Wie in Österreich (Jagd-)Gesetze entstehen: der Blick aus der ersten Reihe

1 Jahr und 3 Monate sind wir nun schon dran und drängen darauf, dass endlich die Jagd auf gezüchtete Tiere verboten wird, ob im Jagdgatter oder nach dem Aussetzen von Zuchtvögeln im Jagdrevier. Und, tatsächlich, aufgrund des Dauerdrucks, der unzähligen Aktionen und Medienberichte, der vielen Proteste und der über 90 % der Bevölkerung, die ein Verbot wünschen, haben nun einige Landesregierungen reagiert und eine Reform des Jagdgesetzes durchgeführt bzw. führen sie gerade durch.

Für solche Reformen werden alle Interessensvertretungen, die betroffen sind, zu Gesprächen eingeladen, oder? Man hört sich geduldig alle Argumente an, sammelt die wissenschaftliche Evidenz und entscheidet dann nach bestem Wissen und Gewissen. So, zumindest, stellt sich das der kleine Maxi vor. Und die kleine Maxine auch.

Die Wahrheit könnte nicht weiter davon entfernt sein. Ich war bei sämtlichen dieser Reformprozesse in der ersten Reihe dabei. Nehmen wir die Steiermark. Der zuständige Landesrat hat sich bis zuletzt geweigert, die Tierschutzseite auch nur ein einziges Mal zu treffen. Naja, er ist selbst Jäger. Dennoch haben wir der SPÖ-Spitze und seinem Büro die entsprechenden wissenschaftlichen Gutachten überreicht, sowie lange Dossiers über die faktische Situation im Feld. Kann es irgendeinen rational nachvollziehbaren Grund geben, Fasane auszusetzen und gleich wieder abzuknallen? Das Schöngerede von „Bestandsstützung“ ist hohl, wenn man den Gesetzestext liest, der eindeutig erlaubt, Zuchtvögel anzukaufen, auszusetzen und wieder abzuschießen, bevor sie die Chance hatten, sich fortzupflanzen. Diese Vögel werden ja im Sommer 8 Wochen nach dem Schlüpfen ausgesetzt und haben erst im nächsten Frühjahr ihre Balz. Bis dahin sind sie aber schon tot.

Noch drastischer das Burgenland. Das Aussetzen von Zuchtvögeln für die Jagd ist dort von Nord bis Süd allherbstliche Praxis, und zwar im großen Stil. Die Argumente dafür sind aber auch nicht besser als in der Steiermark, genau genommen gar nicht existent. Oder sind Ihnen irgendwann irgendwo welche bekannt geworden? Wir reden ja gegen eine Wand, uns antwortet niemand, auf unsere Argumente und Gutachten geht niemand ein. Insbesondere Enten gibt es ja, nach Jagdsicht, eher zu viele als zu wenige, und trotzdem werden tausende zum Abschuss ausgesetzt. Fühlt man bei der Landesregierung vor, wird geblockt. Argumente gibt es keine. Ein Jäger hat eben das Gesetz geschrieben. Na was wird dann drinstehen!

Und diese irrationale Absurdität zieht sich durch das gesamte neue Jagdgesetz. Hunde, die außer Ruf- oder Reichweite ihrer Verantwortlichen sind, dürfen nicht nur, sondern müssen sogar von Jagdschutzorganen abgeschossen werden, bevor sie Rehe erschrecken können. Dass aber Rehe für die Jägerschaft lediglich „Stücke“ sind, Sachen also, Zahlen in einer Statistik, Hunde für normale Menschen dagegen Familienmitglieder, wird geflissentlich ignoriert. Diese Bestimmung basiert ausschließlich auf der Gier der JägerInnen, möglichst viele Tiere schießen zu wollen. Sie ist völlig anachronistisch und hat in einer modernen Zeit, in der Hunde einen hohen Stellenwert haben – so ist es im Tierschutzgesetz verboten, Hunde zu töten, um sie zu essen oder ihren Pelz zu gewinnen – keinen Platz.

Oder der Abschuss von Schnepfen. Schon einmal von Problemschnepfen gehört, die das Ökosystem schädigen oder Nutztiere oder die Landwirtschaft gefährden? Wohl nicht. Es ist einfach lustig, im Dunklen auf die vorbeifliegenden Schatten zu ballern. Ende der Begründung. Anderswo als im Burgenland schießt man auf Auerhähne, Birkhähne oder gar Murmeltiere. Letzteres sogar im Nationalpark. Warum genau, haben wir in der Nationalparkverwaltung angefragt. Weil sonst Kühe in die Löcher der Murmeltierbauteneingänge steigen und sich die Beine brechen, war die Antwort. Echt? Die Anfrage bei der Landwirtschaftskammer, wie oft das denn so passiert, wurde mit „Nie!“ beantwortet. Soviel dazu.

Oder die Jagd auf Füchse. Oder Dachse, Marder, ja sogar Wiesel und Iltis. Alles ohne jegliche Schonzeit, bei Tag und bei Nacht. Raubtiere oder gar Raubzeug, nennt man diese Tiere. Sie würden das arme Niederwild vergraulen, die müsse man kurz halten, weil das Niederwild will man ja selbst schießen. In den 44.000 ha Wald, die von der Stadt Wien in den Ursprungsgebieten der Hochquellenwasserleitung am Hochschwab und in den Wiener Hausbergen jagdlich bewirtschaftet werden, schießt man keine Füchse mehr. Dem Niederwild hats nicht geschadet, es gibt mehr Auerhähne als je zuvor und sogar die Feldhasenpopulation profitiert. Also wozu noch einmal?

Bei Jagdgesetzen darf man nicht rational nachfragen. Da geht’s nicht um Rationalität oder gar um wissenschaftliche Fakten. Da schreiben sich die JägerInnen ihre Abschussberechtigungen selbst. Ohne die Zivilgesellschaft oder die Mehrheit der Bevölkerung zu befragen.

So entstehen (Jagd-)Gesetze in Österreich!

Leave a Comment

Your email address will not be published.

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
Mein Onkel Rolli, der SS-Wächter im KZ

Einmal, vor ein paar Jahren, stöberte ich im Nachlass meiner Großtante. Eine Kiste voller alter Briefe, darunter ein Briefwechsel mit...

100 Jahre Attentat von Friedrich Adler für Demokratie und Frieden

Am 21. Oktober 2016 fand ich mich um genau 14:30 Uhr am Neuen Markt ein und ging in das dortige...

Anzeigen steirischer Fasanerien nach dem funkelnagelneuen Jagdgesetz

Ende Juli 2016 kam es auf unseren Druck hin zu einer halbherzigen Reform im Jagdgesetz in der Steiermark. Die Gatterjagd...

Schließen