Der Islam, eine Bedrohung?

Jetzt steht auch in Österreich eine PEGIDA-Demo an. Und tatsächlich haben die Attentate in Paris sehr viele Menschen zurecht schockiert. Nicht nur diese große Grausamkeit und Kälte der Attacke gegen kritische JournalistInnen irritiert, es ist außenstehenden BeobachterInnen eigentlich überhaupt nicht klar, was die AttentäterInnen wollen oder fordern. Wie müssten wir reagieren, damit diese Leute zufrieden sind und in Zukunft keine solchen Anschläge mehr durchführen? Man könnte meinen, es ginge darum, dass die westliche Welt islamisch wird. Aber kann das wirklich das Ziel der Aktionen sein? Es ist jedenfalls sehr eigenartig, dass die AktivistInnen selbst offenbar keinen großen Bedarf sehen, sich deutlicher zu erklären. Ich erinnere mich noch an die ellenlangen Bekennerschreiben der RAF z.B., die doch mehr oder weniger klar ihre Zielrichtung vorgaben, mit der sogar viele Personen sympathisierten.

Auf der anderen Seite ist eine gewisse Hilflosigkeit und Verzweiflung für jene Menschen nachvollziehbar, die im nicht enden wollenden Chaos des Mittleren Ostens unter ständiger Gewalt leiden. Und Opfer scheinen praktisch nur auf einer Seite auf, wenn amerikanische Drohnen ihre Angriffe fliegen, von SoldatInnen aus der sicheren Entfernung gesteuert, wenn israelische Flugzeuge aus unerreichbarer Höhe Bomben abwerfen, wenn in Guantanamo oder Abu Ghuraib angeblich Verdächtige gefoltert werden, ohne jegliche Konsequenzen für die TäterInnen, wenn ganz allgemein der Staatsterror der Westmächte plötzlich Kampf gegen den Terror heißt und der Gerichtshof gegen Kriegsverbrechen für sie grundsätzlich nicht zuständig ist. Wie lange schaut man zu, wenn man vor den Trümmern der eigenen Existenz steht, wenn Verwandte und Bekannte oder gar die eigenen Kinder Bomben zum Opfer fallen, und man ist völlig hilflos und wird in den westlichen Medien noch verhöhnt und zum Schuldigen erklärt? Wann reißt der Geduldsfaden, wann schließt man sich einfachen Ideologien oder religiösen Strömungen an, die auf unzweideutige Weise das Böse identifizieren und eine Heilslehre anbieten?

Auch in Sachen Meinungsfreiheit, Grundrechten und Demokratie kommen aus dem Westen nur einseitige Botschaften. Angeblich würde unsere Gesellschaft diese Werte hochhalten, während die TerroristInnen aus dem Osten sie zu beseitigen wünschen. Aber wie weit ist es denn mit diesen Rechten bei uns wirklich her? Wie ging man gegen uns im Tierschutzprozess vor? Durften die Angeklagten im österreichischen Islamistenprozess eine eigene Meinung haben, ohne dafür eingesperrt zu werden? Und wie stehts z.B. mit dem Demonstrationsverbot letzte Ostern in Linz, als untersagt wurde, dass Menschen mit Tiermasken Holzkreuze tragen? Auch die zunehmende Überwachung höhlt unsere Grundrechte in einer Weise aus, dass sie nur noch wie eine Phrase klingen. Ich habe nicht den Eindruck, dass der „Kampf gegen den Terror“ ein Einsatz für Meinungsfreiheit und Grundrechte ist. Diejenigen, die ihn führen, freuen sich über deren Beseitigung.

Doch auf der anderen Seite ist das Bild nicht rosiger. Von niemandem der DschihadistInnen habe ich bis jetzt gehört, dass man für Menschenrechte kämpft. Ganz im Gegenteil, was der IS aufführt – sofern man da den westlichen Medien glauben kann – oder wie z.B. Saudi Arabien diesen Blogger behandelt, der nur die Gleichheit der Menschen postulierte, ist so menschenrechtsfeindlich, dass die USA dagegen wie ein Lamperl wirkt. Bei allem Verständnis für eine gewisse Verzweiflung, und bei allem Unverständnis für die Gewalt bei diesen Anschlägen, ich könnte niemals mit einer Untergrundbewegung sympathisieren, die sich nicht wenigstens den Menschenrechten verschrieben hat! Irgendwie habe ich den Eindruck, in diesem Konflikt völlig unbeteiligt zu sein, und trotzdem werden meine Grundrechte zwischen diesen Fronten zerrieben.

Was wir brauchen, ist eine starke Stimme für Menschenrechte in all dem Lärm. Und da, fürchte ich, muss man auch den Islam in die Verantwortung nehmen. Das Christentum hat seit dem 18. Jahrhundert die Aufklärung mitgemacht und seine Traditionen und Dogmen an die Idee von Menschenrechten adaptiert. Akzeptiert ist heute, dass Staat und Kirche zu trennen sind und dass staatliche Gesetze auf der Basis der Vernunft formuliert werden müssen. Und das, obwohl weder die Bibel noch der biblische Jesus je von Menschenrechten sprachen. Dieser Schritt fehlt heute noch für den Islam. Er kennt keine Aufklärung. Kurz nach den Anschlägen in Paris schrieb ein moslemischer Journalist im Standard, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Moslems in Österreich säkular lebt, also keine religiösen Riten verfolgt, wie aber die große Mehrheit der ChristInnen. Und die Hälfte der restlichen Moslems würde den Islam als eine politische Mission verstehen, die Gesellschaft, in der sie leben, an ihre Glaubensvorschriften anzupassen. Kein Wunder, dass die nichtmoslemischen ÖsterreicherInnen dadurch beunruhigt sind.

Was in meinen Augen also diesen Konflikt radikal entschärfen würde, wäre, wenn sich Intellektuelle fänden, die im Rahmen des Islam zur Aufklärung und den entsprechenden Idealen von Menschenrechten, Demokratie, Meinungsfreiheit und Vernunft als Handlungsbasis bzw. der Trennung von Kirche und Staat finden. Diese Arbeit kann ihnen niemand abnehmen. Aber das wäre eine Basis, auf der man sich treffen könnte und die vielleicht auch eine umfassende Integration ermöglichen würde. Es gibt vermutlich keinen anderen Weg für ein friedliches Zusammenleben in der Zukunft, als das gegenseitige Anerkennen von gleichen Menschenrechten für alle, ohne wenn und aber.

11 thoughts on “Der Islam, eine Bedrohung?

  1. Der Allererste says:

    Der Verstand wird keinen Geisteskonflikt lösen, auch nicht der eure.

  2. amor says:

    Dass du ohne Verstand über die Runde kommst heißt nicht, dass alle anderen auch darauf verzichten sollen!
    Amor

  3. Angelika says:

    Eben…
    Von Islamisten habe ich noch nie gehört, daß sie für Menschenrechte kämpfen oder gar ! für Tierrechte , es ist immer nur von Rache die Rede.

  4. Veronika says:

    In jeder Gesellschaft gibt es einen gewissen Prozentsatz an Menschen denen es um Macht geht. Leute die über Leichen gehen, die keine echten zwischenmenschlichen Beziehungen pflegen können, weil sie keine Gefühle für andere haben. Psychopathen. Dann gibt es die Gehorsamen die diesen Leuten zu Diensten sind, um auch etwas von deren Glanz abzubekommen und dann noch den großen Rest der nützlichen Idioten die sich manipulieren lassen. Nur sehr wenige Menschen denken selbstständig, lassen sich nicht gängeln und haben eine logisch begründete, eigene Meinung.

    Es ist egal welches System jemand erfindet – sobald es sich zur Herrschaft eignet, springen die Psychopathen mit ihrem Gefolge auf. Manche Ideen mögen ursprünglich weise, oder freundlich sein, utopisch sind sie immer – sie werden verfolgt weil sie die Herrschaft stören und gefährden und wer sie ausspricht wird vernichtet. Für die neuen Ideen sind die Idealisten zuständig, die eine bessere Welt schaffen wollen, wie auch immer. Sie bereiten den Boden indem sie sich für diese Ideen opfern. Manche Menschen verehren die Opfer, andere die Täter, das ist immer so. Und sobald die Idee ankommt, sich genügend Anhänger finden, die Märtyrer zu Halbgöttern werden, werden aus den Verfolgern die Führer dieser neuen Ideen. Dann kehrt sich das Ganze um und das Spiel beginnt von vorne.

    Jede Idee ist totalitär, weil sie irgendwann von totalitär denken Menschen vertreten werden wird. Es geht dabei immer um die Macht und um die Weltherrschaft (bzw. um das was man als Welt kennt). Die Macht des Christentums wurde gewaltsam gebrochen. Die Christen haben ja nicht freiwillig und von sich aus darauf verzichtet. In manchen Ländern wurde die Macht des Islam zumindest teilweise gebrochen – durch gewaltsame Unterdrückung. Diese Unterdrückung wurde mit Hilfe des Westens entfernt – jetzt geht der Trend deshalb in die entgegengesetzte Richtung.

    Sich zusammen setzen klingt wirklich lieb, aber es wird nicht so funktionieren.

  5. julia says:

    Zum Verständnis des Denkens der Attentäter, aber auch des IS oder vieler anderer Initiativen im arabischen Raum hilft es, wenn man sich das (erschreckende) Denken des Sayyid Qutb vor Augen hält, und seinen nachhaltigen Einfluß.

    Sayyid Qutb, der 1966 wegen der radikalen Anschauungen hingerichtet wurde, gilt vor allem aufgrund seines „Märtyrertodes“ für die meisten Islamisten als Idol.

    Sein Ideologie ist gekennzeichnet von abwertenden Urteilen gegenüber dem westlichen libertären Lebensstil, den er in den USA im Exil kennenlernte, und seinem extremen Antisemitismus.

    Er war der festen Überzeugung, dass nur ein islamischer Staat mit der Rechtsform der Scharia und allen Privilegien allein für Gläubige das Ziel für alle Gläubigen sein kann, und ein sakularer Staat grundsätzlich abzulehnen sei.

    Zwar wurde er für seine radikalen Ideen hingerichtet. Aber zwei andere Denker, die bald nach Atatürks Sakularisierung der Türkei einen Islam propagierten, in dem z-b ein weltweites Oberhaupt ähnlich wie der Papst der Katholiken geistliches Oberhaupt ohne politischen Machtanspruch sein sollte, oder das Modell eines anderen Gelehrten, der dem Islam jede politische Herrschaftsform als unislamisch absprach, wurden als falsch verurteilt, zt von den Universitäten verbannt, ihr Denken blieb ohne Folgen.

    Was Schule machte, ist der absolute Herrschaftsanspruch eines politischen Islam à la Sayyid Qutb, den Islamforscher als den einflußreichsten Islamgelehrten der Gegenwart betrachten.

    Dieser Islam will nicht informieren, bekehren, und schon gar keine friedliche Koexistenz mit anderen Religionen. Predigt für die Gläubigen, Jihad für die Ungläubigen sind die beiden Elemente, die Qutbs Islam begründen. Toleranz Andersdenkender, oder auch nur die Diskussion mit ihnen ist darin nicht vorgesehen, sondern die totale Auslöschung alles Nicht-Muslimischen.

    Klar gibt es auch heute noch Muslime und Islamwissenschaftler, die das theologisch begründet (und diese Begründungen sind durchaus einleuchtend) anders sehen, und sagen, dass der Islam eigentlich gar keine politische Macht anzustreben bedeute. Aber sie sind in der Minderheit.

    Den politischen – weltweiten – Herrschaftsanspruch des Islam gibt es seit den Zeiten der Kalifen, er ist seit dem Hochmittelalter immer wieder forciert vorgebracht worden, und spätestens durch Sayyid Qutb, den „Märtyrer“, wurde er zur momentan herrschenden Überzeugung unter gerade jungen Muslimen weltweit.

    Mehr über Qutb schon zB hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Sayyid_Qutb

  6. Susanne V Lebenshilfe says:

    … und danke für die deutlichen Worte. Ich habe so klare und einleuchtende Anmerkungen in den letzten Wochen sehr vermisst.
    Mir scheint jedoch auch, dass die Entwicklung zu einer Menschenrechts-Anerkennung im Islam nicht in Europa beginnen kann, sondern das muss „zuhause“ starten … und da ist offenbar noch viel Arbeit vonnöten 🙁

  7. Alsepa says:

    Viel von Nöten ist vor allem bei uns, im „Westen“. Würde der „Westen“ keine „Demokratie“ in die Welt bringen – sprich Gründe für Krieg erfinden um hundertausende Menschen zu ermorden, weils halt Profit bringt (und/oder strategischen Interessen dient) – dann würde es wohl kaum gegen Uns gerichteten Terrorismus geben. Nun stell dir vor Du lebst in Pakistan, oder im Irak – oder in einem afrikanischen Land, welches von europäischen oder US Interessen betroffen ist.. und deine Familie würde zu den Opfern dieser Interessen zählen – wie würdest Du wohl reagieren? Das Problem liegt nicht im Islam, sondern in der Skrupellosigkeit und Perversität der „westlichen“ Interessensgemeinschaft!

  8. amor says:

    Ein hervorragender Kommentar, @Alsepa!
    Ich habe es gerne, wenn man die Dinge beim Name nennt, allein deswegen, weil eine politische Meinung dann eine ernst zu nehmende ist, wenn sie nicht „diplomatisch“ und auch nicht „liberal“ geäußert wird.
    Du hast vollkommen Recht: ein von Westen verursachter Racheakt ist das, was heute als „Islamofaschismus“ an den Medien präsentiert wird.
    Ich muss vorweg eins sagen: mich betrifft der religiöser Aspekt der Sache nicht, ich bin Atheist, insofern sind Religionen und deren Kriege nie ein ideologischer Streitpunkt für mich.
    Und auch nicht das Thema für jetzt und hier.

    Allerdings die Tierschutzszene ist aktuell von einem konservativem bis rechtsextremen Virus befallen, und das ist was mich beschäftigt und beunruhigt.
    Viele Web-Seiten in Deutschland mit langjährigem Einsatz und Kampf für die Rechte der Tiere reden von der Islam Drohung (höflicherweise) und von Islamofaschismus (unverschämterweise)!
    Als wären Islamisten plötzlich wichtiger als die Millionen von Tiere, die jeden Tag massakriert werden (von Islamofaschisten wie von Eurofaschisten), so eilen sich gewisse zertifizierte Tierrechtler, die Öffentlichkeit über einer Nacht politisch aufzuklären und das Vaterland patriotisch zu schützen.

    Ich sehe da eine große Gefahr.
    Ich meine nicht nur die, eines Rückkehrs ins politische Mittelalter.
    Ich meine primär die Gefährdung des Tierschutzkampfes.
    Es ist nicht mehr selbstverständlich mit allen zu kooperieren, die egal aus welcher Ecke und Richtung kamen -sagte man früher- Hand in Hand die gemeinsamen Demos und Mahnwachen gegen Tier Leid mitgemacht haben.

    Präziser formuliert: keiner kann mich für sein Gerechtigkeitsgefühl überzeugen, wenn seine politische Grundeinstellung auf rechtsradikalen Prinzipien gebaut ist.
    Und somit wird mit jedem Tag der Kreis der Verbündeten enger.
    Früher hatte man auf Spitzel und Denunzianten innerhalb einer Tierschutzgruppe zu achten.
    Heute kann man nicht genug Spam-Programme gegen die Faschistischen Viren in Tierschutzszene entwickeln.
    Die Gefahr ist die Gleiche und die Schaden auch.

    Amor
    Und noch was darf ich nicht vergessen: deinen Artikel, @Martin
    fand ich politisch sehr korrekt.

  9. Alsepa says:

    „Kurz nach den Anschlägen in Paris schrieb ein moslemischer Journalist im Standard, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Moslems in Österreich säkular lebt (..) Und die Hälfte der restlichen Moslems würde den Islam als eine politische Mission verstehen, die Gesellschaft, in der sie leben, an ihre Glaubensvorschriften anzupassen.“ – Gibt es zu dieser Behauptung des Standard-Journalisten auch Quellen, oder hat er sich dieses Wissen aus den Fingern gesogen?

  10. Tina says:

    Danke für das schöne Titelbild.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
3 Wochen in den verschneiten Bergen

Zu Weihnachten war noch alles aper, bis über 2000 m hinauf. Noch nie, bisher, habe ich sowas erlebt. Das Jahr...

Ein subjektiver Rückblick auf das Tierschutzjahr 2014

In Österreich ist der Tierschutz im internationalen Vergleich eine Erfolgsstory. Noch vor 20 Jahren gab es praktisch keine Fortschritte im...

Zwischen Anpassung und Widerstand

„Wer in der Jugend nicht links ist, hat kein Herz, und wer im Alter nicht konservativ ist, hat kein Hirn“....

Schließen