Zu Sexismus bei Nacktaktionen – ein Workshop am Tierrechtskongress

Nach einer Human-Animal-Studies Konferenz habe ich die Frage auf meinem Blog angerissen: sind politische Nacktaktionen auf der Straße sexistisch, https://martinballuch.com/sind-nackt-aktionen-sexistisch/? Zugegeben, in der österreichischen Tierrechtsbewegung zumindest scheint das kaum ein Thema zu sein, jedenfalls gab es dazu meines Wissens intern kaum Diskussionen. Ich möchte nicht anregen, dass sich das ändern sollte, fast im Gegenteil, ich möchte Verständnis dafür wecken, dass man auch in so heiklen Fragen mit guten Gründen sehr verschiedener Ansicht sein kann, was zu mehr Toleranz anderer Meinungen führen könnte.

Beim VGT gibt es immer wieder einzelne Personen, die die Idee einer Nacktaktion haben und diese im Rahmen des Vereins umsetzen. Unsere Aktionen werden nicht top-down angeordnet. Der VGT möchte mehr eine Unterstützung für AktivistInnen bieten, eigene Vorstellungen zu realisieren. Dabei gibt es praktisch keine Beschränkungen, mit Ausnahme des KZ-Vergleichs und einer Thematisierung des Schächtens, die jeweils politisch heikel sind und daher nicht einfach so im Namen des VGT vorgebracht werden können. Deshalb gibt es immer wieder Nacktaktionen „des VGT“, auch wenn dazu kein breiter Konsens in der Gruppe oder zwischen den VGT-Gruppen bestehen muss. Im Sommer 2014 wurden nackte Personen z.B. in Fleischtassen in ganz Österreich präsentiert.

Auf dem heurigen Tierrechtskongress gab es auch einen Workshop zur Frage von Sexismus und Nacktaktionen. Die Diskrepanz beginnt dabei schon bei der Definition, was Sexismus ist. Manche sehen den Begriff so, dass er jede Diskriminierung eines Wesens nur aufgrund seines Geschlechts umfasst. Andere wiederum empfinden Sexismus lediglich dort verwirklicht, wo er auf den Machtverhältnissen einer menschlichen Gesellschaft beruht, d.h. Sexismus kann es z.B. nur gegen Frauen geben. Bei Diskussionen und dem Kongressworkshop habe ich innerhalb des Lagers der AktivistInnen folgende Positionen angetroffen:

  • Aktionen, in deren Rahmen weibliche (menschliche) Körper nackt präsentiert werden, seien immer sexistisch, weil sie das sexistische Rollenbild von Frauen als Sexobjekten fördern oder sogar instrumentalisieren.
  • Nackaktionen seien dann nicht sexistisch, wenn gleich viele Männer wie Frauen daran teilnehmen, bzw. nicht mehr Frauen als Männer, weil die Geschlechter dann gleich behandelt werden.
  • Nacktaktionen werden sexistisch, wenn dabei nackte Frauen eine Opferrolle einnehmen, z.B. als geschlachtete Delfine. Die Kombination von nackter Frau und Opfer fördere das Rollenbild.
  • Nacktaktionen seien nicht sexistisch, wenn keine sexuelle Komponente in der Darstellung des nackten weiblichen Körpers mitschwingt, wenn er also entsexualisiert ist. Das sei bei der Darstellung einer nackten Frau als geschlachteter Delfin der Fall.
  • Nacktaktionen seien nur sexistisch, wenn die Körper der nackten Menschen, die daran teilnehmen, den gesellschaftlichen Schönheitsidealen entsprechen, also keine korpulenteren oder älteren Personen dabei sind.
  • Nacktaktionen seien immer dann nicht sexistisch sondern legitim, wenn sie politischen Protest transportieren und die beteiligten Personen, egal welchen Geschlechts, freiwillig und aus eigener Überzeugung auftreten. Unter diesen Umständen könne die Nacktaktion auch durchaus sexuellen Charakter haben, wie z.B. bei einem sich sexuell präsentierenden Pärchen unter dem Motto „Liebe wärmt besser als Pelz“.

Alle diese Positionen haben gute Argumente für sich, vertreten werden sie jeweils von Männern und Frauen, die sich dazu Gedanken gemacht haben und von Sexismus distanzieren. Mit welcher Berechtigung könnte man eine dieser Ansichten verabsolutieren und die anderen 5 als diskriminierend aus einer sozialen Bewegung ausschließen? Natürlich kann eine Gruppe innerhalb der Tierrechtsbewegung eine dieser Positionen im Konsens übernehmen und sich selbst daran binden. Aber anderen Gruppen, die das anders sehen, deren Aktivitäten vorzuschreiben und sie deshalb z.B. von Kongressen oder Veranstaltungen auszugrenzen, ließe sich das wirklich vertreten?

Der VGT distanziert sich von Sexismus, darin sind sich alle einig. Aber was das im konkreten Anwendungsfall bedeutet, ist gar nicht so klar. Und das gilt nicht nur für Sexismus, sondern auch für andere Diskriminierungsformen, man denke z.B. an den Israel-Palästina Konflikt. Deshalb wäre es vielleicht manchmal angebracht, den Positionen anderer MitstreiterInnen in einer sozialen Bewegung mit ein bisschen mehr Toleranz zu begegnen. Niemand von uns hat die Wahrheit gepachtet.

10 thoughts on “Zu Sexismus bei Nacktaktionen – ein Workshop am Tierrechtskongress

  1. Veronika says:

    Mir ist noch etwas eingefallen. In erster Linie sollte es ja darum gehen was man mit Anti-Werbung erreicht. Genau das sollte es auch sein – Antiwerbung. In letzter Zeit habe ich genug Geschäfte gesehen die Pelz, oder Pelzbesatz wieder anbieten. Ob das jetzt echter Pelz ist, oder Imitat lässt sich schwer feststellen. Vieles ist echt.

    Man hat herausgefunden dass – zumindest Männer – Werbung mit nackten Frauen beachten. ABER sie merken sich die Frauen und nicht das Produkt. Nackte Frauen als Werbeträger können also kontraproduktiv sein. Wenn man nackte Frauen für den Tierschutz werben lässt, könnte das dann vielleicht bei den Frauen als „sexy-Tierschützerinnen“ aufgefasst werden. Wenn Frauen sich selbst so erleben ist das OK. Vielleicht hat der Tierschutz vor allem deshalb mehr Zulauf durch Frauen als durch Männer. Aber die Männer erreicht man so wahrscheinlich nicht.

    Wenn man Werbung, oder Anti-Werbung macht, sollte man sich mit Psychologie beschäftigen. Gute Werbeleute tun das auch, sonst geht die Geschichte nach hinten los. Man sollte sich fragen: wen spreche ich an. Das Publikum ist ja sehr unterschiedlich. Wenn die Werbung eine Pelzträgerin als schöne, junge Frau darstellt, die wie eine Königin bewundert und umschwärmt wird – wird es wenig nützen ihr eine berühmte, schöne Frau entgegen zu stellen die nackt ist. Eher würde es einleuchten eine alte, hässliche Frau in Pelz zu hüllen, vor der die Leute davon laufen.

    Werbung beinhaltet immer eine Botschaft. Je weniger Worte man dazu braucht, desto besser. Menschen denken selten mit dem Kopf.

    Ein „cooler“ Typ wird kein Mitleid mit armen Tieren zeigen. Er denkt an Lagerfeuerromantik, wilde Natur, Härte, auch Gefühlskälte – wie „harte Burschen“ eben seiner Meinung nach sein sollten. Er will Fleisch essen, weil das männlich ist. Nicht umsonst grillen vor allem Männer. Also sollte man diesem Bild ein Gegenbild vorhalten. Vielleicht den alten, dicken Opa in Schlafrock und Schlapfen, ein Mensch aus vergangenen Zeiten, während „coole“ Männer modern sind und auf derart archaische Lebensweisen keinen Wert legen. Sie essen Tofu.

    Die Tierschützer sollten von der Werbung lernen, sie aber nicht imitieren.

    Es tut sich ja im Tierschutz schon einiges, aber trotzdem bleiben große Teile der Bevölkerung wie sie waren. Bei jungen Menschen könnte Tierschutz zum Teil nur eine Gegenkultur sein. Das wäre gefährlich, denn dann würde sich die Situation bei den kommenden Generationen vielleicht sogar wieder umkehren.

    Vielleicht helfen euch meine Überlegungen, wenn nicht – kann man nichts machen. 🙂

  2. Hugo says:

    Desto freier Frauen sich in der Gesellschaft zeigen können, ohne dass Männer ihren Trieb als Entschuldigung für Fehlverhalten verwenden, desto gleichgestellter sind Frauen in der Gesellschaft.
    Müssen sich Frauen, sogar per Gesetz, fest einkleiden, so sind sie meist auch per Gesetz dem Mann untergestellt. Wer nackte Frauen automatisch als Lustobjekt bezeichnet, Männer aber nicht, der hilft dem viel zu altem Patriarch am Leben zu belieben.
    Bonobo Frauen haben es als einzige Menschenaffen geschafft, sich zu emanzipieren und das Patriarch zu stürzen. Mit weniger Sex oder sich nicht nackt zeigen dürfen hatte das recht wenig zu tun. Wenn dann eher mehr Sex und zwar freiwilligen statt gesellschaftlich vorgeschriebenen (zB http://www.femen.org)?
    Wir sprechen hier natürlich über die von PETA eingeführten Demo Methoden die durchaus ihren Platz in der Demokratie haben. PETA wird von einer atheistischen pro-Abtreibungs Feministin, einem konservativen anti-Abtreibungs Priester und einem schwulen Mode-Freak geleitet. PETA selbst könnte intern politisch also nicht unterschiedlicher sein und es gibt viele interne Differenzen bezüglich Taktgefühl.
    Bürger, die mit Nacktheit oder Sex ein Problem haben, es provozierend oder erniedrigend empfinden, sollten sich vielleicht zuerst an die Film, Fast-Food und Auto Industrien wenden, anstatt Aktionen die sich für die Gleichstellung von Wesen einsetzen zu kritisieren?
    Wenn es nur Tierrechtler wären, die mit Nacktheit PR-mäßig arbeiten, oder würden wir in einem säkularen Staat leben der Nacktheit und Sex als Sünde und Straftat ansieht, dann wäre das alles vielleicht anders. Da wir in einer Demokratie leben, niemand für die Unterdrückung sondern Gleichstellung von allen Wesen aufruft, sollte es mit solchen Kampagnen heute kein Problem geben. Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass sie den Tieren mehr Gutes als Schlechtes tun.
    Ingrid Newkirk, PETA Gründerin, paraphrased Zitat: „Naked campaigns might appall some vegans, but these offended vegans will not start-eating meat because of that. When it comes to the rest of the population, it is very difficult to get them to think about anything outside their mainstream routines, given how mainstream media works. It is therefore not PETA’s business to please existing vegans but to make some non vegans think, for only a few seconds. Offending some people is a calculated price PETA is willing to pay. We don’t do it because we enjoy offending but because we see positiv long-term results from such media coverage. “
    Man muss diese Meinung nicht teilen, aber ich finde es befinden sich im Ramen dessen was akzeptiert und und aufgrund der Absicht respektiert gehört.

  3. Veronika says:

    Ein Mensch der mit seiner Sexualität Probleme hat, wird im Prinzip keinen Unterschied machen zwischen einer nackten und einer bekleideten Frau. Oder einem nackten und einem bekleideten Mann. Jeder weiß dass ein Sextäter eine Person nicht wegen ihrer Nacktheit, oder wegen ihrer Schönheit angreift. Auch wenn das noch immer als Ausrede für Vergewaltigungen herhalten muss. Sexismus ist Sache des Sexisten, nicht diejenige seines Objektes.

    Ich denke es sollte mehr darum gehen was man für den Tierschutz konkret bewirkt. Mit Nacktheit erregt zwar man in unserer Gesellschaft noch immer Aufsehen, so seltsam das ist. Wo doch sogar in Tageszeitungen nackte Menschen kein Tabu mehr darstellen. Die Menschen sind und bleiben kindisch. So gesehen erregen solche Aktionen (noch) Aufmerksamkeit. Irgendwann wird es aber auch fad werden. Aber ich glaube nicht dass aufgrund dieser Darstellung irgendjemand aufhört Fleisch zu essen.

    Meine älteste Tochter wurde als Volksschülerin zur Veganerin, nachdem sie im Fernsehen, Salmonellen im Fleisch, stark vergrößert, sah. Eine junge Dame die Ärztin werden wollte verzichtete auf bestimmte Fleischsorten, nachdem sie erfuhr dass man davon krank werden kann. Ich hatte eine Kollegin die keine Wurst anrührte, weil sie früher in einer Wurstfabrik gearbeitet hatte und wusste, was dort alles hinein kommt. Mein Großvater aß keine Hühner, weil er in einem Haus gewodhnt hatte, das direkt bei einem Schlachtbetrieb angrenzend stand. Das Geschrei und der Gestank war so furchtbar, dass ihm lebenslang vor dem Fleisch grauste.

    Viele verzichten aus Mitleid auf Fleisch, aber ewig hält das bei vielen auch wieder nicht an. Wenn einem graust, ist das manchmal wirksamer. 😉

  4. thomas says:

    warum soll dieses bild sexistisch sein? wäre es das auch, würde man einen nackten mann sehen? würde man dann auch sagen, frauen würden soetwas nur befürworten, weil sie sich an den bildern begeilen wollen? kommt mir alles sehr verdreht vor…

  5. Franz de Paula says:

    … obiges Foto – erinnert etwas an Pussy Riot >light< (Supermarktaktion mit den Hühnchen) sexistisch: JA (aber) es gibt auf jeden Fall Nackt-Aktionismus, der nicht sexistisch ist:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Unfinished_Music_No._1:_Two_Virgins#mediaviewer/File:TwoVCover.jpg – PS an ALLE: wähle selbst / bzw. wähle deine Zielgruppe!

  6. Zisser Martina says:

    Ich finde Nackaktionen im Zusammenhang mit Tierschutz nicht gut, es spricht nicht das Thema an. Mich stört es eher, und ich selbst finde es schon als ekelig und zum Teil auch pervers. Es zieht die lieben Tiere in ein schmutziges Licht.

  7. maria says:

    ich bin eine frau, fühle mich beim betrachten des bildes absolut nicht beschmutzt und besudelt. ich sehe in dem bild auch keinerlei lustobjekt, weder für mich (heteronormativität, hallo?), noch denke ich, dass männer sich daran begeilen.

  8. carla says:

    das bild dieses beitrags ist total sexistisch! die frau ist ein reines lustobjekt für männer. und jede frau, die das sehen muss, fühlt sich beschmutzt und besudelt. es ist eine frechheit, dieses bild hier zu zeigen! nur dumme ausreden, damit die männer sich an frauen begeilen können. jetzt weiss ich, dass der vgt sexistisch ist.

  9. Der VGT distanziert sich von Sexismus, darin sind sich alle einig. Aber was das im konkreten Anwendungsfall bedeutet, ist gar nicht so klar.

    Ein Lippenbekenntnis, wie ich es ins Lehrbuch schreiben würde…

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