Von jagdlichen Fütterungen für Rehe und Hirsche

Zu meinem Beitrag auf diesem Blog, der sich kritisch mit jagdlich motivierten Fütterungen für Rehe und Hirsche in Österreich auseinandersetzt, siehe https://martinballuch.com/zu-wildfuetterungen-und-angeblich-so-tierlieben-hirschfluesterern/, wie auch zu meinem Blogeintrag zum Schitourengehen, siehe https://martinballuch.com/antwort-auf-orf-journalistin-ulli-wolfs-facebook-kommentar/, gab es einige Anfragen, die ich nun hier noch einmal deutlich ansprechen bzw. beantworten will.

Zunächst sollten wir alle, denen uns individuelle Tiere wichtig sind, uns vollständig von der Jägersprache lösen und ihr eine antispeziesistische, respektvolle und mitfühlende Sprache entgegen setzen. Man tendiert offenbar dazu, speziell im Gespräch mit der Jägerschaft, ihre Sprache zu verwenden. Das soll scheinbar anzeigen, dass man sich mit der Jagd und der Natur auskennt. So sieht das jedenfalls die Jägerschaft selbst. Aber völlig zu unrecht. Was versteht ein Betreiber einer Schweinefabrik von Schweinen? Gar nichts. Er weiß vielleicht, wieviel man ihnen füttern muss, damit sie möglichst rasch Fleisch ansetzen. Aber das wars dann auch. Er hat keine Ahnung von ihren Bedürfnissen, von ihrer Körpersprache, wie sie sich verhalten würden, wenn sie nicht in der Schweinefabrik wären und vor allem, wie sie leben wollen, wenn sie älter als das Schlachtalter sind. Würden Sie Bordellbetreiber_innen als Expert_innen für das Wohlbefinden von Prostituierten akzeptieren? Wohl kaum. Weil diese Menschen ein finanzielles Interesse an diesen Prostituierten haben, statt die Prostitution von deren Standpunkt aus zu sehen. Aber dasselbe gilt auch für Betreiber_innen von Schweinefabriken und für konventionelle Jäger_innen. Sie haben ein großes persönliches Interesse an der Nutzung der Schweine bzw. der abzuknallenden Wildtiere und sind daher total ungeeignet dafür, mitzureden, was diese Tiere für Bedürfnisse haben und wie die Welt von deren Perspektive aussieht. Dafür muss man sich auf die Wildtiere einlassen, ihnen zuhören und sich in sie hinein zu versetzen versuchen.

Also nein, Jäger_innen der konventionellen Art haben keine Ahnung von Wildtieren und der Natur. Sie denken in Kategorien von Trophäenklassen, Abschussanzahlen bei ausgesetzten Zuchttieren und effizienter Ungezieferbekämpfung wenn es um Beutegreifer geht, um ihre angefütterten und ausgesetzten jagdbaren Wildtiere bis zum Abknallen am Leben zu erhalten. Ihnen ist also in Sachen Wildtierschutz nicht über den Weg zu trauen. Wenn sie Krokodilstränen wegen angeblich hungernder oder zu viel abgeschossener Tiere weinen, dann haben sie in Wahrheit die „Bewirtschaftung“ der von ihnen angefütterten Wildtiere im Auge und wollen lediglich leichtgläubige Menschen ohne viel Erfahrung mit Wildtieren durch emotionalisierende Reden fangen und reinlegen.

Fütterungswahnsinn
Fast überall in Österreich werden Hirsche und Rehe von Anfang Oktober bis Anfang Mai durch gefüttert. Wir sind Fütterweltmeister, nirgendwo auf der Welt wird das so extrem zelebriert. Insgesamt werden dabei mehr als 100 Millionen kg Mais- und Grassilage, Rüben, Apfeltrester und Heu allein für Hirsche ausgelegt (Quelle: Karoline Schmidt am 16. 10. 2010 in der Presse). Für Rehe ist mit dem Fünfachen etwa an Fütterungsvolumen zu rechnen (nichts Genaues weiß man da, weil Rehfütterungen müssen nicht behördlich bewilligt und nicht einmal gemeldet werden). Dazu werden Forststraßen gebaut, Futterstellen angelegt, Motorschlitten eingesetzt und alle Zufahrten schneefrei gehalten. Wildökologin Karoline Schmidt rechnet auch vor, dass dadurch € 300 Futterkosten pro Hirsch bezahlt werden müssen. Sie kommentiert das so: „Unsere heimischen Jäger stellen das Bild [der Subsistenzjagd] auf den Kopf: sie versorgen nicht ihre Mitmenschen, sondern ihre Beute mit Nahrung.“

Fütterungsende in Graubünden
Im Schweizer Kanton Graubünden und im Fürstentum Liechtenstein wurden im Jahr 2004 die Winterfütterungen für Rehe und Hirsche völlig beendet. Dort gibt es ein Lizenzsystem bei der Jagd, d.h. Jäger_innen kaufen sich Abschüsse, aber es werden keine Reviere verpachtet. Ein_e Pächter_in eines Reviers will daraus möglichst viel an Trophäen ernten, er/sie will das Revier „bewirtschaften“ und nicht Natur und Tiere schützen. Bei einem Lizenzsystem kann daher ein Fütterungsende viel leichter durchgesetzt werden. Notfütterungen gibt es dort trotzdem noch. Sie werden nicht von der Jägerschaft sondern von der Allgemeinheit finanziert und orientieren sich daher an echter Not und nicht am Zuchtziel trophäengeiler Nimrods.

Naturlandschaft in Österreich
Es ist Jägerlatein, die Landschaft in Österreich als reine Kulturlandschaft zu bezeichnen, die Wildtieren nicht ausreichend Nahrungsmöglichkeiten bieten würde. Ich lebe in der Obersteiermark in einem Blockhaus. Von dort aus gehe ich 5 Tage nach Westen (46 km über die Berge) und 3 Tage nach Osten, bevor ich die nächste Straße überquere oder das nächste Wohnhaus von Menschen sehe. Dazwischen befinden sich keine Felder und keine Forststraßen, aber natürlich Almen, die im Sommer bewirtschaftet werden, und zwei Wanderhütten.

Wintereinstand der Hirsche
Es ist Jägerlatein, wenn behauptet wird, dass die Hirsche ja aus den Bergen nicht mehr in Tieflagen wandern könnten. Von meinem Blockhaus bin ich schon 2 Mal bis nach Wien gewandert, von den Alpen über die Voralpen bis in den Wienerwald. Ich bin dabei immer im Wald geblieben und musste keinen einzigen Zaun überqueren. Das können die Hirsche auch tun. Es wird dabei keine Autobahn überquert, einzelne Landesstraßen natürlich schon. Wildökologin Karoline Schmidt hat in ihrer Dissertation 1994 Hirschrudel in den Niederen Tauern in der Obersteiermark untersucht. Diejenigen, die nicht gefüttert werden, wandern auf die Hochwiesen. Dort liegt nie tiefer Schnee, weil er immer verblasen wird. Auch ich sehe bei mir zu Hause, trotz 4 m Schnee im Wald, oben auf den Hochwiesen apere Stellen. Abgesehen davon können die Hirsche auf den Südhängen der Berge Nahrung finden. Dort strahlt bald die Sonne hin, der schwere Schnee verrutscht und es kommen wieder Pflanzen zum Vorschein. Deshalb, übrigens, fahren Schitourengeher_innen zumeist nordseitig ab, um dem schlechten Schnee zu entgehen. So gehen sich Hirsche und Schitourengeher_innen automatisch aus dem Weg.

Füchse haben es im Winter auch nicht leicht
Das Hauptproblem in den letzten Wochen war der viele Schneefall in wenigen Tagen. Dadurch lag eine mehrere Meter tiefe Schicht von Pulverschnee, auf der kein Tier gehen konnte. Selbst Eichhörnchen habe ich einsinken gesehen. Aber Füchse können dann auch keinen Schritt gehen und keine Tiere fangen. Im Winter fehlen ihnen die Regenwürmer und die Mäuse, die sonst zumeist ihre Hauptnahrung bilden. Seit letztem Donnerstag trägt der Schnee aber wieder. Ich habe selbst Rehe wieder oben auf der Schneedecke gehen gesehen, wie am Foto zu sehen. Die beiden Rehe haben an Himbeerbüschen geknabbert. Ich bin mit meinem Hundefreund Kuksi etwa 15 m entfernt an ihnen vorbei gegangen und der Kuksi und die Rehe haben sich nur gegenseitig ruhig angeschaut. Keine Panik bei den Rehen, kein Energieverlust durch Flucht.

ACHTUNG bei Fotos angeblich verhungerter Tiere
Es kursieren einige Fotos, die tote Hirsche zeigen. Es wird behauptet, dass diese Tiere jetzt in Österreich mangels Fütterung verhungert sind. In Wahrheit handelt es sich um Fotos, die Jäger_innen in Kärnten vor 10 Monaten aufgenommen haben. Viele der Bilder sollen aber auch viel älter sein und zum Teil auch nicht aus Österreich stammen. Ich behaupte diese Tiere sind nicht verhungert. Sie wirken überhaupt nicht ausgemergelt. Im Frühjahr findet man immer tote Tiere, viele sind in Lawinen gestorben. Wenn ich mit meinen Hundefreunden im Frühjahr wandern gehe, dann apern überall tote Tiere aus. Aber die sind eindeutig nicht verhungert.
Es gibt auch ein Video von einem Hirsch, der durch grundlosen Tiefschnee watet. Stimmt, unter diesen Bedingungen ist es für alle Tiere schwer, vorwärts zu kommen. Doch normalerweise warten die Wildtiere dann einfach still ab, bis sich der Schnee gesetzt hat. Hirsche können ihren Energieverbrauch drastisch reduzieren, sodass sie längere Zeit ohne Nahrung auskommen, bis eben die Schneedecke wieder trägt.

International keine Fütterungen
In den Südkarpaten wird nicht gefüttert. In Graubünden und Liechtenstein, wie gesagt, auch nicht. Kürzlich habe ich mit einem amerikanischen Weisswedelhirschjäger aus den USA korrespondiert. Er konnte überhaupt nicht glauben, dass in Europa irgendjemand Hirsche füttert. Seiner Ansicht nach dürfte man den Abschuss gefütterte Hirsche überhaupt nicht als Jagd bezeichnen. Das sei die landwirtschaftliche Nutzung von Tieren. In den USA gibt es natürlich schon deutlich mehr unbewohnte Landstriche als bei uns. Dennoch wurden dort die Wölfe überall vom Menschen gezielt ausgerottet. Das gelang. Die jetzigen Wolfsbestände sind alles Neubesiedlungen. Als unberührte Wildnis kann man die Natur dort also auch nicht bezeichnen.

Noch immer überall Fütterungen in Österreich
Aus dem Burgenland erreichen mich immer wieder Emails mit Fotos von aufgebrachten Waldbesitzer_innen, bei denen die Jagdpächter_innen Berge von Futter auslegen. Bei mir in der Obersteiermark befinden sich 3 Reh- und 1 Hirschfütterung innerhalb von 500 m um mein Blockhaus herum. Man kann kaum einen Schritt gehen, ohne über ein Reh zu stolpern. In der Salzburger Wildfütterungsverordnung ist explizit vorgesehen, dass die großen Paarhufer von Anfang Oktober bis Anfang Mai durch gefüttert werden. In allen Jagdgesetzen der Bundesländer gibt es in Notzeiten sogar eine Fütterungspflicht.

Der Jägerschaft nicht auf den Leim gehen!
Viele Menschen sind, wie ich, im Hochwinter draußen unterwegs. Ich habe noch nie ein verhungertes Tier gefunden, geschweige denn im Hochwinter. Bisher ist mir davon bei anderen Schitourengeher_innen auch nichts bekannt geworden. Die Gemeinde Wien besitzt 58.000 ha Grund, auch in meiner Nähe in der Obersteiermark und im Rax/Schneeberg Gebiet. Dort werden seit 3 Jahren die Fütterungen zurück gefahren und Wintergatter aufgelöst. Die Stadt verpachtet die Reviere auch nicht mehr, sondern verkauft Abschusslizenzen. Und trotzdem gibt es von dort keine Meldungen oder Fotos von verhungerten Rehen oder Hirschen. Ähnlich im Lainzer Tiergarten, wo es fast keine Fütterungen mehr gibt und ständig sehr viele Menschen spazieren gehen. Die Fotos und die Aufregung stammen von verpachteten Revieren, in denen die Grundbesitzerin, die Österreichischen Bundesforste, keine so üppigen Fütterungen mehr zulassen will. Dort sitzen Jäger_innen als Pächter_innen, die sich große Hirschrudel angefüttert haben und die ihre „Ernte“ davonschwimmen sehen. Sie fürchten, ihre mühsam angefütterten Hirschrudel nicht mehr weiter „bewirtschaften“ zu können. Sie haben also eindeutig persönliche Interessen, die zur Fütterungseinschränkung im Gegensatz stehen. Diesen Personen kann man also nicht trauen. Dass sie die Fütterungen verunglimpfen wollen, ist selbstverständlich.

One thought on “Von jagdlichen Fütterungen für Rehe und Hirsche

  1. naturblogger says:

    Sehr geehrter Herr Balluch,
    dieser Artikel ist wirklich unfair! In diesem Text sind so viele verschiedene Themen verpackt bzw. Argumente vorgebracht, die zum Teil jeweils einem eigenen Artikel wert wären!
    Unfair? – ich kann doch nicht auf alles geleichzeitg, wieder in einem unendlichen Artikel zu all dem Stellung nehmen…
    Werde es vielleicht in mehreren Posts probieren…
    LG

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