Wenn ich behaupte, Helmut Kaplan war nicht nur ein, sondern sogar DER Pionier der Tierrechtsbewegung in Österreich, dann ist das nicht so leicht dahingesagt. Es hat Hand und Fuß. Zuerst studierte Helmut Psychologie an der Uni Salzburg und schloss dieses Studium mit einem Doktorrat 1982 ab. Diese Dissertation erschien im selben Jahr als sein erstes Buch unter dem Titel “Ist die Psychoanalyse wertfrei?”. Danach studierte er Philosophie an derselben Uni und schrieb eine Diplomarbeit, die sich mit Peter Singer und dessen Gleichheitsprinzip beschäftigte und 1988 als Buch erschien. Er nannte es “Philosophie des Vegetarismus”. Ich erinnere mich noch, es gekauft und gelesen zu haben, obwohl es so teuer war, weil es ein Wissenschaftsverlag veröffentlicht hatte. 1991 wurde derselbe Inhalt unter dem Titel “Sind wir Kannibalen? – Fleischessen im Lichte des Gleichheitsprinzips” veröffentlicht und war wesentlich billiger. Ein Buch, das ich bis heute allen an Tierrechten interessierten Personen empfehlen kann. Meines Wissens das erste Tierrechtsbuch, das in Österreich erschienen ist. Erstmals 1988!
Ich selbst bin mit Helmut etwa Anfang bis Mitte der 1990er Jahre erstmals per Email in Kontakt geraten. Ich war begeistert, in Österreich eine gleichgesinnte Person kennenlernen zu können. Zu der Zeit wohnte ich in England und war sehr in die dortige Tierrechtsbewegung involviert. Wir waren alle vegan, in Österreich war Veganismus aber noch total unbekannt. Ich erinnere mich, dass sich Helmut, der seit seiner Geburt Vegetarier war, mit Veganismus nie so richtig anfreunden konnte. Zwar stimmte er rational zu, dass das Teil unserer Vision von Tierrechten ist, aber vegan werde man nur über den Vegetarismus, war sein Credo. Aus Österreich fragte er mich noch nach Vitamin B12 Quellen. In England war das zu dieser Zeit bereits ganz einfach, in Österreich fand er nur ein (sehr grausliches, wie ich fand) fermentiertes Sauerkrautgetränk namens “Kanne Brottrunk”, das Vitamin B12 enthalten sollte. Ich bezweifelte, dass das eine vertrauenswürdige Quelle war. Helmut trank es mit Widerwillen. Ein Grund mehr, nicht strikt vegan zu werden. Es waren andere Zeiten.
Helmut begann dann im Stakkato Tierrechtsbücher zu veröffentlichen. Kulmination war sein Standardwerk “Tierrechte – Die Philosophie einer Befreiungsbewegung”, das im Jahr 2000 im tierrechtlerischen Echo Verlag erschienen ist. Es fasst nüchtern rational alle wesentlichen Argumente (auf 160 Seiten!) zusammen und liefert dabei auch noch emotionale Anknüpfungspunkte, wie in diesem Zitat von einem Jäger: “Es liegt ein Gewehr im Wasser des Moosehead-Sees, etwa sechzig Fuß von der Küste. Dieses warf ich fort um der Menschlichkeit willen vor dreißig Jahren oder mehr. Dort war’s, als ich eine trinkende Rehmutter verwundete. Und ich war stolz, als ich sie fallen sah. Sie erhob sich, fiel wieder und schleppte sich langsam fort. Von Ferne hörte ich einen kläglichen Lockruf. Als ich sie erreichte, beleckte sie zärtlich ein Rehkitz – ein winziges, furchtsames, zitterndes Wesen. Da schien meine Seele mit einem Finger des Zornes, wie mit einem scharfen Stachel, mein Herz zu durchbohren. Ich nahm das Rehkitz behutsam auf, als die Mutter gestorben war, und kniete nieder an der Küste des Sees. Ich betete und schrie mein Gelübde zum Himmel, nie wieder ein Tierwesen zu töten oder sein Fleisch zu essen. Ich verdammte jenes Gewehr, ich verfluchte jenen Schuss und begrub die Rehmutter an jenem Tag. In Tränen betete ich über dem Begräbnisort, dann trug ich mein Rehkitz heim.”
Es folgte noch eine große Zahl weiterer Tierrechtsbücher, vermutlich insgesamt 30. Ich habe online keine Liste aller seiner Bücher gefunden. Tierrechte und deren Philosophie waren sein Lebenswerk, sein zentrales Thema des Lebens. Dabei war er zwar zunächst ein Schüler von Peter Singer, emanzipierte sich aber bald von dessen Utilitarismus. Die grundsätzliche Gleichbehandlung gleicher Interessen, egal von welchem Lebewesen, übernahm er von Singer, wollte aber diese Interessen nichtmenschlicher Tiere durch Rechte abgesichert sehen, im Gegensatz zu Singer. Dennoch war Peter Singer von Helmut so begeistert, dass er ihm eine Stelle als Universitätsassistent in Kalifornien, USA, beschaffte. Helmuts damalige Ehefrau war bereit, mit ihm dorthin zu ziehen. Doch letztlich wollte er Salzburg nicht verlassen – und tat das sein ganzes Leben lang nicht. Ein Fehler, wie ich meine. Aber sogar an der Uni Salzburg hätte er im Bereich der Philosophie beruflich andocken können. Wie wichtig wäre das gewesen, um damals bereits Tierrechte in der akademischen Welt zu etablieren. Doch auch dazu konnte sich Helmut nicht durchringen. Ewig schade.
Als ich schließlich 2005 (17 Jahre nach ihm!) in Österreich meine Dissertation in Philosophie an der Uni Wien als Tierrechtsbuch herausbrachte, war Helmut extrem kritisch. Er betonte sogar, dass er mein Buch nicht lesen werde, weil er die Inhalte ablehne, ohne es gelesen zu haben. Fühlte er sich in seiner Position als Tierrechtspionier herausgefordert? Damals war er DAS Sprachrohr der deutschsprachigen Tierrechtsbewegung. In unzähligen Talk Shows und Podiumsdiskussionen trat er auf. Alle wollten von ihm, dass er den Standpunkt der Tierrechte vertritt. Und er tat das mit Bravour, mit seiner nüchtern rationalen und überzeugenden Art. Seine Bücher waren damals auch sehr populär, alle Tierrechtsaktiven hatten sie gelesen, viele waren wegen seiner Bücher aktiv geworden.
Doch da kam es zum ersten Bruch mit der Bewegung. Helmut bestand darauf, Tierfabriken mit Konzentrationslagern des Nationalsozialismus zu vergleichen. Wer ihn kannte, wusste genau, dass er weder antisemitisch noch irgendwie rechtsradikal oder rechtskonservativ war. Er war ein links liberaler Freidenker. Aber er wollte mit diesem Vergleich das Drama der Tierausbeutung verdeutlichen und konnte rational nicht anerkennen, dass das eine fatale Wirkung hatte. Jedenfalls gab es dann viel Aufregung um seine Person, insbesondere weil er diesen Vergleich bei jeder Gelegenheit in aller Öffentlichkeit wiederholte. Breite Kreise der Bewegung gingen auf Distanz, er bekam den Ruf “ein Rechter” zu sein, was er, wie gesagt, in keinster Weise war.
Hatten wir ihn 2002 noch als Keynote Speaker auf unseren Tierrechtskongress geladen und alle waren begeistert, wurde seine Rede am Kongress 2014 von scharfer Kritik begleitet. Nicht inhaltlich, wie gesagt. Man versuchte uns Veranstalter:innen des Kongresses dazu zu bringen, Helmut nicht auftreten zu lassen, weil er “rechts” wäre. Er durfte dennoch reden und der Kongress wurde danach in linken Kreisen desavouiert. Ich veröffentlichte daraufhin hier in meinem Blog einen Aufruf zur Solidarität mit Helmut Kaplan, siehe https://martinballuch.com/solidaritaet-mit-helmut-kaplan/.
Helmut war mir sehr dankbar. Ja, er war richtiggehend überrascht, dass ich diese Meinung hatte. Helmut hatte irgendwie erwartet, dass ich hinter dieser linken Vendetta gegen ihn stecken würde. Ich versicherte ihm meine Bewunderung für seine Pioniertaten in der Tierrechtsbewegung. Doch das hinderte ihn nicht, sich mehr und mehr zurück zu ziehen. Zwar schrieb er weiterhin Bücher, aber mit immer düstererem Inhalt. In seinem Buch von 2017 “Tierrechte – Das Ende einer Illusion?” klang das schon an, obwohl er da offenbar noch Hoffnung hatte, das Ruder herum reißen zu könne. Die Tierrechtsbewegung ging in seinen Augen in die falsche Richtung und werde immer irrelevanter. Es dürfe keine Reformen geben, man müsse alle Tiernutzung grundsätzlich ablehnen.
Schließlich, im Jahr 2022, kulminierte diese Sicht in seinem glaublich letzten Buch “Die Tierrechtsidee und ihre Feinde”. Darin sah er praktisch alle Errungenschaften der Tierrechtsbewegung zerstört und kaum ein Licht am Ende des Tunnels. Er kontaktierte mich und schlug vor, wir könnten sein Buch öffentlich diskutieren. Ich war dazu bereit, allerdings hatte ich eine total andere Ansicht als er, was ihn sehr irritierte. Er hatte erwartet, auch ich würde schwarz sehen und verzweifeln. Aber im Gegenteil, ich sehe immense Fortschritte, wenn auch langsam und noch nicht fundamental. Über die Bedeutung von biologischer Tierhaltung waren wir total konträrer Meinung. Während ich über jede bessere Tierhaltung sehr froh war – und Biotiere haben eine Dimension mehr Lebensqualität als die Tiere in der konventionellen Tierindustrie – meinte Helmut, die Biohaltung ist nur eine miese Ausrede Tiere zu missbrauchen und sei um keinen Deut besser. Da er also nicht mehr öffentlich über sein Buch diskutieren wollte, schrieb ich eine sehr kritische Rezension, siehe https://martinballuch.com/autor-kaplan-meint-die-tierrechtsbewegung-scheitert/. Hoffentlich hat sie ihn damals nicht zu sehr persönlich getroffen.
Seit 2023 hatte ich keinen Kontakt mehr. Helmut zog sich in seine kleine Wohnung zurück und verließ diese nur, um seine immergleiche Runde durch Salzburg zu drehen. Prof. Rudolf Winkelmayer schlug ihm vor 1 Jahr ein gemeinsames Buchprojekt vor, dem er freudig zustimmte. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Am 18. Mai 2026 starb Helmut F. Kaplan im 74. Lebensjahr. Der echte Pionier der österreichischen Tierrechtsbewegung ist von uns gegangen. Ruhe in Frieden.