The Vegetarian Myth und die „wise use“ Initiative gegen Tierschutz

100_0191kleinJetzt wird das Buch „The Vegetarian Myth“ von Lierre Keith tatsächlich auch auf Deutsch unter dem Titel „Ethisch Essen mit Fleisch“ erscheinen. Darin beschreibt eine Frau, die sich als radikale Feministin bezeichnet und behauptet, 20 Jahre vegan gelebt zu haben, warum zwar die Agrarindustrie und die Massentierhaltung unethisch sind, aber nicht das Töten und Nutzen von Tieren an sich für die eigene Ernährung. An diesem Buch erkennt man rasch, was das Problem ist, wenn Ethik nicht rational diskutiert wird. Es gibt keinen erkennbaren Beginn und kein erkennbares Ende eines Arguments, es wird sozusagen vor sich hin geredet, in der Hoffnung, dass manches davon sinnvoll klingt und an Assoziationen oder Symboliken andockt, die etwas auszusagen scheinen.

Will man das letztlich vorgebrachte Argument evaluieren, muss man es erst rekonstruieren. Und dabei stößt man im Wesentlichen auf zwei essenzielle Ansichten der Autorin:

  • Pflanzen und Tiere, ja sogar Früchte wie Tierbabys, können alle leiden und haben eine Seele, und daher ist es ethisch egal, welche davon ich nutze und verzehre
  • Menschen sind etwas ganz grundsätzlich Anderes

Auf Basis dieser Ansichten, die aber gar nicht rational begründet werden, schließt die Autorin, dass ethisch nur geboten ist, möglichst wenig Einfluss auf die Umwelt auszuüben und sich nachhaltig zu ernähren, und das könne durchaus auch durch die Nutzung halbwegs gut gehaltener Tiere geschehen. Etwas essen müsse man, töten müsse man als Mensch, und daher ginge es nur darum, den Schaden zu begrenzen.

Auffällig ist, dass Autorin Lierre Keith ein zahlendes Mitglied der Weston A. Price Foundation ist und diese auch in ihrem Buch bewirbt. Diese Foundation ist ein Konglomerat von „Farmern“, die Tiere halten und nutzen, und sich für „Wise Traditions in food, farming and the healing arts“ einsetzen.

Wie Lierre Keith kommt auch die gesamte „wise use“ Initiative aus den USA. Es handelt sich dabei um zahlreiche Firmen und die von ihnen finanzierten Gruppen mit dem klaren Ziel, den politischen Einfluss von Tier- und Umweltschutz zurück zu drängen. Tier- und Umweltschutz wird als urbane Spinnerei beschrieben, betrieben von Menschen, die jeden Kontakt zur Natur verloren haben. „Wise use“ wäre der wirkliche Schutz von Tieren und Umwelt, durch Menschen, die auf dem Land leben und wissen würden, wie man mit diesen Ressourcen umgeht. Statt lebens- (und profit-)feindlicher Tier- und Umweltschutzgesetze sollte die Nutzung „weise“ geschehen, d.h. in den Augen der „wise use“-Initiative durch die ländliche Bevölkerung in Eigenregie, ohne politische oder gesetzliche Einschränkungen.

Besonders begeistert sind „wise use“-ProponentInnen von der Jagd, sie sei die Ernte des Überschusses aus der Natur. In seinem neuen Buch „Nature Wars“ vertritt Jim Sterba diese „wise use“ Philosophie mit einem erstaunlichen Argument. Die viel zu strengen Tier- und Umweltschutzgesetze in den USA hätten sehr viele Wildtiere in die Nähe von Menschen, die außerhalb der Städte leben, gebracht und würden jetzt deren Lebensweise bedrohen. Diese gewagte Position untermauert er mit Geschichten von Koyoten, die Haustiere essen, Rehe, die mit Autos zusammenstoßen, Gänsekot am Fußballplatz, wilden Truthühnern im Gemüsegarten, Biber, die die Straßen unter Wasser setzen, oder Bären, die im Mist stöbern.

Jim Sterbas Antwort: Selbstverteidigung durch die Nutzung dieser Tiere. Die Landbevölkerung, in den USA offenbar sowieso immer bewaffnet, solle diese Tiere alle jagen und erschießen und damit die Natur „weise nutzen“. Man müsse wieder in die alten Pionierzeiten zurückkehren, in denen die Menschen von erschossenen Tieren gelebt haben und damit die Wildtiere und die Natur im Zaum hielten. Der (amerikanische) Mensch müsse sich wieder von seinen moralischen Skrupeln befreien, sich seiner Stärke besinnen und die „Nature Wars“ gewinnen.

Bisher gibt’s diese gezielt von der Tierindustrie ausgelöste und finanzierte Strömung nur in den USA. Doch als Clemens Tönnies, Besitzer einer deutschen Fleischfirma, die allein 11 Millionen Schweine pro Jahr schlachtet und 4,5 Milliarden Euro umsetzt, bei seiner Podiumsdiskussion mit mir am Philosophicum in Lech von Tierschutz zu schwärmen begann, den man auch auf Nutztiere anwenden müsse, erahnte ich, dass diesem Wort „Tierschutz“ in Industriekreisen auch eine ganz andere Bedeutung gegeben wird, als ich das so im täglichen Leben kenne. Tierschutz nach Tönnies widerspricht sich jedenfalls nicht mit den brutalsten Tierfabriksbedingungen, unter denen seine Schweine leben müssen. Letztlich sei der Mensch ein Mensch, und Tiere nur Tiere, und leben geht nicht ohne zu töten, und da wird man sich wohl ein gutes Schweinsschnitzel auch schmecken lassen dürfen!

12 thoughts on “The Vegetarian Myth und die „wise use“ Initiative gegen Tierschutz

  1. Anna says:

    Meine Bewunderung fuer Lierre’s Buch ueber ihre Zeit als Veganerin, ihre Erfahrungen und das Wissen das sie gesammelt hat, mit dem Endergebnis, dass Veganismus sie schwer krank werden liess ist unangetastet. Wer die Veganer Bibel „The China Story“ gelesen hat, sollte wissen, dass dieses Buch keine wissenschaftliche Abhandlung ist sondern teilweise ziemlichen Unsinn beschreibt. „Ethisch Essen mit Fleisch“ (der deutsche Titel) erscheint im Vergleich wie ein hochwissenschaftliches Werk.

  2. Hendrik says:

    Weiß jemand, warum Alice Walker das Buch bewirbt?

    „Last week I went to hear Noam Chomsky in Oakland and on a table outside the theatre I found The Vegetarian Myth. I’ve been reading it for the past week. I think it is one of the most important books people, masses of them, can read, as we try with all our might, intelligence, skill, hope, dream and memory, to turn the disastrous course the planet is on. Or rather that we are on because of our abuse of the planet. It’s a wonderful book, full of thoughtful, soulful teachings, and appropriate rage. My admiration for Lierre’s sharing of life experience and knowledge is complete. Thank you.“
    –Alice Walker

    https://secure.pmpress.org/index.php?l=product_detail&p=115

  3. Tierstimmen says:

    Sehr interessant! Vielen Dank für diesen Artikel.

  4. Lilly says:

    @susanne v. Vielleicht alles in Einem. Ich glaube, die Menschen haben ihren Kontakt zu ihrem Inneren verloren. Die Rechtfertigung in kalt technologisierter Welt, alle machen es so , kann nur für Lemminge gelten. Das ist kein Fortschritt. Im Grunde fühlt sich damit niemand wohl. Wir merken es rundherum täglich. Ich glaube, Homo Sapiens ist zu mehr geschaffen. Er kann es besser, weiß es aber noch nicht.

  5. susanne v. says:

    @Lilly Ich glaube nicht dass jemand dem es um Macht geht Schadenfreude empfindet wenn er tötet. Eher denke ich dass solche Menschen ängstlich sind und sich schwach fühlen. Sie versuchen das Gefühl ihrer eigenen Machtlosigkeit zu kompensieren. Sie tötet ihre Angst – vor den Menschen. Die Tiere können sich nicht wehren, denn sie ist bewaffnet. Es ist ein ungleicher Kampf. Wahrscheinlich versucht sie auch im Menschenreich zu Macht zu kommen – um sich zu schützen.

  6. Konrad says:

    @Daniel:
    Don’t bother me with facts!
    I have an opinion.

  7. Lilly says:

    In einem Interview sagte eine Hobbyjägerin, ja, es geht um Macht, wenn sie das Tier tötet. Sie invesitiert die Zeit in der Natur um Macht auszuüben. Allso um Schadenfreude zu empfinden, wenn sie anderes Leben zerstört. Im Kleinen wie im Großen? Wenn sie es nicht tut, fühlt sie sich in der Grundstimmung, aus einem Defitzit an Liebe, ohnmächtig?

    Wie ohnmächtig müssen sich die Tiere auf so engem Raum (Foto oben) fühlen. Traurig.

    – Pflanzen und Tiere, ja sogar Früchte wie Tierbabys, können alle leiden und haben eine Seele, und daher ist es ethisch egal, welche davon ich (Lierre Keith) nutze und verzehre
    – Menschen sind etwas ganz grundsätzlich Anderes

    Zumindest sagt Lierre Keith ihrem Publikum, dass alle Tiere eine Seele haben. Da hat sie einem Bischof etwas voraus. Geht es in ihrer Aussage, der Mensch sei ihrer Meinung nach etwas Grundsätzlich anderes, auch in erster Linie um Macht, und wenn sie Rücksicht nehmen müsste fühlte sie sich ohnmächtig? (Mag eine Lierre Keith weiterhin Pepsi Cola? Siehe unten)

    Der Schritt vom leidenden Tier zum leidenden Mensch ist ein kleiner, wer keine Skrupel hat andere leiden zu sehen.

    Pepsi Cola nimmt die Dienste eines
    Herstellers für Geschmacksstoffe in
    Anspruch, der Zellgewebe von abgetriebenen menschlicher Föten verwendet !!

    http://mywakenews.wordpress.com/2011/11/01/pepsi-cola-boykott-wegen-forschungs-verwendung-von-babystammzellen-abgetriebener-foten-wake-news/
    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/enthuellungen/ethan-a-huff/obama-behoerde-haelt-verwendung-von-fetalen-zellen-in-limonaden-bei-pepsi-fuer-normale-geschaeftsta.html

    Prost Mahlzeit?

    Ich glaube, für eine Ethik, die alle überzeugt,
    ist Grundlegendes gefordert.

  8. Bernhard says:

    Ich bitte darum das Buch von Weston A. Price – „Nutrition and Physical Degeneration“ zu lesen. Kann es gerne zur Verfügung stellen. Das Faszinierende bei dem Buch ist die umfassende Betrachtung des gesamten Ernährungszyklus, bis hin zu Bödenverarmung und Jahreszeiten, aber auch der gelungene? Versuch festzustellen, was denn „richtige“ Ernährung sei. Falls die Lektüre möglich ist, sollte es auch möglich sein zu differenzieren zwischen „Tierschützern“ a la Großschlächtern und W. Price. Peace.

  9. Daniel says:

    That was a very well laid out, rational point. But I will still hold to my emotional opinion based on no facts or evidence.

  10. aoe says:

    Ueber Lierre Keith habe ich mich auch masslos geaergert, als ich das Buch vor einigen Jahren las, einerseits eben wegen der polemischen „grenzenlosen“ Ethik, andererseits, weil sie ihre gesundheitlichen Probleme verallgemeinert. Ob es volle 20 Jahre waren, koennen wir wohl schwer beurteilen, aber waehrend die gesundheitlichen Argumente zum Teil an den Haaren herbeigezogen sind (teilweise unterhaltsam von einem Faible fuer die etwas umstrittene Atkins-Diaet bis zu den selbstsuechtigen Graesern, die uns kolonisiert haetten, den Planeten mit ihnen zu besiedeln), klingen ihre Erfahrungen durchaus nachvollzierbar. Besonders das Kapitel ueber die Landwirtschaft und den Kampf mit den Schnecken fand ich recht interessant.

    Bezeichnend sind fuer mich der absolute Kulturpessimismus (sie geht davon aus, dass auf Grund der sich erschoepfenden Erdoelvorraete in einigen Jahren mangels Kunstduenger eine Ernaehrung der Menschheit nicht mehr moeglich sein wird), der Hass auf Pflanzen, die sie fuer alle ihre Krankheiten und Probleme verantwortlich macht, und das Ignorieren von ernaehrungsphysiologischen Grundlagen. Ideale Voraussetzungen fuer einen Bestseller.

  11. Matthias says:

    ich hoffe dass tobias müller vom standard ebenfalls deinen blog liest und seinen sehr irritierenden beitrag vom 26.2 nochmal überdenkt.

    http://derstandard.at/1361241205731/Echter-Hase-statt-falsches-Pferd

  12. VeganLu says:

    Vom O-Ton, den Du hier beschreibst, klingt das Buch sehr ähnlich wie die ganzen Foren und FB Gruppen „Antivegan“ uä ; AV Forum wurde übrigens für eine Zeit wg Rechtsradikalismus und intoleranten Aussagen gesperrt..nun freut es sich wieder großer (?) Beliebtheit. Kein Wunder, bei der mangelnden Bildung (aber nicht EINbildung), geschweige denn Sensibilität, vieler Erdenbürger.
    Wer solche kalte, dennoch irrationale und realitätsfremde Gedanken schafft, kann mE entweder nur:
    – unwissend
    – in größeren..hmm.. „Interessengemeinschaften“ 😉 involviert sein (=sie bekommt viel Geld für die Verbreitung solcher erfundenen Gedankengängen)
    Hat Fr Lierre Keith übrigens *wirklich* 20 Jahre vegan gelebt? – Sorry, das kann ich nicht glauben!
    (außer evt sie hat einen reichen Fleischfabrikbesitzer geheiratet).

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