Schweine, vom Vollspaltenboden gerettet

Letztes Wochenende habe ich wieder einmal das Tierparadies Schabenreith am Ziehberg bei Kremsmünster besucht. Eigentlich war ich in professioneller Mission, bin aber im Tierparadies über Nacht geblieben. Ich kenne die Betreiber:innen schon viele Jahrzehnte. Und da ich mich ja gerade gegen die Haltung von Schweinen auf Vollspaltenboden engagiere, habe ich viel Zeit auf der Wiese bei den geretteten Tieren verbracht. Man kann dabei immer etwas lernen.

Immer wieder kommen gerettete Schweine ins Tierparadies, zeitweise waren 26 Schweine dort. Nach dem Tod eines 14 jährigen Tieres sind es aber jetzt nur mehr vier. Die Schweine leben in einem geräumigen Stall mit einigen Buchten mit tiefer Stroheinstreu. Sie können sich aussuchen, in welche Bucht sie sich legen. Alle sind permanent offen. Ebenso offen ist die Stalltüre. Die Schweine können also jederzeit hinaus. Und dort erwarten sie 4 ha Wiese. Das ist so groß, dass man die Tiere suchen muss, wenn sie dort herum streunen. Da gibt es auch Büsche und Bäume, später im Jahr wird das Gras so hoch, dass die Schweine darin verschwinden.

Ich habe mich einfach zu ihnen gesetzt und sie still beobachtet. Zwei sind gute Freunde, die sich absondern. Die anderen beiden sind eher Einzelgänger, sie treten aber mit Menschen sehr gerne in Kontakt. Sie mögen es, gestreichelt zu werden, und sie kuscheln auch gerne.

Hier heraußen in der frischen Bergluft, abseits von Straßen und Menschen, atmen wir alle freier. Es ist eine Welt für sich. Ein Paradies eben. Schon zeitig in der Früh kommen die Schweine heraus und streunen durch die Wiese. Sie wühlen im Boden, schmatzen und grunzen, und scheinen auch Gras zu essen. Über Stunden hinweg untersuchen sie hochkonzentriert und dabei sichtlich vergnügt ihre Umgebung. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, dann kommen alle vier Schweine zur Siesta in den Stall. Sie vergraben sich im tiefen Stroh und schlafen. Am Nachmittag dann, nach einem ausgiebigen Mal mit frischem Obst und Gemüse, gehts wieder hinaus in die Wiese. Dabei kann man die Schweine auch fröhlich galoppieren sehen, und springen, wie Ziegenböcke.

Alles, wirklich alles, was Schweine ausmacht, können sie in der Tierfabrik auf Vollspaltenboden nicht ausleben. Es beginnt schon damit, was sie dort zu essen bekommen. Ein undefinierbarer Fraß, in völlig verdreckten Trögen, meistens mit Kot vermischt, der darin schwimmt. Da die Schweine dort so eng stehen, können sie nur kacken, wo sie gerade sind, und das ist manchmal über dem Futtertrog. Bei den Schweinen im Tierparadies habe ich keinen Kot gesehen. Das Stroh war sauber und roch angenehm. In der Schweinefabrik ist alles mit Kot verklebt und es stinkt so unerträglich nach Ammoniak, dass einem die Atemwege brennen. Im Tierparadies schlafen die Schweine im weichen, tiefen Stroh, oder liegen draußen auf dem Gras in der Wiese. In der Schweinefabrik gibt es nur den Betonboden mit scharfkantigen Spalten. Im Tierparadies sind die Tiere, bis auf die Siesta, ständig unterwegs und untersuchen mit großem Interesse ihre vielgestaltige Umgebung. In der Schweinefabrik gibt es nur einen kahlen Boden und kahle Wände, sonst gar nichts. Auf der 4 ha großen Wiese kommen sich nur Freunde unter den Schweinen nahe. In der Tierfabrik kleben sie gezwungenermaßen aufeinander, mit 0,55 m² Bodenfläche pro 85 kg schwerem Schwein. Da muss man ja aggressiv werden, und kann den Wutausbrüchen der anderen Tiere – bei Menschen würden wir Hüttenkoller dazu sagen – nicht entkommen. Im Tierparadies können die Schweine in der Sonne baden, ins Abendrot blinzeln oder den Morgentau von den Blättern lecken. In der Tierfabrik gibt es keine Sonne, keine frische Luft, keine grünen Pflanzen und keinen Morgentau. Das ganze Leben nicht. Die Schweine im Tierparadies sind nicht verletzt. Manche laborieren noch von ihren Wunden aus der Zeit auf dem Vollspaltenboden. Aber die typischen Kratz- und Bisswunden, die in der Schweinefabrik allgegenwärtig sind, sowie die geschwollenen Gelenke und das ständige Husten, bleiben im Tierparadies aus. Hier werden die Tiere gut 15 Jahre alt.

Die Schweineindustrie und ihre Lobby in der ÖVP sagen gerne, wir Tierschützer:innen wüssten nichts von Schweinen. Dabei bin ich mir sicher, dass weder die Landwirtschaftsministerin Köstinger noch der Sprecher der Schweinebörse Schlederer je, so wie ich gerade eben, 2 Tage mit Schweinen auf der Wiese verbracht haben. Ich bin mir sicher, niemand aus der Schweineindustrie kennt die Interessen und den Tagesablauf von freien Schweinen. Stattdessen wissen sie, wieviel Antibiotika notwendig sind, um die Todesrate in der Tierfabrik unter 15 % zu drücken. Und sie wissen, wieviel von welchem Fraß man verfüttern muss, um maximale Zuwachsraten an Körpermasse zu erreichen. Nur, das hat in Wahrheit mit Schweinen nicht viel zu tun.

Ich komme von diesen zwei Tagen nachdenklich und aufgebracht zurück. Nachdenklich stimmt mich das ungeheuerliche Ausmaß an Leiden, das wir mit dem Vollspaltenboden diesen Tieren antun. Versetzt man sich nur ein bisschen in die Schweine hinein, mit dem Wissen über sie von den Artgenossen im Freien, dann kann man eigentlich nur weinen. Wütend macht mich deswegen diese totale Ignoranz seitens der ÖVP und der Schweinelobby. Woche für Woche deckt der VGT neue Fakten aus Schweinefabriken auf, und wo man hinsieht herrscht brutale Kälte. Weniger Sadismus – obwohl das auch – sondern mehr die komplette Unfähigkeit, mit diesen Wesen mitzufühlen, sich in sie hinein zu versetzen. Man bietet den Tieren nur das absolute Minimum, sodass nicht mehr als 15 % an der Haltung sterben, und der Rest gerade noch bis zum Schlachthof überlebt. Alles orientiert sich an der Profitmaximierung. Ein System ohne Herz und Hirn.

Wir müssen das ändern.

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