3 Wochen in den verschneiten Bergen

Zu Weihnachten war noch alles aper, bis über 2000 m hinauf. Noch nie, bisher, habe ich sowas erlebt. Das Jahr 2014 war in allen Regionen der Erde das wärmste, das bisher jemals gemessen wurde. Doch dann kam der Schnee. Tagelang fiel er in dicken Flocken vom Himmel, über 1,5 m in einer Woche. Die Landschaft verwandelte sich in ein Wintermärchen, die Wildtiere zogen sich zurück und warteten ab. Kein Laut, keine Spuren. Nur über der Baumgrenze blies der Wind die Karstböden ab. Die Wasserfälle begannen einzufrieren.

Anfangs war ich noch mit Schneeschuhen unterwegs, solange der Untergrund nicht gefestigt blieb. Mit einem kleinen Plastikteller, um mich vor scharfen Steinen oder herausstehenden Ästen zu schützen, ging es in höllischem Tempo die steilen Waldhänge hinab, wie in einer Badewanne im tiefen Pulverschnee.

Dann konnte ich endlich auf Tourenschi umsteigen. Felle auf die Laufflächen geklebt, und schon lassen sich die stillen, winterlichen Berge erschließen.

Plötzlich und unerwartet, der wärmste Jännertag aller Zeiten, mit über 21,5 Grad an manchen Orten in Österreich. In den Bergen ging die Temperatur zwar nicht über 8 Grad hinaus, doch die Eiskaskaden an den Felsen stürzten ein, die Wände spien Eisplatten aus – eine mit gut 5 m Größe landete nach 200 m Fallhöhe direkt neben mir! – und über der Baumgrenze löste sich die dünne Eisfläche auf. So aper habe ich die Karstflächen zu dieser Jahreszeit noch nie gesehen.

Doch im Wald blieb der Schnee gefestigt. Dann weitere Schneefälle, noch einmal ein guter Meter oben drauf. Jetzt ist die Schitourensaison so richtig eröffnet. Selbst umgestürzte Baumstämme sind bei der Abfahrt nicht mehr zu merken, so tief bleiben sie im Schnee versteckt.

Nur wenige Tage mit Sonnenschein. Doch die hatten es in sich. Unfassbare Sonnenuntergänge, wie sie im hohen Norden schöner nicht sein können! Das feine rosa Licht der letzten Strahlen, die rotglühenden Wolken aus Eis, die Berge in Flammen, der Wind bläst mehrere 100 m hohe Schneefahnen. Zeit, eine Schlafhöhle zu finden.

3 Wochen wundervoller Naturerfahrung.
3 Wochen ohne Menschen, Maschinen, Städte und Asphalt.
3 Wochen unfassbar schöner Natur, als wäre nichts zerstört, kein Klimawandel, alles noch Wildnis.
3 Wochen, die jetzt leider zuende sind und mich völlig verwirrt zurücklassen. Es ist wirklich schwer, sich in die Zivilisation und die Städte wieder einzufügen.
Doch 3 Wochen auch, die mich nachhaltig mit einem tiefen Glücksgefühl erfüllen, das mir niemand mehr nehmen kann.

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One thought on “3 Wochen in den verschneiten Bergen

  1. ThomasG says:

    Hallo Martin,

    danke für den schönen Bericht! Mir geht es genauso, wenn ich mich von meinen Ausflügen wieder zurück in die moderne „Zivilisation“ einfügen muss, es wird von mal zu mal schwieriger.
    Immer mehr kommt in mir das beengende Gefühl hoch, vom Strom an Zwängen/Beschränkungen/Naturzerstörungen unserer Gesellschaft mitgerissen zu werden. Erst in der Natur erlebe ich wieder diese Freiheit und Geborgenheit die ich liebe, fühle mich zuhause.
    Wenn ich darf, würde ich euch dazu gerne ein Buch ans Herz legen:

    „Gebt der Wildnis das Wilde zurück!“
    Ein Mann der Berge kämpft für die Natur
    von Michael Wachtler

    Fèro (Ferruccio Valentini) wuchs mitten in den Dolomiten auf und verbrachte seine erste Lebenshälfte als Hirte, Senner, Jäger und Kräutersammler. Er entschloss sich, als einziger Mensch im entlegenen Gebiet des Tovelsees zu leben und sich mit Pflanzen, Tieren und Steinen zu verbinden. Als im Jahr 2009 die Dolomiten UNESCO-Welterbe wurden und seitdem die Natur immer mehr dem Tourismus weichen muss, begehrt er auf. Aus dem wortkargen Kräuterweisen wird ein Kämpfer für eine intakte Wildnis der Berge. Er wird politisch aktiv, muss aber immer wieder vor Bürokratie und Gewinnsucht kapitulieren. Seine Erläuterungen über den Wert der Wildnis sowie seine Erzählungen über einzigartige Erfahrungen mit Bären, Gämsen und heilenden Kraftpflanzen sind die Geheimnisse eines der letzten Waldmenschen der Alpen.
    Fèros Freund, der Südtiroler Naturkenner Michael Wachtler, beschreibt in dieser Biographie Fèros Freiheitswillen, seine Naturweisheit und den unermüdlichen Einsatz gegen die Ausbeutung der Dolomiten.

    LG, Thomas

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