Wildnis

Von Almen und der Zerstörung von Naturlandschaften

In Afrika nimmt die Bevölkerung stetig zu. Von verschiedenen Seiten wird berichtet, dass dadurch immer mehr Wälder gerodet, Wildtiere vertrieben und große Rinderweiden angelegt werden, die sich immer näher an die Grenze der letzten Nationalparks schieben. Fotos zeigen das erschreckende Ausmaß dieser gnadenlosen Expansion der menschlichen Nutzung von Natur. Ähnliches können wir aus Südamerika lesen, wo der rechtsradikale Präsident von Brasilien der zunehmenden Rodung und Umwandlung von Wald in Rinderweiden nicht nur keinen Riegel vorschiebt, sondern das Ganze auch noch fördert. Die riesigen Waldbrände sind ja, wie wir wissen, extra deshalb ausgelöst worden, um Wald in Weideland zu verwandeln. Und in den USA ist die Geschichte von Buffalo Bill legendär, der die frei lebenden Bisons in der Prärie abgeknallt hat, um Rinderweiden zu schaffen. Heute grasen riesige Rinderherden, wo früher Bisons gelebt haben.

Was diese Geschichten gemeinsam haben, ist das Vorgehen der Menschheit, Wildnis zu zerstören und durch Weiden für ihre domestizierten Tiere zu ersetzen. Und zwar nicht nur dort, wo sie selbst leben, sondern auch weit entfernt mitten in einer ursprünglichen Wildnis, die dadurch keine mehr ist. Das ist sowohl aus Sicht des Klimawandels problematisch, als auch aus Sicht des Schutzes von Ökosystem und Arten, und aus Tierschutzsicht. Letzteres, weil Wildtiere, die in ihren angestammten Gebieten ein Recht auf Leben haben, ausgerottet oder zumindest vertrieben, jedenfalls nicht toleriert werden.

Nun, was sind Almen anderes als die Vernichtung von Wildnis, um Weiden für domestizierte Tiere zu schaffen? Selbst wenn diese Vernichtung schon einige hundert Jahre her sein sollte, obwohl es auch Wildnis gibt, die erst kürzlich zu einer Alm umfunktioniert wurde, wie z.B. das Rosskar im Hochschwab. Wir haben in Europa und insbesondere in Österreich die Wildnis total an den Rand gedrängt. Nur mehr maximal 2 % des Landes ist wild und ein verschwindender Teil der Biomasse an Landwirbeltieren stammt von Wildtieren.

Dennoch gibt es ein ganz seltsam positives Image für Almen in Österreich. Fast ist es ein Sakrileg, Almen zu kritisieren. Ich kenne jedenfalls keine öffentliche Almkritik. Also fange ich einmal damit an. Wie stark dieses Image wirkt, zeigt sich in folgendem Beispiel: Sagen wir, ich würde eine Alm pachten und dann dort 100 Hunde unbeaufsichtigt sich selbst überlassen und täglich ausreichend Nahrung hinauf bringen. Diese Hunde verbellen Wanderer, greifen zuweilen die Hunde von Wanderern an und töten dabei ab und zu einen Menschen, und sie bedrohen Kleinkinder. Ja, und sie koten natürlich jeden Tag, ohne dass das entfernt wird. Wie würde die Öffentlichkeit reagieren? Mit Fassungslosigkeit. Ich wäre verantwortungslos, würde harmlose Wanderer bedrohen und und und. Aber, was sind Rinder auf einer Alm anderes? Auch sie sind zuweilen aggressiv zu Wanderern, greifen immer wieder deren Hunde an, töten ab und zu Menschen und bedrohen Kleinkinder. Was ist jetzt genau der Unterschied? Dass die Almbauernschaft und etwaige andere Personen entrüstet schreien, wie verrückt ich nicht sei, so einen Vergleich zu bringen, beeindruckt mich nicht. Bei jedem Mensch-Tier Vergleich, bei jedem Vergleich zwischen Sklaverei und Tierausbeutung, höre ich dasselbe. Dennoch sehe ich keinen prinzipiellen Unterschied. Dass viele Menschen da so einen fundamentalen Unterschied sehen, ohne ihn benennen zu können, beweist nur die Gehirnwäsche. Es gibt keinen Unterschied, der in diesem Zusammenhang relevant wäre.

Wenn man eine Fotosafari in Afrika bucht, z.B. in Botswana, Kenia oder Uganda, dann ist man, wenn man aus Europa kommt, total erstaunt. Nur kurz mit dem oben offenen Bus in die Landschaft gefahren, und schon sieht man große Säugetiere jeder Art, von Elefanten über Nashörner, Nilpferde und Antilopen bis zu Löwen und Hyänen. Auch Krokodile wird man antreffen. Warum ist das so anders wie bei uns in Europa? Zunächst mag man denken, das liege an der afrikanischen Tierwelt, die es so in Europa nie gab. Das stimmt aber nicht.

Wenn man Tim Flannery’s Buch liest, siehe https://martinballuch.com/europa-ein-plaedoyer-fuer-wildnis-und-gegen-die-invasive-nutzung-der-natur/, dann merkt man erst, dass alle diese Tiere vormals auch in Europa gelebt haben. Hier gab es Elefanten verschiedener Arten, ebenso Nashörner, Antilopen, Pferde, Löwen, Hyänen, Wölfe, Höhlenbären und Säbelzahntiger, aber auch zahlreiche Hirscharten, Elche (bis vor ganz kurzem in großer Zahl in Österreich), Auerochsen, Bisons, Wisente usw. Doch der Mensch hat sie alle in Europa sukzessive ausgerottet. Und genau nach demselben Schema: er drang in die Wildnis vor, rodete den Wald um Weiden zu schaffen, setzte dort seine domestizierten Tiere darauf und rottete einerseits alle Beutegreifer aus, die „seinen“ Tieren gefährlich werden könnten, aber andererseits auch alle Nahrungskonkurrenten unter den Pflanzenessern. Am Schluss waren alle Tiere weg, die größer sind als der Fuchs. Dass Rothirsch, Reh, Steinbock und Gemse überlebten, ist dem Interesse des Adels auf die Jagd nach diesen Tieren „zu verdanken“. Jedenfalls war das kein altruistischer Akt des Artenschutzes, sondern ebenfalls ein egoistisches Selbstinteresse des Menschen, das sich in diesem Fall zufällig positiv ausgewirkt hat.

Man könnte also heute noch, genauso wie in Afrika, ständig große Wildtiere sehen, hätten wir sie nicht ausgerottet und die Wildnis durch Almen ersetzt. So klar und deutlich muss man das sagen. Aber könnte man nicht jetzt, weil wir gescheiter geworden sind, die Rückkehr einiger der großen Arten ermöglichen? Offenbar nicht. Wir sehen, was dann passiert. In den rumänischen Südkarpaten und in Polen hat man Bisons ausgesetzt. Ich habe sie schon in freier Wildbahn getroffen. In Österreich unmöglich, weil die Almbauernschaft Konkurrenz wittert. Im winzigen Slowenien gibt es 950 Bären, sowie Wölfe und Luchse. Dieselben Tiere wandern auch in Österreich ein, werden aber ständig erneut abgeknallt und mit großem Hass bekämpft, weil sich die domestizierten Tiere auf der Alm nicht schützen ließen. Soll man einen Zaun um die Alm ziehen, fragt die Almbauernschaft. Ginge nicht, daher müssten die Wildtiere weg bleiben.

Müssen sie wirklich? Warum lassen wir nicht die Almen auf? Zu einer aufgeklärten Einsicht in die Zusammenhänge gehört, dass wir erkennen, dass wir die Natur viel zu sehr missbraucht und benutzt haben. Wir haben dem ursprünglich Wilden und den Wildtieren bei uns keinen Platz mehr gelassen. Und der richtige Schritt dorthin wäre die Auflassung der Almen. Dann könnte die Wildnis wieder wild werden.

Aber ist das nicht eine unzulässige Einschränkung für die domestizierten Tiere, allen voran den Rindern? Ist die Alm nicht der bestmögliche Platz für sie? Naja, warum sollen Rinder vorgehen? Eigentlich haben domestizierte Tiere in der Wildnis nichts zu suchen. Die sollte für Wildtiere reserviert bleiben. Aber die Rinder und alle anderen sogenannten „Nutztiere“ kann man ja, wenn man unbedingt welche haben will, auf Weiden in der Zivilisation halten. Mitten im Tal, am Dorfrand. Was spricht da dagegen? Dort sind sie unter Menschen, können versorgt werden, leben so frei, wie das für domestizierte Tiere möglich ist, und man kann sie umzäunen. Dann könnten auch die großen Beutegreifer wieder zurückkehren und kein Mensch müsste sich auf den Almen vor den Rindern fürchten.

Das wäre also der erste Schritt Richtung Wiedergutmachung: Wir lassen die Almen auf und halten sämtliche sogenannten „Nutztiere“ auf Weiden im Freiland in der Zivilisation. Im eigentlichen Kulturland. Und lassen ansonsten wieder die Natur das Ruder übernehmen. Auf jeder Ebene wäre damit etwas gewonnen. Und eines baldigen Tages könnten wir den Ruf der Wildnis auch wieder in unseren österreichischen Bergen hören.

PS: Dass ein Rückbau von Zivilisationsrückständen in den Bergen überhaupt kein Problem ist, sondern einem aufgeklärten Verständnis entspricht, beweist der Alpenverein. Er baut definitiv keine neuen Hütten mehr und entfernt sogar immer wieder alte. Mit dem erklärten Ziel, die Wildnis wieder in die Berge einziehen zu lassen und zivilisatorische Infrastruktur abzuziehen. Ein sehr vernünftiger Beschluss, dem jetzt auch die Almen folgen sollten.

Im Wald

Schlaf, mein Kind, an den großen Wurzeln der 600 jährigen Tanne. Der alte Baum hat so viel gesehen, in seinem Leben! Die Jahrhunderte sind gekommen und wieder gegangen, er hat allem Unbill getrotzt. Jetzt gibt er uns ab, von seiner Weisheit und Ruhe. Nirgendwo schlafe ich besser, als draußen zwischen diesen Bäumen. Die Riesen geben mir Sicherheit. Ich fühle mich geborgen. Meiner Waldfee soll es ähnlich gehen.

(mehr …)

3 Wochen in den verschneiten Bergen

Zu Weihnachten war noch alles aper, bis über 2000 m hinauf. Noch nie, bisher, habe ich sowas erlebt. Das Jahr 2014 war in allen Regionen der Erde das wärmste, das bisher jemals gemessen wurde. Doch dann kam der Schnee. Tagelang fiel er in dicken Flocken vom Himmel, über 1,5 m in einer Woche. Die Landschaft verwandelte sich in ein Wintermärchen, die Wildtiere zogen sich zurück und warteten ab. Kein Laut, keine Spuren. Nur über der Baumgrenze blies der Wind die Karstböden ab. Die Wasserfälle begannen einzufrieren.
(mehr …)

Bieszczady-Nationalpark, Polen: Warum haben wir in Österreich die Natur zerstört?

Viele Jahre lang, seit meinem vierten Lebensjahr, war ich in Österreich wandern und bewunderte die scheinbar unberührte Natur. Klar, es gab viele Forststraßen und Kahlschläge, noch mehr Wildtierfütterungen und Gatter, längst keine Bären, Wölfe oder Luchse und schon gar keine Bisons mehr, und die Wälder bestanden in erster Linie aus Fichtenmonokulturen. Aber musste das nicht so sein? Ist das nicht die logische Konsequenz von Zivilisation? Ist es nicht verständlich, wenn GroßgrundbesitzerInnen aus ihren Wäldern Gewinn schlagen wollen? Ist das nicht überall so?
(mehr …)

Auf Bärenjagd in der Taiga

Eine halbwegs menschenleere Wildnis findet man nur in jenen Gegenden, die schwierig zu besiedeln sind, z.B. die nördliche Tundra mit Permafrostboden oder die hohen, schroffen Gebirge. Selten daher, dass sich die Wildnis auf einen ebenen Wald erstreckt. Doch das bietet die Taiga. Einen schier grenzenlosen Wald mit Föhren, Birken und Fichten auf sumpfigem Boden. Meinem mitteleuropäischen Blick nach scheinen die Bäume nur 2-3 Jahrzehnte alt zu sein, so klein und dürr wirken sie. Doch das täuscht, das kalte Klima erlaubt nur kurze Wachstumsphasen pro Jahr. Vom völlig überwachsenen Boden und den dort verrottenden Bäumen zu schließen, könnte es sich um einen Urwald handeln.
(mehr …)

Wildniswanderung: wenn Kühe wild werden

Endlich haben mein Hundefreund Kuksi und ich wieder Zeit gefunden, in die Wildnis zu gehen. Was heißt Wildnis, wir waren 4 Tage in den Niederen Tauern in der Obersteiermark. Urwald gab es keinen, aber es ist durchaus auch heute noch möglich, 4 Tage lang in Österreich unterwegs zu sein, und weder eine Forststraße zu betreten, noch mehr als 3 Menschen zu treffen – und die nur am Anfang der Tour. Wir hörten zwar kein Wolfsrudel heulen und sahen keine Spuren von Bären – die hat man hier leider schon vor langer Zeit ausgerottet, aber wir begegneten Raben, Rehen, Gemsen, insgesamt 4 Schlangen (davon eine Kreuz- und eine Höllenotter) und einem Mäuschen auf 2300 m Seehöhe. Ja, und Kühen.
(mehr …)

Mit blutendem Herzen im Urwald

Gestern habe ich einem kleinen, echten Urwald in Niederösterreich einen Besuch abgestattet. Auf 900 m Seehöhe gelegen, ein klassisch alpines Klima. Im 19. Jahrhundert hat Graf Hoyos dem Raxkönig den Auftrag erteilt, dieses Eckerl Wald für die Nachwelt zu erhalten, damit diese Menschen auch noch sehen können, wie ein Urwald in diesen Breiten ausgesehen hat. Vielen Dank, Herr Graf, aber etwas größer, sagen wir 1000 x, hätte die Fläche schon ausfallen können!

(mehr …)

Wildnis Teil 1: Wo haben wir noch unberührte Natur?

Wild Culture’s heißt Christophe Boeschs neuestes Buch über den Vergleich von Schimpansen- mit Menschenkulturen. Er wird darüber auch auf unserem Tierrechtskongress im Oktober 2014 in Wien sprechen, www.tierrechtskongress.at. So spannend die Inhalte, so sehr macht dieses Buch depressiv. Boesch erzählt davon, wie er vor 17 Jahren in der Elfenbeinküste in Afrika in unübersehbarem, undurchdringlichem Dschungel gestanden ist, überall Spuren von SchimpansInnen und ihren Werkzeugen. Und heute ist an derselben Stelle kein einziger Baum mehr zu sehen, soweit das Auge reicht nur noch Felder, Häuser und Menschen. Alle SchimpansInnen und ihre Kulturen sind für immer von dieser Region verschwunden, sogar 90% aller im ganzen Land.
(mehr …)

15 Tage in den Bergen!

P1000483kleinEndlich, endlich sind wir wieder hier heraußen, mein Hund und ich. Jeden Tag, den er nicht im Freien verbrachte, nannte Rudi Lindner, das Kind aus dem Hochschwab, Kletterer, Bergführer und Buchautor, einen verlorenen Tag. Und ich kann es ihm nachfühlen. Wie grässlich die Enge der Stadt, der Beton, der Lärm, das Neonlicht überall, die Autoabgase, Menschen neben Menschen, wohin man schaut. Wie anders hier in den Bergen. Jetzt gerade im Winter kein Laut. Die kühle Luft. Ich brauche das zum Leben, den eigenen Körper zu spüren, die Bäume, den Schnee. Ich fühle mich so verbunden mit allem hier, und so fremd in dieser Stadt.
(mehr …)