In den Wäldern Sibiriens

Ich gehe in die Natur, weil ich sie liebe, sie brauche und sie spüren will, direkt auf der Haut. Christopher McCandless, https://martinballuch.com/christopher-mccandless-und-das-leben-in-der-wildnis/, ging in die Wildnis, um sich selbst zu finden und zu beweisen, dass er alleine und unabhängig bestehen kann – auch in Alaska. Sylvain Tesson zog sich 6 Monate in eine Blockhütte am Baikalsee in Sibirien zurück, um die Natur zu beobachten und die Zeit zu spüren. Und er schrieb darüber ein sehr lesenswertes Buch, „In den Wäldern Sibiriens“, 2014 im Knaus Verlag erschienen, das 2011 den Prix Medicis erhielt. Es handelt sich um ein Tagebuch, voller Poesie, voller Staunen, voller bemerkenswerter Lebenseinsichten.

Tesson ist die wilde Natur nicht unbekannt, schon vor seinem Abenteuer am Baikalsee wanderte er durch den Himalaya oder fuhr mit dem Fahrrad um die Welt. Dabei ist er viel mehr Humanist als naturbegeistert, er ist anthropozentrisch und speziesistisch. Bis ihn die Wildnis Sibiriens umhüllt.

P1000745In seinem Blockhaus betrinkt er sich jeden Tag mit Wodka und raucht wie ein Schlot. Nach 4 Monaten in der Natur sagt er von sich: Ein Waschlappen, der sich im Stillen besäuft, um nicht Gefahr zu laufen, dem Schauspiel seiner Zeit ins Auge zu sehen oder seinem Gewissen über den Weg zu laufen, das am Strand auf und ab geht. Doch seine Einstellung zu Tieren wandelt sich zunehmend. Er geht nicht auf die Jagd und beginnt erst zu angeln, als ihm sonst die Nahrung ausgeht. Mit viel Mitgefühl berichtet er von Begegnungen mit Tieren und behutsam versucht er sogar zu vermeiden, auf die Sandfliegen am Strand zu treten. Oft wundert er sich, wie man Nerze in dieser schönen Landschaft mit Fallen fangen kann, nur um sie noblen Damen in den Städten umzuhängen. Doch konsequent ist anders: er trägt eine Jacke mit Koyotenpelzkragen und isst Fleisch aller Art, wenn er Menschen in Blockhütten der Umgebung besucht.

Aber Humanismus, Anthropozentrismus und Speziesismus geraten zunehmend in Rechtfertigungsnotstand, insbesondere seitdem er sein Leben mit 2 Hunden teilt: Die Hunde liegen auf den Steinen des Gipfels nebeneinander und schauen unverwandt in die Landschaft. Sie betrachten sie, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen. „Weltarm“, die kleinen Hunde, Herr Heidegger? Nein! […] Ich denke an all die Bemühungen der Menschen, den Tieren jegliches Bewusstsein abzusprechen. Tausende Jahre aristotelischen, christlichen und kartesianischen Denkens halten uns in der Gewissheit gefangen, dass eine unüberwindliche Kluft uns vom Tier trennt. Es habe keine Moral – sein Tun entbehre jeder Intentionalität, selbst in den altruistischen Handlungen, zu denen es in der Lage ist. Es lebe ohne jede Ahnung seiner eigenen Endlichkeit. Es sei nur an seine Umwelt angepasst und könne sich der gesamten Wirklichkeit nicht öffnen. Es bleibe unfähig, die Welt zu erfassen. Es sei bloß ein armer Wille ohne Vorstellungen. […] Aber woher willst du das wissen, Arthur, woher beziehst du deine Erkenntnisse auf diesem Gebiet, was für ein Gespräch mit welchem Vogel hast du geführt, um solche Überzeugungen vorzubringen? Meine beiden Hunde liegen mit Blick auf den See da und blinzeln. Sie genießen den Frieden des Tages. Sie sind sich des Glücks bewusst, sich nach dem langen Aufstieg hier am Gipfel auszuruhen. Heidegger ist ein Schlag ins Wasser und Schopenhauer auch. Platsch, das Denken. Ich bedaure, dass kein Philosoph und Erbe des alten Humanismus (Onanie des Geistes) dem stillen Gebet von zwei 5 Monate alten Hunden vor einer 25 Millionen Jahre alten [Naturarena] beiwohnt.

Und über das Mitgefühl mit nichtmenschlichen Tieren: Besteht wahre Liebe nicht darin zu lieben, was sich grundlegend von uns unterscheidet? […] Dem Humanismus haftet ein Geruch von Korporatismus an, begründet auf dem Gebot zu lieben, was uns ähnlich ist. Der Mensch muss den Menschen lieben. In der Lichtung kehre ich den Satz um und versuche die Tiere mit einer Intensität zu lieben, die sich proportional zum Grad ihrer biologischen Ferne zu mir verhält. Liebe heißt, den Wert dessen anzuerkennen, was man niemals wird kennen können. Und nicht, sein eigenes Spiegelbild im Gesicht eines anderen Menschen zu feiern.

Und als ihn am Nottelefon die Nachricht erreicht, dass ihn seine Frau verlassen hat weine [ich] ins Fell meiner Hunde. Ich wusste nicht, dass Tierfell Tränen so gut aufsaugt. Auf der menschlichen Haut gleiten sie ab. Normalerweise springen die Hunde um diese Uhrzeit überall herum. Heute Abend halten sie unter meiner kläglichen kleinen Sintflut still, den Kopf etwas zur Seite geneigt.

Nach 6 Monaten erkennt Tesson zum Abschied: Ich habe 2 oder 3 Dinge gelernt […]. Das Auge wird prachtvoller Naturschauspiele niemals müde. Je besser man die Dinge kennt, desto schöner werden sie. Ich bin 2 Hunden begegnet, ich habe sie genährt, einmal haben sie mich gerettet. Ich habe zu den Zedern gesprochen […]. Ich habe das Gedicht der Berge betrachtet und Tee getrunken, während der See sich rosa färbte. […] Ich habe den Atem des Waldes eingesogen und den Bogen des Mondes verfolgt. Ich habe mich durch den Schnee gekämpft und am Gipfel des Berges die Mühsal vergessen. Ich habe das Alter der Bäume bewundert, Meisen gezähmt, die Nichtigkeit von allem begriffen, was nicht Ehrfurcht vor der Schönheit ist. […] Ich habe Wochen der Stille erfahren. […] Ich habe die Wiederkehr der Sonne und der Wildenten begrüßt. Ich habe die schönsten Stunden meines Lebens erlebt. […] Ich habe die Gruft der Städte verlassen und 6 Monate in der Kirche der Taiga gelebt. 6 Monate wie ein ganzes Leben. Es ist gut zu wissen, dass irgendwo auf der Welt in einem Wald eine Hütte steht, wo etwas möglich ist, das nicht allzu weit entfernt ist vom Glück zu leben.

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