5. September 2026

Nachruf für den Legehennen-Pionier Toni Hubmann

Mit einigem Entsetzen hat mich die Information erreicht, dass Toni Hubmann, der große Pionier in der Legehennenhaltung, am Freitag dem 28. August 2026 im Alter von 69 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist. Ich habe mit Toni über 2 Jahrzehnte lang sehr viel zu tun gehabt. Erstmals lief er mir in den 1990er Jahren über den Weg. Er hatte 1987 die sehr große Landwirtschaft seiner Eltern mit einigen hundert Hektar Fläche und einer Legebatterie übernommen. Legebatterie war zur Zeit, als es sie noch (in Österreich) gab, der Begriff für eine Hühnerhaltung zur Eiproduktion, in der die Tiere in einer ganzen Batterie von Käfigen etwa 50cm x 50cm x 50cm Größe zu fünft oder sechst leben mussten. Toni dürfte damals bereits gesagt haben, was ich später oft von ihm hörte, dass die Hühner ins Freie können müssen. “Bei mir gibt es keinen Käfig”, war sein Credo.

Zu dieser Zeit gab es noch kaum oder gar nicht Tierschutzorganisationen, die sich näher mit Legebatterie und Freilandhaltung beschäftigt haben. Der VGT wurde erst 1992 gegründet. Im großen Stil kommerziell hat man die Freilandhaltung praktisch überhaupt nicht betrieben. Toni Hubmann musste also ganz von vorne anfangen. Zuerst mit 500 Hennen. 30 Jahre später hatte er 200 Zulieferbetriebe für seine Marke “Toni’s Freilandeier” mit 400.000 Tieren.

Ich selbst bin ihm erstmals Mitte der 1990er Jahre begegnet, als der VGT mittels UV-Lampen aufdecken konnte, dass mindestens 25 % der als Boden- oder Freilandhaltungseier deklarierten Frischeier in Supermärkten eigentlich aus Legebatterien stammten. BILLA – damals noch nicht bei REWE – beschloss daraufhin, grundsätzlich keine Käfigeier mehr zu verkaufen. Und Toni half tatkräftig mit, eine Tierschutz-Kontrollstelle (die KAN – Kontrollstelle für Artgemäße Nutztierhaltung) zu gründen. Damals waren neben dem VGT auch die Vier Pfoten, der Wiener Tierschutzverein und Humanitas aus Vorarlberg mit von der Partie. Wir begannen mit Zustimmung aller großen Supermärkte in deren Warenlager in der Früh Eierkontrollen mit UV-Lampen durchzuführen.

Doch es sollten nicht nur die Supermärkte, sondern auch die Legebetriebe und die Packstellen kontrolliert werden. Deshalb entwarfen wir damals mit Hilfe von Toni zahlreiche Kriterien, unter denen insbesondere die Freilandhaltung zu erfolgen hat. Das Gütesiegel “Tierschutz geprüft” war geboren. Toni wirkte dabei als Beirat mit, empfahl immer strenger werdende Kriterien und setzte sie nicht nur auf seinem Betrieb um, sondern verwendete die Hälfte seiner Hühnerhallen für Versuchsprojekte mit neuen Verbesserungen für die Tiere. Ohne Rücksicht auf die finanziellen Auswirkungen, die diese Versuche für seine Eierproduktion hatten. Die Gespräche mit ihm dabei waren immer sehr nett und amikal, er war ein lustiger Mensch mit dem zu diskutieren Freude machte. Trotz meines Veganismus’ hatte er keinerlei Vorbehalte. Hat der VGT anfangs noch seine “Toni’s Freilandeier” in der Zeitschrift “Tierschutz konsequent” beworben, so war er trotzdem voller Verständnis, als wir diese Bewerbung einstellten, weil wir die Grundsatzentscheidung gefällt hatten, keine Tierprodukte mehr bewerben zu wollen.

Toni war ein Vorreiter bei zahlreichen Entwicklungen in der Freilandhaltung von Legehennen:

  • Wintergarten: Hühner gehen zwar sehr gerne auf eine (bewachsene) Weide, aber nicht, wenn Schnee liegt oder das Wetter sehr schlecht ist. Deshalb hat Toni an der Außenwand der Hallen für die Legehennen einen sogenannten Wintergarten errichtet. Das ist ein überdachter Bereich, der auch bei Schlechtwetter betreten werden kann, und der mit Sandbad, Tränken, Einstreumaterial und Sitzstangen ausgestattet ist. Ein Nahrungsangebot im Wintergarten hat sich als kontraproduktiv erwiesen.
  • Strukturierte Weide: Hühner sind Waldtiere. Sie gehen sehr ungern auf eine kahle Wiese, wo sie sich vor Beutegreifern wie Greifvögeln nicht verstecken können. Toni experimentierte daher schon früh mit der Strukturierung und Bepflanzung der Weide von 10 m² pro Huhn, mit Sträuchern, Bäumen oder auch Tischplatten. Heute ist längst anerkannt, dass eine derartige Strukturierung der Hühnerweide absolut notwendig ist.
  • Einstreunester: Im Käfig können die Hennen ihre Eier nicht in Nester legen und man sieht deutlich, wie sehr sie das belastet. Sie rennen hin und her, bis ihnen das Ei quasi aus dem Körper fällt, statt in Ruhe zu sitzen und ihr Baby zu gebären. Toni hat daher eigene Nester entwickelt, die eine natürliche Einstreu haben und den Tieren in Abteilungen abseits der nutzbaren Fläche angeboten werden. Das wurde sehr gut von den Hühnern angenommen. Heute versucht man statt Einstreu nur Noppennester zu verwenden, obwohl ganz klar ist, dass die natürliche Einstreu für die Tiere viel besser ist. Auch hier war Toni seiner Zeit weit voraus.
  • Kein Schnabelkürzen: In den 1990er Jahren wurde allen Legehennen, die nicht im Käfig waren, die Schnabelspitze abgeschnitten oder abgebrannt. Sonst bestand die Gefahr, dass sie andere Hennen zu Tode pecken, was Kannibalismus genannt wird. Die Kontrollstelle mit Toni Hubmanns tatkräftiger Unterstützung erforschte die Ursachen dieser Attacken und konnte 8 Parameter isolieren, die zu beachten sind, um auch ohne Schnabelkürzen den Kannibalismus hintan zu halten.

Experimentiert hat Toni Hubmann noch mit zahlreichen anderen Innovationen. So war ihm sehr wichtig, dass für alle 50 Hennen ein Hahn im Legebetrieb gehalten wird, obwohl dieser keine Eier legt. Die Anzahl der Hühner pro Halle wurde auf 3.000 reduziert, was revolutionär wenig ist im Vergleich zur industriellen Hühnerhaltung. Wichtig war Toni auch, eine Zweinutzungsrasse zu finden, bei der die Hennen kommerziell ausreichend viele Eier legen aber auch Fleisch ansetzen. Das gelang zwar nicht wirklich, aber dafür hat er in einer seiner Hallen die männlichen Geschwister der Hennen gemästet, auch wenn sie nicht viel Fleisch lieferten. Er wollte nicht, dass diese Tiere quasi sinnlos sterben und am ersten Lebenstag vergast werden, wie das heute noch weitgehend üblich ist. Die Hähne waren viel beweglicher als übliche Masthuhnrassen und wurden gute 80 Tage am Leben gelassen. Die Legehühner durften sogar 3 Jahre lang leben, auch wenn Hennen üblicherweise nach 1 Jahr Eierlegen wegen geringerer Legeleistung getötet werden. Toni versuchte auch eine Mauser der Hennen zuzulassen, um ihr Leben zu verlängern.

Toni Hubmann war ein Quereinsteiger in die Landwirtschaft und die Hühnerhaltung. Er hatte eigentlich in Wien BWL studiert. Später baute er In der Glein bei Knittelfeld, in seinem von den Eltern übernommenen landwirtschaftlichen Betrieb, 6 Hallen für Legehennen. Bei ihm musste alles aus Holz sein, er wollte keine Fabriksgebäude. Ursprünglich mit der ÖVP verbandelt, sah er sich durch den Bauernbund nicht richtig vertreten und knüpfte Kontakte in die SPÖ. Mit seinen innovativen Ideen und seiner Ablehnung der Legebatterien machte er sich in der konservativen Landwirtschaft viele Feinde. Als der VGT 2001 seine Kampagne für ein Ende der Käfighaltung von Legehennen begann, war er als Experte und Anbieter von einer Alternativhaltung sehr hilfreich. Toni Hubmann hatte sicher einen großen Anteil am Erfolg, als am 27. Mai 2004 das Parlament einstimmig ein Verbot der Legebatterien – auch der sogenannten ausgestalteten, die in der EU 2012 zum Mindeststandard werden sollten – beschloss, das 2009 in Kraft trat. Bis heute ist Österreich nur in einem einzigen Nutztierbereich international vorbildlich, und das ist die Legehennenhaltung. Dank Toni Hubmann.

Als die Mächtigen im Land im April 2007 eine SOKO Tierschutz gründeten, um den VGT zu vernichten, war der Erfolg des Legebatterieverbots sicher dafür ursächlich. Plötzlich mussten Eier aus ethischen Gründen doppelt so teuer produziert werden, nur nach Druck von unten. Das wollte man sich nicht gefallen lassen. Die SOKO überfiel am 21. Mai 2008 den VGT und andere Tierschutzorganisationen und steckte 10 Tierschützer:innen inklusive mir für 3 1/2 Monate in Untersuchungshaft. Toni war sofort total solidarisch und deklarierte sich öffentlich als Mitglied des VGT. Das erforderte Mut und Rückgrat, zumal die SOKO damals der Auffassung war, dass der VGT eine kriminelle Organisation sei, die Politik und Firmen dazu zwingen wollte, tierfreundlicher zu werden. Toni wäre dann selbst Mitglied einer kriminellen Organisation gewesen.

Von Mitte der 1990er bis Ende der 2010er war ich mit Toni Hubmann in Kontakt. Ich wohnte in der Obersteiermark nicht weit von ihm und habe ihn mehrmals besucht. Einmal war er auch bei mir. Letztmals war ich, glaube ich, Ende 2014 bei ihm zu Besuch und habe auch eine Radiosendung darüber gemacht (https://de.cba.media/273139). Dann kamen wirtschaftliche Schwierigkeiten auf und er wurde auch strafrechtlich verfolgt. Die Sozialarbeit, zu der er verurteilt wurde, wollte er beim VGT leisten, doch die Gerichte waren dagegen. Dann wurde es still um ihn. Seine Marke “Toni’s Freilandeier” wurde an REWE für kolportierte € 2 Millionen verkauft. Die Zulieferbetriebe führen noch immer das “Tierschutz geprüft” Siegel. Allerdings hatte das nichts mehr mit ihm zu tun. Der Bankrott muss ihm persönlich sehr zugesetzt haben, hat er mir doch noch davon erzählt, dass ihm selbst sein Auto genommen worden ist. Und dann kam die Nachricht seines doch für mich plötzlichen Todes.

Toni Hubmann war ein echter Pionier. Er war ein Vorkämpfer für dramatische Verbesserungen in der Legehennenhaltung, die bis heute nachwirken. Viele seiner Innovationen sind heute selbstverständlicher Inhalt von Gütesiegeln wie “Tierschutz geprüft” und “Tierwohl kontrolliert” (von der Gesellschaft !Zukunft Tierwohl!). Sein größtes Vermächtnis im Tierschutz ist sicher das Legebatterieverbot in Österreich, das eines der weltweit ersten war und in ganz Europa Nachahmer:innen fand. Menschlich wird seine fröhliche Art, sein Mut und seine Solidarität in Erinnerung bleiben. Damit im Nutztierschutz etwas weitergeht, sind Menschen wie er essenziell. Sein Tod ist ein großer Verlust.

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