Tierschutz-Gütesiegel für Tierprodukte sind sehr wichtig!

Bis 2002 schaltete der VGT Werbungen für Freilandeier in seiner Zeitung und bis kurz davor verteilte er noch eine Broschüre mit Adressen, von wo Freilandtierprodukte bezogen werden können. Doch bei einer Generalversammlung vor 13 Jahren wurde mit großer Mehrheit beschlossen, ab sofort keine direkte Werbung für Tierprodukte mehr zu machen. Ich hatte diesen Antrag zusammen mit anderen gestellt. Er war eigentlich selbstverständlich geworden. Seit 1997 bilden die aktiven Mitglieder des VGT eine im Wesentlichen vegane Community. Unserer Einstellung nach wäre es ethisch nicht vertretbar, andere zum Kauf von Produkten, die letztlich auf der Gewalt gegen Tiere basieren, zu motivieren.

Das war eine Grundsatzentscheidung. Der Konsum von Tierprodukten, und damit auch die Werbung für Tierprodukte, widerspricht unserem ethischen Ideal. Und bis heute halten wir uns daran.

So weit so gut. Doch die politische Praxis ist sehr weit von ethischen Idealen entfernt. Die Gesellschaft wandelt sich langsam und stetig. Ein Sprung von totaler Tierausbeutung in Tierfabriken zu völliger Gewaltlosigkeit gegenüber Tieren in einem kurzen Zeitraum ist nicht möglich. Die Entwicklung geht schrittweise vor sich. Und mit jedem Fortschritt in der Tierhaltung und jeder Reduktion des Konsums konventioneller Tierfabriksprodukte sind wir wieder etwas weiter gekommen. Wohin die Reise letztlich geht, werden die zukünftigen Generationen entscheiden. Unsere Aufgabe heute ist es, die Gesellschaft Schritt um Schritt in Richtung mehr Respekt für Tiere und einer größeren politischen Bedeutung von Tierschutz weiter zu führen. Und genau dafür sind Tierschutz-Gütesiegel, die eine bessere als die konventionelle Tierhaltung garantieren, unabdingbar.

Anfang der 1990er Jahre waren praktisch alle Legehühner Österreichs in Käfigen. Die Legebatterie hatte ein Marktmonopol. Die HalterInnen wussten gar nicht mehr, wie man Hühner im Freiland halten kann, man glaubte z.B., dass man ihnen dafür die Schnäbel stutzen müsste. Aber die ersten Tierschutzkampagnen gegen Legebatterien hatten die Konsequenz, dass sich einige Legebetriebe dazu entschieden, auf Freiland- oder Bodenhaltung umzustellen. Die entsprechenden Eier wurden deutlich deklariert – allerdings oft bewusst falsch. Wie Kontrollen des VGT mittels UV-Lampen belegten, befanden sich zu 25 % Käfigeier unter den deklarierten Alternativen. Zusammen mit 3 anderen Tierschutzorganisationen wurde deshalb 1995 die Kontrollstelle für artgemäße Nutztierhaltung gegründet, die in Zusammenarbeit mit Supermärkten und Packstellen die Eier auf ihre Herkunft prüften. Wer sich kontrollieren ließ erhielt ein Siegel: „Tierschutz geprüft“.

So entstand eine vertrauenswürdige Nische von Tierprodukten, in diesem Fall Eier, die aus deutlich besserer Haltung stammten. Und diese Alternativen konnten sich etablieren. Aber genau das war die Voraussetzung für unsere Kampagne zum Verbot von Legebatterien ab dem Jahr 2003. Ohne diese etablierte Nische und den Informationsstand der KonsumentInnen wäre es niemals möglich gewesen, mit Nachdruck ein Verbot von Legebatterien zu fordern. Seit 2009 ist das nun Wirklichkeit.

Die Logik besticht. Aus der Sackgasse Tierfabrik können wir als Gesamtgesellschaft nur aussteigen, wenn wir die brutalen Haltungsbedingungen Schritt für Schritt demontieren. Jeder dieser Schritte setzt aber eine etablierte Alternative voraus. Bei unserer Kampagne für ein Verbot der Haltung von Mutterschweinen im Kastenstand wurde das deutlich, weil die Schweineindustrie einfach behaupten konnte, das funktioniere nicht. Deshalb kam es zu einer so langen Übergangsfrist und deshalb sollen erst bis 2017 – nach Jahren der Forschung – die Alternativhaltungssysteme erarbeitet werden, die dann ab 2033 gesetzlich vorgeschrieben sind. Wir brauchen also etablierte Alternativen und einen gewissen Markt dafür, also ein Konsuminteresse, um gesetzliche Fortschritte zu erzielen. Und deshalb freue ich mich sehr über Tierschutz-Gütesiegel für Tierprodukte, weil diese genau eine solche Aufgabe erfüllen. Am liebsten wäre mir, diese Siegel würden vom Staat vergeben, aber leider verhindert die Fraktion der organisierten Tierindustrie innerhalb der ÖVP diesen Schritt schon seit vielen Jahren.

Politisch ist es daher geboten, eigene Vereine und Firmen zu unterstützen, die sich dieser Gütesiegelvergabe widmen. Die Kontrollstelle für artgemäße Nutztierhaltung hat mittlerweile eine Gesellschaft für artgemäße Nutztierhaltung geboren, die das Gütesiegel „Tierschutz geprüft“ vergibt und zwischen den landwirtschaftlichen Betrieben und ihren Vermarkten auf der einen Seite, und dem Lebensmittelhandel auf der anderen zu vermitteln versucht. Aber das ist sehr schwierig, wie sich herausstellt. Es will und will nicht gelingen, tierfreundlichere Alternativen abseits von Bio am Markt zu etablieren. Diese Produkte würden nämlich preislich zwischen Bio und konventionell angesiedelt sein, weil für sie ja keine biologisch hergestellte Nahrung für die Nutztiere verwendet wird.

Bedeutet so eine „Hilfe“ für Tierschutz-Gütesiegel nicht vielleicht doch Werbung für Tierprodukte? Zugegeben, ein diffiziler Balanceakt. Nein, der VGT bewirbt in keiner seiner Aussendungen und in keinem seiner Flugblätter irgendein Tierprodukt. Aber gleichzeitig ist es mir aus politischen Gründen sehr wichtig, dass es Tierschutz-Gütesiegel gibt. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, also werden wir nicht für dieses Siegel werben. Aber durch Vermittlung und Beratung wollen wir vorerst weiterhin die Gesellschaft für artgemäße Nutztierhaltung darin unterstützen, derartige Siegel auf den Markt zu bringen. Für den Abbau der Tierfabriken sind sie absolut unverzichtbar. Das ist meine Überzeugung.

2 thoughts on “Tierschutz-Gütesiegel für Tierprodukte sind sehr wichtig!

  1. Govegan says:

    Bin stolze Veganerin und schreie hinaus in die Welt „JA zum Tierschutz- Gütesiegel“

    Was erwartet man sich denn von der Politik, dass sie sich ernsthaft für das Wohlhaben der Tiere einsetzen? Weit weit entfernt davon. Schande über die Politiker.

  2. Renate Rosol says:

    Bin seit 2,5 Jahren Vegetarierin, sehr bald auch immer mehr vegane Ernährung. Aber es hat bei mir Jahre gedauert bis ich es geschafft hatte. Der Geist war willig, aber der Körper schwach. Ich bin unendlich glücklich, dass es mir nach langer Anlaufzeit gelungen ist aus- bzw. umzusteigen. Ich lerne vegan kochen, jede Woche mehr! Aber als Mensch der mit offenen Augen durchs Leben geht, weiß ich daß die große Mehrheit weit davon entfernt ist auf ihre Gewohnheiten zu verzichten, darum ja zu Tierschutz-Gütesiegeln. Jeder Fortschritt der das Leid der Tier etwas verringert ist ein Schritt in die richtige Richtung! Der Veganismus ist Zukunft, alleine schon wegen der Welternährungssituation und dem Klimawandel – aber er ist eben Zukunft. Daher muss alles getan werden um den Tieren zu helfen um ihr Los zu erleichtern! Darum nochmals „JA“!

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