Warum ich will, dass möglichst viele Menschen vegan werden

Wer hat sie noch nicht gehört, diese Frage, manchmal bösartig manchmal ehrlich erstaunt, warum wir Vegan-AktivistInnen nicht den fleischessenden Teil der Bevölkerung einfach in Ruhe lassen, sondern unbedingt bekehren wollen. Toleranz wäre es, wenn man die Leute essen lässt, was sie wollen, egal wie es produziert wurde und wer darunter gelitten hat. Kann man es Toleranz nennen, wie jene Personen, die Fleisch konsumieren, mit den Tieren, von denen dieses Fleisch stammt, umgegangen sind? Kann jemand Toleranz fordern, der selbst nicht tolerant ist? Aber Toleranz, oder Fairness und Gerechtigkeit, sind Begriffe, die für diejenigen, die obige Frage stellen, nicht auf Tiere anwendbar sind. Die auf der Hand liegende Antwort, Intoleranz gegenüber dem Willen der Tiere, weiterleben zu können, muss nicht toleriert werden, wie uns schon Karl Popper lehrte, wird also nicht verstanden. Stattdessen wird erwartet, wie in einer kapitalistischen Gesellschaft eben, egoistisch zu argumentieren.

Also was geht es mich persönlich an, ob andere Menschen vegan leben? Sehr viel. Im New Scientist vom 14. Mai 2016 findet sich auf den Seiten 32-35 ein Artikel über die psychologischen Konsequenzen von Empathie. Dort steht, dass Menschen, die ständig das Leid anderer zu sehen bekommen, direkte Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und ihre Lebensqualität zu erwarten haben. Das finde sich vor allem bei Menschen mit entsprechenden Berufen, wie im Hospiz, in der Altenpflege oder im Krankenhaus, aber auch bei NGOs, die sich um Opfer von Gewalt kümmern. Diese Menschen sind nachweislich öfter krank, und leiden vermehrt unter Angstzuständen, Stress und Depressionen.

Zwar wird in diesem Artikel nur über Situationen gesprochen, in denen Menschen das Leid anderer Menschen erleben und empathisch mitempfinden. Doch Empathie ist unteilbar und zweifellos leiden wir VeganerInnen und TierschützerInnen auch mit Tieren mit. Und erleben nicht gerade wir ständig und täglich ein unermessliches Leid, das jene zu verantworten haben, die noch immer Tierprodukte konsumieren? Natürlich haben daher auch TierschützerInnen alle jene Zustände zu erwarten, die bei den sozialen Berufen oben im Menschenschutz aufgezählt wurden. Daher ist es mir ganz egoistisch für meine persönliche Lebensqualität wichtig, dass die Menschen vegan werden, damit ich dieses Leid nicht mehr erleben muss.

Im New Scientist vom 23. April 2016 wird Arjen Hoekstra, Univ.-Prof. in Twente in den Niederlanden und Gründer des Wasser Footprint Networks, interviewt. Er sagt, dass Süßwasser weltweit nicht nachhaltig genutzt wird und daher immer weniger zu werden droht. In vielen Gegenden sei der Grundwasserspiegel schon unter die Tiefe der Brunnen gesunken und Seen trocknen aus, die für die Versorgung der Bevölkerung wichtig sind. Bei diesem Wasserverbrauch geht es nicht um die Wassernutzung im Haushalt, die nur etwa 1 % ausmacht, sondern vor allem um jenes Wasser, das in der Tierindustrie verwendet wird, z.B. 15.000 Liter für jedes Kilogramm Rindfleisch. Durch Import von Futtermitteln entsteht der Wassermangel dann auch noch an einem anderen Ort, als wo das Produkt des Wasserverbrauchs konsumiert wird. Konkret gefragt, was man tun kann, sagt er, dass unbedingt der Fleischkonsum reduziert werden muss. Und dann fügt er interessanterweise an, dass das der Elefant im Raum ist, über den niemand spricht. Der heilige Fleischkonsum.

Ich möchte also, dass die Menschen vegan werden, damit auf der Erde und insbesondere für mich genügend Frischwasser zur Verfügung steht.

Ich könnte diese Liste noch lange fortsetzen. Der Klimawandel, z.B., ist momentan die größte Bedrohung für die Erde und daher auch für mich. Und während im Vertrag von Paris der Großteil der Länder der Welt die Emissionen von CO2 zu reduzieren verspricht, bleiben die Treibhausgase Methan und Lachgas, ersteres zu 40 % zweiteres zu 65 % aus der Tierproduktion, unangesprochen. Die Tierproduktion hat bereits einen größeren Anteil am Klimawandel als der Verkehr und demnächst auch als die Industrie. Ist es da nicht offensichtlich, dass ich möchte, dass die Menschen vegan werden?

Ich könnte noch den ökologischen Fußabdruck anführen oder die Umweltgefährdung durch Pestizide und Kunstdünger, die ebenfalls zum Großteil von der Futtermittelproduktion stammen, oder die Antibiotikaresistenz vieler Keime. Nur, weil einige Menschen billiges Fleisch wollen und daher Unmengen an Antibiotika in den Tierfabriken verfüttert werden, entstehen resistente Bakterien, die mich letztendlich bedrohen und potenziell töten. Warum muss ich das einfach hinnehmen?

Selbst wenn also jemand Tiere nicht einbezieht, wenn es um Toleranz und Gerechtigkeit geht, kann ich zahlreiche rein egoistische Gründe anführen, warum ich und mit mir jeder rationale Menschen wollen sollte, dass möglichst viele Menschen vegan werden.

One thought on “Warum ich will, dass möglichst viele Menschen vegan werden

  1. Sebastian Ortner says:

    Ich erlebte es auch so mit Menschen die zwar wissen wollen warum ich mich vegan ernähre, aber die auf gar keinen Fall bzw. gleich im Vorhinein verbalaggressiv wurden und meinten, dass Sie nicht „bekehrt werden wollen“.

    Ich denke beim Wort bekehren ja immer an die Inquisition… Kann es also nicht verstehen, aber ich muss sagen, das auch ich in meiner Zeit als Fleischfresser Angst davor hatte, als etwas schlechtes dargestellt zu werden.

    ich glaube die Motivation sich zu ändern bzw. die Primäre Lustquelle im Leben als etwas schlechtes und die Welt zerstörendes vor Augen gehalten zu bekommen, löst etwas so massives aus, das wir mit Abwehr reagieren.

    Die Motivation sich zu ändern muss also als etwas positives erlebt werden und bei derjenigen Person eine Motivationsquelle ansprechen die nach aussen und nach innen stimmig ist.

    Die wenigsten sind im Erwachsenalter noch bereit ihre Grundmeinungen – und dazu zählt Ernährung- zu ändern.

    In Österreich tun das wohl meistens nur diejenigen, die das

    1. aus gesundheitlichen Gründen tun wollen/müssen
    2. in ihrer Peergroup dazu motiviert werden und da nicht rausfallen wollen
    3. aus ökonomischen Gründen
    4. aus ethisch höheren Motiven

    Nicht glaube ich funktioniert es, indem man Menschen ein schlechtes Gewissen erzeugt, da dann das Phänomen der Reaktanz eintritt, die sich unmittelbar gegen den erlebten Aggressor richtet (hier der/die vegane Aktivistin/er/es 🙂

    hugh ich habe geschrieben

    Danke auf jeden fall für den Artikel

    und weiter so- vegan sein ist eigentlich voll easy und ziemlich befreiend und erzeugt sicher ein bessere Welt aufgrund deiner angeführten Aspekte.

    Und: JA manchmal muss man Leute auch konfrontieren und auch ein schlechtes Gewissen machen. auch das is a bissi gut. ZUr einstellungsänderung, trägts halt wenns von aussen kommt wenig bei, aber kann ein Anstoss sein

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