Was bringen Tierschutzkampagnen? – Kastenstandverbot

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Kastenstandhaltung von Mutterschweinen: 65 cm breit und 195 cm lang, ununterbrochen während Geburt und Säugeperiode eingesperrt.

Seit vielen Jahrzehnten engagiere ich mich im Rahmen von Tierschutzkampagnen, um Verbesserungen des Tierschutzgesetzes zu erreichen. Immer stellt sich dabei das Problem, einen Mittelweg zwischen einer utopischen Forderung, die scheitert, und einer lächerlichen Forderung, die keine relevante Änderung bringt, zu finden. Für beide Extrempole will ich nicht meine Zeit verplempern, dafür habe ich davon zu wenig. Ich möchte reale Änderungen erreichen, die wirklich einen Fortschritt bringen und Bestand haben.

In der Kampagne gegen die Kastenstandhaltung von Mutterschweinen, diese unfassbaren, körpergroßen Käfige, hatten wir ein klares Ziel vor Augen: ein Totalverbot. Doch die Schweineindustrie ist politisch sehr mächtig, und trotzdem wir vehement auf unseren Forderungen bestanden und viele Menschen uns dabei unterstützten, verwässerte der Kompromiss zusehends. Zwar gingen wir nicht auf Vorschläge ein, die die 5 Wochen im Kastenstand während der Geburt und der Säugephase der Kinder außer Acht ließen, doch das Ergebnis zuletzt war:

  • Übergangsfrist bis 2033 (!)
  • Kastenstandhaltung in den „kritischen Tagen“ um die Geburt weiterhin erlaubt

Bis 2017 sollte ein Alternativsystem zum Kastenstand entwickelt werden – als ob es das noch bräuchte – und danach die Übergangsphase beginnen, sodass ab 2033 ausnahmslos alle Schweinebetriebe die neue Regelung befolgen müssen. Der Wert unserer Kampagne zeigt sich also auch daran, wie dieses Alternativsystem nun aussehen wird.

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4 m² Liegefläche für die Schweinefamilie, kein Kastenstand mehr, auch für die „kritischen Tage“ nicht!

Gestern wurde mir ein solches neues Alternativsystem gezeigt. Der sofort augenscheinliche Vorteil: es kommt völlig ohne Kastenstand aus, auch in den „kritischen Tagen“ um die Geburt. Im Kastenstand hat das Mutterschwein 65 cm x 195 cm Platz, also gar keinen. Das neue System bietet ihr 4 m² nutzbare Liegefläche und einen zusätzlichen, 50 cm engen Gang zum Esstrog hin, in dem sie sich nach Angabe der HerstellerInnen von zu aufdringlichen Kindern zurückziehen kann. Für die Kinder gibt es zusätzlich zu den 4 m² Gemeinschaftsbucht noch ein separates Nest und ab dem 15. Lebenstag einen eigenen Essplatz. Insgesamt hat die gesamte Konstruktion eine Fläche von 6,44 m² – im Gesetz stehen 5,5 m² Mindestfläche.

Im Kastenstand verzweifelt das Muttertier, sie kann keinen Schritt gehen, sich nur unter Mühen hinlegen, sie kann kein Nest bauen und sich nicht um ihre Kinder kümmern. Im neuen System gibt es 2-3 kg Stroh zum Nestbau auf einem planbefestigten Bodenteil, allerdings mit einem halbkreisförmigen, knapp über dem Boden montierten Rohr, das ein Einklemmen der Kinder zwischen der Mutter und der Wand verhindern soll, aber natürlich auch Platz kostet.

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Das gesamte System ist mit 6,44 m² um 1 m² größer als die Mindestgröße laut Gesetz. Zum Liegeplatz gibts einen Essgang für die Mutter und ein Nest sowie einen separaten Essplatz für die Kinder.

Viele Menschen, die die Kampagne gegen Kastenstände unterstützt haben, fanden den Kompromiss unbefriedigend. Aber ohne jeden Zweifel ist diese neue Entwicklung, die es ohne unsere Kampagne nicht gegeben hätte, ein riesengroßer Fortschritt für die betroffenen Tiere, eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Man darf nicht vergessen, dass wir mit dem neuen Gesetz zumindest ab 2033 neben Schweden das strengste Kastenstandverbot aller EU-Mitgliedsstaaten erreicht haben.

Doch die Bilder sprechen Bände! 4 m² Liegefläche für ein 300 kg Schwein? Das Stroh für den Nestbau ist bald verbraucht und dann gibt es nur noch einen Kübel pro Tag, bei weitem nicht genug zum gemütlichen Liegen. Kein Ausgang ins Freie, kein Sonnenlicht. Doch dennoch: die Alternative wäre gewesen, die Schweine im Stich zu lassen.

Ein Kompromiss mit Magenschmerzen, aber für mich auch ein Grund zur Freude. Wenn ich die beiden System vergleiche – hier Kastenstand, da neue Bucht – dann war es bei weitem den Einsatz für mich wert. Wir haben die Gesellschaft, wir haben den Umgang mit Schweinen, ein merkbares Stückweit verändert. Für mich ist das ein Erfolg, ein großer sogar. Dafür habe ich gern einen Teil meiner Lebenszeit geopfert.

3 thoughts on “Was bringen Tierschutzkampagnen? – Kastenstandverbot

  1. Waltraud Usahanun says:

    Wenn „Menschen“ sich heute – 2013 – noch immer gegenüber lebenden Kreaturen so verhalten wie sie dies auf dem gesamten Globus tun, kann ich nicht glauben, dass sie Menschen mit Hirn und Herz sind. Für mich sind die meisten MONSTER, mit denen ich gar nichts zu tun haben möchte.

    Eine andere Antwort konnte ich leider nicht finden, jedoch viele GLEICHGESINNTE, die so denken wie ein MENSCH dies tun sollte.

  2. susanne v. says:

    Keine Antwort? NIemand weiß das?

    Ich habe heute zufällig gesehen dass es in Deutschland eine große Aktion gibt.

    BürgerInnen-Allianz gegen Massentierhaltung
    http://www.bund.net/themen_und_projekte/bundestagswahl/allianz_massentierhaltung/

    Es wäre schön wenn sich österr. Tierschützer zusammen tun und eine ähnliche Aktion ins Leben rufen würden. Auch bei uns stehen Wahlen bevor.

    Man zeigt den Politikern mit Aktionen dass die „schweigende Mehrheit“ nicht mehr länger schweigen will.

  3. susanne v. says:

    Alles was man tut kann helfen. Ihr seid ja auch nicht die Einzigen die sich für die Tiere engagieren. Je breiter die Basis wird, auch wenn es Menschen sind die nicht mehr tun als beispielsweise ich (Petitionen unterzeichnen, Briefe schreiben, spenden, usw.) desto eher führt das auch zu einem langsamen Umdenken der restlichen Bevölkerung. Irgendwann müssen dann wohl oder übel auch die Politiker umdenken, auch wenn sie das nicht wollen.

    Gerade eben habe ich gelesen, dass es eine neue Initiative gibt. Tierqulerei führt auch zu Krankheiten bei Menschen und dieses Bewusstsein sollte man fördern. Das ist sicher ein neuer Ansatz für den Tierrschutz.

    Die Albert Schweizer Stiftung schreibt: http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/lobbyarbeit-antibiotikamissbrauch

    „Es folgten Erhebungen und Studien in NRW und zuletzt in Niedersachsen, die beweisen, in welchem (und von der Agrarindustrie zuvor stets geleugneten) Ausmaß Antibiotika in der Hühnermast zum Einsatz kommen. Dieser Antibiotikamissbrauch ist im System vorgesehen, denn die Bedingungen in der Mast sind so schlecht, dass die Tiere ohne regelmäßige medikamentöse Behandlungen häufig nicht bis zum Schlachtermin überleben würden. Wenn die von der Geflügelindustrie verabreichten Antibiotikamengen wirksam reduziert werden, würde das zumindest in einem gewissen Ausmaß zu höheren Tierschutzstandards führen: die Besatzdichten müssten jedenfalls reduziert werden und vermutlich würde auch die rücksichtslose Zucht auf immer schnellere Gewichtszunahmen gebremst werden.“

    Ähnliches trifft ja auch auf die Schweinemast zu.

    Bei dieser Gelegenheit möchte ich fragen ob es bei der Schlachtung in Österreich genauso abläuft wie in Deutschland. Hier der Link http://www.stern.de/politik/deutschland/tierschutz-in-deutschland-so-qualvoll-stirbt-schlachtvieh-1555518.html

    Eine halbe Million Schweine werden nicht ausreichend betäubt und deshalb lebend verbrüht. Auch Rinder werden unzureichend betäubt. Sogar die deutschen Tierärzte gehen dagegen auf die Barrikaden.

    Man fragt sich wirklich was das für Menschen sind die das tun, oder zulassen können?

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