Offener Brief eines Jägers an Landesjägermeister Josef Pröll

Die Elite des niederösterreichischen Landesjagdverbandes schießt Jahr für Jahr aufgemästete Wildschweine in einem eigens dafür eingerichteten Jagdgatter tot, siehe https://martinballuch.com/jaeger-leitet-disziplinarverfahren-innerhalb-der-noe-jaegerschaft-gegen-leitung-ein/. Das hat einiges an Staub aufgewirbelt. Von außen betrachtet gibt es zumindest eine große Minderheit, wenn nicht gar eine Mehrheit, in der Jägerschaft, die dieses Vorgehen verurteilt. Nun wurde mir ein offener Brief eines Jägers, dessen Revier seit 20 Jahren diesem Jagdgatter benachbart ist, zur Veröffentlichung zugeschickt. Seine Kritik: die Abschüsse in Jagdgattern sind alles andere als weidgerecht.

Die niederösterreichische Jägerschaft ist der Weidgerechtigkeit verpflichtet. Damit alle Mitglieder, also alle nö JägerInnen, wissen, was das ist, wurde vom nö Jagdverband ein Büchlein über Weidgerechtigkeit herausgegeben. Der nö Landesjägermeister Josef Pröll, Chef dieses Jagdverbands, geht also in einen eingezäunten Bereich und lässt sich hunderte gefangene Wildschweine vor das Gewehr treiben, um sie über den Haufen zu schießen. Weidgerechtigkeit definiert er aber so:

Weidgerecht1

Weidgerecht2Weidgerecht3Weidgerecht4

Die Frage, wie der nö Landesjägermeister seine Jagdpraxis mit dieser von ihm herausgegebenen Verpflichtung zur Weidgerechtigkeit in Einklang bringt, fragt Jäger Wolfgang Matzinger in seinem offenen Brief:

An Landesjägermeister Dipl.-Ing. Josef Pröll
 
Hat der Begriff „Weidgerechtigkeit“ noch Gültigkeit oder wird er gerade umgewandelt in „Scheinheiligkeit“!?
 
Als Staatspreisträger für vorbildliche Waldwirtschaft (im Jahr 2008 von Ihnen verliehen), sind mir vor allem der Wald und das Wild ein besonderes Anliegen. Ich sehe diese ehrenhafte Auszeichnung als Auftrag um grobe Missstände in den Bereichen Jagd- und Forstwirtschaft aufzuzeigen und nicht wie viele Amtsträger darüber hinwegzusehen. Aus diesem Grund habe ich gegen Sie eine Disziplinaranzeige eingereicht (Details Verfahren siehe Satzung NÖLJV ab Seite 18), möchte auf die näheren Hintergründe hiermit näher eingehen und Ihnen den Sachverhalt aus meiner Sicht darlegen:
 
Schon seit Jahrzehnten teile ich eine ca. 2 km lange Jagdgrenze mit einem Jagdrevier in dem Sie als Gast bei Gesellschaftsjagden mehrmals teilgenommen haben. In diesem Revier wird generell gegen ökologische und ethische Grundsätze der Jagd verstoßen. Dieses Revier wird als umfriedete Eigenjagd geführt. Sogar für einen Laien ist ersichtlich, dass die Waldbestände in diesem Jagdgatter in einem ökologisch sehr schlechten Zustand sind. Der hohe Bestand an Schwarz- und Muffelwild ist tierethisch ebenfalls nicht verantwortbar.
 
Das Züchten von zahmen Wildschweinen für einen Massenabschuss durch Personen öffentlichen Interesses schädigt das Ansehen der gesamten Jägerschaft. Selbst Sie, ein ehemaliger Minister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, lassen sich zu dieser – nicht mehr zeitgemäßen – Jagdpraxis verleiten. Das ist für die Mehrheit der Jäger in meinem näheren Umfeld, und ich denke für einen Großteil der gesamten Österreichischen Jägerschaft, unerklärbar.
 
Die Tierquälereien in Jagdgattern sind vom Tierschutzgesetz ausgenommen, dafür hat sich der Niederösterreichische Landesjagdverband bei der Gesetzgebung erfolgreich eingesetzt. Die Schäden, die an den land- und forstwirtschaftlichen Flächen entstanden sind, hat der Grundeigentümer zu tragen – Schäden betreffend Gewässerschutz hat jedoch die Allgemeinheit zu tragen! Für mich und viele andere Jäger stellt sich die Frage, wie die von Ihnen angewandte Jagdpraxis mit der Weidgerechtigkeit zu vereinbaren ist.
 
Mir liegt beiliegende Broschüre mit dem Thema „Was ist Weidgerechtigkeit?“ vom Niederösterreichischen Landesjagdverband auf, die unter Landesjägermeister ÖkR Dr. Christian Konrad veröffentlicht wurde. Aus dieser Definition des Begriffes Weidgerechtigkeit werden folgende Punkte als „weidgerecht“ hervorgehoben:
 
x) Respektvoller Umgang mit der Natur
Ist es für Sie und Ihre jagdlichen Freunde „weidgerecht“ zahme Wildschweine auf Kosten des Ökosystems Wald zu züchten und per Massenabschuss zu erlegen? Klicken Sie hier für nähere Ausführungen in einem Artikel der Bezirksblätter Lilienfeld.

x) Wissen um die Natur
Hat ein Landesjägermeister, der die offensichtlichen Wald- und Wildschäden in diesem Gatter nicht erkennt, überhaupt die Kompetenz in Gremien, wie dem Wald-Wild Dialog „Mariazeller Erklärung“ mitzuarbeiten? Klicken Sie hier um sich nochmals die Prinzipien und Ziele der Erklärung zu verinnerlichen.
 
x) Schonender Umgang mit der Natur und all ihren Lebensformen ist die Grundvorrausetzung der Weidgerechtigkeit
Wird in diesem Gatter mit Zucht und Massenabschuss auf Kosten des Ökosystems Wald aus Ihrer Sicht schonend mit der Natur und dem Wild umgegangen?
 
x) Jedes Lebewesen verdient einen respektvollen Umgang – auch Raubwild und Raubzeug
In diesem Gatter wird der respektvolle Umgang mit Lebewesen verhöhnt. Klicken Sie hier um dazu den Bericht der Zeitschrift Heute zu lesen, welche den Kern der Sache schon treffend dargelegt hat.
Der Fuchs hat laut NÖ Jagdgesetz noch nicht einmal während der Jungenaufzucht eine Schonzeit. Ist dieser Umstand aus Ihrer Sicht weidgerecht?
 
x) Weidgerechtigkeit bedingt den Verzicht auf umstrittene Jagdmethoden
In diesem Gatter werden für Sie und die anderen Jagdgäste einen ganzen Tag hunderte zahme Wildschweine hin und her getrieben. Die Anzahl der Schüsse erinnert an ein Bundesheermanöver und für das Schwarzwild gibt es aufgrund der Zäune und fehlenden Deckung keine Fluchtmöglichkeit. Meine Frage an Sie – ist diese Jagdmethode aus Ihrer Sicht umstritten?
 
x) beim Weidgerechten Jagen geht es nie  NUR um den Abschuss
Aus welchen Beweggründen werden dort hunderte Wildschweine gezüchtet, außer NUR zum Abschuss? Oder wird für wissenschaftliche Zwecke gejagt, etwa als blutiger Schwarzwildbekämpfungssimulator für gut betuchte Jäger?
Wie im Bericht der ORF Sendung der Report gezeigt, geht es beim „weidgerechten Jagen der Amtsträger“ nicht NUR um den Abschuss, sondern meist um Pflege politischer und wirtschaftlicher Netzwerke. Klicken Sie hier um zum entsprechenden Fernsehbericht zu gelangen.
 
x) Der Mensch darf seine technische Überlegenheit nicht so ausnützen, dass das Zufalls-Element der Jagd ausgeschaltet wird
Dieses besagte Jagdrevier in Kaumberg wird durch einen Zaun abgeschottet (technische Überlegenheit), wodurch  die große Anzahl an Wild an der Flucht gehindert wird. Schießstände sind so nahe am Zaun angeordnet (technische Überlegenheit), dass das Schwarzwild gezwungenermaßen an den Schützen vorbeiwechseln muss. Meine Frage an Sie – ist bei der von ihnen ausgeübten „Jagd“ in diesem Gatter das Zufalls-Element noch vorhanden oder wird gerade hier der Begriff “Weidgerechtigkeit“ von Ihnen verhöhnt?
 
Ich spreche wohl vielen Jägern aus der Seele, wenn ich behaupte, dass ein Landesjägermeister Vorbildfunktion für „seine“ Jäger haben sollte. Als Person öffentlichen Interesses und als Landesjägermeister von Niederösterreich werden Sie unter anderem daran gemessen, auch zu kritischen  Fragen der Jagd Stellung zu nehmen und diese zu beantworten.
 
Ich freue mich auf Ihre baldige Rückmeldung und verbleibe,
 
mit besten Grüßen
 
Wolfgang Matzinger,
Jäger und Landwirt aus Kaumberg…
 
…und viele Jäger die namentlich nicht genannt werden möchten!

5 thoughts on “Offener Brief eines Jägers an Landesjägermeister Josef Pröll

  1. Meier says:

    Kennt jemand den aktuellen Stand der Ermittlungen ?

  2. Bretz says:

    Hallo!

    Es sind ja nur Tiere(Viecher). In meinen Augen haben viele Jäger einen Waffenschein, um dann Ihre kranke Macht am Tier auszuleben, Sie sind leider zu 90% geisteskrank, solche Menschen sind gefährlich und einzuordnen mit pädophilen. Es ist unglaublich was sich diese Handlampen einbilden und dann ein Leben auslöschen, weil der Jäger meint, es müsste so sein. Kein Mensch auf der Welt hat dieses Recht. Ich wünsche jedem Jäger als Nutztier auf die Welt zu kommen, im zweiten Leben. Dann können Sie fühlen, wie es ist, wenn es kein langes Leben ist.

    Mit freundlichen Grüßen

    H. Bretz

  3. Erwin Zuzak says:

    Eigentlich muß man sich für eine solche Vertretung der Jägerschaft Schämen, vor kurzem machten sie noch selbst Gesetze die die kleinen Gatterbetreiber in die Knie zwangen und diese Art der Haltung nur noch den Großgrundbesitzern zufällt und dann lassen sich diese Herren auch noch einladen zu so einem Sinn und Hirnlosen abschlachten von Tieren.
    Die Gatterjagd ist doch aus Jagdlicher Sicht keine Jagd vielmehr ein abschlachten von Tieren die sich aus diesen eingefriedeten Gebieten nicht flüchten können. Eigentlich müßte doch jeder Gatterjäger noch dazu solche die angeben die Jagd in NÖ zu vertreten, sich einem Psychologen unterziehen, den der, der Waffen führt diese benutzt und einsetzt, dem muß doch auch bewußt seine das dieses Abschlachten in Gattern nur zum Spaß und töten ist, aber keinesfalls mit Jagd etwas zu tun hat !!!
    Wir Jäger sind deshalb auch verpflichtet solche Art der Jagd und Menschen die dieses Abschlachten durchführen, strikt ab zu lehnen und eigentlich kein Recht haben sich Jäger zu nennen !

  4. Grand Blanc says:

    Warum werden nicht auch die Namen der weiteren, nachweislich an diesem Irrsinn teilnehmenden Mitglieder der „Prominenz“ aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Kirche veröffentlicht?

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