So ein braver Hund!

P1030117kleinLetzten Sonntag am Strand des Klopeinersees in Kärnten. Alle paar Meter eine Menschengruppe mit Sonnenschirm und Badetuch. Mitten drin ich mit meinem Hund. Er springt auf und schießt verspielt zwischen die Menschen los. „Komm zurück!“, ruf ich ihn, „bitte setz Dich her!“ Er duckt sich auf die Vorderpfoten nieder, der Hintern in der Höhe, schaut verschmitzt, bringt mir ein Stocki. „Nein, das geht jetzt nicht“, sag ich. Er bellt voll Übermut. „Bitte sei ruhig“, ruf ich. Er springt ins Wasser. „Nein, nein“, sag ich, „komm bitte raus, Hunde dürfen da nicht hinein.“

Zwei Sonnenschirme weiter liegt ein Golden Retriever wie im Koma schon seit Stunden auf der Seite. „So ein braver Hund“, sagt die Frau daneben und lächelt stolz. Ein braver Hund ist offenbar ein komatöser Hund. Ich fürchte bei solchen Menschenansammlungen gilt das auch für Kinder.

Ist es nicht normal und gesund, wenn ein Hund viel Energie hat? Zeigt es nicht Lebensfreude, wenn er spielen will? Wie muss er sich fühlen, wenn ich ihn dauernd ermahne, bis er sich koma-ähnlich verhält.

In der Natur würde er mit mir jetzt herum hüpfen, würde im Zick Zack über die Wiese schießen, würde durch den See schwimmen. Eine ketzerische Frage geht mir durch den Kopf: was, wenn ich meinen Hund jetzt einfach gewähren lasse? Wenn ich ihn tun lasse, was er will, ohne einzugreifen? Ich kann 100% garantieren, dass er keinem Menschen etwas antäte. Vielleicht würde er zum nächsten Hund laufen und ihn schnuppernd begrüßen und ihn zum Spielen auffordern. Vielleicht würde er ein paar Sonnenschirme weiter den Mann bitten, ihm auch etwas von dessen Keksen zu geben. Vielleicht würde er dem Kind da drüben ein Stocki vor die Füße legen und mit seinem unnachahmlichen Spielgesicht zum Wurf auffordern. Und warum, um alles in der Welt, soll mein Hund unter all diesen Menschen mit Sonnencreme auf der Haut, dich sich Öllachen-artig auf den Wellen spiegelt, nicht auch ins Wasser gehen?

Oft denke ich mir, eine Welt, in der Hunde – gut sozialisierte Hunde – herumlaufen können und sich in Eigenregie mit den Menschen und anderen Hunden arrangieren, wäre viel farbiger, viel netter. Kann man sich unter solche Menschentrauben begeben und dann erwarten, dass man nicht durch andere gestört wird, und seien es Hunde? Wer die Einsamkeit und Stille sucht, ist am Badestrand an der falschen Adresse.

Streunerhunde wurden wahrscheinlich hauptsächlich deshalb aus dem Stadtbild entfernt, weil sie die Menschen stören. Ist ein Hund besser dran, wenn er jahrelang im Zwinger im Tierheim lebt, als frei auf der Straße, zumindest in einer menschlichen Gesellschaft, die Hunde toleriert und ihnen mit Freundlichkeit begegnet?

Streunerhunde und die Straßen. Ich war am Wochenende in Vignola in Italien. Zwischen den Zinnen am hohen Burgfrieden sitzend, sah ich unten auf der Straße einen Streunerhund. Er lief zielgerichtet auf die Hauptstraße zu, mit starkem Verkehr. Dort wartete er, sah dabei in beide Richtungen, und nutzte einen größeren Abstand zwischen den ankommenden Autos, um rasch über die Fahrbahn zu laufen. Wer das gesehen hat, kann nicht umhin anzuerkennen, dass zumindest dieser Hund verstanden hat, wie man Straßen überquert und was für eine Gefahr die Autos darstellen. Ein Streunerhund hat keine 9 Leben für das Erlernen des Straßenverkehrs nach Versuch und Irrtum. Und dieses Tier war auch nicht mehr sehr jung, sondern hat offenbar schon länger auf der Straße überlebt.

Irgendwo in mir trage ich diese Utopie eines gleichberechtigten Lebens von Hunden und Menschen in einer gemeinsamen Gesellschaft. Aber nur in der Natur, z.B. in der arktischen Wildnis, kommen mein Hund und ich diesem Ideal auch wirklich nahe!

18 thoughts on “So ein braver Hund!

  1. Sibylle says:

    Lieber gehe ich mit 10 Hunden baden wie mit fremden Menschen. Hunde machen nicht klammheimlich ihre Geschäfte im Wasser, wie manche Menschen.

  2. hartmut john says:

    danke martin, wunderbar geschrieben, gute gedanken … die meisten menschen wissen nicht, was sie sich vergeben mit den selbst auferlegten verboten.
    ich habe bukarest erlebt noch bevor die tötungskommandos ausrückten, um die friedlichen hunde brutal umzubringen – für mich als hundefreund war es hochinteressant, die sozialstrukturen unter den hunden und zwischen menschen und hunden zu beobachten … und wenn mal einer bellt oder knurrt, heißt das nicht, dass gleich die hölle losbricht – so wird halt kommuniziert.
    ich wünsche dir viel kraft …

  3. Karin says:

    Leider gibt es keine einzige so hundefreundliche Gesellschaft, in der sich Straßenhunde gefahrlos und freundlich toleriert bewegen können. Im Gegenteil ist ihr Leben meistens die Hölle – geschlagen, getreten, verscheucht, angeschrien, es wird versucht sie zu vergiften, zu erschießen zu erhängen oder Schrecklicheres. Ich kann schon gar nicht mehr in südliche Länder auf Urlaub fahren, weil ich dieses Elend nicht mit ansehen kann. Tue ich das doch, dann nehme ich die Hunde, die mir begegnen, mit, und suche ihnen hier eine gute Familie.

  4. Paula says:

    Ich habe in der Ukraine Streunerhunde kennengelernt. Am ersten Tag wurde ich noch verbellt und war mit der Situation – aus Wien kommend – überfordert. Nach einer Woche war alles „geklärt“, die Hunde „nickten mich ab“ wenn ich ihr Revier kruezte und ich hatte zunehmend Spaß, dem Rudel zuzusehen, wie sie ihre Zeit im Dorf verbringen. Es ging ihnen um so viele besser als den Hunden hinter den Gartenzäunen.
    Schön war zu erleben, dass die Leute im Dorf die Streunerhunde akzeptieren. Ich weiß, dass die Ukraine nicht für Tierschutz bekannt ist, aber ich konnte über mehrere Wochen mit eigenen Augen erleben, wie die Hunde dort (im ländlichen Raum) leben. Wie es in stärker motorisierten Gegenden ist, kann ich nicht beurteilen. Im Dorf waren die Autos langsam unterwegs.

  5. susanne v. says:

    @Martin Balluch. Es sind ca 500 Personen die pro Jahr in Österreich bei Verkehrsunfällen sterben. Ein kleiner Unterschied zu ca. 300 000 Hunden in Spanien pro Jahr. Dort sterben ca. 1000 Hunde pro Tag. Außerdem verursachen sie zusätzlich Unfälle bei denen auch Menschen zu Schaden kommen. 2008 starben z. B. acht Menschen bei so einem Unfall. Du kannst mir nicht einreden, dass Hunde gut im Straßenverkehr zurecht kommen. Die Statistik spricht eine andere Sprache.

  6. Gerhard Männl says:

    zu meinen kindertagen gehört auch das baden-gehen mit unseren hunden. gemeinsam schwimmen, gemeinsam tollen. nur unmittelbar nach dem bad spielte ich, „die kenn ich nicht, die hunde,“ wenn sie sich regelmäßig mitten unter den sonnenden trocken schüttelten. mM brauchen kinder (und nicht nur kinder?) hunde mehr, als hunde menschen brauchen

  7. haku says:

    hunde auf einem vollen badestrand können halt einfach lästig sein. nass. zottelig. sabbernd. und kein respekt vor menschen, die sich in der sonne entspannen wollen, und keine lust darauf haben, angeschnuppert, nassgezottelt, oder im spiel übersprungen zu werden. es gibt ja glücklicherweise noch genügend orte, wo man niemanden stört beim geimeinsamen bad mit seinem tier. unzählige naturstrände an der donau, gebirgsseen, entlegene gewässer. meist ist es dort sowieso schöner als an überfüllten badestränden. und so lieb ich meinem hund hab, weiss ich aber auch, dass hunde stinken, vor allem wenn sie nass sind, und in hundepisse und hundegackerl – selbst wenn weggeputzt – möchte ich auch nicht liegen.

  8. Werner Furlan says:

    dein Hund mag ja gut sozialisiert sein und harmlos. Das ist leider nicht jeder Hund. Ausserdem gibt es relativ viele Menschen die Angst vor Hunden haben – ob begründet oder nicht lasse ich mal offen. Warum ein Hund in einem See nicht schwimmen soll versteh ich allerdings auch nicht. Wobei, wenn ich mir vorstelle ich schwimme da und ein Neufundländer will mich retten (er will doch nur spielen…) wäre mir auch nicht mehr wohl glaube ich.

  9. Bernd says:

    Ja Martin,
    es ist normal und gesund, wenn ein Hund soviel Energie hat.
    Vorderbeine runter und Hintern in die Höhe ist auch die universelle Hundesprache für Spiel.

    Aber jeder Hundepartner sollte sich bewusst sein, dass es Mitmenschen gibt, die Angst, warum auch immer, vor Hunden haben.

    Also zwecks harmonischen Zusammensein aufpassen.

    lg
    Bernd

  10. Martin Balluch says:

    @susanne v.
    Es sterben auch so 1000 Menschen pro Jahr im Straßenverkehr in Österreich. Natürlich kann einem passieren, dass man nicht aufpasst und einen Unfalls hat. Jedem und jeder von uns, vielleicht Hunden leichter als erwachsenen Menschen. Aber aus dem Verhalten dieses Hundes und dem Verhalten meines Hundes schließe ich, dass Hunde zweifellos eine Straße verstehen und adäquat damit umgehen können.

  11. susanne v. says:

    Golden Retriever sind eher fade Hunde. Ich kenne eine Frau die einen hat und sie meinte, der Hund sei schon immer wenig temperamentvoll gewesen, aber jetzt wo er älter wird ist er nur noch langweilig. Es gibt aber auch Ausnahmen.

    Hunde werden oft Opfer im Straßenverkehr. Wir hatten gerade einen Pflegehund aus Rumänien den man auch überfahren hatte.

    „Ungefähr tausend Tiere sterben jeder Tag überfahren auf den spanischen Straßen. Die Allgemeine Verkehrsleitung (DGT), schätzt dass jährlich etwa 300.000 durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen und auch die La Asociación de Empresas de Conservación y Explotación de Infraestructuras (ACEX) bestätigt, dass jeden Tag ca. 1000 Tierleichen von den Straßen geborgen werden.
    75 % der Unfälle ereignen sich während der Nacht wegen unangemessener Geschwindigkeiten und schlechter Sicht.“ http://www.sos-galgos.net/2011-08-19/streuner-opfer-der-strase-2.html
    Ob es so schön ist langsam am Straßenrand zu verrecken weiß ich nicht. Die Hunde sind ja nicht alle gleich tot.

    Das wird überall so sein wo es Streunerhunde gibt und das betrifft natürlich auch viele andere Tiere. In Deutschland gibt es z. B. Straßen da sitzen Raubvögel auf Pfosten am Straßenrand. Einer neben dem anderen, wartend, dass die Autos ihnen das Essen servieren.

    Es gibt eben eine Grenze zwischen Utopie und Realität.

  12. Irene says:

    Ich liebe Hunde über alles, und ich liebe meine Hunde über alles. Und genau deshalb bin ich sehr traurig darüber, dass es so viele Hundebesitzer von (nicht nur) sozialisierten Hunden gibt, die eben meinen die Welt gehört Ihnen. Einer meiner Hunde ist aufgrund seiner Vorgeschichte nicht so gut sozialisiert, ich habe ihn erst mit 6 Jahren zu mir geholt, und er wiegt fast 40 Kilo. Mir wird jedesmal Angst und Bange wenn ich einen freilaufenden Hund begegne, es kam auch schon zu ernsthaften Auseinandersetzungen.
    Es wäre schön wenn man auch daran denkt dass nicht jeder Hund mit anderen Hunden spielen möchte, oder dass es Menschen oder Kinder gibt die Angst vor Hunden haben.

  13. Eva Gregor says:

    Also da sprichst du vielen und besonders mir aus der Seele. Wir waren auch am Klopeinersee und warum da ein Hund nicht schwimmen gehen darf ist mir ein Rätsel. Vielleicht ist er weniger sauber als ein Mensch der frisch eingecremt schwimmen geht….?
    Unser Hund ist meistens auch nicht angeleint. Da können wir gehen wie wir wollen und der Hund auch und das ist für alle am stresslosesten! Danke für den super Artikel!

  14. Christoph says:

    Wir sind gerade 4 Wochen in Kroatien unterwegs und erleben auch so einiges beim gemeinsamen Schwimmen mit unserem Hund Hermann. Obwohl klein(Dackelmischling) und sehr gut sozialisiert steht dem gemeinsamen Badevergnügen leider oft die eine oder andere hysterische Urlauberin entgegen. (Es waren bisher tatsächlich immer nur Frauen) So geschehen auch vor 2 Tagen. Unser Hermann ist eben auch kein komatös in der Sonne liegender Hund, sondern stürmt, sobald er Wasser sieht, diesem so schnell er kann entgegen und lasst sich dann auch nur noch schwer davon überzeugen es wieder zu verlassen. Für seine ausgedehnten Badeausflüge braucht er weder Ball noch Holz, er schwimmt einfach… Vor zwei Tagen eben war das einer Dame so zuwider, dass es zu einer hitzigen Diskussion darüber kam, was sie denn an einem, in von unzähligen Tieren besiedelten Gewässer, schwimmenden Hund genau störe. Ihre immer gleiche Antwort war: „Hunde sind verboten! Das ist Gesetz in diesem Land!“ Unsere mehrmalige Frage, ob sie sich vor unserem Hund fürchte oder ekle verneinte sie stets. Man muss dazu sagen, dass wir um 19:00 Uhr im Wasser waren und außer uns noch eine einzige Frau die sich sehr gut mit Hermann verstand! Die hysterische Dame war also nicht mal im Wasser! Dass wir das angebliche „Gesetz“ nicht befolgten, störte die Familie dieser Frau dann offenbar so sehr, dass uns ihre ca. 12 jährige Tochter mit lauter Stimme drohte die Polizei zu rufen. Sehr befremdlich! Auch die Frau im Wasser, übrigens eine Einheimische, konnte nur noch den Kopf schütteln. Wir beschlossen dann nicht mehr mit der hysterischen Dame zu sprechen, da es offenbar keinen Sinn machte, da wir für sie ohnehin bereits als schwerst Kriminelle galten. Auch Hermann schien die Diskussion aufs Gemüt zu schlagen, da er verhältnissmäßig schnell aus dem Wasser kam. Wir gingen dann noch mit ihm spazieren. Als wir am Heimweg wieder bei dieser gesetzestreuen Familie vorbeikamen, machte die Dame gerade ihre Yogaübungen, ihre Freundin hatte einen Saugnapf auf dem Kopf. Die richtige Entspannungsübung für den Umgang mit friedlich schwimmenden Hunden, haben sie aber anscheinend noch nicht gefunden.

  15. cheetah says:

    „Brav“ ist meiner Ansicht nach sowieso ein blöder Begriff – egal, ob Hund, Kind, Katze, etc…Was soll das denn, bitte, heißen?? Sind meine Kaninchen „schlimm“, weil sie die Klavierhaxn angeknabbert haben?? Ich werde auch manchmal gefragt, ob meine Katzen „viel kaputtmachen“ – finde ich ähnlich unsinnig. Sie wohnen hier genauso wie ich, und natürlich nutzen wir unseren wohnraum – leben hinterläßt halt spuren. Leben ist auch nicht steril.
    Ich war übrigens ein ziemlich „braves“ Kind und bin nicht stolz drauf. 😉

  16. Monika says:

    Du sprichst mir aus der Seele! Meine Utopie ist noch größer, ein gleichberechtigtes Leben von Tier und Mensch in unserer Gesellschaft. Ich wundere mich immer wieder über Menschen die sich über zB Vögel aufregen die auf ihren Balkonen oder Fensterbrettern Hinterlassenschaften hinterlassen. Oder in Fassaden ihrer Häuser Löcher piken um Nester zu bauen. Wen wunderts, wenn immer mehr Lebensraum für die Tiere verloren geht.

  17. claudia says:

    Ein Tip für den nächsten Kärnten-Ausflug: Hafnersee,dort gibt es einen riesigen Campingplatz mit Strandbad,Hunde sind erlaubt,dürfen baden und frei herumlaufen:-)

  18. ingeborg polak says:

    Wenn es nach Hunden ginge,wäre die Welt viel schöner und ehrlicher,ein Hund kann nicht Lügen,die Menschen dagegen ,Lügen bis zu 100 mal am Tag.Kein Mensch kann so treu sein wie ein Hund.Es gibt viele Menschen die würde ich gerne in Hunde eintauschen.Wären die Menschen Hunde,bräuchten wir kein Gefängnis.

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