Wenn eine Sendungschefin im ORF den Auftrag gibt, den Tierschutz radikal darzustellen

Heute war ich Podiumsteilnehmer einer Diskussion über Repression und die Grauzone  zwischen Recht und Unrecht am NIG der Uni Wien. Organisiert und moderiert wurde die Veranstaltung von Sandra Bakutz von der Internationalen Plattform gegen Isolation. Mit mir diskutierten Clemens Lahner, Strafverteidiger von Özgür Aslan in einem Auslieferungsverfahren nach Deutschland, Brigitte Eder, Strafverteidigerin aus Deutschland in dortigen § 129 – Verfahren, einer Vertreterin der anatolischen Föderation Österreich und Adalat Khaan, ein Sprecher des Refugee Protest Movement Vienna. Und Gerhard Tuschla, ein freier Journalist, der viele Auftragsarbeiten für den ORF übernommen hatte. Da er nun bereits in Pension ist und keine ORF-Pension bezieht, wie er erzählte, konnte er frei von der Seele weg berichten. Und mir gingen die Augen über.

Tuschla wurde nämlich wenige Monate vor Beginn des Tierschutzprozesses im Mai 2011 damit beauftragt, einen 40 minütigen Beitrag über radikalen Tierschutzaktivismus in der Sendung Weltjournal in ORF 2 zu produzieren. Die damalige Sendungschefin vermittelte ihm den Auftrag: er sollte TierschützerInnen aus England darstellen, die kriminell geworden sind, und dabei einen Bezug zu den Angeklagten im Tierschutzprozess herstellen. Die Sendung sollte also eine Stimmung in der Öffentlichkeit gegen uns TierschützerInnen kreieren, zumal ich ja 8 Jahre in England im Tierschutz aktiv gewesen bin.

Tuschla erhielt radikales Material über strafrechtlich verurteilte TierschützerInnen der SHAC-Kampagne aus England. Der Fairness halber interviewte er diese Personen und fand dabei den Grund für ihre Aktionen: AktivistInnen hatten sich in Europas größtes Tierversuchslabor geschlichen und dort schreckliche Aufnahmen von Beaglehunden gemacht, wie diese von TierexperimentatorInnen geschlagen und vergiftet wurden. Tuschla wollte diese Aufnahmen im Vorspann seines Films unterbringen und erhielt eine klare Absage seiner Chefin. Seinem Eindruck nach, erzählte er heute in der Podiumsdiskussion, wollte man zumindest in der zuständigen Abteilung beim ORF kein Verständnis und keine Sympathie für den Tierschutz oder die Angeklagten wecken, sondern, im Gegenteil, den Boden für ihre Verurteilung aufbereiten!

Der ORF, als von seinen BürgerInnen finanziertes Staatsfernsehen, hat die Verpflichtung neutral zu berichten. Es ist wirklich erschütternd nun aus berufenem Munde zu hören, dass es klare politische Vorgaben zumindest gegen den Tierschutz geben kann. Aus welcher Ecke, kann man sich denken. Dabei geht es hier um die Verurteilung unschuldiger Menschen, die durch eine derartige Einflussnahme ermöglicht hätte werden sollen! Wie kann sich diese Sendungsverantwortliche eigentlich noch in die Augen schauen, wenn sie abends vor dem Spiegel steht? Zum Glück finden sich dann doch immer wieder Menschen mit Rückgrat, wie Gerhard Tuschla, die ihren vielleicht manchmal nur mehr kleinen Spielraum ausnützen, um von der Gerechtigkeit zu retten, was zu retten ist!

9 thoughts on “Wenn eine Sendungschefin im ORF den Auftrag gibt, den Tierschutz radikal darzustellen

  1. Alex says:

    Stichwort „Kriminelle Vereinigung“ – auch heute noch werden hier /flexible Masstäbe/ bemüht.

    „[…] dieses Gesetz ist auf so viele Alltäglichkeiten anwendbar, dass es nur willkürlich eingesetzt werden KANN, sonst befänden sich Tausende wegen alltäglicher Gesten der Mitmenschlichkeit in Haft.“

    https://www.fischundfleisch.at/blogs/jetzt-ich/sechs-beweise-dass-ich-einer-kriminellen-vereinigung-angehoere-nr-6-konnte-ich-erst-auch-nicht-glauben.html

  2. spartakus says:

    drecksäcke in unserer Republik, unschuldige .. schuldig aussehen zu lassen, dies ist sicher nicht der öffentliche auftrag eins öffentlichen Rundfunks… rote brut lg koarl

  3. Susanne Veronika says:

    Wir leben in einer Herrschaft der Parteien. Wer etwas werden will, braucht das „richtige“ Parteibuch. Und wer das hat, befindet sich in einer Struktur, die verdächtig an eine mafiöse erinnert. Dabei geht es nicht unbedingt um Geld, sondern um Gefälligkeiten. Deshalb kann man auch wenig dagegen tun. Der gelernte Österreicher beiderlei Geschlecht, weiß das.

  4. Konrad says:

    Die Frage ist eigentlich nicht, ob es solche fragwürdigen Einflussnahmen gibt. Wie gehen wir damit um? Wie reagieren wir darauf?

  5. joeluis says:

    Wundert es euch wirklich? Schon Joseph Goebbels hat die Wichtigkeit der Propaganda und der Medien betont. Oder beschäftigt euch mal mit Noam Chomsky’s Media Control.
    Natürlich steht der ORF im Dienst der Herrschenden, wie soll es auch anders sein?

  6. Gerhard Tuschla says:

    Im Grunde stimmt der Bericht von Dr. Baluch. Um Klagen des ORFs vorzubeugen möchte ich aber betonen das die damlige Sendungschefin nicht explizit mir den Auftrag gab die Reportage so zu gestalten das die österreichischen Tierschützer als radikal darzustellen sind. Der Eindruck enstand jedenfalls, als ja der Auftrag und der Sendetermin mit dem Tierschutzprozess zusammen hingen. Zufall oder nicht das zu beurteleilen überlasse ich den Lesern.

  7. baghira says:

    Ich bezahle für eine freie, unzensierte BerichtErstattung teure GEZ- Gebühren, bzw. ich muss sie bezahlen !!! Was ist dann noch der unterschied zu den privaten Sendern??? Danke für euren Mut, diese Verlogenheit aufzudecken. Auch wenn dies nur die Spitze des Eisberges ist.

  8. silbersturm says:

    obwohl man sich sowas ja denken kann, bin ich fast sprachlos. weil ich mich nach dem *warum* frage. werden denn alle von irgendwelchen firmen oder labors gesponsert, damit die sozusagen bestochenen dann die richtung in der öffentlichkeit vorgeben?

  9. Grand Blanc says:

    Warum wird die „damalige Sendungschefin“ nicht namentlich genannt?

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