nicht, wie bei einem persönlichen Treffen, einmal ausgesprochen und danach vergessen. 20 Jahre später könnten sie uns, wie im Tierschutzprozess, aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Angabe, an wen sie gerichtet waren, als Beweis für unsere subversiv-radikale Gesinnung vor Gericht vorgehalten werden. Das ist leider kein Scherz, das ist blutiger Ernst.

Wie wir damit umgehen sollen, ist mir noch nicht klar. Viel zu viele Menschen, in meinen Augen, gehen das bei weitem zu naiv an und denken sich offenbar, mir kann nichts passieren. Vielleicht bist Du heute noch für die Behörden uninteressant, das dachte ich von mir vor 20 Jahren auch. Aber was, wenn Du Dich in 10 Jahren intensiv politisch zu engagieren beginnst und in 20 Jahren dadurch zum Ziel einer Repressionsbehörde wirst? Die elektronischen Aufzeichnungen sind geduldig, so wie Du sie geschrieben hast, so scheinen sie unverändert auch nach Jahrzehnten noch auf, ohne Deine damalige Emotion, ohne Deine damalige Situation und ohne die damaligen AdressatInnen zu berücksichtigen. Diese Gefahr ist real, niemand weiß schließlich, was er/sie in 20 Jahren tun wird.

Sollen wir also Skype, Email und Facebook wieder lassen und zu den mühsamen persönlichen Treffen zurückkehren? Ich denke, auch das ist keine Option. Wir müssen versuchen, Wege zu finden, die wahnsinnig positiven Aspekte des Internet zu nutzen und gleichzeitig die genannten Gefahren zu minimieren. Effektive Verschlüsselung ist dafür jedenfalls ein möglicher Weg, der noch viel mehr Aufmerksamkeit verdienen würde. Ich würde mich freuen, gäbe es mehr Diskussionen zu diesem Thema.

4 thoughts on “Gestern und heute hielt ich Vorträge in Neuseeland und den USA

  1. Bilbo says:

    Warum keine Wort über die Situation in Spanien? (thespanish12.wordpress.com)

  2. informatik-student says:

    Habe mich die Monate öfter bzgl. der Sicherheit von Skype informiert. Ich vermute stark, dass es sich bei den Auszügen, um lokal am PC gespeicherte Chatlogs handelte, die mitgespeichert wurden?

    Der Sicherheitsalgorithmus von Skype ist dermaßen gut, dass die NSA noch immer ein enormes Preisgeld aussetzt, für den Hacker, der es schafft, abgefangene Fetzen zu dekodieren – dazu kommt, dass jedes Monat die Schlüsseleinstellungen geändert werden.

    Würde mich stark wundern, wenn USA sich die Zähne an Skype ausbeißen (vermeindlich – siehe Presseauschreibungen) und Österreich sich derweilen leicht tut, diese abzufangen.

  3. goiken says:

    Hier gibt es ein relativ neues Netzwerk von Leuten, das dazu arbeitet.

  4. martinderm says:

    Die vorteile des Internets sollten jedenfalls genutzt werden. Natürlich muss man sich bewusst sein, dass das Internet nicht vergisst. Da dies aber für alle gilt, hoffe ich, dass die Gesellschaft lernt damit umzugehen und zb Aussagen von vor 20 jahren nicht Überbewertet.

    Was den rechtlichen Aspekt anlangt sollte es auch eine Diskussion geben. Hier ist ja das Konzept der Verjährung ganz selbstverständlich. Das müsste gegebenenfalls etwas ausgeweitet werden. Zusammenhanglose Textfragmente aus dem Jahre Schnee sollten jedenfalls kein besonderes Gewicht haben.

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